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Gutenberg > Felicitas Rose >

Heideschulmeister Uwe Karsten

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/rose/heidesch/heidesch.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleHeideschulmeister Uwe Karsten
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun317. bis 325 Tausend
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Heidehaus, den 31. Juli.

Still, still! Nicht sprechen! Ein lautes Wort könnte das Glück verscheuchen, das heilige Glück, das auf dieser gesegneten Schwelle wohnt.

Es ist Herrgottsfrühe!

Alles schläft noch ringsumher, nur das Tierleben drinnen im Stall und draußen auf der Heide ist schon lebendig, und die Sonne, die ewige, leuchtende, ist aufgegangen. Glutrot strahlt ihr Schein über meine Heide, und jeder Heidebusch sieht in seiner Tautropfenpracht aus wie eine juwelengeschmückte Braut, die zur Hochzeit schreitet.

Meine Unrast läßt mich nicht schlafen.

Ich bin zu glücklich.

So lange habe ich im Schatten gestanden, daß die Sonne mich beinahe weinen macht.

Uwe, mein Uwe, macht auch dich das Glück schlaflos?

Denn schon bei Sonnenaufgang lag ein Heideblumenstrauß vor meinem Fenster, mit einem buntseltenen Bande umschlungen, wie du es so liebst.

Schläft du jetzt wieder? Um die liebe Mutter nicht zu erschrecken? Und den langsam genesenden Bruder Otto? Du weißt ja doch, ich habe den lieben Strauß gefunden und träume in seinem zarten Duft die Morgenstunde hindurch, – von dir, mein Uwe!

Wann träumte ich je etwas anderes?

Zehn Tage bin ich nun schon bei dir! Zehn Tage deine Braut vor Gott und den Menschen. Und nun in dieser heilig stillen Morgenfrühe soll mir die Feder dazu verhelfen, daß ich aus dem Himmel ein wenig herniedersteige zur Erde und in diese Blätter, und sein sorgsam alles berichte, was sich in diesen zehn Tagen zugetragen.

Gar feierlich führten mich Senator Vanlos und Frau Sabine ins Heidehaus. Uwe hatte uns beinahe völlig schweigsam vom Bahnhof über die Heide gefahren. Im Hause fanden wir den schwerkranken Otto, an seinem Bette Mutter Alslev und Schwester Christiane, beide sich ablösend in aufopfernder Pflege.

Wir brachten Frau Sabine zu ihrem Knaben, ein ernstes Wiedersehen! Mutter und Kind blieben allein, während Senator Vanlos nun an meines Väterchens Stelle mit meinem Verlobten sprach. Nüchterne, geschäftsmäßige Sachen. Aber er hatte einen warmen Klang in der Stimme, und das fesselte meinen Uwe, ich merkte es wohl. Manchmal nickte Uwe ernst zustimmend und manchmal unbehaglich, – dann lachte ich und hielt seine Hand an meine Wange.

Viel Gutes soll aus all den Zahlen kommen, die Senator Vanlos vor uns aufmarschieren ließ, das geloben wir uns beide.

Uwe Karsten ist reich, – wie lachte er herzlich, als ich es ihm sagte. Er baut ein Haus für sich und mich, – drunten am Waldesrand, – oh, solch ein liebes Stellchen! Eine große Diele nach alter Bauernart, rechts davon mein Wohnzimmer mit meinem Flügel, links Uwes Arbeitszimmer und die Küche. Eine schöne Treppe führt in den Oberbau. Ein sonniges Schlafzimmer rechts, ein sonniges Schlafzimmer links und in der Mitte ein »Morgenstübchen«, wo wir früh unsern Kaffee trinken wollen.

»O brich nicht, Steg, du zitterst sehr,
Erde, laß dein Beben, Himmel, fall nicht ein.
Eh ich nicht mag bei meinem Liebsten sein.«

Wie soll das Haus heißen?

»Hüttchen« soll es heißen, unser Hüttchen!

Nach den Beratungen mit meinem Verlobten ordnete Senator Vanlos Ottos Angelegenheit.

Der Junge ist tiefgebeugt und zerknirscht, an meinem Uwe hängt er mit einer an Schwärmerei grenzenden Dankbarkeit.

Otto soll zum Bruder von Senator Vanlos nach Rangoon. Dort kommt er in liebevoll strenge Zucht; macht er uns Ehre, so soll er in das Vanlossche Zweiggeschäft dauernd eintreten.

Frau Sabine weint, aber sie ist mit allem zufrieden.

Während der Senator mit ihr und Otto alles besprach, war das halbe Dorf bei mir und Uwe zum »Grattlieren«.

»Was 'n Glückt« rufen sie alle, – Ich will treu zu ihnen halten, ich will mir meinen Uwe und die Heide verdienen.

Der Senator reiste noch am Abend zurück. Uwe und ich gaben ihm das Geleit zum Bahnhof.

Dankbar bis ins tiefste Herz hinein.

And als das letzte Kräuselwölkchen der Lokomotive verweht, gingen wir Hand in Hand in die blühende Heide hinein, mein Uwe und ich.

Immer rascher gingen wir; – je näher der stille, verschwiegene Wald kam, desto schneller ward unser Lauf.

Hochatmend blieben wir stehen, sogen den köstlichen Kiefernduft ein und sahen uns selig – selig in die Augen.

Ins weiche Heidekraut setzten wir uns, Hand in Hand, Herz an Herz, Mund an Mund. Nur manchmal ein Flüstern: »Ursula, – Uwe! Uwe! Ursula!« –

Still, still! – – Nicht fortscheuchen das heilige

Glück!


Weiß gar nicht, welches Datum wir schreiben, – so lächerlich sorglos lebe ich hier meine Tage dahin. Ich weiß nur einen Tag.

Am 22. August soll unsere Hochzeit sein.

Dann wollen wir reisen.

Ei freilich wollen wir.

Uwe Karsten und ich erzählen es überall.

Italien, Griechenland, Ägypten, um die halbe Welt, oder die ganze, es kommt uns nicht darauf an.

Reisen wollen wir.

Die Trauung soll in Immenhof beim Ortsschulzen sein, und im Immenhofer Kirchlein gibt uns Pastor Sunneby dann zusammen.

Keine starre Seide wird mich umrauschen wie damals in Hamburg, ein schlichtes weißes Wollkleid habe ich mir ausgesucht, einen schlichten grünen Myrtenkranz windet mir Schwester Christiane, von einem alten Myrtenbaum meiner lieben Mutter, und in einen schneeigen Schleier hüllt sie mich ein. –

O Glück über alles Denken! Daß mein Lubruder schweigt, tut mir nicht weh in meinem heiligen Glück, das ist eine Sünde, die auf ihm lastet.

Ganz still wird unsere Hochzeit sein, nur Mutter Alslev, Frau Sabine, Christiane und Senator Vanlos, sowie Pastor Sunnebys.

Nach einem einfachen Imbiß reisen die Gäste fort und nehmen Frau Sabine und Otto mit.

Mit einem etwas späteren Zuge fahren dann Uwe und ich. So sagt der Reiseplan.

Heide, du meine Heide, – du weißt es besser. Wir werden dir nicht untreu, wir wollen nicht in die Fremde, wir wandern still an dem heiligsten Tage unseres Lebens über deine herrliche Weite und gehen dann sacht ins Heidehaus.

Senator Vanlos hat fürs Immendorf-Kirchlein eine neue Orgel gestiftet. Alle Menschen meinen es gut mit uns. Das Heidehaus gleicht einem Museum seltenster Kostbarkeiten, – die alten Freunde meines Vaters können sich an Aufmerksamkeiten nicht genug tun. Aber die Ehrungen, die mein Uwe erfährt, will ich schweigen, er könnte einst diese Blätter lesen und meinen, mein Herz hinge an Dingen, die seiner Seele fremd sind.

Nein, nichts soll ihn betrüben, kein Hauch. Ich bin nur auf dieser Welt, um seinem Glücke zu leben.

Unser Hüttchen wird vor dem Winter nicht fertig, Vielleicht zünden wir die Weihnachtstanne darin an.

O nicht so weit denken!

Sacht kommt das Glück, – schrittweis.

Den 22. August.

Ursula Alslev! Jetzt müßten diese Blätter still verschwinden. Aber ich kann mein Glück nicht allein tragen, es wird zu mächtig für mich. Und Uwe ist nicht bei mir, er bringt unsere Gäste zum Bahnhof. – Mutter Alslev macht gleich noch einige Besuche, sie vergißt ihre Kranken nicht, selbst am Ehrentage des Sohnes ist sie tätig.

Die Dämmerung schreitet über die Heide, und neben ihr – die Sehnsucht.

Ich bin noch in Schleier und Myrtenkranz.

Stille Zwiesprache möchte ich halten mit Vater und Mutter, denn mein Kinderglaube sagt mir, daß sie jetzt, gerade jetzt bei mir sind. Mich segnend und ihn.

Bewußten Abschied möchte ich nehmen von meiner Mädchenzeit, an das alte Haus in Hamburg denken, an Lu – o an so vieles. An die neuen Pflichten, die ernsten, die mir in Dorf und Heideland bevorstehen als schlichter Lehrersfrau. Die Heidebauern sind streng darin, und wer weiß, ob sie mir nicht starke Vorurteile entgegenbringen? Stärker noch, als das Vertrauen zu ihrem Lehrer ist?

Aber wie kommt es, daß alle diese ernsten Gedanken, die so wundergut zu dem ernsten Tage passen, nur flüchtig an mein Herz klopfen und rasch wieder verschwinden? Und nur eine süße Bangigkeit mich gefesselt hält, daneben tiefes Heimweh nach ihm, dessen Namen ich trage? Der meine Heimat ist? Uwe! Meine Sehnsucht ruft dich! Aber die lieben wohlbekannten Schritte sind noch fern. Noch einmal, zum wievielten Male schritt ich durch unser Reich. Wie es traut ist! Wie schön, wie reich! Dann stand ich auf der Schwelle seines Arbeitszimmers, und meine Augen durchflogen den ernsten Raum und blieben schließlich haften auf dem dunkeln, schweren Schreibtisch mit dem roten Ledersessel davor.

Wirst du arbeiten, schaffen und fabulieren können, Uwe Karsten, in unserm atembeklemmenden Glück? Ich weiß es schon jetzt, du Liebster, – deine Augen werden mich mitten in der Arbeit suchen, und deine Stimme wird mich rufen, und deine kleine Urschel wird mit dir auf dem roten Sessel sitzen – – – Die Heidesonne! Liebe Heidesonne!

Glutrot strahlt sie in das Fenster und legt sich verklärend auf die ernsten, dunkeln Möbel. Umleuchtet auch die hohe, liebe Gestalt, die jetzt kraftvoll und rasch über die Heide schreitet. Näher und näher kommt sie, und meine Hand legt sich zitternd auf mein klopfendes Herz. –

Uwe Karsten tritt ins Haus, sacht schließt er die Tür, und ich höre, wie er noch den schweren Riegel vorschiebt zwischen die Welt da draußen und – unser Glück.

Zwei, drei Stufen auf einmal nimmt Uwe Karsten, der Sturmwind ...

Ursula!

Uwe!

Den 23. August.

Heute machten mein Uwe und ich einen langen Spaziergang.

Die Sonne war untergegangen, – mich fröstelte etwas.

»Fehlt dir etwas, mein Liebling?« fragte Uwe zärtlich.

»Ich glaube, Uwe Karsten Alslev, ich habe dich zu lieb«, entgegnete ich träumerisch.

»Du bist ein Närrchen, Ursula Alslev, geborene Diewen«, scherzte er.

»Uwe Karsten, ich muß an die Heiderose denken. Wir haben sie nicht gesehen, die verzauberte Rose.

Ganz rein muß ihre Liebe sein
Und selbstlos, Mutterliebe gleich.
Gibt's solch ein Paar, so geht es reich
Und glückvereint zur Zukunft ein:
So tönt die alte Wundermär
Geheimnisvoll über die Heide her – – –.«

»Wir waren doch rein, mein Uwe, warum sahen wir sie nicht?«

»Du liebe Träumerin!«

»Vielleicht denke ich weniger an Gott, seit du mein Glück und mein Heil bist, Uwe, – und doch ist mir, als lebe Gott jetzt viel tiefer und heiliger in mir –«

»Ich sehe es«, entgegnete er leuchtenden Blickes, »Du bist so ganz mein liebes, inniges Weib, und doch umgibt dich heute etwas, was mich so scheu, andächtig und ehrerbietig macht. Weißt du, wie ich still dich nenne?«

»Sag' es mir, Uwe.«

»Meine Königin.«

»Du Liebster! – Aber Pastor Sunneby predigte gestern: ›Er soll dein Herr sein‹, wie reimen wir das zusammen?«

»Wir wollen die Liebe fragen, Ursula, sie weiß alles.«

»Wo ist die Liebe?«

»In dir und in mir, und um uns, in der Heide und in unserm Hüttchen; allgegenwärtig ist sie.«

»Wie unser Herrgott?«

»Gott ist die Liebe und wohnt in ihr, und sie lebt in dir, und das ist's, was dich heute so verklärt und durchleuchtet, meine Ursula, daß ich ganz andächtig vor dir stehen muß.«

»Mein Uwe, du verwöhnst mich. Und du bist ein Dichter und kannst alles viel schöner singen und sagen als ich. Ich bin nur ein armseliger Lehrbub, du bist in allem mein Meister.«

»Ei, wer verwöhnt denn jetzt? Aber du hast ganz recht, ich bin auch dein Meister, – dein Schulmeister. ›Herr Meister und Frau Meisterin, laßt mich in Frieden weiterziehn und wandern, und wandern'«, sang Uwe schier übermütig und zog mich mit sich.

Aber er wanderte nicht, – er lief ganz rasch mit mir ins Haus und dort umfing uns neues Glück mit altem Zauber. –

Heidehaus, 5. September.

Was ist alle Scheinarbeit, die ich in Hamburg hatte, gegen die wirkliche, die meiner hier gewartet hat, und die ich mit Herzensfreude tue? Heute ging ich wieder beladen dem Dorfe zu. Mein lieber Herr und Gebieter begleitete mich.

Plötzlich lachte Uwe Karsten: »Meine Urschel, wir müßten eigentlich in Venedig sein. Komm, wir wandern jetzt nach dem Lido hinaus, und wenn wir wieder heimgekehrt sind, empfängt uns eine Gondel, und wir schwelgen in den Wonnen einer italienischen Nacht auf dem Canale grande.«

»Nicht jetzt, mein Uwe. Die alte Häuslerin Barfoot wird grausam von Gicht geplagt, und ich muß ihr notwendig mit gutem Tee und warmen Sachen zu helfen suchen. Dann kommen noch verschiedene Sendungen aus Hamburg, junge Tauben für die Wöchnerin Hansohm, Bananen und Apfelsinen für die arme schwindsüchtige Dorette als letzte Labung, und endlich feste Stiefel für die drei Reißteufelchen bei unserm Gärtner. Wenn ich alles verteilt habe, dann will ich gern mit dir – – nach dem Lido wandern.«

Jeden Tag denkt mein Uwe sich etwas anderes aus, wohin wir reisen wollen. Eine wahrhaft üppige Erfindungskraft entfaltet er dabei.

Und bei mir kommt er gerade an die Rechte, Wie die Kinder denken wir uns das tollste Zeug aus und verklären alles mit lachender Liebe.

So wird die Dorfpfütze zum Canale grande, und das Spritzenhaus zum Dogenpalast. Auf diese Weise besuchen wir berühmte Stätten in Hülle und Fülle und bilden uns auf einsamer Heide zu Weltenbummlern aus. Unser Ziegenstall war schon einmal die Arena von Verona, und der Düngerhaufen vor Instmann Juhls Wohnung stellte gestern Johann Maria Farinas Eau-de-Cologne-Fabrik in Köln dar, die mir Uwe gern mal zeigen wollte. Er hat Humor, mein Uwe. Tief versteckt lag dies köstliche Etwas unter tausend Bitterkeiten, aber wer weiß, ob er das alles hätte überwinden können, wenn nicht ein Gegengewicht da wäre.

»Schön, meine Urschel!« Uwe sah mich zärtlich an. »Ich sehe schon, daß ich deine Liebe und Fürsorge mit dem Dorfe teilen muß, – weißt du auch, daß die Immenhofer für ihre ,Landgräfin Elisabeth' durchs Feuer gehen?«

Ich lachte.

»Genau so, wie deine Jungens für dich durchs Wasser, mein Uwe.«

Und ich zeigte auf fünf muntere Bengels, die durch eine mächtige Pfütze auf uns zuwateten.

In großen Bogen spritzte es um sie her.

»Slüngels, wullt jt woll!« schalt Uwe, »Krischan Drews, wie süht din Büx ut?«

»Och, dat is man min ole«, rief der fröhliche kleine Kerl und sah uns strahlend an. »De Fru hat mi jo 'en nigen Antog gewn.« Sein schmutziges Fingerchen zeigte dabei auf mich.

»Un mi 'ne nige Mütz', un mi 'ne nige Mütz'!« schrie der zweite barfüßige Junge und warf so fidel seine Beinchen, daß das trübe Wasser fröhlich aufspritzte über die Kameraden hin.

»An ik dank' ok velmals für die Hemden,«

Ein lieber Junge mit ernstem Gesichtchen reichte mir seine Hand hin.

»Un ik ok.«

»Un ik ok.«

Sie brachten mich wahrhaftig in Verlegenheit, die Kerlchen – – –

Aber all das sollten sie ja nicht sprechen, meine rechte Hand hatte tun wollen, daß es die linke nicht sah.

Mein Uwe drohte mir lächelnd mit dem Finger, und ich sah ihn schuldbewußt an.

Darüber kicherten die Buben.

»Kommt mal her, Jungs!« sagte Uwe ruhig. Sie gehorchten augenblicklich, stellten sich stramm hin und sahen uns erwartungsvoll an.

»Könnt ihr ein Lied singen?«

»Ja, Herr Lehrer.«

»Na, denn man los.«

Der Kleinste stellte sich obenan, die andern verständigten sich rasch und kaum, daß ich's vermutete, klang es dreistimmig so silberhell, so glockenrein mir entgegen:

»In meiner Heide ist's gut sein
Zu früher Morgenstunde,
Wenn alle Blütenglocken fein
Aufläuten in der Runde.
Und mittags, wenn im Sonnenbrand
Der Kiefern Düfte wehen, –
So träumerisch liegt mein Heideland,
So weltfremd anzusehen.
Doch wenn die Abendglocke hallt
Durch Wiesen, Wald und Weide,
Still dankbar ich die Hände falt':
Gott – schütze meine Heide!«

So lieb, so innig und fromm klang es, aber gleich darauf jubelndes Lachen, und fort stoben sie, wie die wilde Jagd.

Uwe sah ihnen glücklich nach.

»Da spricht man: Holsatia non cantat«, meinte er. »Es ist nicht wahr. Frau Musika wohnt ja selbst in unserer Heide. Und meine Jungens sind alle miteinander geborene Musikanten.« Er zog ein schmales Buch aus der Tasche. »Hör', liebes Weib, was unser Luther sagt: ›Der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes eine ist die Musika; der ist der Satan sehr feind, damit man viele Anfechtung und böse Gedanken vertreibt. Musika ist das beste Labsal der betrübten Menschen, sie ist eine Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder und sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger macht.‹«

Ich blieb stehen.

»Mein Uwe, nun hör' mich an. Ei meinst du, ich kennte meinen Luther nicht?« Und scherzend fuhr ich fort: »›Musikam hab' ich allzeit liebgehabt. Wer diese Kunst kann, der ist guter Art und zu allem geschickt. Ein Schulmeister muß singen können, sonst sehe ich ihn nicht an.‹ Uwe Karsten, nun guck' mir tief in die Augen. Denn wer sang denn gestern abend noch so wunderherrlich, als ich mich schon zur Ruhe begeben? Wer sang mir das Herz aus der Brust?«

Er lachte glücklich.

»Ei, wo lief denn das Herzlein hin von meiner Urschel? Doch hoffentlich zu mir!«

»Ach, mein Uwe, du warst ja so versunken, – hättest mein Herz am Ende gar nicht gewahrt. So lief es hinaus auf die weite Heide und tanzte im Mondschein und sang: ›Herrgott, ich danke dir, daß ich einem Spielmann zu eigen bin.‹«

»Mein kleiner Poet! Mein liebes Weib!«

»Mein Schulmeisterlein!«

Dann nahmen wir erst einmal Abschied voneinander im Dorfe.

Das glaubt wohl niemand, wie schwer der immer wird. Eine ganze Stunde oder mehr muß ich von meinem Uwe getrennt sein außer der langen Zeit, da sein Beruf ihn mir fernhält.

Aber die alte Telse Barfoot hält streng darauf, daß »de Schoolmeestern« ihr vorliest. Früher hat es mein Uwe getan, aber sie hat kein Vertrauen mehr zu ihm. Das sagt sie aber lachend, die alte Telse. Denn auch sie hat Humor. Nur dünkt ihr mein Lesen sicherer. Denn Schelm Uwe hat ihr neulich aus der Zeitung berichtet, daß Bülow – »wat 'n Minsch mit grote Gewalt is«, – »Sleswig-Holstein wedder ton selbstännigen Hertogtum makt harr, un dat Telse Barfoot ehr Enkeljung, de ümmer de Irst in de School west wir un nu Schriwer bi 'n Rechtsanwalt in Kiel is, ton Hertog von Sleswig-Holstein 'wählt worrn is.« – »Ne so wat! Ne so wat!«

Nun lese ich ihr vor, und ihre welke Hand liegt in meiner lebenswarmen, und ihre halbblinden Augen schauen mich an. Denn ihr Geist ist rege, wie bei einer Zwanzigjährigen. Sie glaubt an das gedruckte Papier wie an das Evangelium – nur wenn ich lese, daß die »Deerns« jetzt studieren, und »de Mannslüd in de Stadt« nicht mehr heiraten wollen, daß es für eine Schande gilt, zu dienen, und daß alles in die Fabriken läuft oder Ladnerin und Schneiderin werden will, dann entzieht sie mir ihre Hände und ruft: »Dat lesen Se gliks noch mal. Dat kann jo rein nich angehn. Se warn doch nich up de Schliche von Ehr Mann kommen un mi Lägen vertellen?« – – –

In der Dämmerung holte mich mein Uwe ab, nicht von Telse Barfoots Heim, sondern aus dem Pastorat, das gewöhnlich den Abschluß meiner Gänge bildet. Denn Frau Beate ist meine wahre Herzensfreundin, und mir, der gänzlich Unerfahrenen, eine treue Beraterin geworden. Ich lege ihr Rechenschaft ab von dem, was ich tat und gab, was ich tun und geben will. Frau Beatens Augen sehen noch schärfer als die meinen, und ihr Herz, das gute, behauptet immer seinen Platz und geht nicht mit dem Verstand durch. Darin bin ich ein unmündiges Kind mit vielen Fehlern und Schwächen.

Aber die Pastörin hat mich jetzt gut im Zaum, Sie verteilt das Geld und gibt mir Rechenschaft; nur bei Verteilung von Lebensmitteln läßt sie mir völlig freie Hand; es ist gar zu köstlich, hungrige Münder und Mündchen befriedigen zu können aus Herzenslust. Und ich kenne meine Pappenheimer ja jetzt auch schon besser und lasse mich nicht mehr so um den Finger wickeln wie ganz zu Anfang. Da hatte Frau Beate einmal bekümmert vor mir gestanden und gefragt: »Liebste, Liebste, warum haben Sie dem faulen, allzeit ›dunen‹ Hinrich Flaßhar sein Haus ganz und gar streichen lassen?«

Warum? Ja, warum? Faul war er freilich stets und nüchtern selten, aber er hatte treuherzig meine Rechte gehalten und so ehrlich gemeint: »Junge Fru, – unser Schoolmeester, dat 's 'n Schoolmeester!«

Seitdem nehme ich Unterricht in Volkswirtschaftslehre bei Frau Beate Sunneby. Als ich Arm in Arm mit Uwe von ihr fortging, führte er mich gleich – nach dem Lido. Soviel ich ihm auch von Immenhof zu erzählen hatte, er bestand auf seinem Pakt mit mir und – »er soll dein Herr sein«. –

Wunderbar schön erzählt mein Uwe.

Wahrhaftig, ich hörte das Mittelländische Meer rauschen und wanderte muschelsuchend am Strande, Und dann waren wir am Canale grande, auf dem die blumen- und lampengeschmückten Gondeln schaukelten.

Mein Uwe hob mich in eine solche hinein, und der Führer tauchte die Riemen ins Wasser und sang träumerisch – oder war es mein Uwe?:

»Vien quà Dorina bella,
Vien quà ti vol abbraciar,
Non far la smorfio sella,
La Mama non chiamar.«

Dann sprach mein Uwe über den unbeschreiblichen Zauber italienischer Nächte, über den Zauber, der über der Lagunenstadt liegt, und stieg mit mir aus der Gondel und schritt nach dem Markusplatz. Der lag diesmal dem Pastorat Immenhofs schräg gegenüber, und eine alte Stange stand in seiner Mitte, woran ein Zettel prangte: »Morgen werr'n die Sprütten probeert!« – –

»Sagtest du etwas, Ursuleini?«

»Nein, mein Uwe, ich prägte mir nur den Markusplatz ein.«

Und so führte mich mein lieber Mann nach der Markuskirche und dem Dogenpalast, und wir schritten über die Seufzerbrücke – – ich seufzte dabei so tief, daß er lachte, und dann waren wir auf der Heide.

»Mein Uwe!« Ich schaute im Mondlicht in seine begeisterten Augen.

»Mein Uwe, du hast so köstlich geschildert, daß ich gleich hinein will in jene Märchenherrlichkeit, und daß mir die – armselige Heide ganz matt dagegen erscheint. Dir doch auch, mein Uwe? ›O bella Italia‹«, lachte ich. »Komm, Liebster, laß uns der öden Heide ein Pereat bringen, – sieh, dort geht der Mond auf und macht ein lustig Gesicht dazu.«

Und fest umschlungen von Uwes Arm wanderte ich durch unsere liebe, liebe Heide, ein Duften und Blühen war in ihr wie in einem weiten, unendlichen Blumenfelde.

Unsere Stimmen aber schmolzen zusammen zu einem Jubellied:

»Stehet der Mond hell über der Heide,
Schauet lachend her auf uns beide.
Spinnet vom Himmel feine Seide,
Seide für unsern Hochzeitstag.

Will in Seide mein Liebchen legen,
Will sein seidenfein Herzlein hegen,
Will es in stiller Heide pflegen,
Wie es kein anderer kann und mag.«

Kaum hatten wir das letzte so recht herausgejubelt und ich es dann still noch einmal wiederholt: »wie es kein anderer kann und mag«, – da schauderte ich etwas zusammen.

»Friert Liebling?«

»Nein, Uwe, – ich fürchte mich.« – Meine Stimme wurde zum Flüstern. »Man soll ja nicht laut auf der Heide singen, – man soll sein stille im Mondschein gehen, sonst kommen die Heidegeister. Siehst du nicht dort die große Gestalt, Uwe? Sie geht immer mit uns. Sie wächst ins Übermächtige und duckt sich wieder wie ein scheuer Zwerg; ich sah sie schon lange!«

»Es wird ein Torfstecher sein«, meinte Uwe ruhig.

»Und wenn es ein Geist wäre?«

»So lauf hin und sieh ihn mit deinen herzlieben Augen an. Ist's ein vernünftiger Geist, so wird er sich um den Finger wickeln lassen, – wie dein Uwe.«

»Du Spötter«, rief ich, aber der Geist folgte uns und kam beängstigend näher, ja er flog an uns vorbei und machte halt am Heidehause.

Ich klammerte mich fest an meinen Uwe, dann sah ich dem Geist mutig in die Augen und – lag an seinem Herzen.

»Lubruder!« rief ich, »Lubruder!«

Ich zog den Geist ins Haus, den guten Geist, – er wird sich köstlich vertragen mit den andern guten Geistern unseres Hauses.

Lubruder reichte Uwe die Hand, und dieser schlug ein.

Sprechen konnte Lu nicht, es arbeitete mächtig in seinem Gesicht. Da nahm Uwe das Wort, scherzend, spielend, um den seltsamen Bann zu lösen.

»Ursula ist eine gelehrige Schülerin. Ich sagte ihr nur, sie solle dem Geist, der ihr Angst einflößte, mutig in die Augen schauen, – und sie legte sich ihm gleich ans Herz. Ruht es sich gut da, Urschel?«

»O so gut, so gut«, rief ich und schmiegte mich fester an meines Lubruders Brust.

»Ihr lieben Menschen, ihr macht es mir leicht.« Aber dann schüttelte Lubruder rasch seine tiefe Bewegung ab: »Kinder, das war ein Tag! Ich hielt's nicht mehr aus vor Heimweh, ich mußte zu euch. Aber inwendig, da war noch etwas, das wollte noch nicht gehorchen, – – und deshalb ging ich nicht gleich zum Heidehause, sondern in die Umgegend und dann im Dorfe beinahe Haus bei Haus. Vor euch her und hinter euch her, und die gute Nachrede der Immenhofer über Uwe Karstens Ehe wurde zum Licht auf dem dunkeln Heidewege.«

Lu zog Uwe an sein Herz.

»Schwager Uwe, du bist ja der Poet, – ich kann nur ungereimtes Zeug reden. Uwe – hab' Dank! Und du, Schwesterlein...«

Er hob mein Kinn in die Höhe und sah mir tief in die Augen.

»Was ich heut über dich gehört habe – von jedem alten Mund und aus jedem Aufleuchten junger Augen –«

»Lubruder,« lachte ich, während die heißen Tränen über mein Gesicht rannen, »ich bin jetzt eine würdige, alte Frau, und als solche sage ich dir: Red' nich so dumm Tüg. Sage mir lieber, mein einziger Lubruder: Hast du meinen Uwe lieb?«

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