Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Artur Heye >

Hatako, der Kannibale. Erster Teil

Artur Heye: Hatako, der Kannibale. Erster Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleHatako, der Kannibale. Erster Teil
publisherSafari-Verlag G. m. b. H.
firstpub1921
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180304
projectid38aa74c3
Schließen

Navigation:

2. Kapitel.
Die Rache des Mnjema

Ein kühler Lufthauch riß die Morgennebel, die über dem Flusse wallten, vom Ufer weg; durch das Laubdach der Bäume gefiltert, ergoß sich das Sonnenlicht in grüngoldener Flut über die Landschaft. Nur über der Mitte des Strombettes wühlte es noch, flatterte in Fetzen hoch und ballte sich wieder zu dicken Wolken zusammen. Ein Einbaum glitt aus dem grauen Gewoge hervor. Geräuschlos tauchte das Paddelruder in die Flut und lenkte das Fahrzeug leicht und gewandt dem Ufer zu. Der Mann, der darin saß, war nackt bis auf ein Lendentuch. Sein tiefbrauner Körper, der jetzt in dem grünen Licht einen Schimmer wie alte Bronze annahm, war kaum mittelgroß, schlank und feingliedrig, und doch verrieten die beim Rudern spielenden Muskeln große Körperkraft. An der Hüfte hing ihm eine Kürbisflasche, daneben in einer Lederscheide ein Halbschwert mit geschnitztem Elfenbeingriff, und beides wurde von einem Schulterriemen getragen. An einer Halskette war ein Lederbeutelchen und eine hölzerne Schnupftabaksdose befestigt; kupferne Ringe umgaben seine Oberarme, eine Kette von roten und weißen Perlen schlang sich durch sein buschig-krauses Haar und hielt zwei kurze, schwarz-weiße Affenschwänze, die über die Ohren herabhingen. In seine Stirn waren vier quadratische Ziernaben geschnitten; noch tiefer aber als diese schnitt eine senkrechte Falte bis zur Nasenwurzel herab, und die etwas schrägstehenden Augen darunter glommen in einem bösen, wilden Feuer. Als ihr Blick jetzt schnell und spähend am Ufer hinauf- und herunterglitt, war etwas von dem Ausdruck darin, den Raubtiere auf der Spur des Wildes haben. Und an ein Raubtier erinnerten auch die schneeweißen, spitzgefeilten Zähne, die zwischen den, für ein Negergesicht sehr schmalen, Lippen hervorblinkten, als sich der Mund zu einem halblauten Ausrufe der Freude und des Triumphes öffnete.

Er hatte das Gesuchte entdeckt. Der Einbaum schoß auf eine kleine Einbuchtung zu, die scheinbar blind endete. Zwei Pandanusbäume standen im Hintergrunde, von ihren schlangenartig gekrümmten und verschlungenen Ästen hing ein engmaschiger Vorhang von Lianen herab, der wie ein kostbarer Perserteppich mit leuchtend purpurnen und weißen Blütenkelchen durchwirkt war. Ein Saum von zarten, weißen Wurzelfransen tauchte unten in das klare Wasser, das einen zweiten Teppich im Spiegelbilde bis auf die hellen Kiesel des Grundes spannte. Das Kanu schoß stracks darauf zu, der Vorhang schob sich auseinander, und dahinter tat sich ein winzig kleiner See auf, der von den rundum stehenden Baumriesen dunkel beschattet wurde. Zwischen ihnen hatten Schlingpflanzen eine dichte Wand gesponnen, die die stille, kleine Bucht abschloß und verbarg. Der Ruderer legte an, hob die Pflanzendraperien hoch, zog sein Kanu zwischen die Wurzeln eines Rotholzbaumes und ließ die grüne Hülle wieder darüber fallen. Dann setzte er sich nieder, nahm eine gleiche schwarze Kugel wie am Abend vorher aus dem Ledersäckchen, zerkaute sie und rieb die Masse auf zwei handgroße, blutrünstige Stellen an seinen Oberschenkeln. Es war Hatako.

Der dunkle Glanz der Wasserfläche fesselte dabei seinen Blick, die Erinnerung an seines Bruders Tod fachte die Glut darin zur heiß aufschlagenden Flamme an. Mit einem Ruck erhob er sich und stieg ins Wasser. Er schöpfte eine Hand voll und benetzte seine Stirn damit. Dann warf er die geballte Faust hoch und, das Auge fest auf die stille Flut gerichtet, sagte er laut und schwer: »Wasser du! Du bargst das Krokodil, das meinen Bruder fraß. Du hast keine Schuld, das Krokodil hat keine Schuld. – Doch der Christenzauberer und seine Askari haben Schuld. – Meiner Mutter Felder ist einer, ihr Haus ist einer, meines Vaters Bruder ist einer, und mein Bruder ist einer – das sind vier, die sterben müssen! Und noch mehr sollen sterben für die Männer meines Dorfes ... Und von jedem will ich das Herz essen, und du, Wasser, sollst von jedem ein Ohr haben und dann wissen, daß ich getan habe, was ich zu tun hatte –.« Der wilde rote Mund schwieg. Der aufgereckte Körper löste und duckte sich; Auge und Ohr spannten in die Waldstille ringsum. Nichts rührte sich, wie ein träumendes Auge blickte der See in den Himmel, leise schaukelte ein Lotosblatt auf seinem dunklen Spiegel, eine blaue Blüte glühte in einem Sonnenstrahle auf. Geschmeidig und leise wie eine Katze stieg der Wilde ans Ufer, ergriff sein Messer und wand sich durch die Lianenwände in den Wald hinein.

Stickig heiße, unbewegliche Moderluft, tiefes Dämmern und Schweigen lastete darin. Wie graue Steinsäulen in einem Felsentempel standen die Stämme im toten, schwarzen Erdreich. Dicke Riesenschlangen von Lianen wanden sich an den Säulen empor zum Licht, von oben strebten Luftwurzeln und Flechtenbärte wieder herab ins Dunkel. Ganz vereinzelt nur stand ein grüner Busch oder eine Staude im Dämmerlicht. Hoch, hoch droben verschlangen sich die Kronen zu einem, alles Leben beschattenden und begrabenden Gewölbe. Das Grün des Laubes und das Glühen der Blüten und alles tierische Leben entfaltete sich droben im Licht. In einer einzigen Form nur, doch in unermeßlicher Anzahl war es hier unten in der Nacht vertreten – in Strömen von Ameisen. Sie gruben im morschen Holze und unter der Erde, kribbelten und wimmelten auf dem Boden, zogen in endlosen Reihen an den Stämmen auf und ab und fielen wie Regen aus den Wipfeln herunter.

Dem einsamen Wanderer waren Dunkelheit und Öde Bundesgenossen, sie bargen ihn und seine Verpflichtung. Wie ein Schatten huschte er vorwärts, überquerte mit leichtem Fuße verwesend riechende Sumpflachen, träge fließende Bäche und tote, morschende Stämme, die unter seinem Tritt zu Mehl zerfielen. Erst dicht vor einer in blendenden Sonnenglanz getauchten Lichtung verlangsamte sich sein Schritt. Er umkreiste sie, lugte ab und zu durch das hier in ungeheurer Fruchtbarkeit wuchernde Laubgehänge hinaus. Menschen waren nicht zu sehen; aber graue Rauchfäden, die aus den verkohlten Feuerstellen emporstiegen, und das zertretene Gras, das noch nicht Zeit gehabt hatte, sich wieder aufzurichten, zeigten, daß vor ganz kurzer Zeit noch Menschen hier gewesen waren. Vorsichtig trat der Wilde aus dem schützenden Walddunkel ins Sonnenlicht hinaus. Die Augen auf den Boden geheftet und mit der Nase schnuppernd wie ein hungriger Wolf, strich er über die Fläche und stocherte mit einem Aste in jedem Feuer herum. An der Feuerstelle, die zu dem Zelte der Weißen gehört hatte, fand er etwas – einen halbverbrannten Knochen, an dem noch einige schwarze Fleischreste hingen. Gierig schlug er die Zähne hinein, riß und zerrte daran und schlich suchend weiter. Dort, wo die Kolbeneindrücke der Gewehrpyramiden die Lagerstelle der Askari anzeigten, entdeckte sein durch den Hunger geschärftes Auge noch ein vergessenes Bündel gerösteter Maiskolben im Grase; mehr als genug für ihn, um satt zu werden. Hastig schlingend und doch Auge und Ohr scharf auf jede Spur und jedes Geräusch gerichtet, betrat er jetzt die große Waldstraße. Als deutlich lesbare Schrift waren die Fährten der Askari und seiner gefangenen Stammesgenossen in den weichen Boden eingedrückt. In einem fördernden und fast unhörbaren Trab folgte der Wilde den Spuren.

Die Sonne stand bereits senkrecht über seinem Kopfe, als der erste ferne Laut von Menschenstimmen sein Ohr erreichte. Sofort verließ er die Straße und tauchte in den Wald. Mit der unheimlichen, lautlosen Geschwindigkeit einer Schlange glitt jetzt die dunkle Gestalt neben dem Wege hin, wand sich durch Dickichte und Wurzellabyrinthe, übersprang gestürzte Stämme, kreuzte Bäche und Moräste. Lärmen, Schwatzen und Lachen, der Gesang der Träger, die barschen Zurufe der Askari an die Gefangenen, das Klirren von Waffen und von Ketten klang von der Straße herüber. Endlich hatte der Verfolger die Spitze der Safari eingeholt. Hinter einem Busche kauerte er nieder, mit funkelnden Augen beobachtete er den vorbeimarschierenden, langgestreckten Zug. Plötzlich duckte und spannte sich sein Körper wie der eines sprungbereiten Leoparden, die Adern der um den Messergriff gekrampften Hand schwollen an, weiß blinkten die Zähne, und dunkel glühten die Augen auf; er hatte die schwarzgekleidete Gestalt des Missionars, der in einem Stuhle getragen wurde, entdeckt. Doch unbeweglich verharrte er, bis ihm eine Wegbiegung die Weiterziehenden verbarg. Dann erhob er sich, drang noch tiefer in den Wald hinein und eilte mit flüchtigem Fuße den Marschierenden voraus.

Als das leuchtende Grün von Bananen und der graue Glanz von besonnten Hüttendächern vor ihm durch die Bäume schimmerte, bog er ab und zwängte sich in das wild wuchernde Geranke eines Kürbisfeldes neben der Straße. Gegenüber lag ein freier Platz; Weiber aus dem Dorfe reinigten ihn, andere schleppten Brennholz und Krüge mit Wasser heran und stellten sie für die Ankommenden bereit, deren Nahen ein immer stärker werdendes Getöse verkündete. Der unbeweglich liegende Späher sah aufmerksam zu, wie der Menschenstrom aus dem Walde quoll und sich über die Lichtung ergoß. Die Askari traten an, der weiße Offizier teilte die Wachen ab, die beiden Zelte wurden aufgeschlagen, die Gefangenen in der Mitte des Lagers untergebracht, Feuer angemacht und die Kochtöpfe daraufgestellt. Als die Baumschatten länger wurden und die Lichtung in dunkelgrünes Dämmern hüllten, kroch der Lauernde rückwärts aus seinem Versteck heraus und in den Wald hinein.

Nun begann er ein rastloses Schleichen und Wandern um das Lager herum. Kein Zweig und keine Ranke wurde von der geschmeidigen Gestalt bewegt, kein Ästchen knackte unter ihrem katzenweichen Tritt, und keine Bewegung eines Menschen im Lager entging dem aus der Waldnacht funkelnden Augenpaar. Unermüdlich, wie der Wolf um die Herde, kreiste der Rächer um seine Opfer. Noch war keins in seinen Bereich, unter die Bäume, gekommen. Da blieb er plötzlich stehen, reckte sich auf die Zehenspitzen empor, spähte über einen Busch, verfolgte atemlos die Schritte eines Askari. Der kam, wohl um ein Bedürfnis zu verrichten, stracks auf das Gebüsch zu, in dem der Tod auf ihn lauerte. Langsam hob die Hand des Wilden das schwere Messer, Rücken und Schenkel spannten sich zum Sprunge – wie eine abschnellende Feder flog der nackte Körper in weitem, lautlosen Satze auf den Askari. Ein Herniederfahren der Klinge, ein einziger röchelnder Laut, den eine pressende schwarze Hand erstickte – zwei Körper sanken leise in das Gebüsch. Noch eine kurze schlagende Bewegung darin, dann richtete sich der Kannibale hoch auf, die Hand hielt einen zuckenden, blutigen Fetzen empor, den er mit seinen spitzen Zähnen faßte und verschlang. Zwei dünne Blutfäden liefen aus den Mundwinkeln herab. Nochmals bückte er sich, ein Schnitt, wieder hob die Hand etwas in wildem Triumphe hoch, und ein paar Blutstropfen fielen auf seine braune Schulter nieder. »Der erste – für meiner Mutter Felder!« sagte er laut. Dann stopfte er das abgeschnittene Ohr in sein Lederbeutelchen. Einen Augenblick lang horchte er ringsum, hob den toten Körper, der viel größer und schwerer war als er selbst, auf, trug ihn tief in den Wald hinein und versteckte ihn hinter den fasrigen Luftwurzeln eines Feigenbaumes.

Während er dann wieder seine lautlosen Kreise um das Lager zog, putzte er mit einer Handvoll Laub sorgsam die blutige Messerklinge ab, schärfte sie mit einem kleinen Wetzstein aus dem Lederbeutel, prüfte sie am Daumen und rieb immer und immer noch ein wenig mit dem Steine nach. Mehreremal noch schlich er auf Leute zu, die sich dem Waldrande näherten; doch keiner kam bis unter die Bäume und das dort wartende Messer.

Tiefe Nacht sank herab, die Feuer flackerten und lohten und spiegelten sich in dem wilden Augenpaar, das aus der Waldnacht hervorglühte. Ein Kommando klang hell durch den Lärm des Lagers, dann wurde ein Name gerufen und immer lauter wiederholt. Der Wald gab gleichmütig das Echo zurück, er hielt den Träger dieses Namens stumm und wohlverwahrt in seinen Tiefen. Nun lohten Fackeln auf und wurden von dunklen Gestalten in den Wald getragen. Sie zerstreuten sich, irrlichterten auf der Suche nach dem Vermißten zwischen den Stämmen, Rufe hallten laut überall auf, rollten weiter in die düsteren Gründe und wurden von ihnen verschlungen. Ein schwarzer Schatten löste sich aus dem Flechtenbehang eines altersgrauen Riesenstammes und huschte hinter einem einzeln und abseits gehenden Fackelträger her. Jetzt blieb dieser stehen, hob seine Fackel hoch und brüllte ein langgezogenes: »Ulunguuu! – Eh Ulun – –« Mitten im Rufe brach er ab, ein grauer Blitz zuckte aus einem springenden Schatten und durchschlug ihm Kehle und Stimme. Schwer stürzte der Mann vornüber, die Fackel knisterte im Morast und verlosch. Einige rasche Schläge, ein in Blut ersticktes Gurgeln, dürres Laub raschelte unter einem Körper, der sich im Todeskampfe wand, dann eine Stimme, die laut und ruhig sagte: »Der zweite – für meiner Mutter Haus.« Ein Tritt entfernte sich leise, dann rührte sich nichts mehr am Feigenbaume.

Weiter zog der todbringende Schatten, huschte jetzt schnell vorwärts, stockte, verschwand in einem Lianengewirr, trat an der anderen Seite hervor, glitt weiter, versank auf einmal im Erdboden, lauerte und fuhr in plötzlichem weiten Sprunge auf einen vorüberkommenden Fackelträger los. Der Schatten und ein sterbender Mensch sanken zusammen nieder, ein kurzes, wildes Bewegen am Boden – dann wieder die tiefe ruhige Stimme: »Der dritte – für meines Vaters Bruder!«

Die Rufer, die nie eine Antwort bekamen, wurden nach und nach still, die Fackeln tanzten zurück, dem Lager zu. Stumm und reglos lag der Wald, nur das funkelnde Augenpaar kreiste noch immer ruhelos unter seinen dunklen Bogen. Im Lager entstand eine Bewegung, ein Stimmengewirr, das immer lauter und erregter wurde; ein Kommando schaffte Ruhe. Ein langer Namensausruf folgte, bei drei dieser Namen scholl kein: »Hier!« zurück. Zwei davon wurden noch unzähligemal gerufen, geschrien, gebrüllt – aber nur das Echo gab Antwort. Die Augen des Spähers sahen den Offizier und den Missionar beieinanderstehen, mit erregten Gebärden sprechen und auf den Wald deuten – ein Lächeln voll triumphierenden Hohnes umspielte dabei den Mund des Kannibalen. Dann erschollen neue Kommandos, überall um das Lager herum flammten mächtige Feuer auf, Doppelposten mit geschultertem Gewehr umschritten unablässig den Feuerring. Kaum ein Laut drang jetzt noch aus der Menschenmenge; sie schwieg im Banne einer Gefahr, von der sie nichts wußte, als daß sie außerhalb der schützenden Feuer in den nachtschwarzen Urwaldtiefen lauerte. Wer da hineinging, kam nicht wieder.

Als die Morgensonne die Schatten auch unter den mächtigsten Laubgewölben gelichtet hatte, wurde es lebendig im Lager. Nach allen Seiten drangen Askaripatrouillen in den Wald hinein. Sie fanden eins der Opfer nach dem anderen und trugen sie auf die Lichtung. Die Leute der Expedition umdrängten die leblosen Körper und deuteten auf die zerklafften Brüste, die keine Herzen mehr bargen. Schreie voll Wut und Abscheu, Drohungen und Verwünschungen flogen in den Wald und auf die finster und trotzig stehenden Gefangenen zu. »Das ist Manjemaarbeit«, sagte der Offizier zu dem Missionar, der bleich und stumm neben ihm stand. Er tat einige hastige, nervöse Züge an seiner Zigarette, achselzuckend fuhr er fort: »Aber diesen Wölfen ist hier im Walde ja nicht beizukommen. Das einzige ist: Heute durchmarschieren, was das Zeug hält, um noch vor Abend die Station zu erreichen. Sonst gibt's kommende Nacht wieder dieselbe Schweinerei.« Er gab den Befehl zum sofortigen Aufbruch, Trompetensignale riefen die letzten Patrouillen zurück. Mehrere waren ahnungslos an dem Baume vorbeigegangen, auf dem der Mörder ihrer Genossen saß.

Als der letzte Träger mit scheuem Rückblick nach dem drohenden Dunkel unter den Bäumen das Lager verlassen hatte, trat Hatako aus dem Walde. Achtlos strich er an dem Erdhügel vorüber, der sich jetzt über seinen Opfern erhob; wie am Tage vorher durchstöberte er die Feuerstellen. Er fand Lebensmittel genug, die die Leute, gejagt von Grauen, bei der Hast ihres Aufbruches zurückgelassen hatten. Sein Hunger war bald gestillt, doch nicht sein Rachedurst. Der trieb ihn auf den Spuren seiner Feinde weiter.

Bis gegen Mittag fand sein Messer keine Arbeit. Die Safari marschierte eng zusammengedrängt, geschützt durch eine Nachhut von Askari. Wieder einmal war die letzte Khakiuniform hinter einem Gebüsch verschwunden; der Verfolger huschte rasch und leise nach, wollte gerade um den Busch herumbiegen, da blieb er mit einem Ruck steif und regungslos stehen und horchte. Dicht vor sich hörte er die Stimme des Missionars. In tierhafter Wut flammten da seine Augen auf, die Zähne fletschten mit weißem Blinken aus dem Munde. Er duckte sich und spähte durch die Zweige. Eben schwebte der Tragstuhl hoch und weiter; einer der Träger war ausgewechselt worden. Er schien sich den Fuß verletzt zu haben und setzte sich, ihn zu untersuchen – da war der Rächer über ihm – –. »Der vierte – für meinen Bruder –.« Da fiel sein Blick auf den Getöteten und wurde starr vor Schreck – zwischen den im Sterben verzogenen Lippen schimmerten spitze, weiße Manjemazähne! »Ein Mann meines Volkes – ich wußte nicht – meinen Bruder – aber du, weißer Zauberer, Hund! Du sollst für ihn sterben!« Das Letzte schrie der blutbeschmierte Mund in wahnwitziger, alle Vorsicht vergessender Wut laut heraus. Mit pfeilschnellen, gewaltigen Sätzen jagte er dem Tragstuhle nach. Da tönte ein Aufschrei, ein Angstgeheul vor ihm. Sie hatten ihn gehört, sahen die nackte, blutbespritzte Gestalt auf sich zustürmen, warfen den Tragstuhl weg und rannten davon. Vor Entsetzen starr, stierte der Missionar auf die zum Schlag erhobene blanke Klinge, in die auf ihn gerichteten erbarmungslosen Augen. Doch im letzten Augenblick wurde er der Lähmung Herr, ergriff blitzschnell das neben ihm liegende schwere Kruzifix und stieß es dem Angreifer ins Gesicht. Der Wilde taumelte zurück, der Geistliche raffte seine Soutane hoch und rannte, wie er in seinem Leben noch nie gerannt war. Und gleichzeitig knatterten Schüsse auf, die Nachhut kam im Laufschritt zurückgeeilt. Rings um Hatako peitschten die Geschosse das Laub der Büsche und rissen Rindenstücke von den Bäumen. Mit einem Sprunge war er im Wald und eilte in flüchtigen Sätzen davon. Schüsse und wilde Rufe hallten und verhallten hinter ihm –.

Der Lualaba leuchtete in der untergehenden Sonne wie ein Blutstrom. Ein gedämpfter grünlich-rosaroter Schein lag über dem stillen kleinen Waldsee. Eine schwarze Hand hob die Laubgehänge an seinem Ufer hoch, ein Kanu glitt mit leisem Rauschen ins Wasser. Hatako stieg hinein und ruderte in die Mitte des Sees. Hier stand er auf, öffnete sein Lederbeutelchen und warf vier Menschenohren in die dunkle Flut, langsam eins nach dem anderen. »Wasser, hier nimm! Es sind vier, wie ich gesagt habe – –. Nun gehe ich fort von dir, die Weißen sollen mich nicht fangen.« Eine Sekunde lang stand er noch still und hochaufgerichtet in seinem Boot, dann ergriff er die Ruder, das Fahrzeug schwamm in den Strom hinaus und verschwand in den steigenden Abendnebeln.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.