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Gutenberg > Felicitas Rose >

Heideschulmeister Uwe Karsten

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleHeideschulmeister Uwe Karsten
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun317. bis 325 Tausend
year1920
correctorreuters@abc.de
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Hamburg, den 23. Mai.

Heute trat Ludwig rasch zu mir ins Zimmer.

Wir hatten uns kaum gesehen in den letzten Tagen.

Es ist eine Art Acht über mich verhängt; Onkel Eberhardt und Tante Renate machen unglückliche Gesichter, wagen aber nicht, den Bann zu brechen durch freimütige Aussprache. –

Frau Sabine spricht kaum das Nötigste mit mir, und selbst die Hausdame des Senators Vanlos, die sich zu einer Art Pflegerin von Frau Ellen anläßt, setzt eine schier beleidigte Miene auf, – ich habe bei ihr verspielt, seit ich ihrem verwöhnten Pflegekinde einige Kopfschmerzen bereite.

»Lies, Ursula«, sagte Ludwig nur, reichte mir ein Schreiben und verließ mich wieder.

Ich fühlte, ich hielt mein Schicksal in der Hand.

Immenhof, den 22. Mai.

Sehr geehrter Herr Diewen! Von vornherein muß ich um Entschuldigung bitten. Ich hatte mich in den Gedanken hineingelebt, in Ihnen den lieben Bruder und Freund zu sehen, – nun müssen Sie Nachsicht haben, wenn ich gegen den Chef des weltbekannten Handelshauses Diewen nicht gleich den rechten Ton finde. Als solcher haben Sie mir geschrieben. Ich weiß nicht, ob Ihre Schwester, wenigstens in Gedanken, Ihren Brief unterschrieben hat, – nach Ihren Worten muß ich es annehmen. Deshalb nehme ich Sie beide als eine Person und antworte Ihnen beiden zusammen. Sie fragen mich, wie ich – dazukam, Ihrer Schwester meine Liebe zu gestehen? Nun eben weil ich sie liebe und zu meiner Gattin machen will. Und weil ich wohl eine Kluft zwischen den Anschauungen des Hauses Diewen und denen des Lehrers Alslev anerkenne, niemals aber zwischen unserer Stellung von Mensch zu Mensch. Ihre Schwester hat mir in freiem Wort ihre Liebe, ihre köstliche reine Mädchenliebe gestanden und mir ohne Zwang das Recht gegeben, um ihre Hand zu bitten. Daß Ihre Schwester reich ist an irdischen Gütern, weiß ich, doch kümmert es mich nicht. Sie kann schalten und walten damit, wie sie es will, denn ich habe genug für uns beide und wollte sie in mein Haus führen, nicht in das ihre. Ob das Vermessenheit von mir ist, darüber hat niemand zu entscheiden, als Ursula Diewen selbst. Sie bitten mich, meinen Beruf aufzugeben, eine der vielen Ehrungen oder Titel anzunehmen, die man mir hochherzig anbot, – als freier Schriftsteller auf einem Ihrer Güter zu leben, oder mit Ursula zu reisen: kurz, Sie wollen mich auf eine feine, liebenswürdige Art sozusagen »hoffähig« machen, und ich muß alles ablehnen, Herr Diewen. Denn ich bin nicht durch äußerliche Verhältnisse in meinen Beruf gedrängt worden, sondern ich habe ihn mir aus vollster Überzeugung selbst gewählt, und er ist mir heilig. Auch gibt mir meine Heideschule nebenbei die Stille und etliche Muße, meinen schriftstellerischen Arbeiten zu leben, viel mehr, als es die große Welt mir geben konnte.

Alles dies weiß Ihre Schwester.

Und ich selbst weiß, daß Ursula fest mit dem Boden Ihres Hauses verwachsen ist. Deshalb möchte ich sie nicht heraus reißen. Denn es könnte etwas Köstliches im Mutterboden zurückbleiben, vielleicht gerade das, was mir an Ihrer Schwester so heilig dünkt, – das Vertrauen, das sie mir, dem fremden Manne, schenkte.

In Ursulas Hand allein lege ich die Entscheidung. – Nicht über meinen Beruf, oder was damit zusammenhängt, sondern über unser beider Glück.

Ich grüße Sie und Ihre Schwester von ganzem Herzen,

Uwe Karsten Alslev

Hamburg, den 10. Juli.

Schicksal, nimm deinen Lauf!

Seltsam schwer waren mir Arme und Hände, als ich das Schriftstück zusammenlegte.

Vor sechs Wochen war das.

Ich weiß das noch alles ganz genau, oder vielmehr, in meinen dämmerigen Erinnerungen nehmen jetzt jene Ereignisse feste Gestalt an.

»Ich lege die Entscheidung allein in Ursulas Hand.«

Das waren die Worte, die mich nicht losließen.

Meine Entscheidung war gefallen, und sie war so festgefügt, daß es mir vorkam, als gehöre ich gar nicht mehr in das alte Hamburger Patrizierhaus, darinnen Vorurteile und engherzige Anschauungen sich breitmachten. – Ich bestellte mir unsern Wagen, um zu der zu fahren, die ein Stück meiner künftigen Heimat bedeutete, zu Christiane Alslev. An Ludwig schritt ich vorbei, fremd und kalt.

Ihm mußte mein blasses, entschlossenes Gesicht auffallen.

»Wohin, Ursula?«

»Zu meiner Schwester.«

Er nahm mich in seinen Arm, und ein so warmer Strahl der alten Bruderzärtlichkeit traf mich, daß ich mich einige Augenblicke an ihn schmiegte.–

»Bin ich abgesetzt, Urschel?« fragte er in scherzhaft sein sollendem Ernst.

Nun wollte ich ohne Antwort weitergehen. Er aber hielt mich zurück.

»Urschel, du bist krank! Ganz krank und abgespannt.« Er nahm meine Hände in die seinen. »Du frierst und zitterst, – ich rufe Jungfer Minna, die bringt dich zur Ruhe.«

»Bin ich ein Kind, Ludwig?«

»Ja, und ein Schmerzenskind dazu, ein krankes, Aber du wirst sie überwinden, diese – – –«

»Kinderkrankheit? Meinst du, Ludwig?«

Spöttisch und doch tief gekränkt, schmerzdurchzittert fragte ich es.

»Ja, Ursula!« Ich schritt an meinem Bruder vorbei die Treppe hinunter. Unten hielt mein Wagen, der mich nach dem Diakonissenhause führte.

Ich hatte mir so bis ins einzelne das Wiedersehen mit Christiane Alslev ausgemalt, daß ich in schmerzhafter Enttäuschung vernahm, Christiane sei nicht zu sprechen. Die Masern seien ungewöhnlich heftig in der Anstalt wie in der ganzen Stadt ausgebrochen, und Christiane habe sich beim Pflegen angesteckt.«

Als ich todmüde zu Hause ankam, mußte ich mich gleich hinlegen, und das Schicksal nahm Bruder Ludwig beim Wort.

»Kinderkrankheit« hatte er gemeint, und die Masern brachten mich beinahe dicht vor jenes dunkle Tor, hinter dem ein frommer Glaube eitel Licht vermutet. Vier Wochen war es dunkel um mich, das Fieber war hoch, und meine Augen schmerzten unerträglich.

Aber nicht mein Herz. Das schlug seltsam rasch und froh.

Denn die Fieberträume waren barmherziger als das gesunde Leben, sie führten mich in meine Heimat, an Uwe Karstens Herz. Ich sah seine tiefen, wunderschönen Augen über mich geneigt und hörte seine herzgewinnende Stimme. Wir waren wieder auf unserer Glücksinsel und tauschten Zärtlichkeiten.

Dann wieder war's mir, als hörte ich weinen, schmerzhaft, stöhnend, aber ich konnte nichts erkennen in dem verdunkelten Zimmer und beruhigte mich, wenn Jungfer Minna leise sagte: »Da ist nichts, liebes Fräulein Ursula.«

Einmal meinte ich sogar, Frau Sabinens Hand streichelte mich, – Frau Sabine neige sich über mich und küsse mich mütterlich zärtlich. Da lachte ich, – wirklich, ich lachte – und das war schon die Genesung.

Eines Morgens erwachte ich aus erquickendem Schlaf, und da saß Ludwig an meinem Bett. Ich unterschied deutlich seine Züge in dem helleren Lichte, das mit Erlaubnis des Arztes jetzt in mein Zimmer drang.

Ludwig sah blaß und erschöpft aus, er hatte sich sehr um mich gesorgt.

»Urschel, – bald bist du ganz gesund«, sagte er weich.

»Die Kinderkrankheit, Lubruder«, nickte ich ernst mit bedeutsamer Betonung. »Aber nun habe ich sie überwunden!«

Er sah mich gespannt an.

»Wirklich?« fragte er und holte tief und erleichtert Atem.

»Ich glaube es, Ludwig. Noch ein paar Tage volle Ruhe, – dann kann ich zu meinem Uwe gehen!« –

Mit hartem Schritt verließ Ludwig das Zimmer.

Den 20. Juli.

Morgen darf ich reisen. Heiß und warm liegt der Sommer über der Welt.

Auch über mir, denn ich gehe zu Uwe. Aber manchmal fröstelt es mich doch, – das ist, wenn ich daran denke, wie allein ich zu ihm komme. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Bruder.

Uwe, mein Uwe, die Hamburger Patriziertochter ist gar arm. Gib ihr von deinem Reichtum ab, – sie hungert und dürstet. Alles mußt du mir sein, mein Uwe, wie ich dein Alles sein will.

Sie haben dir nicht geschrieben von meiner Krankheit, und Christiane ist nicht bei mir gewesen. Als ich heute den Diener ins Diakonissenhaus schickte, brachte er mir die Nachricht zurück, daß Schwester Christiane nach Immenhof zu einer Pflege abgereist sei.

Zu einer Pflege? Mir stand einen Augenblick das Herz still.

Mein Leben ist ja ein Schwanken zwischen Krankheit und Tod, beinahe verliere ich ganz meine Frohmütigkeit und alle Hoffnung auf eine lichte Zukunft.

Doch es muß ja nicht gleich mein Liebster sein, der krank liegt.

Starkes Gottvertrauen habe ich.

Er wird das Rechte für mich wissen.

Vielleicht ist jemand im Dorfe erkrankt, Frau »Pastörin« ist auch nicht die stärkste und – Christiane Alslev ist besonders vorgemerkt für Immenhof und Kornhagen, wo sie einst Oberin sein soll. Hin und her reißen mich meine Gedanken. Was schaffen Liebe und Sehnsucht für Unrast! Nachts.

Herrgott, deine Wege sind wunderbar!

Alles schläft im alten Hause, – nur ich kann es nicht.

Es stürmt zu viel auf mich ein, mein Herz kann noch gar nicht an Licht denken, wo bis jetzt nur Schatten war. Und wieder falten sich meine Hände: »Herrgott, wie führst du mich!«

Zwei Uhr nachts. – Ich will die schleichenden Stunden benützen, um vieles in diese Blätter niederzulegen, viel Seltsames, viel Gewaltiges.

Die Feder kann den Gedanken kaum folgen, – Ruhe. Ruhe. Ursula !!

Ludwig kam heute zu mir am frühen Nachmittage.

Er sah meine Koffer und mein verändertes Zimmer.

»Du willst wirklich fort, Ursula?«

»Hast du daran gezweifelt, Ludwig? Für was hältst du mich?«

»Ich hielt dich für einen starken, selbstbewußten Sproß des Hauses Diewen, ich glaubte bestimmt, daß du diese Liebe überwinden würdest.«

»Ludwig, du sprichst, als seist du Ellen Vanlos, Spanne den Bogen nicht zu straff! Ich gab dir wahrhaftig keinen Unwürdigen zum Bruder, Warum achtest du meine Wahl nicht?«

Ludwig sah sehr blaß aus.

Plötzlich nahm er meine beiden Hände.

»Urschel, – liebe Urschel! Ich fühle, daß etwas sehr Gutes mit dir aus meinem Leben fortgeht, – –Urschel, und ich leide um dich. Deine Zukunft scheint dir rosig in deiner Liebe zu Alslev, die, wie ich jetzt weiß, tief und gewaltig ist, aber ich sehe tausend Nadelstiche, an denen meine stolze Schwester sich verbluten wird. Du kennst ja die Welt nicht, meine alte, geliebte Urschel !«

»Uwe ist meine Welt!«

Ludwig seufzte tief auf.

»Sag' mir ein gutes Wort, Ludwig! Du bist ja doch zuerst von mir gegangen, und Ellen – – «

»Nichts gegen Ellen«, bat Ludwig. »Sie hat ein seelengutes Herz, wenn sie auch kindisch und vertrotzt scheint, dir gegenüber. Und die Frauenwürde – und angehende Mutterwürde, – Urschel, sie ist kaum achtzehn Jahr' und kann noch nicht alles überwältigen. Ach und nach all dem Schmutz und den Häßlichkeiten der vergangenen Jahre ist mir ihre verkörperte Reinheit etwas Köstliches!«

Ludwig sprach rasch und aufgeregt.

Er hatte längst meine Hände losgelassen und schritt im Zimmer auf und ab. Dann blieb er hart vor mir stehen.

»Auch daß meine Ellen aus so tadellosem, angesehenem Hause stammt, ist mir von Nutzen – – wenn auch – –«

Ludwigs Stimme bebte.

Ich sah ihn verständnislos an.

»Von Nutzen? Sind Haus Diewen und unser Name nicht allein der größte Nutzen für dich?«

Ludwig ballte die Hand, ich erschrak bis ins Innerste.

»Urschel! – Otto, unser Stiefbruder, hat unsern reinen Namen geschändet. Ein Diewen ist schimpflich vom Gymnasium gewiesen. Ein Diewen hat die Unterschriften der Lehrer gefälscht, er hat – einem Kameraden Geld entwendet.«

»Ludwig!!«

»Ja, du hast wohl alle Ursache zu erschrecken.«

»Es war während deiner Krankheit,« fuhr Ludwig hastig fort, »ich reiste gleich nach Hannover, Doktor Bevensen begleitete mich. Der Direktor war unerbittlich, ich nahm die Zwillinge gleich beide mit, tat Friedrich nach Lüneburg, und den verstockten, trotzigen Buben nahm ich mit nach Hamburg. Was ich mit ihm tun wollte in meinem Zorn, wußte ich noch nicht, – am andern Morgen war er fort. Fort! Ursula und ich weiß nicht, in welchem Sumpf er etwa den Namen Diewen herumzerrt.«

Die ganze Gewalt eines jähen Zornes hatte Ludwig gepackt.

»Er ist ein Knabe«, wagte ich begütigend einzuwerfen.

»Ein Knabe,« rief Ludwig bitter, – »mit einem Sündenregister wie ein Strolch. Und, Urschel, – du kennst Frau Sabine, – sie ist wie von Sinnen. Ich fürchte für ihren Verstand. Sie hat sich eingeschlossen, nur Jungfer Anna darf zu ihr – –«

»Und ich!« rief ich rasch entschlossen, »Frau Sabine war bei mir während meiner Krankheit, – ich weiß es jetzt genau.«

»Unmöglich. Urschel. du mußt dich irren!«

»Nein, Ludwig, ich weiß es gewiß. Und sie ist für mich jetzt nicht mehr bloß ›Frau Sabine‹, sie ist eine schwer leidende Mutter, – sie leidet um unseres Vaters eigen Fleisch und Blut, Ludwig.«

Er starrte finster vor sich hin.

»Frau Sabine trägt die Schuld. Ihre Affenliebe hat ihn verdorben.«

Ich mußte den Kopf schütteln. »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet, – Ludwig, dich haben das Leben und unser herrlicher Vater erzogen. Er starb zu früh für Otto.«

Ich wollte nun zu Frau Sabine eilen, aber Ludwig hielt mich zurück.

»Urschel,« sagte er schwer atmend und gepreßt, »hast du bedacht, – daß – Alslev – du – bringst ihm nun keinen reinen Namen – – –«

Ich sah ihn verstört an.

»Ein Knabe, ein törichter, fünfzehnjähriger Knabe sollte mein Glück vernichten können mit einem häßlichen Bubenstreich, der nichts mit mir zu tun hatte??«

War das nicht ein Aufdiespitzetreiben?

Ludwig sah erbarmungswürdig aus.

»Besinne dich doch.« bat ich, und ich fühlte, daß ich ganz ruhig wurde, »du machst dich krank. – Wie viele hochangesehene Familien haben ihr Gespenst – du siehst zu schwarz. Otto ist ein Kind, unser Name ist rein seit Jahrhunderten – –«

In dieses Wirrsal hinein meldete man mir – Senator Vanlos.

Ich hatte ihn seit Ludwigs Hochzeitstag nicht wiedergesehen, er war ja gleich darauf so schwer erkrankt, und meine unbefangenen Zeilen, die ich ihm daraufhin schrieb, hatte er unbeantwortet gelassen.

Ludwig raffte sich zusammen, als sein Schwiegervater eintrat. Der stolze Kaufherr sollte ja nichts ahnen von dem, was bei uns vorging. Und da sagte Senator Vanlos ruhig:

»Diewen – wir haben ihn – euern Otto!«

Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Unsere raschen Fragen, die ruhigen Antworten, – – alles, was nun folgte, war so überwältigend, daß ich es nur kurz, nur rasch und trocken niederschreiben kann.

»Wo – um Gottes willen! – wo ist er?«

»Bei Uwe Karsten Alslev in Immenhof. Ludwig, ich bitte dich, uns allein zu lassen, ich habe mit deiner Schwester zu sprechen.«

Senator Vanlos händigte Ludwig einen Brief ein, der Uwe Karstens Schriftzüge trug. – Dann war ich mit ihm allein. – – Nichts, nichts erinnerte an den für mich so schrecklichen Tag im März. Die klugen Augen in dem feingeschnittenen, bartlosen Gesicht des Senators waren würdig, gütig, freundlich und etwas forschend auf mich gerichtet.

»Ich kann Ihnen heute erst für Ihren Brief danken, kleine Ursula, den Sie mir während meiner Krankheit schrieben« – Sie sind ein tapferes, gutes Kind.«

Er räusperte sich, und seine Stimme schwankte bedenklich. »Können und wollen Sie nochmal zu dem alten Vanlos aus Herzensgrund Vertrauen fassen? – Ich habe viel an meinen treuen alten Jugendfreund denken müssen in den letzten Wochen und möchte – hm – einiges gutmachen, Ursula, – ich wollte Sie vor allen Dingen zu Ihrer Wahl beglückwünschen – hm, erkundigt habe ich mich bei Pontius und Pilatus, bei Hinz und Kunz nach dem Alslev, als ich hörte, das Kind meines alten Freundes habe diesem Heideschulmeister das brave, kleine Herz geschenkt. Also gratulor! Sie ist gut ausgefallen, die Erkundigung. Und, Ursula – ich höre, Sie wollen ins Heidehaus, aber Ludwig – hm – streikt? So nehmen wir an, er kann jetzt nicht fort von meiner, seiner kleinen Ellen, und statt dessen nehmen Sie mich zum Reisemarschall – hm – und Brautvater.«

Er streckte mir beide Hände hin, und ich legte in tiefer Bewegung die meinen hinein. – »Onkel Vanlos! Ich danke Ihnen!«

»Onkel! Hm ! Na, es klingt ganz schön«, sagte er mit Humor. »Und nun zu Frau Sabine, wenn Ludwig nicht schon bei ihr ist. Morgen bringe ich alles in Ordnung mit dem vertrackten Bengel, dem Otto. 's ist mein Patenkind, – aber ich war früher korrekter. Ludwig hat sich viel zu viel erregt, – die Schulmonarchen haben die Sache bis zur Unkenntlichkeit aufgebauscht, – na, Sie werden ja nun selber einer.« Er lachte spitzbübisch. – »Gute Nacht, Schulmeisterlein Ursula – morgen früh zehn Uhr steht mein Wagen vor Ihrer Tür.«

Er ging rasch fort, und ich lief zu Frau Sabine.

Frau Sabine soll sie auch weiter in diesen Blättern heißen, aber ich habe sie vorhin in stiller, tiefernster Zwiesprache schon leise »Mutter« genannt. Sie begleitet mich morgen nach Immenhof zu ihrem armen Kinde. Es hat sich – sinnlos vor Angst – ins Heidehaus flüchten wollen, weil es glaubte, ich sei dort, die große Stiefschwester, zu der er Vertrauen hatte.

Uwe hat ihn gefunden – sehr krank, aber Christiane pflegt ihn zu neuem Leben gesund.

Gute Nacht, mein herrlicher Uwe! Ich komme! Nicht mehr ganz arm, – du Reicher! Gott behüte uns beide!

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