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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Haschisch - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorOscar A. H. Schmitz
titleHaschisch
publisherBLITZ-Verlag Gmb
editorMarco Frenschkowski
year2006
isbn3898409279
firstpub1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Karneval

Vor dreißig Jahren, als ich noch die ersten Lektionen in der Schule des Vergnügens empfing, versuchten einmal einige venezianische Nobili eine hübsche Karnevalssitte des achtzehnten Jahrhunderts wieder aufzufrischen. Man versammelte sich in der letzen Nachtstunde, als die ersten hellen Schimmer über den Lagunen erschienen, auf der Erberia, und es galt für sehr elegant, möglichst verwüstet auszusehen. Man kam in zerrissenem Maskenkostüm, schlaffe Blumen hingen in dem losen Haar der Frauen; die bleichen Wangen, die flackernden Augen, sollten den Mitmenschen von phantastischen, noch vor einer Viertelstunde genossenen Räuschen erzählen. Man liebte es, die Eifersucht und Mutmaßungen der anderen zu erwecken und ihnen zu zeigen, daß man darüber zu lachen verstand. Es braucht dem Kenner des menschlichen Herzens kaum betont zu werden, daß viele der Ankommenden weder aus dem Ballsaal, noch vom Spieltisch, noch aus verschwiegenen kleinen Kabinetten kamen, sondern daß sie sich soeben aus dem Bett erhoben, sorgfältig ihre nachlässige Toilette vorbereitet hatten und der Mode ihren Morgenschlaf opferten. Ich hatte die Nacht in der Sala del Ridotto verbracht, viel getanzt, gespielt und getrunken. Meine Huldigungen galten besonders einer Dame mit gelbseidener Maske. Ihre Stimme hatte einen wundervollen warmen Flüsterton. Sie wußte sich weich anzuschmiegen und ließ unter der Spitze der Maske große weiße Zähne glänzen. Ich war achtzehn Jahre alt und hielt sie mindestens für eine verkleidete Herzogin.

»Führ mich zur Erberia«, bat sie mich gegen Morgen, und ich überschritt mit ihr die leere dunkle Piazza. Wir mischten uns unter die lachenden Paare, die am Ufer des Kanals bei der Erberia auf und nieder wandelten.

»Marchesina, ich kenne dich«, rief ein Maskierter im Vorbeigehen meiner Dame zu.

Doch nur eine Marchesina, dachte ich.

»Wo ist Ersilia?« fragte im Vorbeistreifen eine Pierrette.

»Krank, sehr krank«, erwiderte meine Begleiterin.

Es legten viele Kähne an der Erberia an, die Nahrungsmittel für den Markt brachten. Eine lachende Kurtisane kaufte einer Bäuerin aus Chioggia für ein Goldstück rauchende Morgenkohlsuppe ab, deren Duft alle Umstehenden lüstern einsogen.

»Mich friert«, flüsterte meine Freundin Dolcisa, »komm mit mir nach Hause! Du gefällst mir.«

»Wer bist du?« fragte ich fast sprachlos vor Überraschung. Bis dahin hatte ich allen Grund gehabt, in meiner Begleiterin eine etwas ausgelassene Dame der Gesellschaft zu vermuten.

»Du bist dumm!« Ihre dunklen Augen blitzten unter der Maske. Sie zog mich in eine Seitengasse.

»Bist du wirklich eine Marchesina?« wollte ich verlegen wissen.

»Lächerlich, ein Spitzname.«

»Wer ist Ersilia?« forschte ich nach einer Pause.

»Ach, die arme Schwester Ersilia«, seufzte sie, doch nicht sehr ergriffen, »sie muß sterben, sie flüstert mit ihrer Heiligen und sieht nicht, was wir tun.«

Ich erschrak, ohne nachzudenken, warum.

»Ich bin ein gutes Mädchen«, fuhr sie fort, »ich schenke nicht allen meine Liebe, aber ich bin arm.«

Nun glaubte ich zu wissen, woran ich mich halten konnte. Ihre offene Harmlosigkeit entzückte mich.

Kühle, feuchte Morgenluft umwehte uns. Wir gingen schweigend durch die finsteren Gassen und überschritten zahllose schmale Kanäle. Dolcisa wollte um keinen Preis eine Gondel nehmen. Niemand begegnete uns.

Schließlich traten wir in eine Lichtung auf einen kleinen Platz. In der Ecke starrte ein finsterer alter Palazzo. Dolcisa schloß ein wild verschnörkeltes Seitenpförtchen auf und schob mich hinein. Um uns war stickiges Dunkel. Wir gingen über viele krachende, ausgetretene Stufen. Vor einer Tür standen wir still.

»Erwarte mich hier«, flüsterte sie, »laß mich zuerst in die Kammer gehn und die Kleider wechseln.«

Sie küßte mich im Dunklen und trat in die Tür. Ich ging an ein Gitterfenster, durch das die erste Dämmerung in den engen Treppenraum drang. Mein Blick fiel in einen zerfallenen, ehemals gewiß sehr prächtigen Palasthof. Sollte sie doch eine Dame sein, die heimlich einmal ein Karnevalsabenteuer haben wollte? Aber diese alten zerfallenen Paläste werden ja oft zu Spottpreisen an alle Welt vermietet. Dolcisa ließ mich lange warten. Vielleicht hat sie nicht den Mut, mich hereinzurufen, dachte ich und trat leise in das Gemach. Es war dunkel. Aus der Ecke vernahm ich leises Seufzen, und mir war, als wälze sich jemand auf einem Lager.

»Sie wartet auf mich«, sagte ich mir, »es ist galant, ihr die Lage so leicht wie möglich zu machen.«

Ich ging vorwärts, bis ich an die Kante des Lagers stieß, wo das Weib lag. Unter meinen Küssen stöhnte sie auf, krallte sich um mich und rief zur Madonna. Mich erschreckte diese entsetzliche Erregung.

Sie ist vielleicht aus Neapel, reimte ich mir zusammen. Ich wußte bereits, daß die Frauen Venedigs anders lieben, ruhig die Küsse schlürfen. Wie es so oft bei diesen schnellen Abenteuern geschieht, überkam mich – ich will nicht sagen Widerwille –, aber vollkommene Sattheit im Augenblick nach dem Genuß. Ein unbezwinglicher Trieb nach Alleinsein, nach meinen eigenen Zimmern erfaßte mich, und mir war, als sei dieses ganz gewöhnliche Gefühl heute maßlos gesteigert, wie bei einem Verbrecher, der vor dem Schauplatz seiner Tat ein Grausen empfindet. Ich sprang auf, sie hielt mich nicht zurück. Durch die Art unserer Zusammenkunft glaubte ich mich berechtigt, ihr ein paar Goldstücke in die Hand zu drücken, die sich krampfhaft schloß. Dann eilte ich hinaus. Auf der Treppe vernahm ich Schritte hinter mir.

»Komm doch, mein Lieber«, rief Dolcisa, »warum gehst du fort?«

Zwei nackte Arme umschlangen mich. Eine weiche Wange lehnte sich in der Finsternis an die meine, junger, heißer Odem umquoll mein Gesicht. Willenlos ließ ich mich wieder die Treppen hinaufziehen. Dolcisa führte mich durch das Gemach, wo ich vorher gewesen, in eine anstoßende kleine Kammer. Durch ein Dachfenster floß dünne Dämmerung herein. Auf einem Stuhle hingen schwarze Gewänder und zwei dicke strohgelbe Kerzen lagen darauf.

»Das ist für Ersilia, wenn sie tot ist«, erklärte Dolcisa. Ihr weißes Hemd triefte von gespenstischer Helle.

»Mach doch Licht«, bat ich ein wenig gedrückt.

»Nein, nein! Es ist alles so einfach und ärmlich. Wir müssen hier oben wohnen, denn die großen Säle sind im Winter so kalt. Sie sollen auch erst hergerichtet werden, aber wir haben unser Geld verloren.«

»Bist du eine Marchesina?« fragte ich wieder erstaunt.

»Das kann dir doch gleich sein. Du bist noch ein rechtes Kind.«

Hatte ich sie verletzt? Sie trat an die Wand, wo ein buntes Wachsbild der Muttergottes hing. Davor züngelte hinter rotem Glas ein Ölflämmlein, dessen Schein das Bild rosig benetzte. Dolcisa blies nach der Flamme.

»Was macht du?«

»So sieht die Madonna nicht, was wir tun.«

Dann kam sie zu mir. Wir sanken auf ein Lager und dieses Mal genoß ich die sanfte, schwere, fast etwas träge Umarmung einer Venezianerin.

Dolcisa erhob sich zuerst. Nackt ging sie in das andere Gemach, in das nun auch die Dämmerung drang. Sie näherte sich dem Lager, wo ich vorher gelegen und schob die Hand unter die Laken.

»Tot!« rief sie plötzlich mit leichtem Schrecken. Willenlos sank sie vor dem Bett auf die Knie. Das nackte Weib betete im Dämmerlicht.

Erschrocken sprang ich auf. Ich zündete eine der strohgelben Kerzen an, hielt das Licht hoch und trat in das Nebenzimmer. Wie erstarrt blieb ich an der Tür stehen, als der flackernde Schein das Bett erhellte. Dort lag mit glasig blickenden Augen ein wundervolles junges Weib, dem wie eine geheimnisvolle Wolke reiches dunkles Haar um den Kopf wallte. Sie war sehr blaß, von unnahbarer weihevoller Schönheit, wie eine antike Götterstatue. Dolcisa kniete vor ihr in hastigen, sich übereilenden Gebeten.

»Sie ist tot!« rief sie, sich umwendend, und etwas wie ein wirklicher Schmerz lag in der tränengedämpften Stimme. »Sie war keine Sünderin wie ich, sie ist als Jungfrau gestorben.«

Zitternd trat ich näher. Dolcisa ließ den Blick über die Leiche gleiten, deren prachtvolle weiße Formen halb entblößt vor uns lagen.

»Sie war viel schöner als ich«, seufzte sie und es schien, als wolle sie durch dieses plötzliche Geständnis bei der Toten irgend etwas zu ihren Lebzeiten Versäumtes wiedergutmachen. Sie drückte der Schwester die Augen zu und wollte die abstarrenden Arme an den Leib legen. Da bemerkte sie, wie es zwischen den zusammengekrampften Fingern funkelte. Sie entdeckte die Goldstücke. Ich konnte mich kaum aufrecht halten, doch Dolcisa stieß einen Freudenschrei aus: »Die Madonna war gnädig, sie hat mein Gebet erhört, nun kann ich der Schwester ein würdiges Begräbnis schaffen.«

Dankbar fiel sie wieder in ihr Gebet zurück.

Es war hell geworden. Ratlos stand ich vor der Gruppe. Ich fragte Dolcisa, ob ich ihr irgendwie dienen könne. Aber sie verneinte und sank sofort wieder in inbrünstiges Gebet.

Ich verließ sie.

Zwei Tage ging ich wie verstört umher. Weder in meiner Wohnung, noch in den Straßen fand ich die Ruhe vor dem Gedanken, daß ich den Tod umarmt hatte. Am dritten Tag faßte mich eine unbezwingliche Neugier. Ich suchte das Viertel wieder auf, um etwas über die Bewohnerinnen des alten Palazzo zu erfahren. Als ich den kleinen Platz betrat, sah ich eine Menschenmenge, die sich um das weit geöffnete Hauptportal des Palastes geschart hatte. Ein Priester mit zwei Chorknaben trat auf die Straße. Dann wurde ein schwarzer Sarg herausgetragen, der, mit verschnörkelten Silberblumen verziert, einen Eindruck von Großartigkeit machen sollte. Man lud ihn in eine gemietete Gondel und breitete die wenigen Kränze möglichst darüber aus. Dolcisa folgte schluchzend in dürftigem, doch aufgeputztem Trauergewand. Sie bestieg eine zweite Gondel, begleitet von einem uralten, gebrechlichen Herrn in altmodischer Eleganz, der sich sehr unbehaglich fühlte. Einige Personen bestiegen eine dritte Gondel, und still schlich der Leichenzug durch die Lagunen. Ich hatte fast besinnungslos zugeschaut.

Der Flüsterton der Umstehenden erhob sich nun zu lebhaftem Plaudern.

»Die armen Marchesinen«, sagte eine Alte, »und früher – welch ein glänzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte ...«

»Sie waren liederlich«, behauptete eine dicke Bäckersfrau, »keiner wollte mehr mit ihnen zu tun haben.«

»Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen«, meinte ein junger Mann, »sie war tugendhaft.« Dann gingen viele Stimmen durcheinander: »Schwindsucht, langsames Hinsterben ... die arme einsame Dolcisa ... noch so jung ... aber sie hat den alten Oheim ... sie wird sich ein glänzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu pflegen ...«

*

Alta-Carraras Erzählung war zu Ende. Um mich her sah und roch ich geschnitztes, altes, wurmstichiges Holz und hörte, wie langsam morsche, jahrhundertealte Marmorpaläste zerbröckelten, an denen Moos wuchs. Überall lag Moderduft, es war zum Ersticken. Man hörte durch die Zeit hindurch die Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten die Jahrhunderte in trüben Dämpfen empor. Alles schien vom Kuss des Todes berührt und war zum Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe Gefühl, als trüge ich selbst mit die Schuld, daß die Welt sterben sollte. Ach, ich hatte meine Tage schlecht benutzt. Es hätte anders werden können, wenn ich gewollt. Wie freute ich mich über die Züchtigung, die mir ward. Die Leiden, auf die ich gewartet, begannen. Mir war, als stürzte mitten in der zerbröckelnden Welt etwas klirrend zusammen, was mich in hohem Maße betraf. Es sah zwar, als ich hinblickte, nur aus wie eine Meßbude, so eine purpurrot tapezierte mit vergoldeten Spiegeln, vor denen Lampen brennen. Darin aber konnte man durch Gucklöcher die Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir höchst fatal, daß so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst, denn früher war ich stolz auf mein reiches, buntes Leben.

»Weiter ... weiter ...«, rief ich, »mehr von dieser bittersüßen Weisheit.« Und wie aus einem Abgrund tauchte ein kräftiger Mann auf. Er hatte einen blauschwarzen, viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer Magier, und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte Katze streichelte. Er sprach gleichgültig, in fast verächtlichem Ton, der sich aber später zu heftiger Erregung steigerte. Er erzählte:

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