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Heideschulmeister Uwe Karsten

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/rose/heidesch/heidesch.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleHeideschulmeister Uwe Karsten
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun317. bis 325 Tausend
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Einige Tage später.

Ich muß doch das Wunderliche in diese Blätter eintragen. Wer hätte denn auch geglaubt, daß ich so rasch auf klapperndem Stellwagen über Felder und Wiesen durch Heideland und birkenumstandene Wege hinsausen würde, denselben Weg, den erst vor ein paar Tagen die fremden geistlichen und Lehrfrawen fuhren? – Ein Blatt Papier war daran schuld, mit zitternder Hand geschrieben: »Ich rufe ein Menschenherz. Wird Frau Ursula Alslev gleich zu mir kommen? Elisabeth Reymers, geb. Eriksen.«

Uwe las den Zettel mit tief gerunzelter Stirn, aber ich packte schon ein paar Sachen währenddessen zusammen. »Fühlst du es auch, Uwe, daß ich gehen muß, gleich gehen?«

»Ja, Ursula.«

»Ich wußte es. Gott behüt' dich, mein Uwe! Müller Sagebiel gibt mir seinen Wagen, und ich schicke dir noch heute Nachricht durch ihn, oder komme selbst wieder mit.«

Uwe seufzte tief, und ich sah, der Gedanke, mich allein zu Lehrer Reymers zu lassen, von dessen glaubenswütigem Eifern die ganze Umgegend sich erzählte, war ihm schrecklich. Aber nach kaum einer halben Stunde befand ich mich schon auf dem Wege nach Vogebüll. –

Müller Sagebiels Wagen fuhr leer wieder zurück, nur die abertausend sehnsüchtigen Grüße für meinen Uwe nahm er als Fracht mit, für Uwe und Mutter Alslev, die Teure, die nie ein Wörtlein hineinredet, und der alles recht ist, was ihre Kinder beschließen. –

Fünf lange, bange Tage war ich in Vogebüll, aber noch einmal alles niederschreiben, was ich dort erlebte, – nein, ich bin zu müde dazu. Körperlich und seelisch.

Aber ich habe die paar Episteln, die ich in bangen Nachtstunden an Mutter Alslev und meinen Uwe schrieb, mir von beiden wiedergeben lassen und hefte sie hier ein:

1.

Mein Uwe, mein Schulmeisterlein! Ganz fröhlich möchte ich an Dich schreiben, damit mir die Sehnsucht nach Dir nicht über Kopf und Kragen schlägt, zum Übermut und Lachen möcht' ich mich zwingen, wie es Kinder tun, wenn sie sich im dunkeln Zimmer fürchten und plötzlich anfangen zu pfeifen. Du, – Uwe, – hier gibt's überhaupt nur dunkle Zimmer. Draußen der lachende Juni, und hier drinnen im Vogebüller Schulhause Gruftkälte und Grabesstille. Mich friert, Uwe. Kennst Du das alte Musäus-Märchen »Der unheimliche Barbier«? Ich sehe noch das Bild im alten Märchenbuche vor mir, mit dem man mich meilenweit einst jagen konnte, trotzdem ich doch von Natur ein gesundes Mädel war. Dies Bild war aus dem Buch getreten und stand heute morgen vor mir: Lehrer Reymers. Du kennst ihn nur als Seminaristen, bartlos und jung und doch gewiß ein klein wenig rotbackig, aber ich erschrak ungeheuerlich vor diesem geisterbleichen, kohlschwarzen Herrn mit dem Bartwald im Gesicht; an dem ganzen Menschen sind überhaupt nur zwei Farben, schwarz und weiß. Seine Begrüßung mit mir war so eisig, dabei so grabesdüster, als käme ich wirklich zu einem Begräbnis, o wie gern wär' ich gleich wieder heimgekehrt. Und kein Dank, kein warmes Wort, nur: »Elisabeth verlangte nach ihrer Schwester im Herrn.« O Uwe!

Und die Einrichtung im Schulhause so nüchtern, so ärmlich, so unglaublich streng. Alles Trauliche verbannt, schwarze Tischdecken mit weißen Servietten bedeckt, und überall, an jeder Wand, Christus mit der Dornenkrone. Mich fror, Uwe, – mich friert noch. Und als ich ins Reymersche Schlafzimmer trat, da stand das Bett der jungen Frau mit leuchtend weißen Kissen, und sie selbst lag darin, so weiß im armen, verhärmten Gesicht, wie das Linnen. Sein Bett aber war schwarz verhängt, wie ein großer Sarg. –

O Uwe! Und in dieser Umgebung liegt ein sonnedürstendes Menschenkind krank, und mein Herz vergeht vor Mitleid mit Elisabeth Reymers. Nur ihre Augen sprachen, wie sehr sie sich freute, daß ich kam, und ihre heißen Hände streichelten mich. Und ihre Augen wiesen den Mann aus ihrem Zimmer, und er gehorchte, so zwingend war der Blick. Dann rief sie matt: »Zuschließen«, und zeigte nach der Tür, und auch ich gehorchte mechanisch. Dann setzte ich mich an ihr Bett, und sie atmete tief auf. »Nun ist es gut«, sagte sie und schloß die Augen.

Uwe, mein Uwe, Frau Reymers ist schwer krank, und sie hat niemand zu ihrer Bedienung als die Magd von Frau Pastor Nieten, das Ebenbild ihrer Herrin. Aber auch diese Magd kommt nur ganz selten und tut nur das Allernötigste. Deshalb bitte ich Dich, sofort Brigitte oder Jungfer Minna herzuschicken, – ich schäme mich, o ich schäme mich, wenn ich sehe, wie diese arme, kranke Frau Reymers gearbeitet hat ohne Hilfe. Mein Uwe, gleich hinter dem Schämen kommt die Freude, ein liebes Gesicht aus dem Hüttchen hier zu sehen. Schicke rasch eine von den guten Seelen. – Nun mußt Du Dich ganz nahe zu mir setzen, Uwe, und Deinen starken Arm mußt du um mich legen, denn ich brauche Kraft zu dem, was ich Dir jetzt erzählen will. Laß mich Deine liebe Nähe spüren, Du mein Herzliebster.

Ich habe vorhin bei sorgfältig verschlossenen Türen die junge Frau gewaschen. Dazu hat sie mich rufen lassen. Uwe, weil sie zu kraftlos ist. Uwe, ich habe Furchtbares gesehen. Rote, blutunterlaufene Striemen über den ganzen armen Leib!

Verstehst Du nun, warum ich mich fürchte? Warum ich zittre und mich an Dich schmiege, und warum doch wieder ein Zorn in mir lodert, der mir Riesenkräfte verleiht, die ich an dem elenden Menschen auslassen möchte, unter dessen Dach ich notgedrungen wohne? Vergib das häßliche, unweibliche Wort! Uwe, ich bin aus allen Fugen! Ich habe in das Martyrium eines Weibes Einblick getan. Oh, eine so arme, liebe Mitschwester. Und wie mich ihr Vertrauen rührt, dies kindliche Vertrauen zu der Fremden, die sie mich einen Tag nur sah in unserm harmonischen, glückseligen Heim. Was hat sie mir alles gesagt an scheuen Worten der Dankbarkeit und Zuneigung, sie kennt auch alle Deine Werke, Uwe, und liebt sie, aber Reymers hat sie ihr verbrannt. –

Er und ich gehen aneinander vorüber, ohne kaum je ein Wort zu wechseln. Das Essen kommt aus dem Gasthaus, und ich esse für mich allein, – Frau Reymers genießt kaum etwas vor großer Schwäche. Über ihren Mann spricht sie mit keinem Wort. Ich kann nicht viel tun, ich sorge nur für Ruhe, wasche und kühle die wehen Stellen, (o Uwe, Uwe!) und lasse Frau Reymers schlafen, während ich die Tür bewache, um Frau Pastor Nieten, vor welcher die junge Frau eine fieberhafte Angst hat, unter jeder Bedingung abzuweisen. Ich habe an Lubruder geschrieben, er soll Früchte und Wein schicken. Sobald Hilfe aus dem Hüttchen kommt, erhältst Du wieder Nachricht.

Mein Uwe, gute Nacht! Herzlichster, – ich wollte ja fröhlich schreiben, Gott behüt' Dich, mein Einziger, und Deine

Ursula.

2.

Liebes, liebes Mutterchen Alslev! Mutter, ich flüchte mich zu Dir! Ich kann es nicht an Uwe schreiben, was ich hier erlebe. – Mutter, lies meinen Brief an meinen Uwe, lies, wie ich Frau Reymers gefunden. Mutter, so etwas ist möglich! Und Dir sage ich, daß die Ärmste ein Kind unter dem Herzen trägt, und in diesem Zustande hat der Mann sie geschlagen, Mutter, Mutter, mir ist so bang! –

Heute sah ich, wie der Lehrer Reymers den Hofhund fütterte, sorgsam, ja beinahe liebevoll, wie er den Tauben und Hühnern Futter streute und dann einem vorübergehenden Blondkopf über den Scheitel strich. Alles, ohne einen Zug in seinem Gesicht zu verändern, das immer gleich streng ist. Sobald er die Hausarbeit getan, zieht er sich wieder den schwarzen Rock an und schreibt und liest, und hierbei tritt etwas in seine Augen, was ich Begeisterung nennen könnte, – wenn es nicht Lehrer Reymers wäre.

Gottlob, liebes Mütterchen, – Brigitte ist da! Wie gut, daß Uwe mir diese erfahrene Seele schickte; sie hat gleich alles in die ordnende Hand genommen. Blitzblank und ordentlich ist alles und – der Sarg aus dem Schlafzimmer entfernt, Brigitte hat eigenmächtig den Herrn des Hauses ausquartiert.

Mütterchen, küsse meinen Uwe! Streiche mit Deiner linden Hand über seine Stirn, seine braunen, welligen Haare, schau' ihm in die lieben, großen Augen und küsse das Plätzchen auf seiner linken Wange, dicht unter dem linken Auge und sage beileibe nicht, daß ich eine närrische Urschel sei, – 's ist ja unser Uwe!

Ich befehle Euch in Gottes Schutz, Euch geliebte Beiden! Gute Nacht, gute Nacht! Träumt von Eurer fernen treuen

Ursula.

3.

Geliebte Mutter Alslev, Du mußt heute nur meinem Uwe einen Gruß von mir bringen, – schreiben will ich an Dich.

Mütterchen, wie schwer war die Nacht! Der Fiebermesser zeigte einundvierzig Grad, Schwere Krämpfe schüttelten die arme Elisabeth. O wie sie leidet! Heute immer noch. Nun war eben der Kreisarzt hier, ein älterer Mann, erfahren und ernst. Mütterchen, eine Fehlgeburt bereitet sich vor bei meiner armen Kranken. Wie ist das furchtbar! Wie kann man so etwas ertragen! Ich meine ja nicht die körperlichen Schmerzen, ich meine die seelische Enttäuschung, die Herzenswunde. Mutter, ach liebe Mutter! Ich bin arg verzagt.

Aber nur, während ich Dir schreibe und mein Herz ausschütte. Hier stützt sich ja alles auf mich, selbst der Arzt wendet sich immer an mich, und Elisabeth Reymers' angstvolle Augen suchen mich immerfort, trotzdem die weise Frau schon ganz bei uns Quartier genommen hat. Das ist sonst recht etwas für Deine Urschel, Kranke pflegen und ihnen Frohsinn bringen, – rote und grüne Brillen auf die armen Augen setzen und so die graue Einförmigkeit des Schmerzenlagers liebevoll verklären.

Aber das, was ich hier durchmache, ist mir so völlig neu und – greift an mein innerstes Herz. Ich schreite durch Höhen und Tiefen, wenn ich diese arme, gequälte Mitschwester ansehe. So kann das Leben aussehen??

Mütterchen, ich wollte, ich könnte bald heimkommen. Schilt mich nicht! Ich habe Heimweh. Gute Nacht, Muttchen, gute Nacht, Du! Mein Uwe!

Ursula.

Mütterchen, ich bin wie zerschlagen. O diese Nacht! Immer gellt mir noch das entsetzliche Schreien der jungen Frau in die Ohren. Und wie mit Schrauben hielt sie meine Hand umklammert, nur ich durfte ihr Wasser und zeitweise ein paar Tropfen Wein einflößen, nur mich wollte sie bei sich haben »auf jenem dunkeln Weg«, den sie zu schreiten wähnte. Erst in der Nacht, als noch ein Arzt aus I. eintraf, und beide an ihrem Lager waren, schickten sie mich auf ein Weilchen mit dem Befehl hinaus, ein Glas Rotwein zu trinken. Brigitte hatte sich aufs Sofa gelegt und war ganz fest eingeschlafen. Lehrer Reymers, der seinen Dienst versehen hatte und den geschlagenen Tag auf den Füßen gewesen war, hatte eben den zweiten Arzt vom Vogebüller Bahnhof geholt, jetzt stand er im Wohnzimmer und starrte vor sich hin. Als ich eintrat, kam er zögernd, schleppend auf mich zu, und auf einmal wankte er und hielt sich am Tisch fest.

»Wird sie sterben?« fragte er mich mit fast unkenntlicher Stimme. Und als ich nicht gleich eine Antwort fand, ließ er sich mühsam auf einen Stuhl nieder, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte schwer.

Und drüben kämpfte sein junges Weib.

Mütterchen Alslev, ich werde Dich viel fragen, wenn ich heimkomme. Ich habe ja gewußt, daß das Leben des Weibes ein steter Kampf wider kleine und große körperliche Leiden ist, habe auch gewußt, daß man sich höchstes Glück mit dem Einsatz seines Lebens erringen muß, aber daß man so grausam gemartert wird um nichts, um nichts, das ist hart eingesetzt von unserm Herrgott. Gute Nacht, Mütterchen.

Grüße Deinen Sohn.

Ursula.

Im Hüttchen.

Das waren meine Briefe, und nun bin ich wieder daheim.

Um nichts? hatte ich gefragt, als ich wiederkam, und das kluge, feine Antlitz der Greisin hatte mild gelächelt und ihr Mund leise wiederholt: »Um nichts?« Und hinzugesetzt: »O doch, Ursula, um der Krone willen, die auf dem Haupte eines jeden liebenden, duldenden Weibes ruht.«

Elisabeth Reymers und ich sind wohl Freundinnen fürs Leben geworden, trotzdem wir beide in grundverschiedenen Kinderstuben und Lebensbedingungen aufgewachsen sind. Ich werde nie vergessen, was sie durchlebte und wie sie es trug.

Meine Brigitte ist vorläufig bei Frau Reymers geblieben. Unter ihrer Obhut ließ ich die dankbare, unendlich matte, aber aus klaren Augen schauende Kranke. Ihre linke Hand umschloß beim Abschied die meine mit schwachem Druck, die rechte ruhte in der – ihres Gatten. Und wieder stand ich vor etwas Unfaßlichem.

Wenn ich heute Elisabeth Reymers gesagt hätte: Du hast um nichts diese grausamen Schmerzen gelitten, dann würde sie gelächelt haben: »Aus diesen Schmerzen wurde neu die Liebe meines Mannes geboren, wiegt das nicht alles Leid der Welt auf?«

Wunderliches, schwaches, starkes Frauenherz! Verletzt und gepeinigt, zertreten und mißhandelt, liebst du trotzalledem.

Ich habe einmal gelesen: »Kein Versuch ist zu schwer, kein Leiden zu groß, um eine eheliche Liebe zu retten.«

Daran mußte ich denken, als ich in der Nacht vor meiner Abreise, da sich Lehrer Reymers einen Augenblick niedergelegt, allein bei Elisabeth saß. So elend, verfallen und siech sah sie aus, und hatte doch ein Leuchten in ihren Augen.

Kaum gehorchte ihr die Stimme, aber ich verstand doch den leisen Hauch an meinem Ohr: »Frau Ursula, Sie verlassen eine Glückliche.«

Mein Mund blieb stumm.

»Frau Ursula, Sie sind älter als ich und doch noch ein Kind gegen mich, weil ich all das durchleben durfte.«

»Sie sind stark, Elisabeth, – daß Sie so klaglos Ihr Kindchen hergaben und nicht haderten mit Gott. Ich glaube nicht, daß ich es könnte.«

Sie sah mich prüfend an, und der Leidenszug auf ihrem Gesicht verschärfte sich.

»Vielleicht nicht«, flüsterte sie sinnend, »Aber für uns ist es gut, daß wir wieder ganz allein sind, – mein Mann braucht mich und meine Liebe, und ich habe jetzt keine Zeit, etwas anderes zu lieben als ihn.«

Da trat Lehrer Reymers schon wieder ins Zimmer und nahm die Hand seiner Frau und schaute selbstvergessen in das blasse Gesicht, Und das junge Weib sah nichts als ihn.

Da schlich ich mich sacht hinaus. –

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