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Hatako, der Kannibale. Erster Teil

Artur Heye: Hatako, der Kannibale. Erster Teil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleHatako, der Kannibale. Erster Teil
publisherSafari-Verlag G. m. b. H.
firstpub1921
year1921
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3. Kapitel.
Die Giftpfeile der braunen Zwerge

Mitternacht war nahe, ein schwerer Regen rauschte aus tiefschwarzem Himmel herab, als der einsame Ruderer landete. In Schlamm und Schilf watend, zog er den Einbaum noch ein langes Stück hinter sich her bis zu einer Stelle, wo schon eine Anzahl gleicher Fahrzeuge verankert lag. Sorgsam machte er das seine an einem Baumstumpfe fest, schulterte das Ruder und schritt rasch und zielsicher auf einem kaum erkennbaren Pfade in die Dunkelheit hinein. Bald verkündeten das schwache Glühen von Feuern, Hundegebell und Menschenstimmen die Nähe eines Dorfes. Der Wanderer stieß einen langgezogenen Ruf aus, ein gleicher kam als Antwort aus den Hütten zurück, die jetzt vor ihm schwarz und massig aus der Nacht traten. Mehrere Männer kamen ihm entgegen, sie prusteten und schauerten in der wild herabströmenden Flut. »Bist du es, Hatako? – Willkommen!« Es war das benachbarte Manjemadorf, wo er sich den Einbaum zu seiner Rachefahrt geliehen hatte.

Sie führten ihn in die größte Hütte des Dorfes. Mehrere Männer, in dem beißenden Rauche, der das Innere erfüllte, kaum erkennbar, saßen schon darin, andere kamen auf die lauten Willkommenrufe hin noch herbei. Hatako schüttelte das Wasser aus dem wirren Haarschopf und von der glänzenden Haut herab, hockte am Fenster nieder und rieb sich fröstelnd die Hände. Auf den rauhen Ruf eines alten Mannes hin brachte ein Weib eine Holzschüssel voll in Öl gebackener Süßkartoffeln und stellte sie vor dem Ankömmling nieder. Sein Gastgeber schnitt von einer großen Tabe, die von der Decke hing, noch eine Handvoll goldgelber Bananen und legte sie dazu. Es war nicht nötig, daß sie den Gast immer wieder höflich zum Zugreifen aufforderten, er kaute und schlang mit vollen Backen.

»War der weiße Zauberer fett und gut zum Essen?« fragte einer der Männer. »Oh, so fett war er! – Ich habe ihn gesehen!« rief ein anderer eifrig und zeigte mit Armen und Händen eine unmögliche Bauch- und Backenfülle. Die Männer lachten dröhnend auf, ihre braunen Körper bogen und wanden sich vor Vergnügen, über das finstere Gesicht Hatakos glitt bei der Erwähnung seines Feindes ein Zug von jäh aufflammendem Haß, dann lachte auch er und sagte ruhig: »Ich habe ihn nicht bekommen – nur ein wenig fehlte. Aber er schlug mich mit seinem Fetisch – da – –,« seine fettige Hand zeigte auf eine blutrünstige Schmarre an der Stirn. – »Dann lief er weg.« Ohne sein Essen zu unterbrechen, berichtete er den Männern, was er erlebt hatte. Schweigend hörten sie zu, dann und wann nur unterbrach ein erregtes oder erstauntes »Lo!« die lebendige Darstellung des Erzählers. »Meinst du, daß dich der Zauberer erkannt hat?« fragte sein Wirt am Schlusse. Hatako nickte. »Dann werden sie bald Askari in die Dörfer unseres Stammes senden, um nach dir zu suchen. Bis dahin ruhst du, und bist unser Gast. Doch dann mußt du fort. Sehr weit mußt du gehen, nach Osten zu. Dort sind Länder, wo andere Weiße die Herren sind, nicht die Belgier.«

Der Alte hatte recht. Schon am anderen Tage hörte Hatako, der faul vor der Hütte seines Gastgebers lag, das ferne, dumpfe Dröhnen einer Signaltrommel über den zur Ruhe gehenden Wald schallen. »Manjema alle, hört! – Manjema alle, hört! – Askari gehen stromauf. – Sie suchen einen Mjema. – Er verberge sich!« – Mit schwerem, dumpfen Tone gab die Trommel des Dorfes die Antwort: »Wir haben gehört!« Und nach einer Pause meldeten die Schlägel in langen und kurzen Schlägen die Nachricht, die doch nur sie anging, weiter. Sie wußten sehr wohl, daß auch andere als Manjemaohren die Trommel hörten und verstanden und Schlüsse ziehen würden, wenn ein Dorf das Gehörte nicht weitergab.

Beim Morgengrauen des anderen Tages verließ Hatako das Dorf und damit seine Heimat für immer. Vom Morgen bis zum Abend wanderte er durch die unermeßlichen, düsteren Wälder, viele Wochen lang. Nur selten traf er auf ein Dorf, und noch seltener durfte er wagen, es zu betreten. Fast ein jedes war von einem anderen Stamme bewohnt, sprach eine andere Sprache, hatte andere Sitten und Anschauungen – war eine Welt für sich, die dem Fremden mit Argwohn oder Haß begegnete. Im Urwald ist jeder jedermanns Feind. Bei Abenddämmern schlich der heimatlose Wanderer über die Felder, stahl hastig einige Früchte oder Knollen, dann und wann auch einmal ein verirrtes Huhn, einen mageren Hund, und suchte mit dem Erbeuteten rasch wieder sein einziges Obdach auf, den Wald. An einem einsam flackernden Feuerchen bereitete er sich sein Mahl und schlief dann, eng zusammengerollt, zwischen den Wurzeln oder im Geäste eines Baumes. Frühmorgens nahm er, steif und lahm vom harten Liegen, seinen endlosen Weg wieder auf – immer der aufgehenden Sonne entgegen. Die wenigen eßbaren Früchte des Waldes, hier und da ein Stück des seltenen, scheuen Wildes, das er mit seiner Wurfkeule erreichen konnte, einigemal auch ein begegnender Mensch, der ihm feindlich in den Weg getreten und unterlegen war, bildeten an manchem Tage seine einzige Nahrung.

Dann kam ein Land, wo der Wald noch dunkler und einsamer wurde, keine Menschen und keine Ansiedlungen mehr beherbergte. Breite Ströme, die von keinem Kanu befahren wurden, rauschten durch den Urwald. Wie faulende Baumstämme lagen riesige Krokodile still und tückisch auf den Sandbänken und ängstigten den Wanderer, der die öden Gewässer schwimmend überquerte. Dann zwangen weit ausgedehnte, grünschillernde und schaumbedeckte Sümpfe, in deren grundlosem Schlamm die Bäume auf hohen Stelzwurzeln standen, und ungeheure, verfilzte Dickichte, die kaum einem Baumschliefer Durchschlupf boten, den Flüchtling zu weiten Umwegen. Sie ermüdeten und erschöpften ihn zusammen mit dem ewig nagenden Hunger im Laufe der Tage und Wochen bis auf den Tod.

Eines Abends zwängte er sich mühselig durch die wildverschlungene Vegetation eines Flußufers. Er suchte eine Stelle, wo er über das Wasser kommen konnte. Sie mußte schmal sein, denn er fühlte sich zu entkräftet, um lange schwimmen zu können. In seinen Adern tobte ein Fieber, das ihm den Kopf schwer und die Kniee zittern machte. Endlich fand er eine Übergangsstelle, und seine müden Augen glänzten auf vor Freude, als sie entdeckten, daß es eine Furt war. Ein von Menschen begangener Pfad lief aus dem Walde auf sie zu und drüben weiter. Doch er traute sich heute nicht mehr die Kraft zu, hinüberzukommen. Eine natürliche Laube, die von den Luftwurzeln eines nahestehenden, wilden Feigenbaumes gebildet wurde, bot ihm ein dumpfes, aber sicheres Nachtasyl.

Frost- und fiebergeschüttelt und durchwühlt von grimmigem Hunger, erwachte er am anderen Morgen und kroch aus seinem Unterschlupf heraus. Da schlug ein heller Ruf an sein Ohr. Mit schreckerfüllten Augen starrte er in den Schatten eines großen, rotleuchtenden Mahagonibaumes. Dort wimmelten winzig kleine, hellbraune Menschlein durcheinander, hackten, zerrten und schnitten an etwas Großem, Rotbraunen herum, das am Boden lag. Wirre, abergläubische Vorstellungen, durch die Schleier des Fiebers gesteigert und verzerrt, gaukelten durch sein Hirn. Jetzt hatten ihn die Zwerge gesehen, ein quäkender Ruf – und wie ein Mückenschwarm zerstob und verschwand der Spuk. Nur das Rotbraune blieb, es war eine große, tote Antilope. Hunger lohte in mächtiger Flamme in ihm auf und verzehrte alle Furcht. Dort lag Speise – Fleisch! Mit ein paar unsicheren Sprüngen war er am Mahagonibaum, hieb und riß mit Messer und Nägeln einen Fetzen aus der abgestreiften Keule und stopfte den noch warmen Bissen in den Mund. Eine Welle neuer Kraft durchflutete ihn sogleich und mit ihr kehrte klares, scharfes Denken zurück. Mit raschen Schnitten löste er die Keule ab und huschte damit in sein Versteck zurück. Keinen Augenblick zu früh fiel das Fasergeflecht der Luftwurzeln hinter ihm zusammen, um einen winzigen Pfeil aufzufangen, der ihm nachschwirrte. Sofort warf er sich platt auf den Boden und schichtete hastig Rinden- und Wurzelstücke als Schutzwall vor sich auf. Er wußte aus den gruseligen Geschichten der Alten an den nächtlichen Feuern daheim, daß die sagenhaften, kleinen Menschen des Waldes mit dem Tode selber schossen; daß eine Wunde, nur so klein wie ein Ameisenbiß, von diesen Giftpfeilen gemacht, für die Seele die Pforte war nach dem sonnenlosen Lande. Während seine Hände unaufhörlich zarte, wohlschmeckende Stücke von der Wildkeule säbelten und nach dem Munde führten, wachten Augen und Ohren scharf nach außen. Zwischen den Bäumen und Sträuchern huschten die Zwerge geduckt und flink wie Buschhühner herum, verständigten sich durch helle Schreie und schnellten ihre Giftpfeile ab. Und sie schossen mit furchtbarer Sicherheit; bald sah aus jeder, kaum fingerbreiten Spalte des Wurzelflechtwerks ein gefiederter Pfeilschaft heraus. Doch keins der winzigen Geschosse durchdrang die elastische Schutzwehr. Auch die draußen merkten das und gaben zuletzt das Schießen auf; nichts war mehr von ihnen zu sehen und zu hören. Aber der Belagerte wußte nur zu gut, daß sie noch da waren, still und tückisch auf sein Herauskommen lauerten, und war auf der Hut. Da – ein leises Kratzen über ihm, ein Blick hinauf in die dunkelgrüne Kuppel, ein blitzschneller Seitensprung und doch noch ein leichtes Ritzen am Ohr! Wild brüllte der Getroffene auf, schleuderte seine Wurfkeule hinauf ins Geäst und sprang in wahnsinniger Angst und Wut mit aufgereckten Armen hoch in die Luft, um den Feind mit hinabzureißen in den Abgrund des Todes. Aber auf einmal blieb er stocksteif stehen, sein Blick wurde stier im Schrecken einer Erinnerung. »Das Ohr – das Ohr eines Mjema! – Der Tote fordert es zurück!« Laut heulte er es heraus, dann riß ihm ein Entschluß den Arm hoch, die Klinge seines Messers fuhr am Kopfe nieder und schor das getroffene Ohr ab; ein heißer Blutstrom rann ihm über Hals und Schulter nieder. Und nun begann ein rasendes Springen. Vor- und rückwärts, auf und nieder schnellte der schlanke, von Blutstropfen umsprühte Körper – den immer und immer wieder herabzischenden Pfeilen aus der Bahn. Ein anderes Wehren gab es nicht für ihn, er hatte keine Schutz- und keine Wurfwaffen. Dauernde, blitzschnelle Bewegung war das einzige, was ihm blieb. Jetzt tönte ein helles Schnalzen und Kichern herab. Wie ein gehetztes Tier sah er auf: droben liefen noch zwei andere Kleine aufrecht und sicher auf dem Ast heraus, glotzten ins Dunkel hinab, hoben die Bogen, zielten und schossen. Da senkte der Springer unten in verzweifeltem Entschlusse den Kopf zum letzten Laufe. Er fletschte die Zähne und brach mit heiserem Gebrüll auf einen der frei draußenstehenden Kobolde los. Ein Pfeil schwirrte ihm entgegen und blieb mit zitterndem Schaft im Wirrhaar des zum Sprung geduckten Kopfes stecken, dann durchschlug das schwere Messer die grinsende Zwergenfratze vor ihm. Der dumpf-knirschende Ton, mit dem der federngeschmückte Kopf zerbarst, wurde übertönt von einem plötzlich aufdröhnenden, tiefen Heulen, das die wie wütende Affen herumspringenden und kreischenden Zwerge in einem Husch verschwinden ließ. Ein paar Schüsse krachten, Schrotkörner umprasselten Hatako, der mit verständnislosen Augen den wie Ratten auseinander gestobenen Feinden nachblickte. Eine unbestimmte Empfindung von Gefahr überkam ihn, er machte einige taumelnde Schritte, doch weit kam er nicht mehr. Er stockte, drehte sich hilflos und schwerfällig um sich selbst und sank dann zu Boden. – Der einsame Tausendmeilenweg durch die gefahrenerfüllte Nacht der Urwälder, auf dem Hunger und Fieber seine einzigen, aber treuen Begleiter gewesen waren, hatten seine Kräfte verzehrt, und die Qual und Angst des letzten, hoffnungslosen Kampfes, das Wettspringen mit dem schwirrenden Gifttode und der Blutverlust durch sein geopfertes Ohr hatten den letzten Rest verbraucht.

Ein todähnlicher Schlaf überkam ihn und hielt ihn mit schwerer, aber schützender Hand fest. Er schlief und schlief, traumlos und tief, ohne jemals zu erwachen, durch Tage hindurch. Aber in der Stille rieselten und sickerten die Kraftquellen, die aus zahllosen Ahnengeschlechtern naturverbundener Wilder herauf seinen Körper speisten. Als ihn die schützende Hand losließ, war er gesund, seine Glieder stählern und geschmeidig wie zuvor.

Seinem erwachenden Blick begegnete ein anderer, der aus einem Paar dunkler, scharfer Raubvogelaugen in gelbbraunem Gesichte kam. »Al Hamd' ul Illah!« (Gelobt sei Gott) sagte der über ihn gebeugte Mann in den tiefen, rauhen Gaumenlauten des Arabischen. Dann stellte er im Manjemadialekt eine Reihe von Fragen über »wer«, »wohin« und »woher« an Hatako, der alle beantwortete, nur nicht die nach dem »Warum« seines Fortwanderns aus der Heimat. – Mit langen, gelben Fingern strich sich der Araber durch den schütteren Vollbart, ein dünnes Lächeln umspielte seinen harten Mund und die halbgeschlossenen Augen, als er langsam sagte: »Am oberen Lualaba redeten Trommeln und Menschen von einem jungen Mjema, der vier Leute der Regierung getötet und sein Messer gegen einen Weißen erhoben hatte. In allen Hütten der Manjemadörfer lagen Askari. Sie fanden auch das letzte Huhn für ihren Topf, nur den einen Mjema fanden sie nicht. Auch ich weiß nichts von ihm! – Hier am Kilongalonga lag ein kranker Mjema am Wege, und die Zwerge waren über ihm, diese Söhne des Teufels, die mir gestern drei Elefantenzähne gestohlen hatten. Allah schenkte mir heute mein Eigentum zurück, und es war sein Wille, daß ich den kranken Fremdling mitnahm und pflegte. Nun ist er gesund, und ich frage ihn, ob er mit mir gehen und eine Last tragen will? Er findet Männer seines Volkes unter meinen Leuten und Nahrung und einen guten Lohn an meinem Ziele, dem Albert-Nyanza.«

Hatako überlegte. In seinem bisherigen Leben war unbeschränkte Freiheit selbstverständlich gewesen. Aber das war zu Ende, ein neues Leben begann, und in dem schien es diese Freiheit nicht zu geben. – Ein Gefühl der Abhängigkeit band ihn an den Araber, der ihn vor den Zwergen, diesen tückischen Giftschlangen, gerettet hatte und ihm jetzt einen Weg zeigte, wie er dem Hunger, der wie ein wildes Tier in den Gedärmen fraß, dem schutzlosen Liegen in den tobenden Unwettern der Nächte, den feindlichen Menschen und seiner ganzen Verlassenheit entgehen konnte. »Ich will mit dir gehen!« antwortete er einfach. Dann mischte er sich unter den Troß von Menschen, der den Elfenbeinhändler als Jäger, Träger und Diener begleitete.

Ein großes Lernen begann nun für den Wilden. Es war nicht nur das der Gesetze und Gewohnheiten des Safarilebens: Wie man eine Last fest und handlich verschnürte, ein Kopfpolster aus Blättern dafür herstellte, sich einen guten Platz am Feuer und einen zum Schlafen sicherte, aufpaßte, daß man nicht zu kurz kam, wenn der Trägervormann, ein Arabermischling von der Sansibarküste, die tägliche Ration von getrockneten Bananen, Maismehl oder Hirse verteilte und ein vorteilhaftes Tauschgeschäftchen mit den Bewohnern der Dörfer machte – alles das war nicht schwer zu erlernen. Schwerer schon, die Halbzentnerlast täglich vier oder fünf, wenn es nötig war, auch einmal sieben oder acht Stunden lang auf schlüpfrigen Urwaldpfaden, durch Dickichte und Sümpfe, über Ströme, Berge und Täler zu schleppen. Aber das erforderte nur einen kräftigen Körper und wurde leichter mit der Gewöhnung. Doch mit den Nicht-Manjema unter den Safarileuten auszukommen, sie als Kameraden und nicht als selbstverständliche Feinde und Beute zu betrachten, ging schwerer in seinen wilden Sinn, der bis jetzt nur rücksichtslose Behauptung des eigenen Ichs und des eigenen Stammes gegen Fremde gekannt hatte. Jeder Fremde war ein Feind, mußte einer sein, denn er aß kein Menschenfleisch und verabscheute die Manjema, weil sie es taten. – Auf jede Benachteiligung, jedes höhnische oder herausfordernde Wort, sogar schon auf eine Verweigerung des gerade Gewünschten, hatte es nur eine Antwort, einen Hieb mit dem Messer, gegeben. Und Recht und Pflicht war es für einen Mjema, den Leib des Getöteten als Fleischnahrung zu verwenden. Der Urwald mit seinem wenigen Jagdwild und dem für alle Haustiere tödlichen Klima gab diese sonst nicht. Was in seinen Vorfahren Notwendigkeit gewesen war, verblieb in ihm als ein Drang, mit dem er nie ganz fertig wurde. Der Strom seiner Wildheit riß noch oft den Boden weg, der ihm eine Einstellung zu anderen Menschen gab, und stürzte ihn in manchen blutigen Raufhandel. Erst in langer Zeit bauten sich haltbare Dämme dagegen in ihm auf. Aber der eine Strudel begleitete den Strom bis zur letzten Mündung – der Kannibalismus – –.

In der ersten Zeit nahm die Arbeit alle Kräfte Hatakos in Anspruch. Sein Herr war schon jahrelang unterwegs. In geduldigem Handeln und Feilschen hatte er von den harmlosen Völkern des oberen Kongos für Salz und Stahlwaren, wertloses Spielzeug und glitzernden Tand viele Trägerlasten von schwerem, wertvollem Elfenbein eingetauscht. Jetzt trieb es ihn vorwärts nach den lang entbehrten Bequemlichkeiten seines Hauses am Albertsee. In einförmigen, anstrengenden Tagemärschen zog die Safari ostwärts. Tagaus, tagein begleiteten die graugrünen, erstickenden Mauern des Urwaldes den Pfad, bis sich schließlich doch Anzeichen bemerkbar machten, daß die Grenzen der Waldherrschaft näher rückten. Sanft, aber stetig stieg das Land an; die Flüsse und Ströme rauschten und strudelten mit immer stärkerem Gefälle zu Tag, bildeten Schnellen und Katarakte und schließlich brüllende Fälle, die von himmelhohen Felsen herabstürzten. Hier und da bot sich von freigeschlagenen Dorfhügeln herab ein Ausblick. Er zeigte, daß die unermeßlichen, ebenen Flächen der Wälder in unruhiges Auf und Nieder übergingen, der Brandung eines Meeres an seinen Küsten vergleichbar.

Dann kam eines Tages die Stunde, von der die weitgereisten Safarileute dem ungläubigen Hatako so oft erzählt hatten, in der sie ein Land betraten, das nicht mit Wald, sondern mit Gras bedeckt war. Staunend schweifte sein Blick über wogende Flächen in unendliche Fernen. Sonnenschein überflutete sie vom Morgen bis zum Abend, und frei und stark brausten die Winde darüber hin. Und fast so schnell wie diese stoben Menschen, die auf merkwürdigen, hochbeinigen Tieren saßen, über die Ebene. Sie wohnten in weit und geräumig angelegten Dörfern, die ganz aus Gras gebaut waren, und fünf- oder zehnmal so viele Menschen bargen, als die von Hatakos Waldheimat. Auf ihren Feldern wuchsen Mais und Hirse als Pflanzen, die er bisher nur als eßbare Körner gekannt hatte, und zahme, große Tiere mit starken Hörnern wurden von ihnen gehalten und gaben ihnen Milch. Jeder Marschtag führte ihn weiter in die sonnenglänzende Ferne hinaus und brachte Neues und Seltsames.

In immer größer und eiliger werdenden Märschen durchzog die Safari die Länder der Mangballe und Mangbattu. Mächtige, schwarze Könige herrschten hier. Sie wohnten in weiten Hallen mit hohen, gewölbten Palmblattdächern. Tausende von Kriegern, die im roten Glanz ihrer Kupferwaffen schimmerten, umgaben sie, und Sklavenscharen lagen vor ihnen im Staube. Hier sah Hatakos rasches Auge auch Menschenschädel auf den Zäunen der Dörfer stecken. Er kannte die Sitte von daheim und wußte, was sie zu bedeuten hatte, auch ohne die Sticheleien seiner Kameraden.

Der Elfenbeinhändler war unter all diesen Völkern bekannt. Aber er hielt sich nirgends auf, rastlos trieb er die Wegmüden vorwärts, bald mit harten, bald mit versprechenden Worten. Noch höher hob sich das Land, und türmte zuletzt blauschattende Berge vor ihnen empor. Auf gewundenen Pfaden ging es mit Schweiß und Mühe hinan. Wilde, kalte Winde pfiffen über die Höhen und ließen die Urwaldkinder vor Frost erschauern. Dann stürzten die Abstiege steil hinunter auf den sonnengleißenden Spiegel einer uferlosen Wasserfläche. Mit Freudengeschrei wurde sie von den erschöpften Leuten begrüßt. Als die Abendsonne des nächsten Tages rote Flammen über den Albert-Nyanza warf, waren sie am Ziele. Unter dem Heulen der Elfenbeinhörner, dem Dröhnen der Trommeln und dem brüllenden Gesang der Träger zog die Kongosafari in Mswa ein.

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