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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 70
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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68. Die Werke Gottes sind alle gut, Wer sie im Geist erkennen thut.

(26. Februar 1568.)

                Als ich in meiner Kindesjugend
Erzogen ward zu Sitt' und Tugend,
Von meinen Aeltern zu Zucht und Ehre,
Dergleich hernach auch durch die Lehre
Der Präceptoren auf hoher Schule,
So saßen auf der Künste Stuhle,
Der Grammatika, Rhetorika,
Der Logika und Musika,
Arithmetika, Astronomia,
Poeterei, Philosophia –
Ward meinem sinnigen Verstand
Die Lehr' durch hohen Fleiß bekannt.
Ich lernt' da Griechisch und Latein
Wol reden artig, wahr und rein;
Auch Rechnen lernt' ich mit Verstand,
Die Ausmessung von mancherlei Land;
Ich lernt' die Kunst auch der Gestirn',
Die Geburt der Menschen judizir'n,
Auch die Erkenntniß der Natur
Und aller ird'schen Kreatur
In Erd' und Feuer, Luft und Meer;
Darzu mit herzlichem Begehr
Begriff ich Sangeskunst subtil,
Manch lieblich süßes Saitenspiel;
Lernt' endlich auch Poeterei,
Darin ans Licht zu geben frei
So manches höfliche Gedicht.
Hab' drin besonders aufgericht't
Manch schöne wunderbar' Historia,
Wohl zu behalten in Memoria,
Macht' auch in Deutsch eine Komödie,
Doch nicht ungleich einer Tragödie,
Mit artigen und scharfen Lehren
Für geistliche und weltliche Herren,
Rein von dem klaren Gotteswort:
Die hab' vollendet ich am Ort
Zu Nutz der ganzen Christenheit.
Auch fiel mir zu in dieser Zeit
Viel Wohlfahrt in so manchem Stück,
Als Reichthum, Ehr', Lob, großes Glück,
Wohlgezogne Kind, ein treues Weib,
Schön, stark und von gesundem Leib.
Ein jeder hielt mich hoch und ehrlich,
Auch hielt ich tapfer mich und herrlich.
All diese Gaben nahm ich schier,
Als hätt' ich selber sie von mir,
Von Natur und durch Geschicklichkeit,
Durch Kunst und sinnige Weisheit;
Und also fiel mein Fleisch und Blut
In Stolz und prahlenden Hochmuth.
So ich gottlos in Hochfahrt schwebte,
An pharisäischen Werken klebte,
Hab' drin mein Leben zugebracht
Und wenig nur an Gott gedacht,
Der ich doch eine jede Gabe
Von Gott allein empfangen habe.
Ich hörte wol das Gotteswort
Und Evangelium an dem Ort,
Doch half von Gott kein freundlich Locken:
Die Hochfahrt thät mein Herz verstocken,
Daß es mir nicht ins Gewissen ging
Und ich blind war für diese Ding'.
Nicht wohnte Gottesfurcht in mir,
Mein Herz war sicher und meine Gier,
Hielt mich gerecht und fromm fürwahr
Wie der Gleißner im Tempel gar,
Mein sündig Leben, elend, schlecht,
Erkannt' ich nie im Grunde recht,
Bis endlich mich der Herre gar
Zu sich heranzog bei dem Haar:
Er stürzte mich durch schweren Fall
Ans meiner Höh' herab zuthal:
Von meinem sündigen Gewissen
Ward erst genagt ich und gebissen,
Als ob die Welt zu eng wollt' werden.
In solchen ängstlichen Beschwerden
Glaubt' ich auf Erden sicherlich
Alle Kreatur wär' wider mich.
Es war mir Freud' und Trost entschwunden,
Hab' in Ehr' und Gut nicht Trost gefunden.
Nicht Essen, Trinken, Saitenspiel
Erfreut' mein traurig Herze viel,
Die Hoffnung mein war ganz verloren,
Wünscht' oft, ich wäre nie geboren.
In solcher Angst bedünkte mich,
Schon wär' im Höllenschlunde ich
Und wär' von Gotte ganz verlassen;
Verzweiflung kämpfte ohne Maßen
In meinem Innern Nacht und Tag.
In solcher Anfechtung ich lag,
Verdrießlich war mir meine Kunst,
Auch guter Freunde Lieb' und Gunst;
In so großer Schwermüthigkeit
Lag mein Gewissen lange Zeit;
Dacht', wenn mein Fall wird offenbar,
Bin ich beim Volk verachtet gar.
Endlich an König David dachte,
Wie Gott den auch zu Falle brachte
Mit Bathseba, wie uns denn sagt
Der Psalm, drin er so herzlich klagt
Der Sünden, daß ihm Gott verzeih',
Bis Gott ihn wieder machte frei,
Den guten Geist ihm wiedergab.
Da fing ich an und ließ nicht ab,
Zu Gott zu beten in Reu' und Leid,
Hofft', daß mich seine Güt' erfreut',
Wiewol er lang' mit Gnad' verzog,
Um meine Hoffnung mich oft betrog.
Da hab' ich meine Schwäch' erkannt,
Daß man in mir nichts Gutes fand
Von Natur – nur Sünd' und Schad' und Schand',
Wo Gott von mir zog seine Hand;
Erkannte erst mein elend Leben:
Gott hatt' mir Gaben gut gegeben,
Geistlich und leiblich, doch darob
Hatt' ich nicht Preis gesagt und Lob,
Wie ich ihm schuldig wär' gewesen.
Drum hat er mit der Strafe Besen
Den stolzen Sohn gezüchtigt schwer,
Daß er demüthig wieder wär'.
Da erst erkannten Herz und Muth,
Daß mir der Besen nütz' und gut,
Weil seiner Güt' entflohn ich war.
Da zog er mich zu sich beim Haar
Mit Plagen, Strafen, Sünd' und Schand',
Doch stets mit väterlicher Hand.
Nun merk' ich seine Gnad' und Güte;
Dargegen mein gottlos Gemüthe,
Das ist zum Bösen nur geneigt,
Wie täglich unser Wandel zeigt,
Dem Fleisch und Blut ist untergeben,
Thut Gottes Willen widerstreben,
Und siebenmal den Tag wol fällt,
Sobald uns Gott nicht oben hält.
Durch Kreuz und harten Fall uns stürzt,
Daß unser Stolz werd' abgekürzt,
Daß wir erkennen gründlich recht,
Wie alle wir unnütze Knecht'
Und arme Sünder unsre Zeit,
Zu denen Gottes Barmherzigkeit
Vom Himmel hat herabgesandt
Jesum Christum, den Heiland,
Der an dem Kreuze für uns starb
Und ew'ge Huld und Gnad' erwarb
Uns bei dem Himmelsvater sein.
Fürsprecher ist er uns allein
Und Mittler auch in aller Noth
Zwischen uns Sündern und auch Gott,
Dieweil er täglich für uns bitt't,
Versöhnt und treulich uns vertritt,
Wenn herzlich man nur zu ihm schreit.
Ihm sei Lob, Ehr' in Ewigkeit
Und ew'ge Freude blüh' und wachs';
Das wünschet herzlich auch Hans Sachs.
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