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Gutenberg > Felicitas Rose >

Heideschulmeister Uwe Karsten

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleHeideschulmeister Uwe Karsten
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun317. bis 325 Tausend
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Heidehaus, den 7. September.

Ordentlich zusammennehmen muß ich mich, um heute in diese Blätter zu schreiben, einzutragen, was die letzten Tage gebracht; wie tot werden mir alle Worte vorkommen!

O ihr herrlichen Stunden, wie wart ihr lebensvoll!

Nun ist mein Lubruder fort und die andern auch, und still ist's rings in der weiten Heide.

Sieht man nicht schon an diesen wenigen Zeilen, wie das geschriebene Wort das wirkliche Fühlen nicht wiedergeben kann? Klingt es nicht, als ob ich leise – leise die Einsamkeit beklage und wünsche, jene erhebenden Stunden des Gedankenaustausches mit lieben Freunden kämen wieder?

O mein Uwe, du weißt es am besten, wie wonnevoll heut unser Erwachen war, – als wir uns im Morgenstübchen beim Mokka trafen, der seine herb-geheimnisvollen Düfte mit den Rosen mischte, die Lu verschwenderisch umhergestreut.

Du jubeltest: »Ich habe meine Urschel wieder!« Und ich lachte und tollte wie ein Kind, »Mein Uwe, ich hab' dich so lange nicht gesehen, – wie groß bist du geworden, Magister Alslev!«

Dann küßten wir uns, – waren's Minuten oder Stunden? Die Liebe rechnet nicht. Und dann hielten wir uns bei den Händen und erzählten uns gegenseitig, wie wunderwunderschön es gewesen, als Lubruder und die andern unsere Gäste waren.

Die andern?

Ei freilich, die Welt ist klein. Und so kam's, daß ich meinen guten Bekannten von dem großen Hamburger Wohltätigkeitsfest wiedersah, den Kieler Professor Geheimrat Dr. Teschely. In seiner Begleitung befand sich ein ganz junger Dr. Herbart, der für meinen Uwe schwärmt. Dieser Umstand gewann ihm gleich mein ganzes Herz, – so fröhlich, o so fröhlich war unsere Tafelrunde. Aber der alte Professor!

»Ei, ei; ei, ei!« Weiter rief er erst mal gar nichts, als er mich sah. Und dann nach einer Weile: »Lassen Sie uns umdrehen, Famulus, – wir haben verspielt. Dieser Heideschulmeister und Poet hat jetzt an nichts zu denken als an Schönheit und Liebe. Dies Heidehaus ist der Sitz von Musen und Grazien.« Aber als er erst einmal unserm guten Weinchen alle Ehre angetan hatte und sozusagen warm geworden war, da schlug er in die Hände, wie ein fröhliches Kind.

»Auf Bundesgenossenschaft !« rief er hell. »Meine liebe, gnädige Frau, für so viel Schönheit ist der Heideboden zu arm, – ich verpflanze Sie kraft meines Amtes als Abgeordneter in die Großstadt.

Wetter noch mal, was wird die Kollegenschaft für Augen machen, wenn ich nicht nur den Dichtergelehrten bringe, sondern noch sein besseres und schöneres Ich.«

Und nun kam des Pudels Kern; sie lassen nicht locker, sie wollen den Uwe. Mit Haut und Haar. Ich war wie betäubt von all den schwirrenden Worten, von den vielen Beweisgründen, von den wahrhaft großartigen Bedingungen, die man meinem Liebsten stellte. Ich ließ den Redestrom über mich hinbrausen und war still, ganz still. Aber ob ich gleich die Augen gesenkt hielt, ich fühlte Uwes Blicke fest, so fest, als wolle er mich zwingen, aufzuschauen und ihn anzublicken.

Da sah ich ihn an, groß, offen, klar – geheime Fäden spannen sich von ihm zu mir, wir waren allein auf unserm Inselchen trotz der drei anderen.

»Nun – Frau Ursula Alslev – helfen Sie uns!« bat der alte Professor.

Ich suchte scheu und tastend nach den rechten Worten, aber dann wurde meine Stimme beherzt: »Ich meine – die Dankbarkeit ist die größte Tugend, und nur mit ihr hat man das Recht, ganz und gar verschwenderisch umzugehen. Der Heideboden hat meinen Uwe Karsten geboren und großgezogen, seine Kraft, seine Gesundheit, seine Poesie und seinen Beruf als Menschengärtner hat er aus ihr gesogen – – –«

»Sie sollten uns helfen«, unterbrach mich der Geheimrat und sah kläglich drein.

Ich ließ mich nicht beirren.

»Und nun sollten wir undankbar sein und die Heide und die liebe vertrauende Gemeinde verlassen? Nun sie auch mich in ihr Herz schloß und vertrauend auf mich blickt, daß ich mein Bestes mit in den Mutterboden pflanze, der meinem Uwe so viel Reichtum gab?

»Famulus, wir müssen unverrichtetersache abreisen,« klagte der alte Herr entsagungsvoll, »unser Freund Alslev hat wenigstens verblümte Körbe ausgeteilt, mit Heidekraut so duftig umstanden, daß man das derbe Strohgeflecht nicht bemerkte, – aber Frau Ursula packt uns fester an. Also Dankbarkeit, Heimatkunst, Rückkehr zur Natur, – alles Schlagworte, meine verehrte Freundin, die – – –«

»Für Uwe sind es nie Schlagworte gewesen«, entgegnete ich fest. »Verwachsen sind sie mit ihm, die drei Dinge, sie sind er selbst. Und ich bin sein Kamerad!« setzte ich einfach hinzu, »Nun machen Sie ein halb gütiges, halb ärgerliches Gesicht, lieber Herr Professor! Mulier taceat in ecclesia, das dachten Sie eben, nicht wahr? Aber Sie wünschten selbst meine Anteilnahme.«

»Als Bundesgenossin, jawohl,« polterte er, »aber nicht als Widersacher, der noch dazu mit so leuchtenden, wunderschönen Augen zu Felde zieht. Ungleicher Kampf, meine liebe, junge Freundin, – ich strecke als Mensch die Waffen, und mein Famulus tut schon seit einer Weile dasselbe.«

»Und als Gelehrter sehen Sie sich jetzt Uwes Baumschule an, Herr Professor, sie ist sein Augentrost und Herzgespiel.«

»Sind Sie das nicht, Frau Ursula?«

Ich lachte fröhlich. »Erst kommen die Menschenblumen, seine Jungens, dann die Bäumchen, die er gepflanzt, dann die weite Heide, über allem steht noch seine Mutter, und dann – – –«

Uwes Blick gebot mir Einhalt, Ein so seltsamer Blick. Mahnend, ernsthaft, lächelnd, stolz, umfangend, grenzenlos zärtlich.

»Vergib,« sagte ich leise und zog seine Hand an meine Lippen, »ich weiß, daß dein Kamerad zuerst kommt.«

Wir schritten allein.

Die andern waren schon vorausgegangen.

Das war herrlich, als Awe die Baumschule zeigte.

Im Nu waren seine Jungens zusammengerufen, und die erste Klasse übernahm selbst Führung und Erklärung. Dann führten sie uns in jedes Dorfgärtlein und jeder zeigte das Bäumchen, das er selbst gepflanzt, die Rosen, die er veredelt, die Blumen, die unter seiner Aufsicht gewachsen.

Die klugen Augen des Professors bekamen einen warmen Schimmer, – sie sahen ja mehr, viel mehr. Sie spürten den Sonnenschein, der von meines Uwe Persönlichkeit ausging, und nur in diesem Sonnenschein war selbst im düstersten Heidewinkel alles so herrlich aufgeblüht. Merkwürdig still schritt er an meiner Seite zurück ins Heidehaus. Uwe ging mit Lu und Dr. Herbart, und ich hörte letzteren sagen, daß eigentlich Dr. Klaus Bevensen mit zur Abordnung gewählt sei, aber abgelehnt hätte. –

Die Abendsonne glühte zwischen den Kiefernstämmen. Flüssiges Gold streute sie aus. Bis vor unsere Füße rieselte es, und als wir es fassen wollten, hielten wir duftiges Heidekraut in der Hand.

»Und davon wollen Sie uns trennen?« fragte ich vorwurfsvoll und zeigte auf die Pracht, die uns umgab.

»Es ist gut, daß Sie darauf zurückkommen«, entgegnete lebhaft der alte Herr. »Das da« – sein Arm umschrieb in großem Bogen rasch die ganze Gottesherrlichkeit, – »können Sie sich alljährlich anschauen. Liebe Freundin, ich bleibe dabei, Ihr Gatte kann einen umfassenderen Platz ausfüllen als den eines Dorfschulmeisters.« –

Mein Herz schlug rasch.

»So dachte ich früher auch einmal, Herr Professor, aber ich habe umgelernt, seit ich Uwes Weib bin. Er weiß, wo er steht und warum er da steht, das macht ihn fest und entschieden. In urkräftigen Menschen, die sich bewußt sind, nur das Rechte und Wahre zu wollen, steigert jedes Hindernis die Kraft. So sagt unser Diesterweg.«

»Unser Diesterweg!!! Sie rechnet sich zur Pädagogik mit Haut und Haar!!! Wer lehrte die feudale Hamburger Patriziertochter also sprechen?«

»Die Liebe, Herr Professor.«

Er neigte das Haupt: »Sie ist die größeste,« sprach er ernst, »aber sie darf und soll die ›Klugheit ‹ als liebe Freundin neben sich hergehen lassen. Uwe Karsten Alslev ist der Besten einer, darum wollen wir ihn an solch eine Stelle setzen, wo das rückhaltlos anerkannt wird. Im kleinen Heidedorfe Immenhof kann auch ein anderer wirken; solche Köpfe, wie Alslev, gehören in größere Verhältnisse, in weitere Umgebung.«

»In größere, als die weite, weite Heide?« fragte ich. Aber gleich darauf wurde ich ernst. »Die Bedienung einer wichtigen Maschine erfordert die besten Arbeiter, heißt es. Der Volksschullehrer hat die Aufgabe, diese guten Arbeiter heranzubilden, – ist das ein geringer Lebenszweck? Und die Macht des Reiches beruht doch nicht nur auf Pulver und Blei – sie liegt doch zur Hauptsache in den geistigen Fähigkeiten unseres Volkes. Und wenn Sie dort oben meinen Uwe Karsten Alslev so schätzen, – ei so lassen Sie ihn hier seine liebe tiefe Weisheit den gläubigen Naturkindern einimpfen. Die Besten unter seinen Jungen wollen immer wieder ›Lehrer‹ werden, die Früchte davon werden sich später schon zeigen, ›Ohne gute Volksschule kein tüchtiges Heer!‹«

»Hilfe, Hilfe, Herr Alslev,« stöhnte der Professor, »Frau Ursula hat alle Schlagworte der gesamten Schulmeisterei auf Lager, – ich bin ein toter Mann.«

Wir schafften den »toten Mann« ins Heidehaus, und er kam dort bei einem Imbiß und einem Rüdesheimer wieder zu sich. Wir stießen auf dauernde, liebe Freundschaft an. Aber immer wieder schüttelte er im Laufe des Abends den Kopf.

»Freund Alslev, ich kann's nicht verwinden, die kleine Frau ist ein zu tapferer Kämpe. Besiegt, besiegt auf jeder Linie, – einen schmachvollen Rückzug trete ich an.«

Uwe schüttelte ihm begütigend die Hand, ich aber lachte froh und hob mein Glas: »Die Österreicher haben einst gesagt: ›Nicht das preußische Zündnadelgewehr, sondern der preußische Schulmeister hat den österreichischen 1866 besiegt.‹ Hoch allen ehrlichen Schulmeistersiegen!«

»Deern, mien Deern,« lachte Uwe, »ich kenne dich gar nicht wieder.«

Der liebe alte Professor küßte mir die Hand, hell klang sein Glas an das meine.

»Der Schulmeisterin!« rief er mit leuchtenden Augen: »Ihr fällt dabei die herrlichste Mission zu.«

Den ganzen Abend über blieben wir beisammen bis in die stille Heidenacht hinein. Es geht jetzt ein Schnellzug durch unser kleines Dorf, der uns erlaubt, in einer halben Minute hineinzuspringen und fortzusausen in die große Welt.

Diesen Zug benutzten unsere Gäste.

Vorher aber lauschten sie Uwes Spiel und Sang, Und auch ich durfte in Tönen zu ihnen sprechen, nie hat mein Flügel herrlicher geklungen, nie war meine Stimme mächtiger. Ich sang zum Schlusse das Schwanenlied: »Und sterbend taucht er nieder, sein Herz vor Lust zersprang.«

Sie waren alle still, ganz still.

Mein Uwe sprang plötzlich auf und legte seinen Arm um mich.

»Nicht so singen, mien Deern, nicht so!« flüsterte er zärtlich in mein Ohr.

»Wie singe ich denn, mein Uwe?«

»Wie aus einer anderen Welt. Und bist doch bei mir, – bei mir! Mein starkes, gesundes Weib!«

Dann war der schöne Abend zu Ende. Ein köstlich Viertelstündchen hatte ich noch mit Lubruder allein verplaudert. Als es Zeit war, sich zu verabschieden, hielt er mich an seinem Herzen und fragte: »Also das Glück wohnt bei dir, Ursula?«

»Mehr als Glück, Lubruder, Es ist der Frieden. Aus diesem gibt es nur ein einziges Heimverlangen, – aber das liegt, will's Gott, noch weit – weit.«

Lange lag ich an diesem Abend wach in meinem Zimmer.

hatte ich recht getan? Nicht im Kleinsten und Geringsten wider bessere Überzeugung gesprochen? War meines Uwe Platz in der Heide?

In alle geheimen Fältchen und Winkelchen meines eigenen Herzens kroch ich wie ein Späher, damit mir kein feiger Gedanke, kein beschämendes Gefühl entging. Nein, gottlob, es war klar in mir, mit einem tiefen, befreienden Atemzug konnte ich die Summe des Tages ziehen und dann die Hände zum Abendgebet falten. Gute Nacht, mein Uwe! Wir haben wohl recht getan! Auch hier war unser alter Luther der Gewährsmann:

»Wer was weiß, der schweig,
Wem wohl ist, der bleib,
Wer was hat, der behalte;
Unglück kömmt balde.«

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