Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Artur Heye >

Hatako, der Kannibale. Erster Teil

Artur Heye: Hatako, der Kannibale. Erster Teil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleHatako, der Kannibale. Erster Teil
publisherSafari-Verlag G. m. b. H.
firstpub1921
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180304
projectid38aa74c3
Schließen

Navigation:

4. Kapitel.
Der Büchsenträger des weißen Mannes

Am anderen Tage wurden die Leute abgelohnt. Viele von ihnen waren Jahre hindurch zusammen gewesen und hatten Marsch und Mühsal, toddrohende Gefahr und harmloses Lustigsein, den Breitkopf und die Schlafmatte mit einander geteilt. Hier kauften sie erst für schweres Geld einige bunte Lappen beim indischen Händler, behängten sich damit und freuten sich wie Kinder daran. Dann tranken sie zusammen Pombe (Hirsebier). In der Nacht fielen sie betrunken in den Straßen nieder zu einem letzten gemeinsamen Schlaf. Am nächsten Morgen lachten sie einander an, tauschten einen Händedruck und gingen für immer auseinander – einige nach Hause, zehn oder zwanzig Tagereisen weit, andere als Träger auf neue Safari in unbekannte Länder. –

Auch vor Hatako hatte der Araber ein Häufchen Silberstücke aufgezählt. Aber er legte rasch die Hand wieder darauf, strich sich nachdenklich den Bart und sah Hatako an. Dann sagte er langsam: »Gott hat dich in meinen Weg geworfen, daß ich für dich sorgte. Du bist ein Heide und ein Menschenfresser. Aber der Allbarmherzige will, daß du ein Mensch und ein Gläubiger des Propheten wirst. – Von anderen Menschen weißt du nichts, als daß du sie essen kannst. Aber sie wissen, daß du Geld hast und würden dich darum betrügen. Dann springst du ihnen an die Kehle, und sie schlagen dich tot wie ein Pantherjunges. – So will ich weiter für dich sorgen. Arbeite in meinem Hause! Ich werde jemand finden, der dich weiterführt, bis du selber gehen kannst. Willst du?«

Sie standen auf der Veranda seines Hauses. Davor lag ein freier Platz, und gegenüber schimmerten hinter Büschen und hohen Eukalyptusbäumen die weißen Mauern eines Gebäudes hervor. Von den beiden Türmen wehten Fahnen, ab und zu erklang ein Trompetensignal hinter den hohen Mauern. Hatako deutete mit der Hand hinüber. »Ist dieses eine Boma (befestigter Platz), wo weiße und schwarze Askari drin wohnen?« fragte er. Der Araber nickte. »Ja, warum?« Hatako hob seine Kürbisflasche und die neue Wurfkeule aus steinhartem Rosenholz, die er sich unterwegs geschnitzt hatte, vom Boden auf. Die Falte in seiner Stirn hatte sich vertieft und sein Gesicht noch wilder und finsterer gemacht. »Dann kann ich nicht hierbleiben, gib mir mein Geld!« sagte er, zum Gehen bereit. Die Fältchen um den Augen des Arabers zuckten in einem verstehenden Lächeln. »Hatako, bin ich dir nicht ein Vater gewesen, unterwegs? – Glaubst du, was ich dir sage?« Hatako nickte kurz, sein Blick richtete sich wieder unruhig auf das Haus mit den Türmen. »Ich weiß, daß du der Mjema bist, den die Askari am Lualaba suchten«, fuhr der Araber ruhig fort. »Aber diese hier wissen nichts von dir und tun dir nichts. Dieses Land gehört anderen Weißen, den Inglesi (Engländer). Dort oben in den Bergen, wo die Askari all mein Elfenbein in das kleine Haus trugen und ich dann viel Silber für Kongo (Zoll) bezahlen mußte, war die Grenze deines Landes. Geh nie wieder über diese Berge! – Dann kannst du in Frieden leben.« Hatako sah ihn stumm und forschend an. »Ich glaube dir, du bist mein Freund«, sagte er beruhigt.

Einen Monat blieb er im Hause des Händlers. Zu Haus- und Küchenarbeiten eignete er sich allerdings nicht. Als er Holz vom Hofe in die Küche schaffen sollte, brachte er nur einen Arm voll, beim zweiten kam er nicht wieder. Der dicke, sudanesische Koch, der nach ihm sah, fand ihn unter dem Mangobaume hocken und ernsthaft mit dem großen, zahmen Pavian reden, der dort angekettet war. »Wo bleibst du, Fauler?« schimpfte der Sudanese. Hatako sah ihn gar nicht an. Da stieß ihn der Koch mit dem Fuße. »Hörst du nicht, du Schenzi (Bauernlümmel, Wilder)!« Im nächsten Augenblick rollte der Dicke wie eine Tonne über den Sand und quiekte vor Schmerz und Wut. Hatako hatte das stoßende Bein gepackt und niedergerissen, und sein Freund, der Pavian, dem anderen einen blitzschnellen Biß versetzt. Jetzt saß er auf dem Baume und schnitt dem gefällten Feinde Grimassen. Der Dicke rieb stöhnend die Wunde und starrte Hatako wütend an. »Den Biß hat der gemacht«, sagte Hatako in stillem Humor und zeigte auf den Baum.

Von da ab bekam er keine Hausarbeiten mehr aufgetragen. Um so williger und geeigneter erwies er sich aber für andere Dinge. Eines Tages erwarb sein Herr mehrere junge Löwen und Leoparden zum Weiterverkauf. Hatako bekam sie in Obhut und Pflege. Halbe Tage lang saß er auf dem abgeschlossenen Hofe, spielte mit den jungen Raubtieren, fütterte und tränkte sie. Geschmeidig wich er den tückischen Tatzenhieben und schnappenden Bissen der beiden Leoparden, die schon größer und nicht mehr ganz harmlos waren, aus, gab ihnen bei allzu großer Unbändigkeit auch einmal einen Klaps mit seiner Keule. Auf dem Mangobaume saß beobachtend der Affe und kratzte sich aufgeregt. Wenn die Leoparden seinen Freund angriffen, schüttelte er mit Grunzen und Zähnefletschen einen Ast und sprang wütend auf und ab. Ringsum starrten aus Fenstern und Galerien ängstliche Menschengesichter in den Hof herab, in dem sich die jungen Wildlinge und ihr ebenso wilder Meister tummelten. Die Tiere gediehen unter der Pflege Hatakos prächtig, und als sie der Araber nach drei Wochen weiterverkaufte, hatten sie schon viel von ihrer ursprünglichen Wildheit verloren.

Wenn Elfenbein verladen wurde, bekam Hatako die Aufsicht über die Arbeiter. Er zählte gewissenhaft die ankommenden oder abgehenden Zähne. Bei je fünf, der höchsten Zahl, die er kannte, schnitt er sich eine Kerbe in einen Stock. Dann half er mit seinen geschickten und starken Händen unten am Hafen, die schweren und kostbaren Stücke in die Boote zu verstauen. Mit dem ihm eigenen leisen und federnden Gang, die Keule geschultert und das unbewegliche Gesicht geradeaus gerichtet, begleitete er die Transporte. Die Eingeborenen auf den Straßen wichen ihm aus, tauschten flüsternde Bemerkungen und sahen ihm nach. Er sprach kaum ein Wort, konnte es auch nicht, denn seine Kenntnisse des Kisuaheli, der Verkehrssprache des östlichen und zentralen Afrikas, waren noch gering. Aber die Lässigen und Faulen unter den Arbeitern zuckten schon zusammen, wenn sie den dunklen, wilden Blick dieses Fremdlings, der so spitze Zähne und nur ein Ohr hatte, auf sich gerichtet fühlten.

Abends rief ihn manchmal sein Herr auf die Veranda, hieß ihn niedersetzen und sprach über religiöse Dinge zu ihm. Er erzählte von Allah, der alle Dinge geschaffen hat, von Mohammed, seinem Gesandten, und den Gesetzen, die er den Menschen verkündet und in einem Buche, dem Koran, hinterlassen hatte. In Bildern, die von dem Feuer seines eigenen tiefen Glaubens durchglüht waren, schilderte er ihm die Freuden des Paradieses, das die Gläubigen und Guten erwartete, und die Schrecken der Hölle, die für Schlechte und Ungläubige waren. Aufmerksam hörte Hatako zu. Als aber der Araber sagte, daß es dem Gläubigen verboten wäre, Menschenfleisch zu essen, erlahmte und erlosch sein Interesse.

Eines Tages kamen schon vom frühen Morgen an Hunderte von Menschen vor das Haus des Arabers. Er hatte von der Boma den Auftrag bekommen, für einen Jäger und Photographen eine Safari nach Britisch-Ostafrika zusammenzustellen. »Diese Leute gehen mit einem Engländer in ein Land, wo es mehr wilde Tiere als Menschen gibt. Der Weiße will dort die Tiere jagen und Bilder von ihnen machen. Möchtest du auch mitgehen?« fragte der Araber. »Ja, aber ich will keine Last auf dem Kopfe tragen!« antwortete Hatako schnell. Der Araber nickte lächelnd.

Tags darauf kam der Reisende. Es war ein kleiner, magerer Mann mit einem Vollbarte und ruhigen Augen. Der Araber zeigte ihm die Safari, zuletzt mit einigen kurz berichtenden Worten auch Hatako. Der Engländer warf einen flüchtigen Blick über die Leute. Auf dem Menschen vor ihm, dessen fast nackter Körper nichts als Kraft und unbändige Wildheit atmete, blieb sein Auge länger und weniger gleichgültig haften. Das des Wilden begegnete ihm in ruhigem Selbstbewußtsein.

»Speak English? – No? – Unajua Kisuaheli (Sprichst du Kisuaheli)?« fragte er kurz. »Kidogo Bana (Ein wenig, Herr),« antwortete die tiefe Stimme des Kannibalen. »Du siehst aus, als ob du dich nicht leicht fürchtest! – Du kannst mein Gewehrträger werden. Auf Jagd mußt du immer bei mir sein – aber auch bleiben! Verstehst du?« – »Ndio (Ja), Bana!« sagte Hatako ruhig, hob grüßend seine Keule an den Kopf und setzte sich nieder. »Du mußt nicht sitzen in Gegenwart eines Weißen,« raunte ihm der Trägervormann hastig zu. Doch Hatako schloß die Augen, langsam, wie es Löwen tun, und wendete schweigend den Kopf ab.

Der Engländer steckte die Hände in die Rocktaschen und wandte sich zu dem Araber. »Ein merkwürdiger Bursche! Sehr zahm scheint er nicht zu sein, aber ich glaube, zuverlässig. – Well, wir werden sehen. Bringe die Safari morgen früh an die Boma. Die Lasten liegen unten am Hafen bereit. Zu Mittag marschiere ich ab,« sagte er und ging.

Am nächsten Morgen nahm der Araber Hatako mit auf den Markt. Er kaufte ihm eine kurze Khakihose, ein Khakihemd und eine Wolldecke für den dritten Teil des Preises, den man Hatako abgefordert hätte. Ein gutes Taschenmesser machte er ihm zum Geschenk. Zu Hause rechnete er mit ihm ab und zahlte ihm den Rest seines Lohnes für vier Monate aus. Hatako tat das Geld in seinen Lederbeutel und freute sich an dem Klingen der Münzen. Schweigend ging er weg. Als er schon die Stufen der Veranda hinunter war, wandte er sich um, sprang mit einem Satze wieder hinauf, ergriff die beiden gelben Hände und drückte sie rasch an seine Brust.

Vor der Boma erwartete ihn der Boy (Diener) seines neuen Herrn. Er übergab ihm drei Gewehre, die in Lederhülsen steckten. Eins war eine schwere Büchse für Elefanten, Nashörner und Büffel, das andere ein Repetiergewehr, das dritte eine Schrotflinte. »Die sollst du immer tragen. Du darfst sie nicht hinfallen und nicht naß werden lassen und sie nie ohne meine oder Bana Vermonts Erlaubnis aus dem Leder nehmen. Ich werde dich lehren, wie sie gereinigt werden. – Du hast sicher noch kein Gewehr in der Hand gehabt, denn du bist ein Schenzi tubu (richtiger Wilder), wie ich sehe,« sagte der Boy und hob die Nase in die Luft. Er war ein Küstenmann von Lamu, klug, gewandt, frech und durchtrieben, gleicherweise auf seine helle Hautfarbe, seinen mohammedanischen Glauben und seine Vertrautheit mit Europäern eingebildet. »Ich verstehe, was du Schakal bellst. Vielleicht ziehe ich dir eines Tages dein Fell ab. Aber es scheint nicht viel wert zu sein«, sagte Hatako gleichmütig und nahm die Gewehre. Darauf war der Boy nicht vorbereitet. Als er schließlich den Mund öffnete, war etwas in dem Auge des Wilden, was ihm nicht gefiel, und er entschied sich für Schweigen.

»Hallo, bist du da?« rief Hatakos Herr, als er aus dem Gebäude kam. »Bleibe jetzt noch bei den Trägern, denn hier brauche ich die Gewehre nicht. Wir haben erst eine weite Reise mit dem Schiff und der Eisenbahn zu machen, bis wir in das Land der Tiere kommen. – Aber jeden Abend kommst du zu mir und putzest die Gewehre, während ich dabei bin.«

Die Safari war etwa hundertfünfzig Mann stark. Mit lautem Gesang zogen sie durch die Stadt nach dem Hafen. Freunde und Angehörige begleiteten die Abziehenden bis dahin, nackte Kinder mit dicken Bäuchen trippelten und purzelten jauchzend vor der Kolonne her. Unter den Veranden der mit Bananenblättern gedeckten Hütten klangen die hellen Abschiedsrufe von schwarzen Frauen hervor. Die Besucher der Teehäuser, vornehme, weißgekleidete Eingeborene, die auf Bänken im Schatten der Mangobäume saßen, reckten die Hälse. In dem Menschen- und Tiergewimmel des Marktes sprang hier und da einer aus der Reihe, um noch schnell eine Melone, ein Glas Reisschnaps oder etwas von den fettigen Süßigkeiten, von denen sich Fliegenschwärme erhoben, zu kaufen. Die Trägervorleute trieben die Gefräßigen mit Scheltworten und Stockhieben wieder zusammen. Jeder der Abziehenden bekam von einem Bekannten einen freundlichen Zuruf mit auf den langen Weg, nur für Hatako gab es nichts als scheu-verwunderte Blicke. Am Hafen wurden die Namen der Leute von dem ersten Trägerführer verlesen, die Lasten zugeteilt und diese in drei große Boote verladen. Unter gellenden Hornstößen und brausendem Geschrei der Gehenden und Bleibenden stießen die Boote ab. Draußen im freien Wasser setzten sie Segel, in schneller Fahrt glitten sie über die leichtbewegte, blaugrüne Flut. Langsam versanken die blauen Berge im Westen, und die mit Bananenhainen bedeckten Ufer Ugandas tauchten vor ihnen auf.

In Kibero landete die Safari, und in zehn Tagemärschen durchzog sie dann ein Land, wie Hatako noch keins gesehen hatte. Hier gab es keine Wälder und keine weiten Grassteppen. Alles Land, die Ebenen, die Täler und sogar die Hänge der Berge bis hoch hinauf waren nur ein einziges großes Feld. In Hülle und Fülle wuchsen hier Bananen und Zuckerrohr, Mais, Reis, Bataten, Bohnen und Kürbisse. Der Boden war fett und fruchtbar. Zahlreiche Flüsse durchzogen das Land, und kleine Gräben führten ihr Wasser überall hin, wo es gebraucht wurde. An diesen zehn Marschtagen sah Hatako mehr Dörfer und Menschen, als er in hundert in den Wald- und Grasländern des Kongo gesehen hatte. Raum für das Nachtlager fand die Safari nur auf den Marktplätzen der Dörfer. Lebensmittel waren in diesem Lande billig und überall zu haben, aber nach Brennholz mußten sie weit gehen und es teuer bezahlen.

In Mengo erreichten sie das Ufer eines großen Wassers – des Viktoria-Nyanza. Im Hafen lag ein sehr großes Boot, auf dem Häuser standen. Ein kurzer Baum von weißer Farbe ragte darüber empor und blies Rauch in die Luft. Schweigend und aufmerksam betrachtete Hatako alles, als sie auf das Verdeck geführt wurden. Seine Kameraden erklärten ihm, daß das Boot von dem Feuer bewegt wurde, das in seinem Bauche brannte. Er hörte es ohne Staunen, es war ihm klar geworden, daß die Weißen alles machen konnten. – Sie fuhren ab, und bald war kein Land mehr zu sehen. Am Abend sahen sie die Sonne im Wasser versinken und am Morgen wieder aus dem Wasser emportauchen. Gegen Mittag erspähten sie einmal eine Kette von kleinen Inseln und begrüßten sie mit Jubelgeschrei. Aber in der nächsten Nacht wurden sie geweckt; das Rumoren im Bauche des Schiffes hatte aufgehört, sie waren im Hafen von Kisumu in Britisch-Ostafrika.

Das weiße Licht eines Scheinwerfers, heller als der volle Mond, brach plötzlich von einem Mast herab; Hatako blinzelte hinein, aber er konnte nicht erkennen, wie die Lampe beschaffen war. Die Dinge der Weißen ließen sich nicht begreifen. – Nun trugen sie die Lasten vom Schiff herunter über einen freien Platz und dann in große, finstere Wagen hinein. Viele solcher Wagen standen hintereinander, ihre Räder ruhten auf schmalen, eisernen Pfaden. Vorn war ein riesengroßes, schwarzes Ding mit einem dicken, runden Bauche und zwei hellen Lampen an der Brust. Es war heiß und zischte und blies Dampf und Rauch aus. Hatako erkannte, daß auch dieses mit Feuer vorwärts getrieben wurde und dabei die Wagen zog. Als alles verladen war, mußten sie ihre Flaschen mit Wasser füllen und dann in andere Wagen einsteigen, die Fenster hatten und Bänke zum Sitzen. Dann gab es einen Ruck, und der Zug rollte hinaus in die Nacht, schneller und immer schneller. Die Lichter von Kisumu flogen vorbei, nun leuchteten nur noch die Sterne über den Bergen, die sich immer steiler emportürmten und dem Zuge entgegen zu eilen schienen. Plötzlich erloschen die Sterne, tiefe Nacht und beißende Rauchschwaden umgaben sie. Mit Donnergedröhn bohrte sich der Zug in die Leiber der Felsen hinein, schoß wieder heraus und auf hohen Brücken über finstere Abgründe hinweg. Mit ungeheurer Kraft riß der dickbäuchige, funkensprühende Feuerteufel da vorn die ratternden Wagen hinter sich her und immer höher und höher hinauf. Eiseskälte strömte durch die Fenster herein. Die Träger schlossen sie, hüllten sich zähneklappernd in ihre Decken und schmiegten sich eng aneinander. Einer lehnte sich an Hatako, aber der hob das Kinn hoch und drängte ihn weg. Er stand auf, wickelte sich mitsamt den Gewehren in seine Wolldecke und legte sich am Boden nieder.

Als der Morgen graute, sausten sie auf einer flachen Ebene dahin. Trockenes, gelbes Gras bedeckte spärlich den rötlich schimmernden Boden, fahlgraue Dornbüsche griffen mit dürren, verrenkten Armen in die Luft, hier und da stand eine dunkle, flachkronige Schirmakazie oder eine hohe einsame Palme in der unendlichen Weite. Die Sonne stieg über den fernen Horizont, die Wedel der Palmen, die sich im Morgenwinde wiegten, erglühten in ihrem Licht; dann sank der rote Glanz auch über Busch und Gras und über die ganze ungeheure Weite ringsum. In rasender Geschwindigkeit, rastlos und unermüdbar, stürzte der Zug der Sonne entgegen. Hier und da drehte sich einmal ein kleines Dorf, von ein paar Bäumen und Feldern umgeben, wie auf einer großen, kreisenden Scheibe vorbei. Hohe, schlanke Männer standen einsam auf der Ebene und bewachten weidende Herden, an Bahnübergängen warteten Weiber mit Wasserkrügen auf den Köpfen. Männer und Weiber waren völlig nackt. »Kavirondo!« sagte ein Träger zu Hatako und zeigte hinaus auf das Land und seine Bewohner.

Nach und nach wurde weniger von ihnen sichtbar, zuletzt verschwanden sie ganz. Zu unendlicher Verlassenheit, ohne Wechsel und ohne Grenzen, glitten die graugelben Flächen der Einöde an dem Zuge vorbei. Wild tauchte auf, erst einzelne Stücke, dann Rudel, dann vielhundertköpfige Herden. Antilopen und Gazellen aller Art, Gnus und Zebras waren die häufigsten. Manche standen unbeweglich oder trotteten gemächlich dahin, andere fegten wie der Wind über die Ebene oder ergingen sich in tollen Sprüngen; die meisten grasten, die Köpfe gesenkt und die Schwänze ruhelos schlagend, unbekümmert um den Zug, der kaum einen Steinwurf von ihnen entfernt dahindonnerte. Strauße tauchten auf, und begannen einen Wettlauf mit dem Zuge, zwei Nashörner rasten auf ihn los, vor dem Damme blieben sie plötzlich glotzend stehen; von einem entfernten hohen Termitenhügel herab setzte der gelbe Körper eines Löwen mit weitem Sprunge ins Gras. Allüberall war Wild, die ganze Steppe war bevölkert von tierischem Leben. –

Eine breite Staubwand wuchs in der Ferne auf und näherte sich mit reißender Geschwindigkeit der Bahn. Sie wurde größer und dunkler, verschwommene Formen wogten in dem rötlichgrauen Dunste durcheinander. Brüllend wie eine Brandung stürzte sie heran und hüllte alles in trübrötliche Dämmerung. Die Bremsen kreischten, mit einem scharfen Ruck blieb der Zug stehen. Die Woge hatte den Bahnkörper erreicht und brandete darüber. Aus den wirbelnden Staubwolken drang ein dumpfes Dröhnen – das Getrampel von zahllosen hufbewehrten Füßen. Es waren Zebras. Tausende und aber Tausende von Zebras. – Der Zug stand in einem einzigen Gewoge von vorwärtsdrängenden, gestreiften Leibern. Die Köpfe der Träger zwängten sich durch die Fenster, mit weit aufgerissenen Augen sahen sie den gewaltigen Strom von Tieren vorüberfluten. Endlich wurde die Wolke lichter, das Dröhnen schwächer, die Nachzügler der Herde waren zu erkennen. Dumpf schnaubend, mit glänzenden, wilden Augen und wehenden Schweifen galoppierten sie vorbei. Weit, weit draußen schon wälzte sich jetzt die Staubwolke über die Steppe. –

Hatako wiegte tiefaufatmend seine Wurfkeule in der Hand. »Wahrlich, dies ist ein Land der Tiere,« sagte er zu zwei Stammesgenossen, die mit im Wagen waren. »Ja, hier gibt's Fleisch – oh, Fleisch!« schrieen diese, klatschten sich auf die Schenkel und zeigten lachend ihre spitzen Zähne. Sie hockten zusammen nieder, erregt beschrieben sie den Strom von lebendigem Fleisch, den sie gesehen hatten. –

Der Zug eilte jetzt mit verdoppelter Geschwindigkeit dahin, die Wildmassen in der Landschaft lösten sich in kleinere und seltenere Trupps auf, Ansiedlungen wurden wieder sichtbar. Hier und da gab es einen kurzen Halt an kleinen Stationsgebäuden. Sie waren mit Wellblech gedeckt und schmorten verlassen und einsam im Sonnenbrand. Schlanke, magere Männer mit scharfen Gesichtern, die mächtige, breitklingige Speere in den Händen hielten, standen herum. Auf den Köpfen trugen sie etwas, das rot glänzte und Kupferhelmen ähnlich sah. Es waren Masai; sie hatten ihr langes Haar wie eine Kappe geformt und es mit einem Gemisch von roter Erde und Fett getränkt.

Auf einer der Stationen kam der Boy Salim in den Wagen. Sobald er Hatako sah, machte er tückische Augen. »Du, streck dein Bein nicht zu weit in jene Ecke, sonst wird dir ein Zeh abgebissen!« sagte er mit giftigem Lachen und zeigte auf die Manjema. Die Träger grinsten achtungsvoll, Hatako schwieg; er war dabei, sich den Körper mit Fett einzureiben. Der Boy erstickte fast vor Bosheit. »Oh, das ist's, wo all das Gewehröl hinkommt!« schrie er, »ich –.« Da flog er schon, durch einen gewaltigen Fußtritt getrieben, gegen die Tür. Hatako riß sie auf; ein zweiter Tritt beförderte seinen Feind von dem eben anfahrenden Zuge hinunter. Schreiend rappelte er sich auf und rannte nebenher. Der Stationsmaster pfiff, der Zug hielt wieder, Bana Vermont sprang heraus. »What's matter. – Was machst du hier?« – »Er kam herein und höhnte die Manjema, Bana!« riefen die Träger. Da gerieten die Hände des kleinen Mannes in blitzschnelle Bewegung. Ein Hagel von Ohrfeigen prasselte dem Boy ins Gesicht. Heulend rannte er am Zug entlang, der Engländer in unermüdlicher Freigebigkeit hinterher, bis der Verfolgte in seinem Abteil verschwunden war. Unter brausendem Gelächter seiner Passagiere fuhr der Zug weiter. – Eine Stunde später lief er in Nairobi ein.

Mit steifen Gliedern kletterten die Träger heraus und nahmen ihre Lasten in Empfang. Ein Stück vor der Stadt bezogen sie Lager. Hier machten sie erst einmal Feuer, kochten und aßen drei Stunden lang. Am nächsten Vormittag holten sie eine Menge großer Kisten und Ballen von der Bahn. Am Nachmittage kam Bana Vermont mit zweihundertundfünfzig neu angeworbenen Trägern aus der Stadt; es waren Suaheli Wataita, deutsche Wanyamwepileute, und zwei Masai, die als Führer dienen sollten. Die Kisten und Ballen wurden geöffnet, einige enthielten Konserven und Munition, die meisten aber blitzende Messinginstrumente und Gestelle, schwarze Kästen und Pakete, – die photographische Ausrüstung des Forschers. Dann brachten Eselgespanne noch viele Säcke mit Mehl, Reis und Bohnen für die Verpflegung der Träger. Alles wurde in Halbzentnerlasten eingeteilt und verpackt. Am andern Tage erschien noch ein weißer Mann, ein Freund von Bana Vermont, der ihn begleiten wollte. Er war ein Arzt; alle Leute wurden erst von ihm untersucht. Einige Kranke mußten zurückbleiben, dann verkündete Bana Vermont von seinem Maultiere herab: »Wir marschieren morgen früh in die Wildnis. Jedermann tue seine Pflicht! Wer sie nicht tut, wird von mir bestraft, und wer wegläuft, den bestrafen der Hunger und Durst und die wilden Tiere! – Jeder, der mit mir hierher zurückkehrt, wird mit seinem Bakschisch (Trinkgeld) zufrieden sein.« – »Ndio, Bana Vermonti!« schrien die Träger. Die Mohammedaner unter ihnen murmelten: »Inschallah (So Gott will)!«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.