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Hastenbeck

Wilhelm Raabe: Hastenbeck - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleHastenbeck
publisherbuchclub 65
year1985
firstpub1898
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140910
modified20181018
projectid6fc12356
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Erstes Kapitel

Es ist mein Sohn, der mich zugrunde gerichtet und sich selbst beschimpft hat!«

Der dies Wort sprach, war der alte, vierundsiebenzigjährige Kurfürst von Hannover und König von Großbritannien und Irland, Georg der Zweite, der Sieger von Dettingen, und sein Aufschrei fand einen zustimmenden Widerhall durch ganz Europa, vom Felsen Kalpe bis nach Asien hinein und jenseits des Atlantischen Ozeans bis tief in die amerikanischen Urwälder.

Wieder einmal war ein unbekannter Ort zu einem Namen in der Weltgeschichte gekommen, diesmal zu einem übelberüchtigten. Dieser Ort hieß Kloster Zeven in der Landdrostei Stade, der aber, welcher hier seinen Lorbeeren von Fontenoy, Lawfeld und Hastenbeck die Schleife anflocht und dadurch dem greisen Vater das gramvolle Gesicht in die Hände drückte, hieß William Augustus, Duke of Cumberland, der Metzger Cumberland – butcher Cumberland, wie ihn die Schotten nach seinem einzigen Siegesfelde bei Culloden nannten. Und wie Schottland ihm nachsang:

»Mourn, hapless Caledonia, mourn!«, so klang ihm jetzt ein anderer Jammerruf nach. Der aber lautete:

»Weh, Niedersachsen, weh!«

Aber es war doch ein anderes: das Schlächtermesser-Wetzen auf dem Feld bei Culloden und der Ritt, Degen in der Scheide und die Faust auf dem Federhute, vom Felde bei Hastenbeck.

Niemals war ein ob seines Erfolges verblüffterer Sieger hinter dem Besiegten drein gewesen als an dem sechsundzwanzigsten Juli des Jahres 1757 der Franzos hinter dem Engländer, Herr Louis César, Herzog von Estrées, Marschall von Frankreich, hinter seinem alten Bekannten von Fontenoy, Herzog Wilhelm August von Cumberland. So leicht hatte er sich die Sache doch nicht vorgestellt, obgleich er wirklich recht vertrauensvoll in Paris seinem König Ludwig dem Fünfzehnten vor dem Ausmarsch versichert hatte:

»Anfangs Juli werde ich den Feind jenseits der Weser treffen und gehe dann sofort nach Hannover.« –

Natürlich hatte er dies auf französisch gesagt, eben zu derselben Zeit, wo in der Stadt Braunschweig eine Frau gleichfalls in französischer Sprache zu ihrem erstgeborenen Sohne sagte:

»Ich verbiete Euch, mir wieder vor die Augen zu kommen, wenn Ihr nicht Taten getan habt, Eurer Geburt und Eurer Verwandtschaft würdig.«

Diese Dame war die Herzogin Philippine Charlotte, geborene Prinzessin von Preußen, und der junge Mensch, den sie mit diesem stolzen Wort in seine erste Schlacht, ihrem Bruder, dem König Friedrich, zur Hilfe in seinem Siebenjährigen Kriege schickte, war Karl Wilhelm Ferdinand, der Erbprinz von Braunschweig. Er bekam sofort Grund, das Nunquam retrorsum seines Geschlechts bei geballten Fäusten unter verschluckten Tränen in sich hineinzufressen.

Auf dem linken Flügel hatte er seinen Ahnen, seiner Mutter und seinem Onkel Fritz Ehre gemacht, dem Feinde Fahnen und Geschütze genommen und die französischen Trommeln und Trompeten zum Rückzuge rufen hören, als auf dem rechten der Onkel aus England mit fliegenden Rockschößen sich auf die Flucht begab, nachdem er die von seinem Neffen eroberten Kanonen wenigstens hatte vernageln oder in die Weser werfen lassen. Als der hannoversche Oberst von Breitenbach ebenfalls seine gewonnenen Fahnen in später Nacht dem Helden von Culloden überreichte, soll dieser doch geweint haben. Die Tränen können wir ihm schenken. Der Marschall d'Estrées hatte recht behalten: über Nienburg und Verden ist der jämmerliche Rückzug weitergegangen und das flüchtige Heer erst bei Stade zum Stillstehen gekommen. Das welfische Allod – die Lande Braunschweig und Lüneburg – und das Hannoversche lagen der Frau Marquise von Pompadour und dem König Louis dem Fünfzehnten zu freiester Verfügung –

Weh, Niedersachsen, weh!

»Im Juli werde ich jenseits der Weser sein und nachher so bald als möglich in Hannover!« Den ersten Teil dieses Versprechens hatte der französische Marschall sogar gegen sein Verhoffen glänzend erfüllt. Daß er den zweiten nicht hielt, daran war nicht er, sondern Madame Jeanne Antoinette Poisson schuld, die für ihre Tochter, Mademoiselle d'Etiolles, einen Schwiegersohn brauchte und denselben in dem Sohne eines gewissen Louis François Armand Duplessis, Herzogs von Richelieu, Marschalls von Frankreich, Mitglieds der französischen Akademie, der Akademie der Wissenschaften und so weiter und so weiter, gefunden zu haben glaubte. Schon am siebenten August traf der Sieger von Port Mahon in Münden ein und befand sich der Sieger von Hastenbeck auf der Rückreise nach Paris. Die Stadt Braunschweig besetzte der Herzog von Ayen, die Festung Wolfenbüttel nahm der Marquis de Voyer d'Argenson, nach den Schlüsseln von Bremen griff Monsieur d'Armentières, die Stadt Hannover behielt sich nicht ohne seine Gründe der Herr Marschall von Richelieu selber vor: der Bau seines Pavillon d'Hanovre in der Stadt Paris konnte beginnen, die nötigen Gelder lagen bereit in dem Lande zwischen der Weser und der Elbe, und einen erklecklichen Beitrag lieferte sofort Serenissimus, Herzog Karl von Braunschweig-Lüneburg, für gnädigst bewilligte »Neutralisierung« seiner Grafschaft Blankenburg. Man hat eine schöne weite Aussicht von dem Harzschloß, aber für den erlauchten Herrn mit Familie und Hofstaat in dieser seiner persönlichen betrüblichen Sicherheit ist es doch ein großer Segen gewesen, daß das Ohr nicht so weit reicht wie das Auge. Wo Tränen fließen, jammert der Mensch meistens mehr oder weniger laut dabei, und es sind viele Tränen mit in den Pavillon d'Hanovre des Herzogs Armand Duplessis de Richelieu zu Paris vermauert worden:

»Weh, Niedersachsen, weh!«

Wir können nichts dafür, wenn dieser Klageruf noch öfter in die Geschichte hineinklingt. Diese unsere Geschichte handelt eben davon, wie niedersächsisch Blut an dem Bau des hannoverschen Pavillons beteiligt wurde. Unser Immeken von Boffzen und der Blumenmaler Pold Wille von der Wendenstraße wurden ja mit in den gloriosen Rückzug der Vierzigtausend unter dem Herzog von Cumberland gerissen. Sie konnten auch nichts dafür. –

Ganz vierzigtausend waren es wohl nicht mehr. Zwölfhundert Mann fehlten seit Hastenbeck an der Zahl der Hannoveraner, Bückeburger, Braunschweiger, Hessen-Kasseler und Sachsen-Gothaer, welche den Heerbann bildeten, der diesmal unter einem Engländer den deutschen Westen gegen den Einbruch der Gallier hatte schützen sollen; aber der Fürstenberger Blumenmaler Pold Wille war gottlob nicht unter den Fehlenden. Er war zwar etwas außer Atem vom eiligen Laufen, aber doch mit unverletzten Gliedmaßen nur mit hineingefallen in des Herrn Herzogs von Cumberland Konvention von Kloster Zeven. Sein Landesherr von seinem »Asyl« auf Schloß Blankenburg aus konnte immer noch auch auf diesen seinen Untertan unter dem Kontingent, welches der Herr Vetter von Hannover, König Georg der Zweite von England, zu dem glorwürdigen Rückzug gestellt hatte, für die Weltgeschichte rechnen. Was würde aber aus unserer Geschichte geworden sein, wenn der junge Held gleich auf dem ersten Blatt unserer Niederschrift seiner Schicksale vor dem Feind totgeschlagen, begraben und von der Braut betrauert worden wäre?

 

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