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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Haschisch - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorOscar A. H. Schmitz
titleHaschisch
publisherBLITZ-Verlag Gmb
editorMarco Frenschkowski
year2006
isbn3898409279
firstpub1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Botschaft

Ich ging in den Straßen der Stadt, wo ich wohnte. Es war mir bewußt, daß ich mich meiner Wohnung näherte ... Ja, ich hatte Haschisch genommen. Wo war eigentlich mein Rausch hingekommen? Ich fühlte mich ruhig und zufrieden. Nun ging ich nach Hause. Dort würde ich nie Haschisch oder Opium genießen. Man kann ja nicht wissen, was von den Phantasien an den Möbeln hängen bleibt. Meine Zimmer mußten rein sein. Da empfing ich eine Frau, die ich liebte, da arbeitete ich. Manchmal kamen Freunde, alles war dort nach meinem Geschmack. Jeden Gegenstand hatte ich mit Bewußtsein irgendwo gekauft ... oder er war ein Geschenk ... oder ein Erbstück ... meine vollständige Lebensgeschichte hing an diesen Möbeln, meine Reisen ... eine Art Tagebuch. Mit einem Wiegenbett fing es an, darin lagen einst meine Spielsachen. Dann kam ein alter Sessel, auf dem früher abends mein Vater saß und erzählte ... so ging es weiter. Da war eine Lampe, bei deren Schein ich mich auf eine Prüfung vorbereitet hatte, und nun gar die Photographien und Bilder! Dann ein altes chinesisches Tintenfaß, das meine erste Geliebte in entzückender Wut zerbrochen, und später ein geschickter Knabe wieder zusammengesetzt hatte. Alles war lebendig in dieser Wohnung. Dorthin sollte ich regellose Haschischphantasien dringen lassen? Oft hatte ich mich geweigert, spiritistische Sitzungen darin abzuhalten. Nichts Fremdes über meine Schwelle! Ich war eigentlich glücklich, daß ich solch ein Asyl mitten in dem unsauberen Leben des Jahrhunderts hatte.

Eben wollte ich eine Straße überschreiten, als ich mich von einer Dirne in geradezu roher Art angestoßen fühlte. Sie sah ältlich und fett aus. Ihre Lippen waren in jenem Lächeln erstarrt, das wie die Versteinerung einer von Anfang an geheuchelten Empfindung scheint. Während andere ihresgleichen mit einem gewissen Kennerblick sofort den für ihre Absichten Ungeeigneten unterscheiden und seines Weges ziehen lassen, wollte mich diese gar nicht freigeben. Sie drängte sich trotz meiner heftigen Abwehr fortgesetzt an mich heran und sprach auf mich ein. Ihre schlaffen Wangen waren mit Schminke geradezu überladen. Es fiel mir auf, daß das lange Elend diesem puppenhaften Gesicht nicht den geringsten Ausdruck zu verleihen imstand war, nicht einmal einen besonders bösartigen oder lasterhaften. Ohne zu antworten ging ich weiter, aber meine Gedanken konnten nicht von ihr loskommen. Was für Männer mögen ihr wohl folgen? Dieses Nichts hatte ja nicht einmal die Anziehungskraft des Schmutzes, der Gemeinheit. Was für eine Sinnlosigkeit – einem das anzubieten! Aufweiche Art sollte wohl jemand dazu kommen, sich mit ihr zu befassen? Aus Zufall mußte sie Dirne geworden sein, ohne Abscheu, ohne Neigung, so wie die meisten Menschen ihren Beruf wählen, eine Spießbürgerin der Halbwelt, ein Leib, der mechanisch als Weib funktionierte.

»Das ist ja der Tod«, dachte ich und beschleunigte willkürlich den Schritt, um nach Hause zu kommen. Das Wesen war verschwunden, oder ich dachte vielmehr, es habe sich in die Luft aufgelöst und erfülle nun alle Straßen, liege über den Häusern, über den Bäumen, über den paar Menschen, die mir in der ersten Morgendämmerung begegneten. Die Pariser Straßen, deren selbstverständliche, einfache Eleganz ich sonst so gern hatte, kamen mir plötzlich gleichgültig und dumm vor. Die Menschen, die mir begegneten, schienen geradezu sinnlos, alle blaß und übermüdet. Weshalb? Für ein Vergnügen etwa? So sahen sie gar nicht aus. Sie gehen nun einmal erst morgens zu Bett, haben Maitressen, die sie nicht lieben, und bezahlen für alles mehr, als es wert ist, werden krank, wahnsinnig, verarmen. Warum? Keiner weiß es, sie selbst wissen es am wenigsten. Viele Dirnen huschten trübselig an mir vorbei. Sie waren übernächtigt, blickten sich kaum um. Da fiel mir wieder die erste ein, die mich angesprochen hatte. Sie war die verkörperte Zwecklosigkeit, die Blödsinnigkeit dieses dummen Stadtlebens. Ich war wenigstens müde und freute mich auf den Schlaf. So kam ich vor mein Haus. Im Augenblick, wo ich die Haustür zuwerfen wollte, schlüpfte jemand hinter mir herein.

»Inkubus«, murmelte eine Stimme. Von diesem Augenblick an fühlte ich mich nicht mehr selbsthandelnd. Ich wurde von außen gedrängt. Eine Lähmung, wie sie uns im Traum überkommt, hinderte mich, den Eindringling hinauszuweisen öder den Hausmeister zu rufen. Von rückwärts wurde ich die Treppe hinaufgeschoben, bis ich vor der Tür meines Arbeitszimmers stand. Wie jede Nacht zündete ich mechanisch die Lampe an. Dann sank ich erschöpft auf die Chaiselongue. Das Wesen setzte sich mir gegenüber. Ich erkannte dieselbe Dirne, die mir zuerst auf der Straße den Weg versperrt hatte. Das sinnlose Elend, das sich mir draußen über die Nerven gelegt, war in mein Zimmer getreten.

Sie suchte mich mit vielen Gründen zu überzeugen, daß sie dableiben und ich ihr ein gutes Geschenk machen müsse. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt antwortete. Sie schalt, nicht sehr erregt, meine niedrige Gesinnungsweise und suchte dann wieder durch alberne Schmeichelworte meine Geneigtheit.

»Stelle dich nicht wie ein Kind an«, sagte sie, »das weißt du doch, alle Menschen müssen solche Beziehungen zum Tod unterhalten. Der Willenlose hat dort einen gewalttätigen Herrn, der Ehrgeizige neidische Nebenbuhler, der Egoist bösartige Kinder. Du sollst nur eine Geliebte haben, die du mit deinem Blute wärmen mußt. Jeder nach seinem Temperament oder nach seinen Sünden, wenn ich mich ein wenig altmodisch ausdrücken darf. Denke doch an die Freunde, mit denen du den Abend verbracht hast. Glaubst du, daß sie keinen ungeladenen Gast daheim finden, der von ihnen Rechenschaft, Versprechungen, Verzichtleistungen – weiß der Teufel, was – verlangt. Dich hat man bisher unbegreiflicherweise vergessen. Nun komme ich, die Steuer an inneren Leiden zu fordern, die du dem Tod dafür schuldest, daß er dich noch leben läßt. Um dich nicht zu erschrecken, näherte ich mich dir draußen. Du siehst, wie ich dir die Pille versüße. Du hättest mich, wenn ich gewollt, ebenso gut auf deinem Bette sitzend finden können. Denke dir einmal, wie du da überrascht gewesen wärest.« Sie lachte heiser. »Du siehst, ich bin bequem zu ertragen. Auch Eifersucht ist mir fremd. Weißt du, eigentlich bist du noch ein Kind, da du heute zum ersten Mal bewußt solch einen Besuch empfängst. Morgen wirst du kein Kind mehr sein. Gib nur acht, wie anders, wie viel verwandter dir morgen die Menschen vorkommen werden. Die Hälfte deines Hochmuts wird verschwunden sein. Und sie werden dir mehr trauen. Bisher haben sie gefühlt, daß du nichts vom Tod wußtest. Ist es nicht so? Das wird sich ändern. Nun hast du wenigstens etwas mit ihnen gemein.« Sie schaute im Zimmer umher. »Übrigens, ohne daß du sie erkanntest, müssen doch viele Boten des Todes gleich mir hier durchgekommen sein, um diesen durchdringenden Leichengeruch hervorzurufen.«

»Keine, verfluchtes Tier!« schrie ich ihr entgegen. »Du bist die erste, die diese Räume besudelt.«

Aber die blecherne Stimme klirrte unaufhaltsam weiter. Meine einzige Hoffnung war, daß alles nur ein Traum sei.

»Deine Verbrechen sind ja eigentlich ziemlich harmlos, ich brauche sie dir wohl nicht erst zu nennen ... Kindereien! Dafür bleiben dir auch die viel schrecklicheren Besuche erspart, die nachts den duckmäuserischen Bürger, den satten Berufs- und Geldmenschen quälen. Was die nachts erleben, das werde ich dir gelegentlich einmal erzählen. Überhaupt, weißt du, wir können behaglich zusammen plaudern. Deinesgleichen ist wirklich die amüsanteste Art zugefallen, mit dem Tod in Beziehung zu treten. Übrigens noch eins, daß ich es nicht vergesse: Du brauchst deshalb noch lange nicht zu sterben, mein Besuch hat damit nicht das geringste zu tun. Ich bringe nur die Botschaft, daß die allererste, gedankenlose Jugend für dich verrauscht ist.«

Ihre Stimme war allmählich ein wenig wärmer geworden, als ob sie Mitleid mit mir habe.

»Hast du immer noch Angst vor mir? Weißt du, wer die andern waren, von denen du nicht das Geringste wußtest, die du einst um Mitternacht in dein Haus brachtest und neben dich legtest, wie eine gute alte Geliebte? Wußtest du vielleicht, woher die kamen und wohin sie gingen? Wußtest du, welcher Sarg tagsüber ihre Wohnung war, ehe sie zu dir kamen und nachdem sie dich verließen? Bist du ihnen morgens je einmal gefolgt? Nichts wußtest du von ihnen, und doch hattest du keine Furcht. Und nun erschrickst du vor mir? Was bin ich denn anders, als jene? Weißt du weniger Gutes oder mehr Böses von mir?«

»Ich sage dir, daß noch keine diese Schwelle betrat.«

Sie brach in ein furchtbares, gar nicht einmal sehr lautes hölzernes Lachen aus. »Du bist ein Kasuist, mein Freund, du weißt wohl, daß ich nicht von Fleisch und Blut rede. Denke doch bitte einmal an deine Phantasien, an deine geheimsten Gedanken; wie Spinnweben hängen die hier an allen Möbeln herum. Es ist lächerlich, mir etwas vorlügen zu wollen. Ich weiß, mit wem du dich schlafen legst, mit wem du dich hier ganze Nachmittage unterhältst. Willst du dir etwa das Vergnügen machen, dich von mir wie ein Knabe verführen zu lassen? Dazu bist du zu alt und ich zu klug. Ich denke, wir machen das lieber wie gute alte Freunde, ohne uns gegenseitig etwas vorzulügen.«

Ich sah, wie sie aufstand und Holz in den Kamin legte, als ob es ihr eigener Herd wäre. Am Feuer entkleidete sie sich und warf ihre zerschlissenen Kleider auf den Boden. Ich schloß die Augen, als ich den schwammigen schlaffen Körper sah. Dann muß ich wohl eingeschlafen sein.

Als ich aufwachte, schien der blasse Wintermorgen in mein Zimmer. Ich war überrascht, mich im Anzug auf der Chaiselongue meines Arbeitszimmers zu befinden. Die umherliegenden schmutzigen Frauenkleider riefen mir plötzlich das Geschehnis der Nacht in die Erinnerung zurück. Ich sprang auf und eilte nach der Tür des anstoßenden Schlafzimmers. Da lag das fette, aschfahle Weib in meinem Bett. Ein nackter Arm hing wie tot auf den Boden herab, der geöffnete Mund röchelte. Eine unaussprechliche Wut wallte in mir auf. Ich zerrte sie aus dem Schlummer. Schlaftrunken rief sie mir ein Wort der Straße zu und brummte, weil ich sie weckte.

»Hinaus ... fort ...«, schrie ich.

Halb erzürnt, halb erstaunt kleidete sie sich in träger Bosheit an, indem sie meinem Drängen fortwährend mit groben, gereizten Ausdrücken antwortete. Es ward mir fast wohl, als ich sie so schimpfen hörte, das war doch wenigstens begreiflich. Ich riß sie aus dem Schlaf, und sie schimpfte. Gut, das ließ man sich gefallen, das war logisch. Aber sonst, das andere war ja unfaßbar, daß sie hier war, in meinem Bett lag.

Schließlich wollte ich sie zur Tür hinausschieben, aber da hätte man sehen sollen. Im Tiefinnersten verletzt und geradezu entseelt vor versteinerndem Staunen, rief sie aus:

»Und die zwanzig Francs ... wie? ... Hast du mir nicht versprochen? ... Du Schmutzkerl ... glaubst du vielleicht, daß mir deine Nase so gut gefallen hat?« Kaum hatte sie das Geldstück in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte: »Sei nicht böse, mein Wölfchen, ich wußte ja nicht ...«

Sie ging. Halb ohnmächtig fiel ich nieder.

Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand.

Dann trat ich vor den großen Spiegel über dem Kamin. Das ganze Zimmer spiegelte sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas, betastete meinen Kopf, meine Glieder, sie fühlten sich an wie sonst. Aber ihr sinnlicher Schein war fort.

»Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen«, rief ich aus, »das ist ja zum Tollwerden. In was für Löchern mag die mich nun herumschleppen!«

Plötzlich wurde ich ruhiger. Mir fiel ein, daß dieser Spiegel noch aus dem Jahr 189* war, seitdem doch viele Jahre vergangen sein mußten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, daß ich mich nicht darin sah. Doch da kam ein neuer quälender Gedanke.

Ich kannte ja niemand in der neuen Zeit. Plötzlich fiel mir der Graf von Saint-Germain ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war überhaupt an allem schuld. Er hatte übrigens gesagt, ich sollte ihn besuchen. Vom Fenster aus pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren, und eilte die Treppe hinunter.

Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre. Im Bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein müßte, ging ich zu einer Bank, auf der ich früher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne schien durch das kahle Gehölz. Ich weiß nicht, wie lange ich träumend da gesessen habe. Über den nächtlichen Besuch hatte ich mich langsam beruhigt. Es war ja erklärlich, daß ich dieses Wesen im Haschischrausch eingelassen hatte. Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem Gedanken, meine Wohnung wieder betreten zu müssen. Es war dort etwas, womit ich durchaus nichts mehr zu tun haben wollte. In dieser Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse gekommen. Wo sollte ich nun hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus Europa, auf irgendeine Farm auf jungfräulichem Boden. Dann fand ich es merkwürdig, daß ich – gerade ich so etwas empfand. Fast war mir, als wäre das alles gar kein Rausch gewesen. Die körperlose Geliebte, die kein Weib ist, sondern der Vorwand unserer Träume – das Bacchanal der wütendsten Selbstvernichtung – die Umarmung des Todes – das lüsterne Betasten und Belauern des Heiligen – hatte ich das wirklich nur geträumt? Irgendwo hatte ich Ähnliches selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es? Ich fühlte, daß ich darüber noch lange nachzudenken hätte. Eines nur war mir gewiß: Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich dem Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen Gesundheit beginnen?

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