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Hatako, der Kannibale. Erster Teil

Artur Heye: Hatako, der Kannibale. Erster Teil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleHatako, der Kannibale. Erster Teil
publisherSafari-Verlag G. m. b. H.
firstpub1921
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6. Kapitel.
Vom Nashorn zertreten

Der unvermeidliche Lärm des Lagers hatte das Wild aus seiner Nähe vertrieben. Vermont, dessen Wunde sehr langsam heilte, und ihm auf viele Wochen das Schießen unmöglich machte, ließ am Ufer eines kleinen salzigen Sees, zwei Tagemärsche vom Lager entfernt, eine Dornenboma errichten und bezog sie mit nur den nötigsten Leuten. Bon hier aus unternahm er tägliche Ausflüge an das Seegestade, um die reiche Welt der Sumpf- und Wasservögel im Bilde festzuhalten. Wegen seiner Wehrlosigkeit ließ er sich stets von seinem Freunde und Hatako begleiten. Dieser ging in seiner Tätigkeit ganz auf, er wurde Jäger mit Leib und Seele. Worauf es bei der Bilderjagd ankam, hatte er völlig begriffen. Ein Blick, eine Handbewegung seines Herrn genügte für ihn, das Richtige zu tun. Vermont wußte, was er an ihm hatte, nie ging der schweigsame Mann ohne ein freundliches Wort an dem Wilden vorbei. Um seine Kameraden kümmerte er sich jetzt noch weniger als vorher, desto mehr aber kümmerte sich der Boy Salim um ihn. Wo er konnte, spielte er dem verhaßten Kannibalen einen Streich. Er verdarb ihm sein Essen, stahl seinen Schnupftabak, zerschnitt seine Sandalen und machte die Gewehre mit Essig feucht, daß sie rosteten. Doch er war vorsichtig geworden; niemals konnte ihm bewiesen werden, daß er der Täter war. Stumm saß ihm Hatako abends am Feuer gegenüber, unter seinen halbgeschlossenen Lidern hervor ruhte sein Blick in mühsam zurückgehaltenem, glutheißem Grimme auf dem Wichte, den er nicht einmal als Feind nach seinem Sinne betrachten konnte. Doch als er eines Morgens sein geliebtes Messer am Griff abgebrochen fand, raffte er seine Keule auf und stürzte auf den schreienden Boy los. Ridder und einige der Leute packten ihn und hielten ihn fest. Da ging er zu Vermont. »Bana, ich muß weggehen oder diesen Mann töten!« sagte er. Seine Stimme war heiser, die Falte in seiner Stirn tief wie ein Messerschnitt. »Nein, du bleibst, und er geht! Ende der Woche mag ihn der Postbote mitnehmen nach Voi,« antwortete der Jäger. Hier nimm dieses als Ersatz!« Er schenkte ihm eines seiner Jagdmesser aus bestem englischen Stahl. Hatako nahm es erfreut, setze sich nieder und befestigte in langer, mühevoller Arbeit seinen Elfenbeingriff daran.

Am Nachmittage des nächsten Tages sichteten sie vom Seeufer aus eine Herde Büffel, die grasend langsam südwärts zog. Vermont hatte noch keine gute Aufnahme von Büffeln; er war sofort entschlossen, diese zu photographieren. In Begleitung von seinem Freunde, Hatako, dem Boy und zwei Trägern nahm er nach kurzen, hastigen Vorbereitungen die Verfolgung auf. Aber trotz aller Bemühungen war es ihm nicht möglich, auf der baumlosen Fläche nahe an die Tiere heranzukommen. Die halbe Nacht verging, ehe sie sich niedertaten, und noch vor Sonnenaufgang setzten sie sich in beschleunigter Gangart wieder in Bewegung. Sie schienen bemerkt zu haben, daß sie verfolgt wurden. Vermont zog ihnen hartnäckig nach. Den ganzen Tag lang wurden sie von den Tieren genarrt. Mehreremal schon hatte sich der Jäger mit aller erdenklichen Vorsicht so weit herangepirscht, um nach dem Apparate greifen zu können. Aber stets wurden die Tiere, gewarnt durch einen alten, schwarzzottigen Bullen, der klug und scharf Wache hielt, im letzten Augenblick flüchtig. Die Mißerfolge machten den Jäger nur noch starrköpfiger, unzulänglicher für alle anderen Erwägungen, empfindungsloser gegen Hunger und Durst und körperliche Ermüdung. Den größten Teil der folgenden Nacht noch zogen sie der Herde kreuz und quer durch die Einöden nach. Dann bedeckte sich der Himmel, verhüllte den Mond, und bei Sonnenaufgang war nichts mehr von Büffeln zu sehen. Die Fährten zeigten, daß die Tiere im Galopp nach Süden davongegangen und jetzt schon in unerreichbarer Ferne waren. Da gab es der Jäger auf.

Sie waren am Ende ihrer Kräfte, hatten nur noch ganz wenig Wasser Und gar nichts mehr zu essen. Bei ihrem Aufbruche vom Lager hatten sie sich nur für wenige Stunden Abwesenheit ausgerüstet. Und zu allem stellte es sich jetzt heraus, daß niemand eine Ahnung hatte, wo das Lager war. Die einzigen, die auch jetzt noch die Richtung hätten angeben können, der Wanderobbo oder die Masai, waren bei ihrem Aufbruch im großen Lager gewesen und nicht mitgekommen. Der harte, steinige Boden hatte auch keine ihrer eigenen Spuren ausgenommen; sie sahen ein, daß sie sich verirrt hatten in der einförmigen, unermeßlichen Weite der Steppe. –

Gepeinigt vom Hunger und der Unsicherheit über die Richtung ihres Rückweges, marschierten sie auf gut Glück nordwestlich. Die dürre, tote Ebene, die unter Salzkrystallen glitzerte, war von keinem Wild belebt. Gegen Abend erreichten sie ein steiniges Hügelland, durch das sie auf dem Hinwege nicht gekommen waren. Hier gelang es dem Arzt, einen Klippspringer zu schießen. Die Weißen teilten das Fleisch in gleich große Teile. Es war lange nicht genug für die fünf ausgehungerten Menschen, um satt zu werden, es konnte sie nur gerade vor dem Verhungern schützen. Hatako war auf die Suche nach Wasser gegangen; als er zurückkam, hatten die anderen schon gegessen. Er ging zu Salim, der das Fleisch gebraten hatte, und forderte seinen Teil. »Oh«, sagte der erschrocken, »das habe ich vergessen!« Er zeigte auf das Feuer. Hatakos Fleisch lag darin zu einem schwarzen, glasigen Klumpen verbrannt. Hatako sagte kein Wort, aber seine Lippen zogen sich von den Zähnen zurück, und in seinen Augen, die jetzt wie die eines Panthers blickten, las der Junge sein Todesurteil. Er wagte nicht mehr zu schlafen, nicht mehr die Augen von dem Kannibalen zu lassen, gefoltert von Angst, hielt er sich dauernd in der Nähe seines Herrn auf.

Am nächsten Morgen hielten sie Ausschau vom höchsten Hügel herab, ringsum lag ein unbekanntes Land. Die beiden Europäer stritten lange über die einzuschlagende Richtung, ehe sie in einer Schlucht herabstiegen. Die eng beieinander stehenden Abhänge glühten trotz der frühen Stunde wie die Wände eines Ofens; Kakteen und bleiche Ranken, die mit fingerlangen Dornen bewehrt waren, krochen wie Schlangen aus den Spalten der öden, nackten Felsen. Hatako ging voraus; eben bog er um eine scharfe Ecke herum, da prallte er beiseite – ein grauer Block neben ihm kam plötzlich in Bewegung, hob sich hoch, fuhr herum und stürzte in jäher unbegreiflicher Geschwindigkeit in die Schlucht hinein. »Faru (Nashorn)!« brüllte Hatako auf. Durch das Getöse des vorwärtsstürmenden Ungetüms drang ein gellender Schrei, ein wildes Rufen, noch ein Schrei, zwei, drei knatternde Schüsse, das Rollen und Poltern von Steinen, dann wurde es still. Wie ein Steinbock flog Hatako die Schlucht hinauf, fiel beinahe über einen Körper, der sich im Wege wand. Gleichgültig glitt sein Blick darüber; es war der Boy Salim. Einige Schritte weiter standen die Träger eng an den Felsen gedrückt und starrten mit verstörten Augen auf den Arzt, der neben dem Körper Vermonts kniete. Jetzt stand er auf, nahm den Hut ab und faltete die Hände. Hatako reckte den Hals zu einem Blick in das Gesicht Vermonts; – da schlossen sich seine Lippen fest, eine Starre kam in seine Augen. Sein Herr hatte kein Gesicht, keinen Kopf mehr. – Das Nashorn hatte ihm den Oberkörper zerstampft. – Mit zuckenden Lippen stand der Arzt neben der Leiche. Da gellte ein schrillheulender Schrei auf und brach kurz wieder ab. Ridder fuhr auf, eilte hinunter und untersuchte den Boy. Das Horn des Tieres hatte ihm den Leib aufgeschlitzt, ihn gegen die Felsen geworfen und alle Knochen zerbrochen. Aus den Gewehren, dem Stativ und einer Decke bauten sie eine Bahre und hoben den Jungen behutsam darauf. Er hatte die Besinnung verloren, aber noch aus tiefer Bewußtlosigkeit herauf stieß er von Zeit zu Zeit grauenhafte Schreie aus. Dann machte der Arzt seinen Freund für den letzten Schlaf zurecht. Hatako türmte still einen hohen Haufen Steine über seinen toten Bana. Ridder betete leise an dem Grabmal. Der Wilde legte zum Abschiede die Hand auf den obersten Stein, sein Blick war still und tiefdunkel geworden.

Sie nahmen die Bahre auf und wandelten mit schwerem Schritt weiter nordwestlich ins Ungewisse hinein. Trotz Befehlen und Bitten des Arztes hatte sich Hatako geweigert, an der Bahre mit anzufassen. Er fing bald an, vor Hunger zu delirieren, sein Mund murmelte abgerissene Worte vor sich hin, sein Blick flackerte irr über die sonnengleißende Ebene. Doch wenn er die Bahre traf, wurde er stier und wild, verlor allen menschlichen Ausdruck. Als sich die Sonne zum Untergang neigte, starb Salim. Im Schatten eines einsamen Tamarindenbaumes setzten sie die Bahre nieder. Die Träger warfen sich, willenlos vor Schwäche, stöhnend in den Qualen des Hungers, zu Boden; Ridder und Hatako gingen noch ein Stück weiter, um Wild zu suchen. Mit dem letzten Tageslicht kehrten sie unverrichteter Dinge zurück.

Dann kam die Nacht. Der Weiße hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt und saß reglos abseits; die Träger wälzten sich unruhig, lallten im Hungerdelirium. Hatako kauerte am Boden, das Kinn auf die Knie gestützt, und starrte auf die Bahre. Er starrte und starrte, nicht um Haaresbreite wich sein Blick ab. – Endlich stand er langsam auf, nahm sein Messer in die Faust und trat an die Bahre heran. Der große, volle Mond goß sein Licht über die schweigendes Wildnis und warf einen tiefschwarzen Schatten von Hatakos Körper über den Toten. Er beugte sich herab. »Hund du! Dein Fell gehörte mir, doch ich hätte es dir geschenkt. Aber nun hast du mein Fleisch verbrannt, so gib dein eigenes dafür!« flüsterte er. In weiter Ferne heulte eine Hyäne, der Nachtwind rauschte leise im Tamarindenbaum. – »Hatako, was tust du?!« gellte da die Stimme des Arztes durch die Nacht. Der Wilde zuckte zusammen, hob langsam den Kopf – plötzlich fuhren seine Hände durch die Luft, als wollten sie etwas verscheuchen. Dann duckte er sich und mit langen, lautlosen Sätzen sprang er in die mondlichterfüllte Steppe hinaus. –

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