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Hatako, der Kannibale. Erster Teil

Artur Heye: Hatako, der Kannibale. Erster Teil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleHatako, der Kannibale. Erster Teil
publisherSafari-Verlag G. m. b. H.
firstpub1921
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5. Kapitel.
Eine gefährliche Momentaufnahme

Die Sonne neigte sich zum Untergange, in ihrem rötlichgoldenen Lichte schimmerte die öde Steppe wie ein Märchengarten. Die hohen, bronzefarbenen Gräser wogten im Abendwinde leise auf und nieder. Vereinzelte flachkronige Bäume ragten in farbigem Lichte gebadet über das weite, grenzenlose Grasmeer empor. Auf einer Bodenwelle stand eine Gruppe Kandelabereuphorbien, die einen Halbkreis um die flache Kuppe bildeten. Das in unendlicher Klarheit leuchtende Firmament verbrämte ihre schwarzen, starren Umrisse mit einem Goldsaum. Zwei purpurfarbige, spitze Termitenkegel standen wie die Säulen eines Tores am Eingange zu dem Baumkreise. In leichter Neigung senkte sich von hier aus das Gelände und fiel unten in scharfem Bruche auf die mit trocknem Geröll erfüllte Schlucht eines Regenflusses ab. Zahllose Wildspuren führten nach der tiefsten Stelle des Bettes hin. Hier hatten die durstigen Tiere den Boden zerscharrt, um das spärlich sickernde Wasser zu fangen. – Ein Schnauben ertönte in der stillen Schlucht, drei Kuduantilopen hoben die feuchtglänzenden Schnauzen aus dem nassen Sande und äugten nach dem Rande hinauf. Da oben stand der Leitbock; seine riesigen Hörner hingen wie zwei gezückte Schwerter an dem glühenden Himmel. Ein Pfiff, und wie geschleuderte Steine flogen die Tiere den Abhang hinauf und davon. Ihre Hörner und Rücken wiegten mit den weiten Sprüngen im Grase auf und ab und verschwanden dann in der Ferne. Das, was sie hatte flüchtig werden lassen, kam von Norden her und wand sich wie eine lange, dünne, graue Schlange über die Ebene dem Hügel zu. Es war die Safari Vermonts.

Getrennt durch einen kilometerlangen Abstand von der Masse der Träger, deren Sicht- und Hörbarwerden alles Wild verscheuchte, marschierte eine kleine Abteilung voraus. Der erste war ein kleiner, schmächtiger Wilder von schwarzgrauer Hautfarbe. Nach den Winkeln seiner scharfen, halbzugekniffenen Augen zielten die zahllosen kleinen Fältchen, die Menschen eigen sind, deren Augen viel über sonnenbestrahlte Flächen spähten. Er trug einen Lederschurz um die Hüften, einen Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken und einen mächtigen Bogen in der Hand. Es war ein Mann vom Stamme der Wanderobbo, Nomaden, die nur von der Jagd leben. Bei der Expedition diente er als Jagdführer und Fährtenkundiger. Hinter ihm schlenderten die beiden Masaiführer, die Keulen geschultert, die Speere in den Händen, mit dem Stolze und der Gleichgültigkeit, die dieses Herren- und Räubervolk auszeichnen. In einigem Abstande folgte der Engländer, den Feldstecher in der Hand, die Repetierbüchse auf dem Rücken, den Blick seiner kühlen, grauen Augen ins Weite gerichtet. Dicht hinter ihm kam Hatako. Er trug die anderen zwei Gewehre und am Gürtel etwa ein Dutzend kleine Ledertaschen, die die verschiedene Munition enthielten. Seine dunklen Augen folgten jeder Bewegung seines Herrn. Er hatte gelernt, daß dessen nach hinten gestreckte Linke die Schrotflinte, die Rechte die Elefantenbüchse und bestimmte Patronen oder auch Befehle an die nachfolgenden vier Träger bedeuteten, die die Kameras, Kassetten und Stative trugen. Den Schluß des Vortrupps machte der Boy Salim, der mit Feldflasche, Mütze, Tabakkasten und anderen Gebrauchssachen seines Herrn behangen war. So waren sie schon drei Wochen lang von Nairobi aus bis hierher in die Nähe des Tsavo-Flusses durch die Steppen gezogen. Die gelegentlichen Aufnahmen und Abschlüsse am Wege hatten die Leute, von deren Geschicklichkeit und Zuverlässigkeit ein großer Teil des Erfolges der Expedition abhing, eingearbeitet und vorbereitet. Nun sollte hier Standlager bezogen und das Wild systematisch ausgesucht, beobachtet, photographiert und gejagt werden.

Einer der Masai streckte die Hand aus. »Das Wasser ist hinter jenem Hügel, Bana, und da oben ist ein guter Platz zum Lagern!« – »Habe das längst gesehen, mein Junge – hiermit!« sagte Vermont und hielt ihm augenzwinkernd sein Feldglas hin. Der Masai prallte zurück und spreizte abwehrend die Finger aus; dieses Ding war sicher ein starker und gefährlicher Zauber! – Sie stiegen den Hügel hinan, die Schwarzen kletterten sofort in die Schlucht und gruben nach Wasser, der Europäer setzte sich zwischen die Termitenhaufen und sah still zu, wie der große Feuerball unter den westlichen Horizont hinabrollte. Mit Getöse näherte sich die Safari, an deren Spitze vier Askari marschierten. Am Morgen des Abmarsches von Nairobi waren zum Mißvergnügen der Träger plötzlich acht solche Antreiber und Prügelmeister dagewesen. Mit beschleunigtem Schritt, johlend und gröhlend, strömten die Leute in den Kreis der Bäume. Sie freuten sich, die Lasten, die zwanzig Tage lang ihre Köpfe gedrückt hatten, einmal für längere Zeit los zu werden. Wie in einer Viehhürde zur Abendzeit lärmte und wimmelte es jetzt durcheinander. Sie ebneten und säuberten den Platz, holten Brennholz und Wasser und Gras für ihre Lagerstätten. Die Askari, deren Kameraden mit den Nachzüglern angekommen waren, schlugen die beiden Wohnzelte der Weißen und ein großes Arbeitszelt auf. Die Vorleute teilten die Rationen aus, der Koch warf das Blechgeschirr durcheinander und zeterte mit seinen beiden kleinen Gehilfen, und die zwei Reitesel sangen ein greuliches Duett in die sinkende Nacht hinaus. Aber die letzte Strophe blieb ihnen vor Schreck im Halse stecken. Plötzlich ertönte eine andere Stimme aus dem schwarzen Schlunde der Schlucht unter ihnen. In stoßweisem, dumpfkeuchenden Murren schwoll sie an zu gewaltigem Dröhnen, das in vielfachem Widerhall von den Wänden der Kluft hochgetragen und über die dunkle Steppe geworfen wurde. Und aus allen Richtungen, von nah und fern, antworteten die gleichen, von eherner wilder Kraft getragenen Töne; die ganze nächtliche Weite ringsum rollte und schlitterte von dem Gebrüll der Löwen. Donnernd stieg dieser Nachtgesang der Wildnis empor zum Sternenhimmel, hallte in gewaltigem Rhythmus durch die Einöde und wurde von fernen Stimmen als immer leiseres Grollen und Murren weitergegeben in die nachtverhüllten Ebenen. – Mit einem Schlage war alles still geworden im Lager. Die Schwarzen rückten enger zusammen, in ehrerbietigem Flüstern nur fiel hier und da ein kurzes Wort. Die Feuer wurden geschürt, und neue flammten in den entfernteren Winkeln auf. »Nini? – Bana Simba wamesema Jambo tu (Was ist? Die Herren Löwen haben nur Willkommen gesagt)!« Vermont, der rauchend vor seinem Zelte saß, sagte es; seine leise, ruhige Stimme tönte seltsam laut in der Stille. Aber das pflichtschuldige Lachen der Leute über den Spaß ihres Herrn klang nicht ganz echt und frei.

In den nächsten Tagen wurde erst das Lager eingerichtet. Vermont ließ ringsum einen Dornverhau zum Schutze gegen die Raubtiere anlegen, Unterkunftshütten für die Leute und eine große offene Halle zum Bearbeiten und Trocknen der Felle und Gehörne bauen und Brunnen im Flußbett graben. Dann begann seine Arbeit, die Jagd. Die mit dem Gewehre war nicht die schwerste. Viel anstrengender und gefährlicher war die mit der Kamera. Hier kam es darauf an, das wehrhafte Wild und die Raubtiere zu beschleichen und ihnen auf wenige Meter nahe zu kommen, die zur Erlangung einer Aufnahme nötig waren. Schon um ein gutes Bild von ein paar Giraffen oder Straußen oder einem Rudel seltner Antilopen zu bekommen, mußten sie oft ungeheure Märsche auf den Fährten der Tiere durch die sonnenglühende Steppe machen, ehe das leichtfüßige Wild einmal zum Stehen kam. Stundenlang krochen sie dann noch auf dem Bauche Zoll für Zoll näher und erlebten doch so oft, daß die scheuen und wachsamen Tiere sie im letzten Augenblick bemerkten und in einer Wolke von Staub flüchtig wurden. Neue Märsche, die sich nicht selten durch Tage und Nächte erstreckten, waren nötig, um nochmals heran und zu einer gelungenen Aufnahme zu kommen. Und manchmal waren sie nach vielen zurückgelegten Kilometern gezwungen, die Verfolgung doch noch wegen Wassermangels oder vollständiger Erschöpfung aufzugeben. Dann kam der lange, lange Rückweg in der Sonnenglut der Tage und kalte, von Raubtiergeheul und den Qualen des Durstes erfüllte Nachtlager in einsamer Wildnis.

An Hatako stellte die Bilderjagd auf diese Art von Wild nur körperliche Anforderungen, und denen waren seine wie aus Stahl geschmiedeten Glieder spielend gewachsen. Aber es kamen Gelegenheiten, wo er mehr leisten mußte. – Auf der Verfolgung von Oryxantilopen traf der Wanderobboführer einmal zwei jagende Stammesgenossen. Er hielt eine lange Unterredung in seiner Sprache mit ihnen. Dann berichtete er in seinem gebrochenen Kisuaheli: »Bana, dort, eine halbe Sonne weit, es gibt Simba-(Löwe) Mann und Simba-Frau und drei kleine. Wohnen in große Steine. Jeden Tag, Sonne dort«, er zeigte an den östlichen Himmel, in Mannshöhe über den Horizont, »alle Simba kommen heraus und kleine machen so«, er wälzte sich am Boden und tappte mit den Händen spielend nach Grasbüscheln, »und große schauen zu. Gut, zu machen ein Bild. – Bakschisch!?« Vermont lachte leise vor sich hin. »Also eine Löwenfamilie, sechs Marschstunden weit, früh gegen neun Uhr zu Hause anzutreffen, und – Backschisch für die Kunde! – Ihr sollt Backschisch haben! Aber erst führen mich diese beiden Dreckfinken hin! Sage ihnen das! – Du selbst gehst nach dem Lager und gibst dem andern Bana einen Brief. Dann führst du ihn und drei Mann mit Wasser zu den Löwen. Wir gehen von hier aus hin und erwarten euch. Hast du verstanden?« Der Wanderobbo nickte und verständigte seine beiden Stammesgenossen. Dann klemmte er den Zettel in das gespaltene Ende eines Zweiges und setzte sich ostwärts in Trab. Die anderen folgten den vorausschreitenden Wilden südwestlich in die Steppen hinein. – Kurz nach Sonnenuntergang standen sie am Fuße einer Kette von flachen, steinigen Hügeln. Die Führer zeigten auf ein Gewirr von Blöcken, die, von Abendröte umglüht, wie die Ruinen einer alten Burg von einer der Kuppen herabsahen. Schnurgerade hatten die Walden durch die pfadlose Steppe daraufzugeführt. Sie winkten, stehen zu bleiben, und drangen in eine Schlucht ein, die von den Güssen der Regenzeit in den Abhang gerissen war. Die Nasen wie jagende Geparden dicht über dem Boden, prüften sie den sandigen Grund, der mit zahlreichen tellergroßen Vertiefungen bedeckt war, den mächtigen Tatzeneindrücken der Löwen. Mit einigen Masaiworten, klarer aber noch durch ihre ausdrucksvollen Gebärden, verkündeten sie dann, daß einer der Simba bei Sonnenuntergang zur Jagd heruntergewechselt, der andere aber oben bei den Jungen geblieben war. Vermont überlegte kurz. »Gut, wir lagern hinter jenem abseitigen Hügel. Ihr beiden bleibt hier und wartet auf die anderen. Morgen früh kommt Bana Simba zurück und hat Fleisch. Wenn sie es dann essen, geben sie wenig acht, und wir steigen leise hinauf und verstecken uns.«

Es ging alles gut, der Arzt und die Träger kamen um Mitternacht an, und beim ersten Morgengrauen pürschten sie sich an den Abhang heran. Eine ganze frische Spur führte im Sande der Schlucht hinauf. Die fremden Wanderobbo, die Masai und Träger blieben hier zurück. Das Repetiergewehr in der Hand ging Vermont als erster voraus. Ihm folgte Hatako, er trug die Elefantenbüchse und ein Stativ, hinter ihm der zur Safari gehörende Wanderobbo, der mit der Kamera bepackt war. Dann kam Ridder, der Arzt, und sein kleiner Boy, ein Bürschchen von zehn Jahren, das auch jetzt sein ewig lachendes, unbekümmertes Lausbubengesicht machte. In größerem und immer größer werdendem Abstande schlich Salim mit der Schrotflinte und einigen Reservekassetten hinterher. Sein braunes Gesicht war aschgrau geworden, dann und wann fiel ihm ein großer Tropfen von der Stirn. Er wischte ihn jedesmal sorgfältig ab. Als er durch eine Klippe den Voranschreitenden unsichtbar geworden war, blieb er stehen, horchte noch eine Weile furchtsam um sich und fuhr plötzlich wie ein verfolgter Hase wieder zu Tal, an den Zurückgebliebenen vorbei, die erschrocken und entsetzt hinter Steinen hervorlugten, und noch ein Stück in die Steppe hinaus. Die Aufwärtssteigenden hatten auf dem steinigen Boden bald jede Spur verloren und kletterten auf gut Glück weiter. Die wild durch- und übereinander geworfenen und gegeneinander gelehnten Blöcke bildeten ein Kreuz und Quer von klemmend engen Klüften, Toren und finsteren Höhlungen. Die Blicke der Männer bohrten sich in jeden Schatten, prüften jeden Fußbreit Boden, kreuzten und verständigten sich durch ein Augenzucken. Leicht und leise, mit der Gewandtheit einer Eidechse, huschte Hatako zwischen und über den Felstrümmern umher. Auf einem hohen Steine blieb er stehen, spähte lange vornüber und winkte dann die anderen herauf. Wortlos zeigte er vor sich nieder. Ringsum türmten sich die Blöcke zu einem Walle auf. Gegenüber öffnete sich, durch einen Dornbusch halb verborgen, eine Klamm; der Schein der Morgensonne färbte ihre Wände rot, als ob ein Feuer darin brannte. Auf den nackten, blanken Steinplatten davor lagen schneeweiß gebleichte Knochen und Tierschädel verstreut. Mit verhaltenem Atem sahen sie hinab und dann einander an. Vermonts graue Augen strahlten plötzlich in dunklem Blau, seine Hände preßten Ridders Arm. »Wundervoll, Doktor!« raunte er, »es ist nach Osten gerichtet, bestes Licht! – Das wird ein Bild!« – »Hm. ja, – falls die Löwen einverstanden sind«, brummte der Arzt. Der Jäger zuckte die Achseln und sah sich suchend um. Links von ihnen ließen die Steine einen schmalen Spalt frei, der nach hinten abgeschlossen und gegen die Löwenhöhle durch einen halbmannshohen Felsbuckel gesperrt war. »Ich baue mich da drin ein, Doktor!« flüsterte er. Ridder warf einen zweifelnden Blick hinab. »Eine richtige Mausefalle! – Wenn's schief geht, werden Sie von den Simba da herausgeangelt, wie eine Flunder aus der Butte.« Vermont sah ihn still an. Das Gesicht des Arztes war rot geworden. »Nun ja, solange ich lebe, natürlich nicht«, fuhr er fort. »Ich krieche da rechts unter und werde erst schießen, wenn Ihnen der Kater nach der Kehle fahren sollte!« Er schlich hinüber und legte sich, das Gewehr auf den Eingang der Höhle gerichtet, flach in eine Vertiefung. Vermont baute den Apparat in dem engen Winkel auf, stellte die Entfernung ein und machte alles für die Aufnahme fertig. Dann lehnte er sich ruhig wartend gegen den Stein. Hatako kauerte sich dicht hinter ihm nieder und legte sein blankes Messer vor sich auf den Boden. Er nahm eine Prise, dann verschränkte er die Hände vor den Knien und saß still. Nichts rührte sich mehr ringsum. Stille und brütende Hitze lag über dem Trümmerfelde. Stahlblaue Fliegen summten in der heißen Luft, Eidechsen huschten über die Steine, aus dem tiefen Himmelsblau drang hell und klingend der Schrei eines Seeadlers herab. Plötzlich ruckte der Kopf Vermonts vor, seine Hand ballte und öffnete sich erregt; dann stand er wieder unbeweglich, wie selbst zu Stein geworden. Hatako lugte zwischen den gespreizten Beinen durch. – Drüben auf den Steinplatten vor der Höhle, fünf Schritte von ihnen entfernt, stand breit und mächtig ein riesiger schwarzgemähnter Löwe. Kein Geräusch war bei seinem Heraustreten hörbar geworden. Blinzelnd schaute er in die Sonne und öffnete gähnend den Rachen, zwei Reihen von weißen Dolchen blinkten darin auf. Er trat langsam ein paar Schritte vor, drehte sich lässig herum und legte sich nieder, den Kopf auf die ausgestreckten Pranken gesenkt. Steil aufgereckt, alles Leben im Auge gesammelt, stand der Jäger hinter dem Apparat, seine Linke hielt fest und bewegungslos den Abzug, die Rechte das entsicherte Gewehr unterm Arm. Ein helles Mauzen drang jetzt aus der Höhle, zwei kleine gelbe Körper wackelten heraus, purzelten übereinander und begannen sogleich ein wildes Geraufe und Geohrfeige. Dann verdunkelte sich der Eingang, mit einem dritten Jungen erschien die Löwin. Sie blieb dicht vor dem Loch im hellen Sonnenschein stehen, den Kopf hoch erhoben, die gelben Augen, in denen eine furchtbare Drohung aufglomm, fest geradeaus, in das Versteck der beiden Menschen gerichtet. »An-ge-lia (Paß auf)!« hauchte der Jäger. In der peinvollen Stille dröhnte der Schlag ihrer Herzen, starr hingen ihre Blicke an dem drohend flammenden Augenpaar gegenüber. Langsam senkte und spannte sich der Körper des Raubtiers zum Sprunge. Die Finger Vermonts schlossen sich um den Abzug, ein helles »Klick!« – das Nächste war ein Laut und ein Geschehen. Ein kurzes, wildes Aufbrüllen, ein großer gelber Körper flog durch die Luft und mit schwerem Aufschlag in der Klamm nieder, die Beine des Stativs zersplitterten klirrend, die Last des Tieres preßte Vermont gegen Hatako und diesen gegen den Felsen, klemmte sie reg- und wehrlos in die steinerne Enge. Ein Schuß krachte draußen. Die eine Pranke der Löwin wühlte im Fleische von Vermonts Schulter, die andere schüttelte wütend den Apparat, dessen Drahtauslöser in ihren Krallen verhakt war, die Zähne des heißatmenden Rachens rissen Splitter aus dem Gewehrkolben, den der Jäger schützend vor den Hals hielt. Qualvoll stöhnte er unter der Last, aus leichenblassem Gesicht stierten seine weitgeöffneten Augen auf den schrecklichen Kopf vor ihm, »Ha – Hatako!« keuchte er. Mit einem verzweifelten Ruck würgte sich der Wilde vor, rutschte nieder zwischen die Beine seines Herrn, erfaßte sein Messer und stieß nach vorn – nochmals und nochmals. Rasend vor Schmerz brüllte das Tier auf, schnellte zurück, bog sich nieder und schnappte in toller Wut nach den klaffenden Wunden im Bauche. – Da stieß ihm Vermont den Gewehrlauf ins Ohr und drückte ab. Mit dem Knall des Schusses überschlug sich der schwere Körper, begrub die beiden Menschen unter sich, bäumte nochmals hoch und sank unter einem von oben kommenden Schusse verendend zurück. Mit einem Sprunge setzte Ridder herab, trat mit dem Fuße auf die krampfhaft zuckende Pranke, faßte hastig Vermonts Beine und zog ihn unter dem Tiere hervor. Hatako wand sich selbst heraus, stand schweratmend einen Augenblick, raffte dann sein Messer auf und sprang auf den Felsbuckel im Eingange der Kluft. Doch dieser brauchte nicht mehr verteidigt zu werden; der große Löwe lag langausgestreckt und tot vor seiner Höhle. Ridders erster Schuß war ihm durch den Kopf gegangen. Und neben ihm lag der kleine Boy und schrie gellend nach Hilfe, in jedem Arme hielt er einen quiekenden und fauchenden jungen Löwen, der mit wütendem Strampeln um sich biß und kratzte. Hatako riß sein Lendentuch ab und band die beiden Wildlinge fest hinein. Ein klägliches Miauen lenkte seinen Blick nach der Brust des alten Löwen, wo der Kopf des dritten Jungen unter den Zotteln des Mähnenansatzes hervorschaute. Rasch befreiten sie es, doch die Last des Alten hatte dem Tierchen das Rückgrat gebrochen, ein Schlag mit der Keule beendigte seine Schmerzen.

Vermont kam langsam zu sich. Der Arzt reinigte sorgfältig die Wunde, die den Schulterknochen bloßgelegt, ihn jedoch nicht verletzt hatte, und legte einen dicken Verband an. Der Kleine holte die Leute herauf. Als letzter kam Salim. Vorsichtig beäugte er die Löwen erst eine Zeitlang von der Seite. Hatako gab ihm einen Stoß, daß er auf den Alten fiel. »Er ist wirklich tot, vor ihm ist dein Fell sicherer als vor mir!« sagte er mit unterdrückter Stimme. Vermont versetzte Salim einen stummen, verächtlichen Tritt, als er ihm diensteifrig die Feldflasche darbot. Dann schüttelten die beiden weißen Männer Hatako vor allen Leuten die Hand. »Dieser hat die Löwin mit dem Messer angegriffen! Ohne ihn wäre ich jetzt tot!« verkündete Vermont ihnen.

Am Abend waren sie im Lager. Noch in der Nacht entwickelten die Europäer die Platte. Sie war heil geblieben, trotzdem die Löwin den Apparat schwer beschädigt hatte. Die Aufnahme war vorzüglich gelungen. Sie zeigte die aufspringende Löwin und dahinter das hochaufgereckte, mähnenumwallte Haupt des alten Löwen, das einen Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit und furchterweckender Wildheit trug. Eine der Kopien ging tagelang unter den Leuten von Hand zu Hand. Mit geöffnetem Munde und großglotzenden Augen beugten sie sich auf das Bild herab, fuhren mit schwarzem Finger darauf herum, grinsten und stießen Rufe des Erstaunens aus und besprachen erregt diesen Zauber und das Geschehnis, das er festhielt.

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