Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Oscar Adolf Hermann Schmitz: Haschisch - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/schmitzo/haschisc/haschisc.xml
typenarrative
authorOscar A. H. Schmitz
titleHaschisch
publisherBLITZ-Verlag Gmb
editorMarco Frenschkowski
year2006
isbn3898409279
firstpub1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111117
projectid93fbcbc7
Schließen

Navigation:

Die Sünde wider den Heiligen Geist

In Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen Spaß machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen einzunehmen. Diese höchstschwächlichen Notbehelfe waren der damaligen Zeit nicht gemäß. Man wußte auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake der Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit die exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der Kraft des Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit, unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen werden, Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits werfen würden – eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. Die Reihe der Todsünden wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft. Hier erschlägt einer im Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine klägliche Wissenschaft den Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrißt sich, und wie die Missetaten phantasieloser Leute nur immer heißen mögen. Nur einen Frevel gibt es, dem die Kirche dadurch eine Sonderstellung anweist, daß sie erklärt, er könne nie vergeben werden. Die Priester behaupten sogar, Gott lasse ihn kaum zu: die Sünde wider den Heiligen Geist. Die jungen Leute, von denen ich erzählen wollte, konnten sich daher gar nichts Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen als das Geschehen dieser unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen, ob sie überhaupt möglich sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischenträte, ob der Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar nichts ereignete.

Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, daß man ihn beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der Wille, das Bewußtsein und die Kraft des Lästerers. Er muß den höchstmöglichen Frevel begehen wollen, muß wissen, wen er beleidigt und was er damit wagt, also den Glauben haben. Er muß durch die Kraft seines Willens, seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen. Seine Schmähungen dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen Hundes abprallen. Außer von Satan selbst, der, wie man weiß, früher der schönste der Engel war und sich jetzt in beständiger Empörung gegen den Heiligen Geist befindet, kann die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen begangen werden, der die im Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, des Glaubens, der Berge versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet.

Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fanden sich eine Anzahl Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. Aber es erwies sich, daß ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr war als der Mangel an Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott lebendig in sich fühlten, so waren ihnen die Kniffe und Schliche Satans fast unbekannt.

Schließlich dachte man an die vierzehnjährige Teresa Alicocca, die Tochter einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes keine peinigendere Sorge gehabt, als daß es einen ähnlichen Weg wie sie gehen würde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so übergab sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster der Karmeliterinnen. Man hätte von ihr nicht mehr erfahren als von den anderen Zöglingen, wenn sie nicht schon in so frühem Alter beständig von den Priestern als leuchtendes Beispiel für das Wunder der Substitution gepriesen worden wäre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten und Kasteiungen war es ihr nämlich – durch Vermittlung der heiligen Teresa – gelungen, dem Bösen gegenüber an Stelle ihrer Mutter zu treten, sich ihr zu substituieren: sie ging freiwillig den Dämonen der Wollust und der Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen hatten. Während diese fortgesetzt, trotz ihres Glaubens, den satanischen Strömungen erlag und sich mitreißen ließ, wußte Teresa solche Ausflüsse der Hölle von nun an auf sich zu lenken und sie zu überwinden. Die Folge war, daß die Mutter – zu ihrer eigenen Verwunderung – auf einmal imstande war, die Versprechungen zu halten, die sie immer wieder im Beichtstuhl machte. Sie begann ein bußfertiges Leben zu führen und dankte dem Himmel, der ihr von der Frucht ihrer Sünde selbst die Gnade hatte kommen lassen.

Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter erscheinen als Teresa Alicocca. Sie fühlte und sah nicht nur Gott, sondern auch die Fallen Satans waren ihr, die nie gesündigt hatte, bekannt. Die Kraft zu der großen Sünde besaß sie zweifellos. Wenn man sie ohne Berauschung dazu bringen könnte, würde sie auch das Bewußtsein haben. Es handelte sich also darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den Willen, den Heiligen Geist zu lästern.

Den jungen Leuten wurde es nicht sehr schwer, sich Teresa zu nähern, da sich unter ihnen ein Priester befand, Fray Tomas de Leon, der im geheimen dem Satanismus ergeben war. Durch ihn hatten sie überhaupt Genaueres über Teresa erfahren. Der Geruch der Frömmigkeit, in dem er stand, verbunden mit einem ungemeinen Scharfblick in die menschliche Seele, hatte die Karmeliterinnen veranlaßt, ihn zu ihrem Beichtvater zu erwählen.

Er wußte, daß Menschen wie Teresa nie mit sich zufrieden sind, daß sich immer wieder Falten ihres Bewußtseins öffnen, in denen kleine Vorwürfe, Zweifel, Mahnungen an Unterlassenes liegen. Kluge, wohlwollende Priester pflegen daher solchen Beichtkindern die eingehende Gewissensprüfung zeitweise zu verbieten. Fray Tomas dagegen verstärkte diese selbstquälerischen Stimmen, indem er fragte, ob sich Teresa auch ganz frei von der Todsünde des Hochmuts fühle, ob sie sich nicht bisweilen für eine Heilige halte, da sie sogar die Missetaten anderer auf sich nehme. Die Substitution sei zwar eines der gottgefälligsten Werke; war aber Teresa wirklich rein und demütig genug? Indem der Priester täglich den Finger in die zuerst leichte Wunde legte, gelang es ihm, in Teresa eine unsägliche Verwirrung zu schaffen.

Ob nicht die Bekehrung der Mutter als Beweis für die Reinheit ihrer Gebete gehalten werden könne? wagte sie schüchtern einzuwenden. Das könne Teufelswerk sein. Was verschlüge es dem Bösen, daß eine Hure, der er sicher war, einige Zeit züchtig lebte, wenn er dafür eine Jungfrau durch die Todsünde des Hochmuts fangen könne?

Teresa wurde nun so unsicher, daß sie tagelang die Substitution nicht wagte. Sie bat sogar Gott, nicht mehr Anfechtungen über sie ergehen zu lassen, als er ihr in seinem gerechten Zorne zugedacht hatte. Als der Priester so ihre Kraft gebrochen sah, fragte er sie, ob sie jetzt nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen sei? Ob sie, die vielleicht doch eine Erwählte war, nicht aus Kleinmut und Trägheit auf das Wunder verzichte, sie, die aus bloßer Kindesliebe alles tun müsse, um die Seele der Mutter zu retten. Teresa wollte von neuem die Substitution versuchen, aber wenn sie vor dem Heiland kniete, fühlte sie, daß ihre ängstlichen, zerrissenen Gebete keine Kraft mehr hatten. Eine wahnsinnige Angst vor dem Teufel erfaßte sie. Von ihren eigenen Sünden gepeinigt, vermochte sie das Wunder nicht mehr zu erfüllen. Ihre Unreinheit wurde ihr immer mehr bewußt. Hatte sie nicht manchmal gejauchzt, ein Weib zu sein, weil sie darum den Heiland viel inniger lieben konnte? Sie war ja eine schlimmere Dirne als die Mutter, die der Schwachheit des Fleisches unterlag und dann reuig zur Madonna floh. Sie aber trug die Gemeinheit ihres Geschlechts an den Altar, sie vermengte ihre Wollust mit den Gebeten. Ihre Ekstasen, die sie für ein Vorgefühl der ewigen Seligkeit gehalten, erwiesen sich als Schändungen Gottes; die Stimmen der Heiligen, die sie zu vernehmen glaubte, waren die Schmeichellaute der schwelgenden Sinne. Sie hatte wider den Heiligen Geist gesündigt. Diesen Seelenzustand beichtete sie dem Priester, der sich jedoch mit dem Erfolg noch keineswegs zufriedengab. Er sah, daß die Sünde wider den Heiligen Geist vorläufig nur in Teresas gequälter Einbildungskraft bestand. Zunächst bestärkte er sie in ihrem Irrtum.

»Diese fehlerhaften besudelten Gebete«, erklärte er, »sind freilich schlimmer als die eingestandene Gottlosigkeit. Der offene Unglaube ist unfruchtbar, dumm, ohnmächtig. Aber solche fiebernde Gebete erhalten durch die brünstig erregte Seele immerhin eine gewisse Macht. Sie sind zwar nicht lauter und kräftig genug – wie das reine Flehen der unbefleckten Herzen –, sich mit dem ewig aufsteigenden Gebetsstrom der Christenheit zu vereinen und so den Beter unaufhörlich mit der allgemeinen unsichtbaren Kirche zu verketten, die ihn trägt und schützt, in deren Schoß ihn die Anfechtungen Satans unbekümmert lassen. Solche Gebete haben aber wohl die Macht, Sonderströme zu schaffen, die, von dem Hauptgebetsstrom abgestoßen, wieder zu dem Beter zurückkehren, ihn mit ihrer Unreinigkeit wie mit heißen Händen umschlingen, seine Zelle wie mit Spinnweben verdunkeln, ihn unter den Larven seiner eigenen unheiligen Gedanken erdrücken, bis er in seiner Sündigkeit erstickt.«

Fray Tomas erreichte durch diese Erklärung, daß Teresa die Einsamkeit ihrer Zelle nicht mehr ertrug. In der Luft schienen die flüchtigen Spiegelbilder ihrer Sünden zu schwirren. Ihr war, als sei das Gewebe, das der Böse um sie geschlungen, so dicht, daß ihre aufrichtigsten Gebete nicht mehr herauszudringen vermochten. Sie fühlte sich wie abgetrennt von der allgemeinen unsichtbaren Kirche. Diesen Zustand benutzte der Priester, um Teresa zu bestimmen, ihre Zelle zu verlassen. Auf die Klöster habe es ja Satan besonders abgesehen, und zumal die, wo die Substitution geübt werde, seien wahre Magnete für die satanische Ausstrahlung. Eine schwache Natur, wie Teresa, sei daher überall besser aufgehoben als in einer einsamen Klosterzelle. Als Beichtvater wußte er ihr klarzumachen, daß es ihre Pflicht sei, einen so außergewöhnlichen, beunruhigenden Fall, wie den ihren, dem sanften, heiteren Gemüt der Oberin zu verschweigen, die dadurch nur in die höchste Verwirrung geraten würde.

Eines Nachts verließ Teresa Alicocca das Kloster durch ein Gartenpförtchen. Fray Tomàs brachte sie in einem Kahn zu dem halb blinden, halb tauben Küster einer abgelegenen, wenig besuchten Kirche. Dort sollte sie eine Zeitlang die gefährliche Beschaulichkeit ihres bisherigen Lebens durch die niederen Handreichungen in einem ärmlichen Hauswesen ersetzen. Nichts war ihr einleuchtender, als durch ermüdende, demütige Arbeit ihre verwirrte Seele allmählich wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Fray Tomàs besuchte sie täglich. Er erzählte, Teresas Mutter sei wieder in das alte Sündenleben zurückgefallen. Die früheren Versuchungen, vor denen die Tochter sie geschützt, seien nun von neuem an sie selbst herangetreten, und besonders habe sie sich, der Verzweiflung über das Verschwinden der Tochter nachgebend, zu den schimpflichsten Gotteslästerungen hinreißen lassen. Täglich brachte Fray Tomàs ähnliche Nachrichten. Teresa wäre am liebsten sofort zur Mutter geeilt, aber der Priester verstand es, sie zurückzuhalten. Man würde sie entdecken und in das Kloster zurückliefern. Was konnte sie auch der Mutter durch ihre Gegenwart nützen? Sie solle lieber durch Kasteiung und Gebete ihre frühere Reinheit zurückgewinnen und – die geziemende Demut vorausgesetzt – von neuem das Wunder der Substitution versuchen.

Einmal rief sie aus: »Wenn schon ein Opfer Satans fallen muß, warum kann ich es denn nicht sein? Ich bin ja viel schlechter als die Mutter.«

Der Priester sah sie lange forschend an. Der Gedanke, den er ihr allmählich eingeben wollte, war von selbst in ihr erwacht.

»Was du verlangst, meine Tochter«, sagte er ruhig, »ist möglich. Wenn du dich dem Bösen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten, so nimmt er es an.«

»Ich will«, erwiderte sie tonlos, und Fray Tomàs de Leon fiel vor ihr auf die Knie und küßte den Boden.

»Gebenedeite unter den Weibern«, rief er aus. »Tochter Gottes, Schwester des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich für eine Sünderin hielt, da du freiwillig den Schein der größten Missetat auf dich nahmst. Aber zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des Herrn, weil er irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir niederfällt, nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lösen. Vergib mir, wenn ich dich nicht erkannt.«

In höchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehört.

»Steh auf, rief sie zitternd, »was verlangst du von mir? Willst du mich versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem erwecken?«

Fray Tomàs stand auf: »Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschütternde Prophezeiung zu enthüllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt. Ist es nötig zu erklären, daß die Kirche niemals etwas Ähnliches anerkannte! Jesus Christus ist Mensch geworden; über die Welt bis in das Fegefeuer reichte sein rettender Arm. Doch seine Göttlichkeit stand still vor den Pforten der Verdammnis. Unerlöst blieben die Kinder der Hölle, denn dorthin führt nur die Sünde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn nicht begehen kann. In den spätesten Zeiten aber – so heißt es – soll ein Weib geboren werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hölle durchschreiten. Ihrem sündigen Menschentum werden sie sich nicht verschließen. Aus freier Wahl wird sie die größte Sünde begehen, um die Fesseln derer zu lösen, die an die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte Vollendung der Güte des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und gen Himmel fahren. Sprengen muß sie die Dreieinigkeit, die nunmehr erfüllt ist, und sie wird thronen zu Häupten Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.«

Wieder fiel Fray Tomàs auf die Knie.

»Steh auf, steh auf, rief Teresa, »ich darf dir nicht glauben – ich zittere, eine Erwählte zu sein – eine andere wird kommen. Nur sage mir – ich beschwöre dich –, was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis zu schützen?«

Der Priester erhob sich.

»Wie Christus eine Spanne Zeit auf Erden wandelte, so wirst du in der Hölle eine Frist der Verdammnis erfüllen und mit den verstocktesten Sündern dich und die Mutter erlösen.«

»Was kann ich dazu tun?« fragte Teresa zitternd.

Und unerbittlich fuhr Fray Tomàs fort:

»Nur wer von einem Weibe geboren wird, kann einen irdischen Leib erlangen; nur wer die große Sünde begeht, die nie vergeben werden kann, wird zur Hölle fahren.«

»Die Sünde wider ...?« stotterte Teresa.

»So ist's, die Sünde, die Christus nicht begehen konnte, vor dessen Göttlichkeit sich darum die Hölle verschloß. Glaubst du, daß er überlegte, als er Mensch wurde, ob er seine Göttlichkeit einbüßen müsse? Und du setzest nur dein Menschentum aufs Spiel. So wie die Unreinheit der Empfängnis von Maria genommen wurde, so sollst auch du von deiner freiwilligen Sünde nicht befleckt werden.«

Ohne auf Antwort zu warten, ging Fray Tomàs von dannen. Teresa lag die ganze Nacht in Tränen auf den Steinfliesen der Kirche und flehte um Erleuchtung. War es Mangel an Demut, wenn sie manchmal jubeln wollte, vielleicht doch die Erwählte zu sein?

Am nächsten Tag brachte Fray Tomàs die Nachricht, Teresas Mutter sei von einer Gesellschaft junger Schwelger durch Gold bewogen worden, in einer der kommenden Nächte nackt, nur mit maßlosem Schmuck bedeckt, vor ihnen als Salome zu tanzen. Man wollte ihr aus Wachs einen Johanneskopf anfertigen lassen. Sie selbst aber, die sich seit einer Woche vor Gotteslästerungen nicht zu halten wisse, habe im geheimen den Auftrag gegeben, man solle nicht das Johannesantlitz in Wachs gießen, sondern die wohlbekannten Züge des dornengekrönten Christus in der Kapelle der heiligen Ignazia. Warum habe ihr Gott die Tochter mit ihren kräftigen Gebeten entrissen, soll sie gerufen haben, nun sei es seine Schuld, wenn sie sich dem Satan ergebe. – Zweifellos – meinte der Priester – habe sie eine entsetzliche Schändung des Jesushauptes vor, die Sünde wider den Heiligen Geist.

Teresa fiel kraftlos zu Boden.

»Erkennst du den Fingerzeig Gottes, meine Tochter?« sagte Fray Tomàs: »mahnt er dich nicht selbst, daß jetzt die Stunde gekommen ist, wo du freiwillig der Mutter Sünde auf dich nehmen sollst, die dir allein die Hölle öffnet, auf daß sie nimmer geschlossen werde, nachdem du alle Verdammten erlöst hast?«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Glaubst du, daß Gott oft diese Sünde erlaubt? Heute, im Augenblick, wo du deine Berufung erfüllen sollst, will er sie zulassen in deiner nächsten Nähe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bösen zu vertreten gewohnt bist? Sollen mehr Fäden in einem Knoten zusammentreffen? Das Laster der Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren nur Fingerzeige für dein hohes Werk. Selten enthüllt sich Gottes Wille so klar. Mit einem Trank will ich deine Mutter an dem verfänglichen Abend in Schlaf versenken. Du aber wirst, angetan mit dem Schmuck, den die reichsten Jünglinge der Stadt zusammentragen, den Tanz vollführen. Du wirst die Sünden der Verdammnis tanzen: den Hochmut, die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die du demütig, nüchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen, das Christushaupt bespeien und den Satan brünstig lachend um die Lust der ewigen Verdammnis anflehen, auf daß sich die Tore der Hölle vor dir öffnen und du alle Verdammten – unter ihnen aber deine Mutter – zum Himmel führest.«

Teresa wand sich verzweifelt am Boden, während den Priester das Vorgefühl dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte.

»So nimmst du alle Sünden der Zukunft vorweg durch die größte, die je begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lüstern den Arm nach dir streckt, um dich zur Königen der Hölle zu erheben, wird er im eigenen Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz. Durch deinen menschlichen Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht haben, sich des Betrugs zu bedienen, dessen Verkörperung Satan ist. So wird – als letztes Mysterium! – der Teufel durch sich selbst vernichtet, der Betrüger betrogen, die Sünde ist für immer tot. Das aber wird das Werk der heiligen Teresa Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen, die sie aufwärts tragen, werden singen: »Gloria patri et filiae!«

Fray Tomàs bekreuzte sich und ließ sie allein. Er wußte sie nun vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick überrumpeln zu können.

In einer der folgenden Nächte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit vor dem Altar der dunklen kleinen Kirche flehend ausgestreckt. Ihr lautes Schluchzen durch die Finsternis wurde plötzlich unterbrochen, indem die Orgel wie unter Geisterhänden leise zu spielen begann, und zwei zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart: »Gloria patri et filiae.«

Ein heftiges Beben überkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der Erleuchtung, und heiße Dankgebete strömten von ihren Lippen. Da trat mit einer Kerze in der Hand Fray Tomàs de Leon hinter dem Altar hervor. Er war silberweiß gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein.

»Steh auf, Gebenedeite!« rief er ihr zu. »Laß den niedrigsten der Diener deinen Leib zum Opfer schmücken!«

Und die hellen Kinderstimmen tönten licht und wie durchsichtig durch das Gewölbe.

»Steh auf, Tochter Gottes, Schwester Jesu!«

Willenlos, geblendet von der Helle, die den Priester umfloß, erhob sie sich. Mit sanften, gewandten Händen half er ihr, das armselige Klostergewand zu öffnen. Es sank um sie herab, wie die irdische Hülle einer Verklärten. Die Augen mit Heftigkeit auf den Christ gerichtet, suchte sie ihre Scham wie einen Schmerz zu verbeißen. Die letzten Gewänder fielen nieder. Sanft zog ihr der Priester das rauhe Hemd ab und legte segnend die Hände über das nackte Weib. Dann öffnete er den Schrein und nahm funkelnde Geschmeide heraus ...

»Trage die sündenschwangere Schwüle der mattgrauen Wolkentage, die Last unserer trügerischen Sehnsucht!«

Er legte blasse, siebenfache Perlenschnüre um ihren Hals.

»Laß dich umwinden vom golddurchfunkelten Blau der Himmel, vom Jauchzen der Kreatur, die den Menschen aufregt zum farbigen Baalstanz seiner götzendienerischen Kunst.«

Der Priester wand ein hellblaues Atlasband mit maßlosen sonnigen Topasen unter ihre Brüste, die spitz und starr heraustraten.

»Laß dich lüstern streifen von lauen Wäldern, den Unterschlupfen der Wollust, von den gärenden Wassern im Regenbogenglanz, wo Tiere dämmern, Geschwister der schwülsten Begierden!«

Wie Blätter des Waldlaubs streute er tannengrün-tiefen Smaragd, sanften Beryll, birkenblasse Chrysoprase. Moosiger Nephrit und verfänglich schillernde Opale lagen um ihre Lenden.

»Beuge dich dem zehrenden Feuer, das den Bauch der Erde zersprengt, den Aufruhr entzündet im Schöße der Völker!«

In fesselloser Verschwendungsgier umschloß er sie mit Spangen von glühendem Rubin und weichrotem Karneol. Granaten, Almandinen und Korallen sanken wie Blutstropfen auf den Schoß der Jungfrau.

»Wühle auf deine Locken, den Ozean, den Duftausbruch des verworrenen Verlangens, trage darin das Irrlicht der Erkenntnis, das schaukelt über den Sümpfen der Sinne, die ewige Lampe des Hochmuts der Wissenden!«

Fray Tomàs löste mit wildem Griff das wogende Haar und drückte eine Diamantenkrone hinein. Trunken vor seinem funkelnden Werke sagte er: »Nackt prunke, leuchte, singe dein Leib unter der Pracht und den Sünden hervor, auf daß dich Satan zeichnen möge!« Doch, wie in plötzlicher, verzweifelnder Entsagung fuhr er fort: »Deine Schritte beschwere der finstere Fluch unserer purpurnen wühlenden Nächte, da uns die Atemzüge der Hölle glühend ins Antlitz fauchen, das da funkelt in steter Empörung und Wollust, im Schrei nach endlichem Licht!«

Und Fray Tomàs de Leon legte ihr trüben Amethyst, nächtigen Saphir und Aquamarin in finster-bläulichen Schnüren von dem Lendengurt bis zu den Knöcheln wie durchsichtige orientalische Beinhüllen.

Beladen mit aller Herrlichkeit, mit allen Freveln der Erde starrte die Vierzehnjährige auf den Christ über dem Altar und wußte nicht, wie ihr geschah. Auf einer goldenen Schale reichte ihr Fray Tomas das grünlich schimmernde Wachshaupt Jesu. Dann ergriff er sie an der Hand und wandte sie gegen die Kirche, die indessen in überhellem Kerzenschein erstrahlt war. Auf den Fliesen lag ein weißer Teppich ausgestreckt, an dessen Ecken Fackeln brannten und Myrrhenbecken dampften. Fray Tomàs führte die Zagende mitten auf den Teppich.

»Tanze, Tochter des Himmels, tanze den Tanz der Erlösung und erfülle in prahlender Unzucht in dieser einen Stunde alle die Frevel, die der Satan noch von der Menschheit zu fordern hat!«

Plötzlich fiel die Orgel in wilden Rhythmen ein. In den halbdunklen Ecken der Kirche schlugen vermummte Männer heilige Gefäße wie Becken und Zimbeln aneinander. In entsetzlichem Gemisch mit der Feierlichkeit ertönte das barbarische Geräusch von Tamburinen, und trunkene Weiberschreie drangen hinter den geblähten Vorhängen der Beichtstühle hervor.

»Tanze, tanze!« schrie der Priester voller Ungeduld und schien die Zögernde, die sich unter der Last der Geschmeide kaum zu bewegen wagte, durch springende Schritte ermutigen zu wollen. Und langsamen, schüchternen Ganges, beladen mit den Freveln der Welt, bewegte sich Teresa Alicocca über den Teppich, den Kopf des Heilands auf einer Schale tragend. Aus den Ecken, wo sich Männer und Frauen schaugierig drängten, sprangen nun plötzlich die jungen Leute, des Priesters Freunde, hervor. Mit Fackeln und bloßen Schwertern im Arm tanzten sie jauchzend um den Teppich.

»Wilder, toller!« riefen sie der Ängstlichen zu. »Du mußt uns alle erlösen, aber unsere Sünden sind noch brennender, empörender, räuberischer, als dein Tanz. Du mußt verruchter tanzen, als unsere Missetaten sind, die gen Himmel schreien. Nur so kannst du uns zum Heile sein!«

Während die Wut der Orgel niederdonnerte, ließ sich Teresa zu immer wilderem Tanze treiben. Sie warf die Schale mit dem Haupte von sich und fand in plötzlicher Erleuchtung die versonnensten Gliederkrümmungen der asiatischen Tänzerinnen. Sie bot ihren Schoß offen der Kerzenhelle dar und entriß ihm mit gewaltiger Gebärde die Blume ihres Jungfrauentums, so daß ihr weißer Körper über die roten Rubinen blutete.

»Eine blutende Hostie des Satans!« rief Fray Tomàs verzückt. Sie aber heulte auf vor Schmerz und stürzte sich auf das wächserne Haupt vor ihren Füßen, umschlang es, wie den Kopf eines Tänzers, krallte die Zähne hinein, ihre Qual zu verbeißen.

Und sie tanzte die Sünden der Hölle!

»Küß ihn«, rief ihr der Priester zu. Willenlos tat sie nun alles, was er befahl. »Verspotte ihn, spei ihn an, wirf ihn hin, tanze drüber weg, zertritt ihn, zermalm ihn – lästere die Dreieinigkeit – rufe zu Satan!«

Und gebeugt von der Last der Sünden der Verdammnis schrie Teresa Alicocca: »Satan, Lucifer, Adonai!«

»Was willst du?« ertönte eine dumpfe Stimme aus der Krypta.

»Nimm mich in die ewige Qual!« stöhnte Teresa.

»Und Gott? – Glaubst du an ihn?«

»Ich glaub' an ihn, ich fühle seine Majestät, aber dennoch schreie ich mich von ihm los – dein will ich sein!«

»Bist du willens, den Heiligen Geist zu schmähen?«

»Tat ich's nicht schon?« rief sie atemlos.

»Willst du Lucifers Beischläferin sein, der Gott kennt und ihn darum haßt?«

»Ich sehe Gott«, schrie Teresa ekstatisch, »und will doch deine Dirne sein, Satan!«

In diesem Augenblick sprangen die jungen Leute mit Dolchen bewaffnet auf den Teppich.

»Schnell ... schnell ...«, gebot Fray Tomàs, »ehe sie bereuen kann, ehe sie das große Werk zerstört!«

Und im Nu stürzten sie auf das verzückt dahintanzende Weib ein. Sechs Dolche staken in Teresas Leib – im Herzen, im Nacken, im Bauch, in den Lenden, in der Scham – aber keiner schien sie verwunden zu können. Gefühllos tanzte sie weiter, wie eine Nachtwandlerin. Sechs Dolche umstarrten sie, als gehörten sie zu ihrem maßlosen Schmuck.

»Sie fühlt nichts mehr«, entfuhr es einem erschrocken. Mit einem Messer schnitt er in den Arm der Tanzenden, ohne daß Blut floß. Langsam fielen die Dolche wie reife Früchte von ihr ab.

Das Leben stand scheinbar still im Augenblick fessellosester Entladung. Die Fülle des Rausches war plötzlich aus den Seelen geschnellt. Leer – gebrechlich – standen die Ernüchterten da und wußten kaum im plötzlich erstarrten Geist die Züge des entflohenen Phantoms, das ihnen Leben geschienen, zurückzuhalten. Sie schämten sich zu reden. Sie fühlten, wie kläglich ihre Stimmen jetzt klingen mußten.

Stöhnen, Heulen riß sie aus ihrer Erstarrung. Entsetzt sahen sie, wie sich Fray Tomàs de Leon am Boden wand. Er bohrte die Blicke, klammerte seine Hände an ein Kruzifix und schrie. Man beschwor ihn um Erklärung. Er aber wagte nicht emporzublicken, die Augen abzuwenden vom Gekreuzigten. Mit der Hand nach der Decke deutend brüllte er wie ein zu Boden geschlagenes Vieh: »Gott ... Gott ...!«

Er bellte den Namen Gottes durch das Gewölbe.

»Gott läßt die Sünde wider den Heiligen Geist nicht geschehen! Derweil ihr Leib das Gefäß unseres Unrats war, hielt der Ewige ihre Seele fest und machte ihr Leben unverwundbar!«

Den jungen Leuten war, als peitsche ihnen einer in die Kniekehlen und zwänge sie nieder. Am Boden liegend wimmerten sie klägliche Gebete. Teresa taumelte immer langsamer, das Haupt fiel ihr vornüber, die Arme erschlafften, und sie sank zusammen wie die Flammen der Kerzen, die rings niedergebrannt waren. Aus den Ecken der dunklen Kirche aber, hinter den Vorhängen der Beichtstühle, von dem weißen Teppich stieg verzweifeltes Stöhnen und Beten der Reue empor.

*

Der Abgrund meines Lebens hatte sich so weit geöffnet, daß es mir möglich war, bis auf den Boden zu blicken. Ich sah eine Grenze, wo ich Unendlichkeit vermutet hatte. Die menschliche Einbildungskraft, das Spiel des Verstandes zeigte sich erschöpft, es konnte nicht weiter getrieben werden. Mir war, als sei ich auf dem Weg der Erkenntnis mit der Stirn an eine dunkle Wand gestoßen, die nicht weichen wollte, wie sehr ich mich dagegen stemmte. Konnte ich einen deutlicheren Beweis verlangen, daß ich auf dem Irrweg war, daß ich mich verlaufen hatte? Und ich kehrte um.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.