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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 68
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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66. Schwank: Der verlogene Knecht mit dem großen Fuchs.

(4. Dezember 1563.)

                Ein Edelmann in Schwabenland,
Deß Geschlecht und Nam' hier ungenannt,
Ein frommer Mann, weis' und gerecht,
Hatt' einen lügnerischen Knecht,
Ruhmredig mit geschwülst'gen Worten,
Hatt' die Land durchlaufen aller Orten,
Hatt' auch, wie ein alt Sprichwort sagt,
Durch Welschland einen Hund gejagt.
Darvon er Wunder viel erzählt',
Was er gesehen in der Welt,
Nahm's Maul recht voll, wenn er narrirt',
Und log, als wär' ihm's Maul geschmiert.
Sein Jungherr hatt' die Welt erkannt
Und seine ruhmredigen Lügen verstand,
Sagt' oft im Spott, »Wie mag das sein?«
So schwur der Knecht denn Stein und Bein,
Es wäre dies und das geschehn,
Er hätt's mit seinen Augen gesehn.
Doch ward er oft mit Worten gefangen,
Daß er blieb in der Lüge hangen.
Der Knecht fragt' darnach nimmerdar,
Weil er an Lug gewöhnet war,
Doch war sonst gut sein Dienst durchaus.
Ein's Tages früh sie ritten aus.
Da sah der Jungherr in dem Wald
Dort laufen einen Fuchsen alt
Und sprach: »Schau, schau! ein großer Fuchs!«
Der Knecht sieht ihn, antwortet flugs:
»Habt, Jungherr, ob dem Fuchs ihr Wunder?
Ich war in einem Land besunder,
Darin die Füchse so groß sind,
Wie in dem unsern Ochs und Rind.«
Der Jungherr sprach: »Da sind, auf Glauben,
Die Röck' gut füttern und die Schauben,
Wenn man im Land 'nen Kürschner fänd,
Der die Bälge wohl bereiten könnt'.«
Als nun die Red' geschwiegen dann,
Erseufzte hart der Edelmann
Und sprach: »Herr Gott, steh' uns doch bei
Auf dieser Straße. daß wir frei
Von allen Lügen bleiben heut',
Auf daß wir kommen in Sicherheit
Durch das Gewässer mit dem Leben,
Und thu' uns gute Herberg geben.«
Der Knecht sprach: »Jungherr, saget frei,
Was es mit jenem Wasser sei,
Vor dem ihr segnet euch so sehr?«
Der Jungherr: Lieber Knecht, nun hör':
Ein Wasser groß fleußt dort von weiten,
Durch dieses müssen wir heut' reiten,
Dem wohnt die Kraft bei, welcher Mann
Am Tage eine Lüg' gethan,
Der muß im Wasser gar ertrinken,
Verderben und zu Boden sinken.«
Der Knecht erschrak ob diesem Wort,
Und als sie ritten weiter fort,
Kamen sie an einen großen Bach.
Der Knecht da zu dem Jungherrn sprach:
»O Jungherr, sagt, ist das der Fluß,
Drin ein Lügner ertrinken muß?«
Da sagt' voll List der Edelmann:
»Nein, wir sind lang' noch nicht daran.«
Der Knecht sprach: »Herr, darum ich frage,
Damit ich euch die Wahrheit sage.
Ich hatt' mich heut' nicht recht bedacht
Und meinen Fuchs zu groß gemacht,
So groß nur war er seiner Höhe,
Wie hier zu Lande wol die Rehe.«
Der Jungherr sprach: »Ich bin sorglos,
Der Fuchs sei gewest klein oder groß.«
Des Knechtes Angst er wohl wahrnahm.
Als wieder nun ein Wasser kam,
Da sprach der Knecht: »Herr, ist es das,
Das trägt dem Lügner solchen Haß?«
Der Jungherr sprach: »Auch das mit nichten.«
Darauf der Knecht: »Laßt euch berichten
Heut' mit dem Fuchse meinethalb,
Der war nicht größer denn ein Kalb,
Damit im Fluß bestehe ich.«
Der Jungherr sprach: »Was kümmert mich
Dein Fuchs, ob groß er war, ob klein?«
Als beide kamen nun gemein
Nach einem Wasser, der Knecht da fragt':
»Ist dies das Wasser, darvon ihr sprach't
Heut' früh, daß drin die Lügner ertränken?
So ich den Fuchs thu' recht bedenken,
War er wol größer keine Frist,
Denn bei uns hier ein Widder ist.« –
»Das ist's noch nicht,« der Jungherr sprach.
Als nun die Vesperzeit anbrach,
Kamen sie zu einem Strom, der floß
Gar schnell mit Wellen breit und groß.
Der Knecht fragt', ob's das Wasser wär',
Davon gesprochen morgens er.
Der Jungherr sprach: »Das ist das rechte.«
Ob diesem Strom ward bang dem Knechte,
Da er nicht Brücke sah noch Schiff.
Der Angstschweiß über sein Antlitz lief,
Er zitterte an Fuß und Hand.
Als sie zum Wasser sich gewandt,
Da sagte der verlogne Knecht:
»Ich muß gestehn meine Lüge schlecht:
Der Fuchs, davon ich gab Bescheid,
Der war nicht größer auf meinen Eid
Als jener Fuchs, den wir wahrnahmen,
Als morgens durch den Wald wir kamen.«
Des Schwankes lacht' der Jungherr sehr
Und sprach zu seinem Knecht: »So schwör'
Ich dir, daß dieses Wasser pur
Nicht andre Kraft hat und Natur
Als andre Wasser in der Nähen,
Die heut' wir haben schon gesehen.«
Darmit nahm ihr Gespräch ein Ende,
Sie schwammen über'n Strom behende.
Der Beschluß.
Bei diesem Schwank erkennt man wohl:
Ein Mensch mit Fleiß sich hüten soll
Vor Lügen, das mit Schande lohnt.
Denn welcher Mensch des Lugs gewohnt
Und hat eine zügellose Zungen,
Wird oft zum Widerruf gezwungen,
Daß er im Lug gefangen steht,
Mit Spott schamroth von dannen geht.
Wer alles sagt, was ihm einfällt,
Von solchem niemand etwas hält,
Ist er sonst mächtig gleich und reich,
Gewaltig, edel und dergleich;
Und wenn ihn Gott in seinen Tagen
Auch einmal läßt die Wahrheit sagen,
So thut man ihm doch nimmer glauben.
Also thut sich der Mensch berauben
Durch seine Lüge aller Ehr',
Daß man auf ihn hält wenig mehr
Um sein verlogen Maul auf Erden:
Oft muß er drüber schamroth werden.
Deshalb, wer hier mit Ehr' will walten,
Soll seine Zung' im Zaume halten,
Daß sie nichts denn die Wahrheit sag';
Dadurch er Preis erwerben mag
Und meidet viel des Ungemachs,
Schand', Schaden, Spott, so spricht Hans Sachs.
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