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Gutenberg > Felicitas Rose >

Heideschulmeister Uwe Karsten

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleHeideschulmeister Uwe Karsten
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun317. bis 325 Tausend
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Heidehaus, im Oktober.

Ja, der Friede! – Er schreitet sichtbar neben uns her und wohnt bei uns. Manchmal sieht er aus wie ein silberhaariger Greis, ich möchte ihn anrufen und Zwiesprach' mit ihm halten. Wie oft haben meine Lippen schon das Wort: »Väterchen« geformt, – aber dann zerfloß die Gestalt wie ein Schemen. Doch tiefer, heiliger Friede blieb immer zurück.

Manchmal wieder sitzt er in Gestalt eines rüstigen Mütterchens im roten Lehnsessel, und die Herbstsonne wirft wunderbare Lichter auf den grauen Scheitel, beinahe wie einen Heiligenschein. Und wenn ich dann rufe: »Mutter Alslev!«, dann zerfließt die Gestalt nicht, sondern ein feinrunzeliges Gesicht schaut mich an, und zwei kluge Augen darin – Uwes Augen – lächeln.

»Mien Kind! Mien Döchting, mien Uwe sien Urschell«

Es ist ein wonnig Leben mit Uwes Mutter. Jeden Tag blicke ich verehrungsvoller zu ihr auf, zu ihr, die alle Bitternisse der Welt ausgekostet und sie sich verklärt hat zu einer großen Menschenliebe, die aus tiefem Menschenmitleid, hervorging. Sie muß Furchtbares in ihrer Ehe durchgemacht haben, und dieses Miterleben hat den beiden Kindern Uwe und Christiane den tiefen Ernst der Lebensführung gegeben. – Ich bin nicht in alles hineingedrungen. »Laß, laß«, wehrte sie still ab. Tu's nicht durcheinanderschütteln, mien Deern. Es ist schon alles längst klar und rein in meinem Herzen, – den häßlichen Bodensatz behalt' ich für mich, bis unser Herrgott auch ihn in lauter klare Tropfen wandelt.«

Solch eine Mutter zur Freundin zu haben, das ist doch etwas Köstliches. Uwes Mutter wird jung an mir, und ich wiederum reife an ihrer ernstschlichten Mütterlichkeit.

Es wird aber Zeit, daß unser Hüttchen bezogen wird.

Das Heidehaus wird zu klein. Brigitte und Kaspar sind unsere Hausgenossen geworden, sie hielten es vor Sehnsucht nach mir nicht aus. So behauptet Lubruder, und mein Uwe spricht es ihm nach, und in allen Tönen höre ich diese Auslegung, wenn ich mich ärgerlich verwahre: »Schickt es sich wohl für eine ehrsame Heideschulmeistersfrau, eine Kammerjungfer, eine ›perfekte Hamburger Köksch‹ und einen Diener zu haben?«

»Ei so will ich eine Magd sein«, brummt Brigitte.

»Und ich ein Stallknecht«, steht ihr Kaspar bei.

Denn über beide Alte ist auch plötzlich der Humor gekommen, der im alten Kaufmannshause keine Heimat hatte.

So sieht es nun bei uns aus. Stallknecht und Magd darf auch eine Lehrersfrau haben, und Jungfer Minna kennzeichnet sich: »Ik bün 'n oles Husinventar.«

Aber sie verwöhnen mich natürlich dadurch, – Uwe an der Spitze. Ich darf in Wahrheit sein Famulus sein, sein reiches Wissen hilft meinen lahmen Töchterschulkenntnissen auf, und in der Musik, da schmelzen wir in eins zusammen. Welch köstlich Leben!

Ich brauche nicht unterzugehen im Kleinkram des täglichen Lebens und lerne doch allgemach die Kunst des Kochens, die Kunst des Erhaltens.

In welch herrliche Schule schickt mich unser Herrgott!

Welch einzig lieben Lehrer gibt er mir!

Aber so dumm, so töricht sitzt das vornehme Großstadtkind oft da, all der schlicht-tiefen Weisheit gegenüber.

O mein Uwe, nimm mich rasch an dein Herz und küsse mir die vielen unbeantworteten Fragen von den Lippen« –

Hüttchen, im Dezember.

Wir wohnen im Hüttchenl Das ist freilich zum Närrischwerden und Aufjauchzen. Man sieht es ja an den großen Zwischenräumen in diesen Blättern, kaum habe ich noch das Bedürfnis, zu schreiben. Ich kann ja alles, was mich bewegt, hinplaudern an meinen Uwe, kann's auch hinaussingen in die weite Heide, überall finde ich Widerhall, und wenn auch der lose Heidewind es vielleicht weit, weit fortträgt, das unnütze Zeug, das Frau Ursula schwatzt; mein Schulmeister, mein kluger, bewegt alles in seinem Herzen, und ich finde es plötzlich in so köstlicher Fassung wieder, daß ich meinen könnte, es sei lauter Gold und seltener Stein gewesen, was ich geredet. Unser Hüttchen ist einzig, seine Wonnen sind tausendfach. Schildern kann ich sie nicht, nur leben.

Alles ist so warm, so traut und behaglich, alles schlicht und doch von erlesenstem Geschmack.

Wie ein Kind freut sich mein Uwe darüber, wie ein Kind freue ich mich mit ihm. Mutter Alslev ist mit unsern reichen Gaben ins Dorf gewandert, Kaspar, Brigitte und Minna begleiten sie. So sind wir allein in Weihnachtsduft und Weihnachtsfreude, allein mit knisternden, schimmernden Weihnachtslichtchen. Vor uns liegen Briefe aus der alten Heimat von Ludwig und – Ellen, Auch Frau Sabine hat geschrieben, ebenso Tante Renate und Onkel Eberhardt. So viel Liebe allüberall. Lubruder hat mir als Weihnachtsgeschenk ein großes, herrliches Buntfenster für das Immenhofer Kirchlein gestiftet.

Aber das Schönste fand ich in einem besonderen Bogen.

Im alten Hamburger Patrizierhause hat ein kleines Mädchen seine klaren Augen aufgeschlagen, Lubruder schreibt es in schier närrischem Stolz und Vaterglück. Ellen hat ein winziges Zettelchen beigefügt und mit zitternder Hand darauf geschrieben: »Es soll Ursula heißen, Ursula Diewen.«

Hab' Dank, kleine Ellen!

– – –– – –– – –– – –

Hüttchen, im Januar.

Wir sind in die Alltäglichkeit zurückgekehrt.

Wenn es auch bei mir tausendmal nicht zutrifft, wenn mich auch unser Leben ein einziger Festtag dünkt.

Ich will mich besser ausdrücken: Die Arbeit ist wieder in ihr volles Recht getreten.

Liebe Arbeit!

»Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen.«

Wir haben sie beide gut überstanden.

In den ersten Tagen des Januar trat die Frage an uns heran, nach Hamburg zur Taufe meines Patenkindes zu reisen.

Lubruder und Ellen schrieben sehr herzlich und bittend, sie versprachen sich wohl besonders viel von einem solchen Beisammensein. Ich legte den lieben Brief vor Uwe hin und harrte seines Entscheides.

Er blickte mich forschend an, und ich errötete etwas unter seinem Blicke.

Seine Augen lesen auf dem Grunde meiner Seele.

»Reise hin«, meinte er ruhig. »Ich erlaube es dir gern.«

»Und du, Uwe?«

»Mien Deern, ich kann nicht fort von hier, ich habe keine Ferien, das weißt du ja.« »Aber, Uwe, du kannst doch jederzeit Urlaub bekommen, das betonte doch der Schulrat neulich ausdrücklich.«

»Gewiß. Weil er ein humaner Mann ist und – weil er genau, aber auch ganz genau weiß, daß ich keinen unnützen Gebrauch von dieser Erlaubnis machen werde.«

»Unnütz, Uwe?«

»Ja, mien Deern. Mit dieser Vergnügungsreise zu der feudalen Patriziertaufe würde ich meinen Kollegen öffentlich bekennen: ›Ich bin etwas anderes, Bevorzugteres als ihr, ich darf mir das erlauben.‹«

»Bist du nicht auch etwas anderes, mein lieber Dichter?« fragte ich zaghaft.

»So sagst du, mien Deern, und betonst liebevoll das, was ich aus mir selbst bin, die andern würden das weglassen und nur mein Weib, die Patriziertochter, ins Feld führen.«

»Still, still, Uwe. So etwas will ich nicht hören, ich bin keine Patriziertochter mehr, sie ist ganz untergegangen im Schulmeister Alslev.«

»Du Liebes, das verhüte Gott. Ich will immer meine stolze Ursula Diewen spüren. Denn dein Stolz ist niemals klein Er küßte meine Stirn, meine Augen. – Das habe ich so gern.

»Und was soll ich meinem Lubruder schreiben, Uwe?«

»Schreibe ihm, daß du über die Maßen vernünftig seist und allein kommen wollest.«

»O nein, – so vernünftig bin ich denn doch nicht. Laß mich schreiben, daß wir beide ›up ewig ungedeelt‹ sind, daß ich hingehe, wo Uwe hingeht, und bleibe, wo Uwe bleibt.«

»Ich danke dir, Urschel,«

O wie sich das so kahl und kalt ausnimmt hier auf dem Papier. Man sieht nicht den stolzen, frohen Blick meines Einzigen dabei. Ich aber sehe und spüre ihn noch, und bin so froh, so glücklich.

Und wie haben wir Klein-Ursula Diewens Taufe hier begangen! »Mit'n richtigen Hochzeitsmahl,« meinte Mutter Alslev, »mit'n Hamburger Patrizierdiner.«

Gutes Mutterchen, was weißt du wohl von üppigen Gelagen? Eine Tasse Fleischbrühe und kleine leckere Pasteten gab es. Dann Karpfen mit Schlagsahne und Meerrettich, das ist Uwes Lieblingsgericht. Weiter nichts; war ja auch übergenug für verliebte Leut'. Denn das sind wir alle drei, Mutter Alslev ist verliebt in ehren groten Jung un ok in mi, und ich wiederum in die herzliebe Greisin mit dem jungen warmen Herzen«

Als ich nach Tisch noch etwas Brot und Käse reichen ließ, meinte sie, das wäre »narrsch, dat wier jo all Abendbrot«, und den Pumpernickel wies sie energisch zurück, weil ihr jemand im Dorfe erzählt hatte, der als Soldat in Westfalen war, »der Teig von dat ole swarte Tüg würd mit de Fäut pedd't««

Wenn wir herzlich über solche Weisheit lachen und von neumodischen Maschinen sprechen, die längst an Stelle der »Fäut« getreten sind, dann kümmert sie sich nicht viel um den Einwand, sondern ruft: »Lach' düchtig, mien Jung, lach' düchtig, mien Deern, Lachen is Himmelsgold.«

Herzig ist Mütterchen Alslev.

Lubruder hat es mir nicht übelgenommen, daß ich daheim blieb. Er steht mir innerlich näher denn je, versteht durchaus mein Bestreben, eine brave Lehrersfrau zu sein, und ich glaube fast, ihm möchte ein Zwitterding, das halb die vornehme Hamburgerin, halb die schlichte Heiderose betonen wollte, höchst unsympathisch sein.–

Und wie gut war es, daß wir gerade jetzt daheim blieben. Auch ich war ganz unabkömmlich, konnte mich weder auf lange Ferien, noch kurzen Urlaub einlassen, – o ich bin ganz stolz geworden und meines Wertes wohl bewußt, – – ich durfte Schulmeister sein«

Pastor Sunneby erkrankte plötzlich an einem bösartigen Hexenschuß. Er lag kläglich und hilflos dahin und konnte kein Glied bewegen, als er dem sofort gerufenen Uwe seine Meinungen und Wünsche kundgab.

Da war der alte »Inlegger« Jochen Snur, der bis in sein neunzigstes Jahr gekränkelt und doch nie den Humor verloren hatte, der schickte sich nun zum Sterben an.

»Awer nich ohne den Herrn Pastor«, hatte er mit matter Stimme gerufen. »›Jung,‹ säd mien Moder schon vor achtzig Johren, ›Jung, du büst man fien, du wardst nich olt, hal di ans Gottswurt.‹ Ne, ik will nich ohne den Paster starwen.«

Aber Pastor Sunneby konnte nicht aufstehen, und zu einem fremden Seelsorger hatte Jochen Snur kein Vertrauen. »Wo is uns' Scholmeester? Ik will dat Jüngschen, den Uwe Karsten Alslev hebben, de is braver Lüd Kind, un ok so 'ne Ort Gottswurt.«

Als Uwe an Jochens Bett trat, nickte der Alte ihm freundlich zu. »Ik bün bi dat Starwegeschäft, Scholmeester, un du schallst mi Heipen dorbi.«

Und er bat Uwe, einen »hübschen« Text für ihn zu suchen zum letzten Gebet, aber beileibe nicht den vom Reichen, der nicht in den Himmel komme, denn er hinterlasse eine blanke Mark, die ihm vor Jahren Frau Pastor Sunneby geschenkt hätte. Unter diesen launigen Worten kam schon langsam der Tod zu dem Neunzigjährigen geschritten, und als mein Uwe mit seiner lieben, klangvollen Stimme las: »Ei du frommer und getreuer Knecht, gehe ein zu deines Herrn Frieden«, da taten sich noch einmal die müden Augen auf, und der Greis entschlief, lächelnd wie ein Kind. – – Und während all dieser Vorkommnisse machten die Immenhofer Buben einen schrecklichen Lärm in ihrer Klasse, und die Mädchen standen herum und wußten nicht, ob sie weinen oder mitprügeln sollten, denn zwei der ärgsten Störenfriede, Fite Groth und Jochen Hansohm, lagen sich in den Haaren in des Wortes verwegenster Bedeutung.

Ganze Büschel des braunen Gelockes seines Gegners hielt der kurzgeschorene blonde Fite Groth in der Hand, als eine helle Stimme: »Hallo halt!« rief.

Diese helle Stimme gehörte der Scholmeestern an, die gerade vor dem Schulhause vorbeiging.

Alle Augen sahen mich an, und wahrhaftig, – es wurde mit einem Schlage ruhig. –

Ein paar Sekunden maß ich die Störenfriede schweigend und verächtlich – das war gefehlt bei diesen Männern der Tat.

»Och, es is man blot de Scholmeestern«, rief Fite Groth und kümmerte sich nicht weiter um mich, wohl aber um seinen Feind, den er wieder um ein gut Teil seiner Locken beraubte. –

Sums! – Da hatte er eine. Und zwar von mir. Sie saß nicht schlecht. Eine liebe Erinnerung an eine vergangene, streitbare, mutige Jugendzeit, an fröhliche, lärmende, boxende, ehrliche Kameraden, an Faustrecht und Räuberpolitik nahm mich plötzlich gefangen, und meine Augen blitzten dräuend und kampfesmutig die aufrührerische Bande an.

Keiner rührte sich.

Sie kannten mich ja nur »as de Fru von em«, als etwas Vornehmes, Zurückhaltendes, das nur beglückend, Segen und Röcke spendend durchs Dorf gewandert war.

Daß ich boxen konnte und Ohrfeigen zur rechten Zeit austeilen, war ihnen neu und brachte mich ihnen um ein Riesenstück näher.

Fite Groth rieb sich die Backe, zog seine Joppe glatt und war so verblüfft über mich, daß er ruhig, als sei nichts vorgefallen, an mich herantrat und fragte: »Is he dod?«

»Du meinst den alten Jochen Snur? Ja, er ist tot.«

»Setzt euch,« fuhr ich gleich darauf fort mit etwas erhobener Stimme, »setzt euch still hin und nehmt eure Bücher vor. Ich werde die Aufgaben mit euch durchgehen. Seid ihr nach einer Stunde brav geblieben, erzähle ich euch eine Geschichte.«

»Geschichten sünn Lägens,« brummte Hansohm, »ik glöw all lang nix.« Schwapp! hatte er auch eine mitten im Gesicht, diesmal von Fite Groth. Wieder mußte ich die beiden trennen. »De Kirl is'n Stänker,« bemerkte Fite seelenruhig, »ik hau' em jeden Dag, äwer he gibt kein' Fried.«

In mir kochte und wühlte die Pädagogik. Sie verdichtete sich nahe bis zu einem langatmigen Vortrage über das Wort: »Siehe, wie sein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen.« Ich glühte vor Tatendurst.

Aber Fite schnitt mir wieder das Wort bei den ersten Andeutungen ab. »Brüder sünn wi nich, Gott sei Dank,« meinte er gelassen, »un nu man to, Fru, – los mit de Geschicht'.« Da saßen nun die Kerle vor mir, erwartungsvoll, gespannt.

»Ihr dürft euch wählen, was ihr haben wollt; die Großen, die Mittleren, die Kleinen, ich erzähle drei Geschichten, aber erst die Aufgaben!«

»Dat duert so lang,« gab Fite Groth zu bedenken, »nahsten kümmt de Herr Lehrer, un denn ward da nix ut.«

»Mein Mann kommt heute wahrscheinlich gar nicht«, bemerkte ich unvorsichtig, denn nun brach wieder ein Lärm los, aber ein fröhlicher.

»Och denn man fix to Hus«, riefen drei, sechs, neun Stimmen, und ein zehnter rief »Fierabend!« mit Stentorstimme, alle aber machten Miene, das Lokal schleunigst zu verlassen. Nur ein paar von den Kleinen brachen in Weinen aus. Sie wollten sich durchaus nichts abknapsen lassen.

»Ans' Geschicht'! Ans' Geschicht'! De Scholmeestern ehr Geschicht'!« heulten sie.

»Rrrruhe«, donnerte ich in den tosenden Lärm hinein, und als das nicht gleich half, nahm ich den ersten Ausreißer, ehe er noch die Freiheit der Dorfstraße erlangen konnte, beim Kragen, schüttelte ihn tüchtig, stellte ihn nicht sehr sanft auf den Boden und mich selbst vor die Innentür.

»Ihr setzt euch! Sofort! Ihr seht, daß ich nicht mit mir spaßen lasse. Schwatz' nicht mehr, Hanne Klähn! Was sagtest du eben zu deinem Nachbar?«

Ein treuherziger kleiner Blondkopf wandte sein frisches Gesichtchen mir zu.

»Och – ik harr segg' to em, as he to mi segg' harr, wat mien Vadder neulichs segg' harr, mien Vadder hadd segg': ›de Scholmeestern hedd de Büx an.‹«

O hätte ich doch nicht gefragt!

Dann rechneten wir.

Unseres alten, lieben Fritz Reuters Wort kam zu Ehren. In der Fixigkeit waren sie mir über, aber in der Richtigkeit stellte ich meinen Mann, und das flößte ihnen Achtung ein.

»Se kann dat«, raunte man sich zu. –

Im Deutschen ging es gleichfalls tadellos.

Wir nahmen das liebe, kleine Gedicht von Brentano vor, das im alten Schleswig auf dem Friedrichsberg spielt, und darin das greise Mütterlein betet: »Eine Mauer um uns baue«.

Plötzlich fuhr ein Finger in die Höhe.

»Was willst du, Krischan Kassen?«

Das kluge Gesichtchen mit den guten Augen unter einer Fülle dunkler Locken sah mich strahlend an.

»Dat wier min Ururöllernhus«, betonte er wichtig. »Sieh, sieh, Krischan, da kannst du stolz darauf sein,«

Die andern beugten sich ein wenig vor, um Krischan Kassen, den sie alle Tage sahen, noch einmal ganz deutlich zu betrachten, ob man ihm jetzt wohl die wunderbare Urahne ansähe.

»Gedichten sün ok Lägens«, warf der ungläubige Hansohm ein.

»Oho, mein Sohn!« rief ich. »Ist das auch erlogen, wenn euer Herr Lehrer dichtet:

›In meiner Heide ist's gut sein,
Zu früher Morgenstunde,
Wenn alle Blumenglocken fein
Aufläuten in der Runde‹?«

Sie schüttelten die Köpfe, auch Hansohm, denn gerade das war ihr Leiblied.

»Ne. dat's eklig wohrl« betonten sie.

»Na also. Und wenn ich jetzt dichte:

Den schlimmsten Lärm, die meiste Not
Macht Jochen Hansohm und Fite Groth,

denn ist das auch wahr,«

Ein brausendes, herzliches Lachen brach los, so kinderfroh, so urwüchsig, selbst die beiden Angegriffenen lachten mit, und ich auch – tüchtig.

Krischan Kassen aber blickte sieghaft im Kreise seiner Kameraden umher und sah dankbar auf mich hin, weil ich festgestellt, daß der Dichter nicht geflunkert hatte.

Dann schrieben wir noch, und wieder hatten sie große Achtung vor meiner Handschrift, die mein Väterchen durch einen Fachlehrer hatte ausbilden lassen.

»Es ist ja eine Lust, Schulmeister zu sein«, dachte ich, und die Zeit verging mir im Fluge und, wie es schien, den Jungens auch.

»Awer nu de Geschichtens!«

Das wurde so energisch gerufen, baß kein Veto mehr möglich war.

»Also, die Kleinsten zuerst. Was möchtet ihr hören?«

»Vun Hasen un Swinegel.«

»Och ne, kenn' wi jo all.«

»Wollt ihr was aus der Heide, aus den Bergen oder von der See?«

»Jo, jo, vun de See. Veel Water muß dabi sin.«

»Schön.«

Es war aber gar nicht schön für mich, denn ich hatte gerade keine Wassergeschichte auf Lager und kannte doch meine hartnäckigen Pappenheimer.

»Ihr alle kennt den kleinen See vor unserm Dorfe, nicht wahr?« fing ich an und sah schon gleich an den Gesichtern, daß die Geschichte verfehlt war, denn der Prophet gilt nichts im Vaterlande. Der Teich lag zu nahe, und es war auch zu wenig Wasser.

»Och ja«, gähnte Fite Groth, »Ik bin schon binah mol drin versupen.«

»Un, un, un ik ok«, stammerte ein kleines, sechsjähriges Gör.

»Du, Stina? Wann denn?«

»Mudder seggt, as de Adebor mi bröcht har, da hett he mi nich gliks funnen.« Schallendes Gelächter der Großen. Stina fing an zu weinen.

Aber da ich wußte, daß mein Uwe nicht für gewaltsame Aufklärung in den Schulen ist, so tröstete ich Klein-Stina.

»Wein' man nicht. Der Storch hat dich ja doch noch gefunden und geholt.«

Diesmal lachten nur Fite Groth und Jochen Hansohm.

»Is jo ni wohr«, rief Fite, und Jochen setzte hinzu: »Bi uns in Immenhof warden se vun Olsch-Dürten bröcht.«

»Ruhig jetzt. Also es lebte in diesem Teich eine Meerjungfer – – –«

»Och – och – uchhh –« schrien alle, »de sülwige hat der Herr Lehrer all vertellt – – ne annere, ne annere.«

Oh, Uwe! Mußtest du mir das antun?

»Kinder, ich will euch etwas sagen. Es geht schon auf dreiviertel elf, da will ich lieber eine allgemeine Geschichte für euch erzählen. Ihr werdet sie schon alle begreifen, hoffe ich.«

»Man fix to.«

Ja, das war eine andere Sache! – Die schwedische Legende der Lagerlöf vom Eremiten erzählte ich, der, von bösen Menschen gepeinigt und verfolgt, sich in die ödeste Heide zurückzog, niemand zum Genossen als seinen Hatz, den er in die Einöde mitnahm. Den Haß gegen seine Peiniger und Verfolger, den Haß gegen die ganze Menschheit.

Und sein Abendgebet war: »Vertilge sie, Herr, vernichte sie, Gott!« Und sein Morgengebet: »Höre mich, Gott, schicke die Sintflut, laß die Erde erbeben und über sie fallen.« Als aber die Tage und Wochen vergingen, ohne daß die Vernichtung gekommen wäre, wollte der Einsiedler ein Gott wohlgefälliges Opfer bringen und beschloß, den ganzen langen Tag mit emporgestreckten Armen zu stehen, damit Gott sehe, wie heilig ernst es ihm sei. So tat er und betete und flehte und raste in wildem Zorn gegen die Sünder und flehte den Allmächtigen um ihre Vertilgung. Und nur des Nachts schlich er sich todmüde in seine erbärmliche, selbstgezimmerte Hütte und warf sich auf das Stroh. Aber schon die aufgehende Sonne sah ihn wieder mit gen Himmel gerichteten Armen, und immer dringender, immer wilder wurde sein Schreien: »Vernichte sie, vernichte mich! Niemand, der den Namen Mensch trägt, ist wert zu leben!«

Da geschah es, daß der Sturm eines Nachts die uralte, knorrige Eiche fällte, in der ein Vogelpärchen gerade sein Nestchen bauen wollte. Und Vogelvater und Vogelmutter hielten traurig Umschau nach einer sicheren Stätte, und da sahen sie den unbeweglich dastehenden Einsiedler und hielten ihn wohl auch für einen knorrigen, alten Baum, denn sein Haar war verfilzt und lang und flatterte wild um ihn, wie Baumblätter beben, und sein Rücken war krumm wie ein alter Holzstamm, und die Arme braun wie zwei starke Zweige. Da flog das Pärchen davon und holte Flöckchen und Stroh und Reiser und legte sie in die ausgestreckte rechte Hand des Betenden. Manchmal entführte der Wind wieder die Flöckchen und das Stroh, aber da sah das Pärchen, daß sich ein brauner Daumen schützend über alles breitete und so eine traute Höhlung entstand. In diese bauten und klebten die Vögelchen ein behagliches Nest und dann legte Vogelmütterchen kleine, gesprenkelte Eier hinein. Der Einsiedler sah es mit seltsamen Gefühlen. Er hatte sich in all der Zeit beinahe den Schlaf abgewöhnt aus Sorge, das Nestchen zu beschädigen, und auch in seinem Innern ging eine wunderliche Wandlung vor. Er, der vor den Menschen geflohen war und sie haßte wie die Sünde, er litt es, daß sie sich ihm wieder nahten und ihm Speise und Trank reichten, daß sie ihn fütterten, wie man kleine Hilflose füttert. Er litt es, um des Mütterchens willen, das brütend auf dem Neste saß, und seine wilden Gebete wurden allmählich sanfter. Dann lagen die kleinen nackten Bachstelzchen im Nest und streckten die gelben Schnäbel verlangend und schreiend über den Rand seiner braunen Hand. Und sacht und langsam zog in das Herz des Eremiten die Liebe. Die Liebe zu den sechs Hilflosen, die seiner Obhut anvertraut waren. Und mit der Liebe kam die warme Teilnahme an dem weiteren Schicksal der Kleinen und die zage Bitte an den Allmächtigen: »Schütze sie, o Herr, laß meine wilden Flüche nicht gesprochen sein, schütze die Erde, bis die Kleinen flügge sind, laß sie nicht so hilflos umkommen.« Der Tag kam, da sie ausflogen, aber kein Erdbeben kam und die Heide lag schöner als je im Frühlingsglanz. Und leuchtend warm war es im Herzen des alten Einsiedlers, und er fragte sich: »Hat Gott wohl die Menschen zu lieb, daß er sie nicht verderben will, so lieb wie du die sechs kleinen Bachstelzchen?« – Da weinte er bitterlich. – – –– – –

Ohh! Was war das? Meine Buben und Mädels weinten auch, ja die Kleinen schluchzten jämmerlich, und Fite Groth schnaubte sich unnatürlich laut die Nase und war wie der Wind zur Schultür hinaus, trotzdem er das eigentlich nicht durfte.

Ich stand ziemlich verlegen unter der lieben kleinen Bande, die Wirkung der Legende kam mir überraschend.

»Un is de Welt denn nu unnergahn?« forschte weinend eine »lürlütte« Deern, deren erstauntes, fragendes Gesichtchen mich schon während der ganzen Erzählung still belustigt hatte.

Sie bekam von ihrer Nachbarin einen kleinen, verächtlichen Stoß.

»Dumme Deern! Denn wier doch keen School, denn harr wi doch Ferien!«

Krischan Kassen mit der berühmten Schleswiger Urahne ging zuletzt aus der Schultür, denn es hatte nun laut und schallend vom Dorfkirchlein elf Uhr geschlagen, und wir hatten nach kurzem Schlußgebet beschlossen, uns zu trennen.

»Dar wier so schön!« meinte er, bewundernd mit seinen klaren Kinderaugen zu mir aufschauend, »ik wull, de Herr Pastor wier all Dag krank«, setzte er treuherzig hinzu.

Ich winkte ihm erschrocken und reichte ihm einen schönen, rotbackigen Apfel.

»So, und nun adjüs und sei nur immer so fromm und brav wie deine Ururgroßmutter.«

»Bün ik ok«, rief er mir fröhlich zu und biß in den Apfel.

Nachdenklich und recht innerlich froh kam ich nach Hause; von Uwe war noch nichts zu sehen und zu hören. Wir essen jetzt gut bürgerlich um zwölf Uhr zu Mittag, und meine Leutchen haben sich in die von unserer Hamburger so grundverschiedene Hausordnung nett eingewöhnt. Die Hauptsache ist ihnen, daß sie bei »Fräulein Diewen« geblieben sind, vor Uwe haben sie großen Respekt, aber leider – leider ist er ihnen noch Nummer zwei. Das muß ganz, ganz anders werden. »Er soll dein Herr sein!« Ich will's mit goldenen Buchstaben überall anbringen, daß sie es allzeit vor Augen haben, dann wird es ihnen schon auch in die Herzen kommen.

Bei uns selbst ist's nicht nötig. »Mein Herr, mein Meister, mein Schulmeister, mein Liebster, mein alles«, so klingt's und tönt's und raunt es um mich her. »Uwe! Uwe Karsten, ich liebe dich, ich liebe dich!!!«

Endlich, Schlag zwölf Uhr (wann wäre er je unpünktlich gewesen?), trat er ins Haus. Gleich war alles licht im Zimmer.

Er ist doch wahrlich meine Sonne. Und um des stürmischen, süßen, lieben Wiedersehens willen ist ja auch die Trennung schön, es ist alles schön, was nur irgendwie mit meinem Uwe zusammenhängt – – närrische Urschel!

Ich hatte nämlich etwas laut gedacht, und der letzte Ausdruck stammt von Uwe. Gleich darauf sagte er mir allerhand ungeheuer Närrisches selbst ins Ohr, o wie kann mein urgescheiter Mann und Herr und Gebieter »dumm Tüg« reden!

Von meinen »kleinen Ohren« und meinen »unergründlichen Augen«, von meiner Stimme, »die auch beim Sprechen wie eine Glocke töne«, und ihm, gerade ihm mitten ins Herz hinein, deshalb sei er allzeit in andächtiger Stimmung. Es ist beschämend, wie gern ich ihm zuhöre.

»Aber die Suppe wird kalt«, rief Jungfer Minna, und da waren wir wieder auf Mutter Erde. –

O es ist ja gewiß alles nicht neu und nicht ursprünglich, was ich hier von meinem Uwe erzähle, aber die wirklich originellen, nie dagewesenen Namen, die er mir sonst noch gibt und die den alten Ben Aliba schmählich zuschanden machen, die schreibe ich ja gar nicht hin, die sind mir viel zu heilig, die behalte ich ganz tief verschwiegen in meines Herzens innerstem Schrein. Kann ja auch Uwes Küsse nicht schildern, die innigen, zarten, die wie einer Mutter Kuß anmuten, ebensowenig die wilden, heißen, stürmischen Küsse, die mir auch zurufen: »Er soll dein Herr sein!«

Ihr lieben, verschwiegenen Blätter! Gelt, ihr plaudert nichts aus? Nicht einmal meinem Uwe sollt ihr sagen, wie ich dürste nach seiner Zärtlichkeit, wie ich selig bin, wenn ich an seinem Herzen ruhe. Uwe und ich sind beide scheue Naturen, – wir denken allzeit an der Ehe »immergrünen Myrtenkranz«, denken an »die Liebe, die sich selbst bewacht«, und dennoch ist unsere Liebe gewaltig – gewaltig! Wenn ich einmal sterbe – lange, lange vor meinem Uwe – – (närrische Urschel!), dann verbrenne ich diese Blätter. Bei einem so starken, gesunden Menschenkinde, wie ich eins bin, mit der ungeheuren Lebensbejahung in sich, muß der Tod sich anmelden. Er darf mich nicht auf einmal fällen, wie einen Baum. Täglich bitte ich Gott darum, daß er mich mit klarem Bewußtsein sterben läßt, und ich habe ein tiefes, unerschütterliches Vertrauen, daß er seinem Kinde diese Bitte erfüllt. Der Tod soll mich fragen: »Bist du bereit, Ursula?« Und ich will ihm antworten: »Verziehe nur eine Stunde oder zwei, bis ich ganz mein Haus bestellt habe, denn alles, alles soll meinem Uwe gehören, weil er mein alles war.« Und wenn das geschehen, dann verbrenne ich diese Blätter.

Ich sehe sie im Kamin liegen und mich selbst auf dem Ruhelager davor, – ich sehe, wie die humorvollen Stellen darin fröhlich aufflackern, und die tränensatten Blätter nur langsam glimmen, wie die heißen Liebesbogen in strahlender Flamme auflodern, bis alles, alles zu Ende ist. Dann leuchten und zittern noch die kleinen Fünkchen auf der Asche wie lichte Sternlein und fliegen durch den dunkeln Schornstein hinauf in Gottes blauen Himmel.

Aber ich weiß, jedes Aschenstäubchen verkörpert sich wieder und kommt als Gruß zu meinem Uwe geflogen. O die Millionen Grüße! Du wirst nie allein sein, Uwe!

Närrische Urschel!

Nach Tisch erzählte ich meinem Uwe, daß ich Schulmeister gewesen war, und er rief einmal über das andere Mal: »Das kommt in den Reichstag, Urschel, oder mindestens in den Landtag, – wenn nicht der Kultusminister selbst nach Immenhof reist.«

Dann wollte er sich halbtotlachen über mein verdutztes Gesicht und schwenkte mich wie der übermütigste Bursch in der Stube herum und erstickte mich beinahe mit seinen Küssen.

»Büst ja eine Mordsdeern! Un ümmer feste plattdütsch hest du snakt mit de Jungs?« fragte er lachend. »Weißt du nicht, Schoolmeestern, daß das ausdrücklich verboten ist?«

Wort für Wort mußte ich ihm alles erzählen, und ich durchlebte noch einmal die lieben Stunden meiner Schultätigkeit. – »Uwe, hab' ich meine Sache gut gemacht? Sprich doch ein vernünftiges Wort!«

»Urschel, ich muß dich anzeigen.«

»Weshalb, mein Uwe?«

»Wegen unbefugter Ausübung der Lehrtätigkeit.«

»Uwe, die Kinder waren glückselig.«

»Das glaube ich, Urschel, das ist der Herr Lehrer auch, – wenn er bei dir ist.«

»Uwe, und pass' auf, wenn die Nachwirkung kommt! Wie werden sich die Eltern alle freuen, daß die Schule nicht ausfiel.«

»Hm!«

»Uwe, sie brachten alle etwas mit nach Hause.«

»Jawohl! Krischan Kassen einen Apfel. Wenn er ihn nicht schon auf dem Wege gefuttert hat.«

»O Uwe, ich meinte es geistig.« – – –

»Du unverbesserlicher Idealist! Warte bis morgen! Hat deine verbotene, schulordnungswidrige Tätigkeit überall ein wohlklingendes Echo, eine durchaus wohlwollende Beurteilung bei unsern Dörflern gefunden, dann lasse ich mich pensionieren und beantrage selbst, daß Frau Ursula Alslev, geborene Diewen, Heideschulmeister wird.« –

»Spötter!«

Er küßte mir die Falten von der Stirn. – –

Ach, ich brauchte nicht bis zum andern Tage zu warten. Das »Echo« kam schon am selben Abend.

Krischan Kassens Mutter erschien sehr eilig und sehr erregt im Hüttchen. Sie nahm gar nicht erst die Zeit, sich hinzusetzen, stehend sprudelte sie in höchster Erregung die Worte hervor und gestikulierte dabei mit den Händen, daß einem angst und bange werden konnte.

Der kleine, stille, sinnige Krischan! Ich hatte ihm gar nicht so eine rabiate Mutter zugetraut.

»Herr Lehrer, Herr Lehrer, o Gottogott, oha! Was hat Ehr Fru einmal angestellt in die Schulstundens?« fragte sie, ängstlich bemüht, hochdeutsch zu sprechen. »Ik möt glik wedder nach Hus. Ohaoha! Zu Haus, da s–teht mien Jung und hat die Arme in die Höchte gestreckt un tut sie nich runner, un wenn mien Mann seggt un ik segg ok: ›Jung, gah to Bedd‹, denn is er ja wohl rein irre in Kopp und sagt, er wollt so stehn bleiben, bis die Vögels sich 'n Nest in seine Hand baun täten, de Schoolmeestern hätt' dat seggt. Ohaoha! Un die Stine Flaßhaar ehr Mudder kommt gliks ok, wegen ehr Kind, das is jo wohl rein ut de Tüt. Un Fru Lehrer, – ik würd' doch lewer nich de Schaul besorgen, da is jo de Herr Lehrer vor da, un es gibt ja man blot Upregung. Un adjüs ok, ik möt seihn, ob mien Jung noch dor steiht as wie verrückt.«

Uwe krümmte sich vor Lachen, – mir aber war gar nicht lächerlich. Und kaum war Frau Kassen fort, da segelte schon Frau Flaßhaar herein, noch weit erbitterter als ihre Vorgängerin.

»Da is mien ol Mudder to hus,« keuchte sie, ohne erst Guten Abend zu bieten, »siewunsäbentig Johr olt, un hat ihr Lebtag nich singen künnt un jetzt irst recht nich, äwer lütt Stina drückt ihr hüt den ganzen Dag en Singbook in 'ne Hand und schreit: ›Sing, Grußmodder, sing: »Eine Mauer um uns baue!« Krischan hat 'n Appel 'kriegt wegen sin' Großmutter, ik will ok 'n Appel.‹«

Frau Flaßhaar fing an zu weinen. – Sie hielt ihr Kind seit dem Vormittag für geistig gestört, und ihr vorwurfsvoller Blick klagte mich an.

»Was deines Amtes nicht ist, da laß deinen Fürwitz«, mußte ich mir noch von ihr sagen lassen, aber meinem Uwe drückte sie freundschaftlich die Hand und beschwor ihn, ja immer selbst de School zu halten, oder de Gören lopen to laten, wenn he nich dor wier. »Adjüs ok.«

Da saß ich mit meinen Kenntnissen und meiner Begeisterung, und selbst Uwes lachende Zärtlichkeit konnte meine Enttäuschung nicht geringer machen. Und so ging es noch mehrere Tage. Die Klagen über mich rissen gar nicht ab.

»Mein Uwe, du erzählst doch den Kindern auch Geschichten. Warum fassen sie deine anders auf?«

»Weil du der Dichter bist, meine Urschel, nicht ich. Du reißt die Kinder mit fort, sie müssen alles nachmachen, was du in der Lebendigkeit der Darstellung ihnen gibst, – ich bin viel trockener in meinen Stunden, oder ich wirke langweiliger.«

»Du, mein Uwe? Das ist ja gar nicht möglich.«

»Du siehst den Beweis. In dem einen Vormittag hast du aufregender gewirkt, als ich in den ganzen Jahren meiner Tätigkeit.«

»Mein Uwe, ich will nicht mehr schulmeistern. Nicht eher, als bis du mich es recht gelehrt.«

Da küßte er mich wieder. – – Auch darin ist er mein Meister und ich – seine glückselige, gelehrige Schülerin. – –

Aber wenn auch die Eltern nichts von meiner Erziehungskunst wissen wollen, die Kinder sind mir treue Freunde geworden.

Wir haben ein festes Bündnis miteinander geschlossen. Sie mußten mir ihre nicht ganz einwandfreien Patschhändchen reichen und mir geloben, nichts und gar nichts nachmachen zu wollen von dem, was ich ihnen erzählen würde, und so kann ich sie nun auf ihr Wort hin einmal wöchentlich um mich versammeln und die schönsten Sagen und Märchen vor ihrem geistigen Auge erstehen lassen, Brüder Grimm und Robert Reinick und ganz besonders meinen Christian Andersen, – o wie ist das alles so lebendig!

Eine Spinnstube der Kleinen, wenngleich sie nicht spinnen, sondern stricken, und die Jungs nicht qualmen, wie die großen Burschen, sondern Laubsäge- und Papparbeiten verfertigen. O es ist immer so gemütlich!

Heute kam eine Riesenfrachtkiste an.

Fünfzig Märchenbücher, die mir mein Lubruder für meine jungen Freunde schickt. Der Gute! Er hat noch immer seine lieben Ideen. Was wohl mein Uwe sagen wird? O er wird sich freuen, – für seine Schüler ist ihm ja immer das Beste gerade gut genug.

Natürlich wollte ich jedem Kind so ein Märchenbuch mit nach Hause geben, aber Uwe lehnte ab, – ich mußte ihm ja auch zustimmen, – bin ein rechtes Dummerchen gegen meinen Uwe, der alles schön vorher bedenkt und allzeit das Richtige trifft.

»Meinst du nicht, daß sich jedes sehr über ein eigenes Buch freuen würde, Uwe?«

»Je nachdem, Urschel. Wenn Fite Groth ein kleineres bekäme als Jochem Hansohm, hätte dieser dafür ein Loch im Kopf, darauf kannst du dich verlassen. Und einzelne Eltern würden erst recht ihre Kinder für übervorteilt halten, – Urschel, die Immenhofer sind Menschen, du hältst sie immer noch für Engel.«

Ich lachte. »Ach nein, – nur dich, Uwe, nur dich.«

Er sah mir tief in die Augen. »Der Seligsten einer bin ich, – aber doch nur ein Mensch.«

Nun haben wir mit den fünfzig hübschen, stattlichen Bänden den Stamm zu einer Schulbücherei gebildet, haben sie mit Nummern versehen, und sie werden allwöchentlich getauscht.

»So machen sie auch meinem Nachfolger Freude,« meinte Uwe, – »dein Bruder und alle Gönner unserer Schule dürfen fleißig dazu schenken, der Wohltätigkeit wollen wir keine Schranken setzen; was würde aber mein Nachfolger sagen, wenn die Bauern ihm bedeuteten, er solle jedem Schüler ein dickes Geschichtenbuch verehren, sie seien das vom Vorgänger gewöhnt?«

»O Uwe, sie würden doch nicht – – –? Aber du redest immer von Nachfolger und Vorgänger, Uwe, – willst du fort von Immenhof?«

»Das wußte ich doch, daß die Gedanken meiner Liebsten hier einhaken und haltmachen würden. – Nein, nein, meine Urschel, ich bleibe mit meinem Willen Heideschulmeister, aber – – ich könnte doch abberufen werden.«

»Abberufen? Von wem?«

»So heftig, Urschel? Ich dachte gar nicht an Menschen. Närrchen, – wenn nun unser Herrgott befiehlt, diesen Platz zu räumen?«

»Uwe!«

Er hielt mich mit beiden Armen umfaßt. »Du Närrchen, du kleines dummes, – wie erschreckend blaß du bist! Aber, Ursula! Kann mein starkes Weib so erschrecken? Vor nichts? So sprich doch! Ursula, mein Liebstes, so kenne ich dich ja gar nicht...«

Ich bebte am ganzen Körper. Kaum kannte ich mich selbst in solcher Verfassung.

Endlich konnten meine Lippen wieder Worte formen, – es war, als wiche eine Erstarrung von mir.

»Was sagt mein geliebtes Weib?«

»Uwe – – nie wieder von Fortgehen sprechen! Du nicht, Uwe! Du nicht.«

Und ich küßte ihn, heiß und innig, und hielt ihn fest an meinem Herzen.

Lieber, lieber Herrgott, nicht wahr, den Uwe, meinen Uwe, meinen Mann, – den nimmst du mir nie, – nie!«

Seitdem, – – – ach, ich möchte es gar nicht niederschreiben, es soll gar keine feste Gestalt bekommen, was sich da zwischen uns schob, – ich schreibe es nicht nieder...

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