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Hans Georg Portner

August Sperl: Hans Georg Portner - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleHans Georg Portner
authorAugust Sperl
year1901
firstpub1901
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHans Georg Portner
pages402
created20140712
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Des andern Morgens saß Hansjörg einsam in der sonnigen Wohnstube und brütete in tiefen Gedanken; seine Augen waren dunkelgerändert, und seine Stirne war gefurcht.

Von der Wiese hinter dem Herrenhause tönte lautes Rufen und dumpfes Getrappel, und aus der Ferne, vom Flusse her, dröhnte das Pochen des Eisenhammers.

Hansjörg stand auf und öffnete das Fenster. Wolkenlos wölbte sich der Himmel, und die Linden bewegten flüsternd ihre Blätter im Lufthauche. Draußen aber, auf dem frischgemähten Plane, ritten Wolfheinz und der Knecht geharnischt im Kreise und übten sich und die schweren, schnaubenden Rosse.

Eine Weile sah ihnen Hansjörg zu, dann schloß er die kleinen Fensterflügel und trat zurück in die Mitte der Stube. Dort stand er lange regungslos und sann.

Ueber dem großen Tische an der Wand hingen zwischen verwelkten Epheuranken die Oelbilder des seligen Quirin Portner und seiner Hausfrau Katharina, und es war, als ob sie lächelten, aus weiter Höhe herniederlächelten auf ihren Sohn, erhaben und friedlich.

63 Hansjörg aber sah es nicht. Er starrte vor sich hin und sann und sann.

Endlich öffneten sich seine Lippen, und es kam stoßweise hervor: »Er hat recht, es muß anders werden.«

Dann fiel sein Blick auf die Bilder. Da faltete er die Hände und flüsterte: »O meine Eltern!«

Quirin Portner und seine Hausfrau lächelten aus ihrer Höhe friedlich hernieder auf den verlassenen Sohn, und es war feierlich in der stillen Stube des Herrenhauses, wundersam feierlich, gleich als in einem großen menschenleeren Dome frühmorgens, ehe das Leben durch die Gassen flutet.

*

Hansjörg ritt die Anhöhe hinter Theuern hinauf und ritt hinein in die Wälder.

Tief ausgefahren war der Weg, und einsam ritt es sich im Schatten der Fichten und Tannen. Nur zuweilen klang das Pochen eines Spechtes aus weiter Ferne; dann stieß der Huf des Rosses an einen Stein; dann ertönte aus der Höhe der Schrei des kreisenden Falken; fort und fort aber summte der Morgenwind seinen eintönigen Sang in den leise knarrenden Wipfeln.

Einsam ritt es sich, und etliche Stunden lang sah Hansjörg keinen Menschen auf seinem Wege. Aber je länger das Rößlein im duftenden Reviere dahinzog, desto heller wurden die Augen des Reiters, desto freier trug er sein Haupt. – Das ist der Morgen, das ist der Wald, und das ist die Jugend.


Portner kam aus dichtem Unterholze hervor und wollte auf die Straße einbiegen, die durch den 64 Hochwald gegen Mittag lief. Da sah er den ersten Menschen, aber es war ein seltsamer Anblick:

In mancherlei Stellungen und Lagen des Leibes hatte Hansjörg schon die Leute beim Lesen beobachtet, einen lesenden Reiter hatte er noch niemals gesehen. Und da vorn zog einer Schritt um Schritt seinen Weg, hielt mit beiden Händen einen schweren Folianten vor sein Gesicht und las mit dem Kneifer auf der Nase eifrig in dem gewaltigen Buche, derweil die Zügel nachlässig auf dem Halse des stolpernden Rosses lagen.

Der Junker spähte mit verwunderten Augen hinüber; dann aber trieb er den Braunen an, zog den Hut und rief laut: »Gott zum Gruße, Herr!«

Der kleine Reiter nahm das Glas von der Nase, steckte es ein, klappte den Folianten zusammen und schob ihn unter den linken Arm, griff mit der Rechten nach den Zügeln und musterte den Jüngling, der nun seinen Gaul auf die Straße lenkte. Dann sagte er freundlich: »Ei, guten Morgen! Ist das nicht der Hansjörg Portner von Theuern? Und wohin denn des Weges, wenn ich fragen darf?«

Mit entblößtem Haupte ritt der Junker neben dem Manne, sah ihn treuherzig an und antwortete: »Zu Euch, Herr von Zant, und zu keinem andern.«

»Freut mich, guter Freund, freut mich!« kam die Rede zurück. »Und meine Hausfrau wird sich auch freuen, von meinen Kindlein zu geschweigen; denn die Kindlein freuen sich immer, wenn ein Gast kommt in das weltverlassene Bergnest. – Aber was du doch deinem seligen Vater, dem Biedermanne, gleichst, Hansjörg! Das hörst du wohl auch allenthalben?«

»Die Leute sagen's, und ich bin stolz darauf, Herr,« antwortete Hansjörg.

65 »Darfst du auch, guter Freund!« nickte der andre. »Aber jetzt biegen wir ab von der Straße, dahinein ins Buchenwäldlein, der Pfad bringt uns geschwinde hinter den Zant. – Wann bist du denn zum letztenmal dort gewesen, Hansjörg?«

»Vor acht Jahren, mit meiner Mutter,« antwortete der Jüngling. »Doch erlaubt, Herr, daß ich Euch das große Buch abnehme!«

»Danke, guter Freund,« sagte der Zantner und drückte den Folianten an sich. »Der Weg wird eng, ich will vorausreiten.«

Schweigend ritten sie zwischen dem Buschwerk. Nach einer Weile wandte sich der Landsasse: »Und wie geht's deiner Pflegemutter in Sulzbach, Hansjörg?«

»Sie ist immer gesund gewesen, Herr, seit Ihr das letzte Mal bei uns waret,« antwortete dieser. – »Und was sie an mir und meinem Brüderlein Jörg thut, es ist nicht auszusagen,« setzte er bei.

Der Zantner nickte und murmelte etwas in seinen Bart. Dann fragte er: »Und hat sie mich nicht grüßen lassen?«

»Sie weiß ja gar nicht, daß ich bei Euch bin,« kam die Antwort zurück. – Die Reiter gelangten aus dem Gehölze auf einen großen, öden Weideplatz, und der Zantner hielt seinen Gaul an. »Kennst du den Weg, Hansjörg?«

»Den Weg nicht, aber die Richtung. Dort der Hochwald endet in einen kahlen Berggrat, eben hinaus läuft der Pfad, und auf einmal stehen wir hinter der Burg.«

»Man kann sich leicht verirren in diesen unermeßlichen Wäldern,« meinte der Zantner.

»Wenn ich die Richtung habe, verirre ich mich nie,« sagte Portner.

66 »Wenn die Sonne scheint oder die Sterne flimmern,« warf der Zantner ein.

Portner schüttelte das Haupt: »Habe mich noch nie verirrt.«

»Dann mußt du Soldat werden, guter Freund,« lachte der Landsasse.

»Hab' keine Lust zu diesem Handwerk,« antwortete Hansjörg.

»Das Schicksal fragt nicht, Knabe,« sagte der andre mit Nachdruck. »Was in den Sternen steht, wird dir zu teil. – Und es könnte wohl sein,« fügte er nach einer Weile bei, »daß jetzt ein Sturm anhebt, wie das heilige römische Reich noch keinen verspürt hat. – Aber sag an, siehst du nicht da drüben am Waldrande ein weißes Kleidlein leuchten?«

Hansjörg spähte über die öde Fläche: »Ja, Herr, unter den Bäumen steht ein Mägdlein, hält seine Hand über die Augen und sieht auf uns her.«

»Komm, guter Freund,« sprach der Zantner und trieb seinen Gaul an; »das ist mein Töchterlein, die Ruth, die wartet auf den Vater.«


Klein Ruth kam in Sprüngen über das Weideland. –

»Absitzen,« sagte der Zantner, »sonst wird sie mir am Gaul hinaufklettern!«

Die beiden stiegen ab, und das Kind hing, heftig atmend, am Halse des Vaters.

Hansjörg stand zur Seite und sah, wie der Zantner seinem schlanken Mägdlein die schwarzen Haare liebkoste, und ihm ward wehmütig ums Herz.

Dann gab ihm das Kind die Hand und blickte ihn mit den blauen Augen ernsthaft an. Und noch immer hob und senkte sich die kleine Brust heftig, und 67 zwischen den halbgeöffneten, tiefroten Lippen blitzten die blauweißen Zähnlein.

»Meine Ruth,« sagte der Landsasse von Zant und strich dem Kinde die schwarzen Locken aus der hohen Stirne, und seine Stimme hatte einen zärtlichen Klang. »Meine Aelteste – nicht, Ruth?«

Das Mägdlein nickte. »Und, Vater, da drüben am Waldrande liegt auch eine dicke, schwarze Schlange. Sie ist ganz langsam unter einem Baumstrunk hervorgekrochen, jetzt liegt sie ausgestreckt in der Sonne. Ich habe ihr lange zugesehen.«

»Und hast sie berührt?« fragte der Zantner ängstlich.

»Wie werd' ich?« sagte Ruth und schüttelte sich. »Es ist ja ein giftiger Wurm; weißt du, Vaterlein, er hat ja den schwarzen Zickzackstreifen auf dem Rücken.«

»Bist mein braves, kluges Töchterlein, mein folgsames,« lobte der Zantner. »Hansjörg, thu mir den Gefallen und halte die Gäule, und du, Kind, zeigst mir die Schlange!« –

Hansjörg stand zwischen den grasenden Pferden und blickte sinnend dem untersetzten Manne nach und dem zierlichen Kinde, das an seiner Linken dahintänzelte. Dann sah er, wie das Kind mit dem großen Buche zurückblieb und der Mann langsam an den Waldrand ging, sich bückte, aufsprang und winkte.

Das Mägdlein lief hinzu, dann kam auch Hansjörg langsam nach mit den Pferden.

Der Zantner hatte seinen Kneifer auf der Nase und besah sich den Schlangenkopf, der in ohnmächtiger Wut aus der festgeschlossenen Faust emporzischte und züngelte, während der gedrungene Leib hin und her schlug und sich krümmte und bäumte. Mit offenem Mündlein stand Ruth vor dem Vater.

68 »Da, Ruth, schau!« sagte dieser. »Und du, Hansjörg, glaubst vielleicht das Märlein auch noch, daß die Schlangen stechen mit ihren Zungen? Da –!« Und der Landsasse fuhr langsam mit dem Zeigefinger der Linken an den eingezwängten Kopf.

»Nicht!« bat Ruth flehend.

»Still sein und zuschauen!« befahl der Zantner und strich mit dem Finger über das ruhelose Zünglein. »Wie sollte denn das Tier stechen mit solch weichem Ding? Nein, das kann nur der Mensch. Denkfaule Leute, das harmlose Zünglein sehen sie und halten's für des Uebels Ursache. Die fürchterlichen Zähne aber, da schaut nur, Hansjörg, Ruth, die giftigen Zähne hinten im Rachen, die sehen sie nicht.«

»Das böse Tier!« stieß Klein-Ruth hervor.

»Böse?« lächelte der Zantner. »Glaubst du, es habe sich seine giftigen Zähne selber eingesetzt, Kind?«

»Der liebe Gott hat sie der Schlange wachsen lassen,« meinte Klein-Ruth und atmete hörbar. »Aber warum?«

»Kind, wer vermag den großen Weltenbauherrn zu fragen – warum hast du dieses gethan und jenes unterlassen?« antwortete der Zantner und sah nachdenklich auf das zappelnde Tier in seiner Faust. »Warum? – Ja, Kind – warum?« Er schwieg, und man hörte nur, wie die Pferde das Gras abrauften, der Wind in den Wipfeln flüsterte und die Schlange ohnmächtig zischte.

»Warum?« wandte sich der Mann zu dem Jüngling. »Wohl dem, der's fragt; denn allein dies Wörtlein hebt ihn über den blinden Maulwurf. ›Was dem Vogel das Singen, das ist dem Geiste die Forschung; und wer's nicht weiß, ist geistig tot,‹ so schreibt ein Gewaltiger im Reiche der Philosophie. 69 – Aber man könnte auch sagen: ›Weh dem, der fragt – warum?‹« setzte er murmelnd bei. Dann befahl er: »Du, Kind, gehst nun mit dem Buche voraus. Wir kommen nach.«

Ruth ging voraus, ohne sich zu wenden. Der Zantner aber gab dem zappelnden Tiere einen starken Druck, schleuderte es zu Boden und zertrat ihm den Kopf. Dann ergriff er seinen Gaul und sagte: »Komm, Hansjörg, meine Hausfrau wird sich von Herzen freuen!«


Ein später Falter gaukelte vom sonnigen Weideland herein in den dunkeln, feuchten Wald. Er gaukelte über den Rossen und setzte sich eine Weile auf die Kappe des Jünglings. Dann flog er auf und gaukelte zurück, als wollte er wieder hinaus in den Sonnenschein, kam wieder, gaukelte über den Rossen und schoß vor zu dem Kinde, das mit dem großen Buche in den Aermchen dahin ging und leise summte. In kleinen Kreisen flatterte der goldgelbe Falter über dem lieblichen Haupte; dann ließ er sich nieder auf die blauschwarzen Locken. »Die dürren Blätter fallen einem schon ins Haar,« murmelte das Kind und schüttelte die Locken. Da flog der Falter aufgescheucht empor und gaukelte rastlos hin und wieder wie ehedem.

In den Sonnenschein wand sich der kurze Pfad, und in den Sonnenschein flog der flatternde Falter.

Ein tiefer, breiter Graben durchschnitt den schmal auslaufenden Berggrat, und hinter dem Graben erhob sich ein dicker, kurzer Thorturm; eine grün angelaufene Zugbrücke lag über dem Graben, schlaff hingen die schweren, rostbedeckten Ketten von den Rollen herab.

Hoch über Graben und Brücke und Turm schwang 70 sich der Falter und flatterte lange um die rostbraunen Dächer und grauen Mauern der kleinen, uralten Burg.

*

Der Zantner und sein Gast saßen im Turmgemache. Der Edelmann hatte das Haupt in die Hand gestützt und blickte nachdenklich auf die weiße Tischplatte. Hansjörgs Wangen glühten, und fragend, fast ängstlich beobachtete er das Antlitz des andern.

»Freilich, es ist eine Last für Euch, Herr,« sagte er nach einer Weile.

»Eine große Last, Hansjörg,« erwiderte Herr Wilhelm von Zant. »Und Vormund über die Wölfe? Nein, guter Freund, und abermals nein!«

»Bastian Wolf und Wolfheinz sind ja schon bei ihren Jahren,« meinte Hansjörg schüchtern. »Ueber mich und mein Brüderlein Jörg sollt Ihr Vormund werden und in Theuern nach dem Rechten sehen, hätte ich gehofft.«

»Und im alten Bau sitzt Bastian Wolf und schert sich den Henker um mich,« grollte der Landsasse und sah vorüber an dem bittenden Antlitze des andern ins Leere.

»Und doch –« begann Portner aufs neue.

»Den Henker,« wiederholte der Zantner, »und dieses im besten Fall. Darf ich doch froh sein, wenn er mir nicht bei Gelegenheit eine Kugel zwischen die Rippen jagt oder auch mit dem Dolch nach mir wirft, daß meine Hausfrau im Kummer zurückbleibt mit den unmündigen Kindern. Und ich sag' dir's, ich bin nicht geschaffen für Zank und Streit, gehe weit außen herum im Bogen, wenn ich Zank höre und Streit.«

»Und doch –« begann Hansjörg mit halberstickter Stimme aufs neue. »Gerade weil meines Vaters 71 Haus so sehr verwüstet ist, bin ich zu Euch geritten und hab's Euch anvertraut. – Ihr könnt helfen,« fuhr er dringend fort. »Im ganzen Lande redet jeder mit Respekt von Euch und Eurer Wirtschaft. Wenn einer helfen kann, so seid Ihr's. Und Bastian Wolf will ja gar nicht auf Theuern sitzen bleiben. Was ich gehört habe, möcht' er seinen Anteil herausziehen und des Mendels Witwe auf der Haselmühle freien. Der Wolfheinz aber zieht in den Krieg. Und, Herr, meines seligen Vaters guter Freund seid Ihr ja doch auch gewesen vorzeiten, und also mußt' ich zu Euch reiten.«

»Mußtest?« sagte der Landsasse nachdenklich. »Ja, das war ich, sein guter Freund – wir sind zwei sehr gute Freunde gewesen,« fügte er nach einer Weile bei, und sein Gesicht hellte sich auf.

»Gute Freunde, trotzdem er älter war als ich,« murmelte Wilhelm von Zant, erhob sich, ging an sein Pult und kramte lange darinnen. Dann kam er langsam heran und legte ein längliches Büchlein in schwarzem Ledereinbande vor den Junker: »Was ist das?«

»Es mag wohl ein Stammbuch sein, Herr.«

Der Zantner blätterte und legte den Zeigefinger fest auf einen lateinischen Spruch: »Lies!«

»Si quid est in nobilitate bonum, id esse arbitror solum, ut imposita nobilibus necessitudo videatur, ne a maiorum virtute degenerent.«

»Uebersetze!«

»Wenn etwas Gutes am Adel ist, so ist's nach meiner Ansicht nur dies eine: Edelleute haben die Verpflichtung, ebenso tüchtig zu sein wie die Ahnen gewesen sind.«

»Vorzüglich! Und wer hat's geschrieben?«

72 »Quirin Portner von Theuern Anno 1591,« las Hansjörg andächtig und besah sich seines Vaters Schriftzüge und das gemalte Wappen über dem Spruch.

Der Zantner sah den Jüngling eine Weile an: »Will mir's überlegen, Hansjörg, will's beschlafen und hoffe, daß ich dir morgen guten Bescheid zu geben vermag.«

»Ich dank' Euch, Herr,« sagte Portner und strich verstohlen über seine Wange; »unser Herrgott woll' Euch das Herz lenken!«

»Na, wird sich schon machen,« antwortete der Herr von Zant und begann in der Stube auf und ab zu gehen.

»Welch eine Menge von Büchern Ihr habt!« sagte der Knabe und blickte staunend auf die hohen Gestelle an den Wänden des Turmgemaches.

»Meine besten Freunde,« antwortete der Landsasse mit Würde, griff nach dem Folianten, den sein Kind auf den Tisch gelegt hatte, und stellte ihn bedächtig zwischen die andern auf ein Brett.

»Calvinus,« las der Jüngling vom Rücken eines Folianten. »Von diesem Erzschelm und Schwarmgeist habt Ihr auch ein Buch?« fragte er nachdenklich.

»Und warum nennst du ihn denn einen Erzschelm?« fragte der Zantner.

»Ihr seid ja doch auch lutherisch?« fragte Portner verwundert.

»Und woher weißt du denn, daß er ein Erzschelm ist?« forschte der Landsasse.

»Das wird einem ja doch alle Tage in der Schule und alle Sonntage in der Kirche gelehrt,« kam die Antwort zurück.

»Natürlich und leider Gottes!« platzte der Zantner heraus.

73 »Aber seid Ihr denn ein Calvinist?« fragte Hansjörg ängstlich.

»Beileibe nicht!« lachte der Zantner. »Aber sag an, hast denn du schon etwas von Calvin gelesen?«

»Wie könnt Ihr denken, Herr! Diese sind ja noch schlimmer als die Papisten.«

»Und verurteilst den Mann, ohne ihn zu kennen?«

»So wird uns doch gelehrt,« verteidigte sich Portner. »Aber sagt, Herr, Ihr seid ja doch lutherisch – nicht wahr?«

Um den Mund des Zantners spielte ein Lächeln, und er antwortete nicht. Endlich sagte er: »Weißt du, Knabe, wie oft die Oberpfalz hat ihr Bekenntnis wechseln müssen in den letzten achtzig Jahren?«

»Unter des fünften Ludwig Durchlaucht selig,« antwortete Portner und begann an den Fingern aufzuzählen, »ist sie evangelisch worden Anno 1538; unter dem dritten Friedrich calvinisch, aber nicht ganz; Kurfürst Ludwig hat das reformierte Ministerium wieder abgeschafft Anno 1576 und hat die Bilder wieder in die Kirchen stellen lassen. Unter dem vierten Friedrich ist sie wieder calvinisch geworden. Also viermal, Herr. Wir Landsassen aber samt unsern Unterthanen haben immer lutherisch bleiben können, kraft der alten, verbrieften Rechte.«

»Viermal!« sagte der Zantner und begann im Turmzimmer hin und her zu gehen. »Und wenn du Kurfürst wärst, Knabe?« fragte er plötzlich und blieb vor dem Jüngling stehen. »Nun?«

»Dann müßte alles wieder lutherisch werden,« sagte Hansjörg bedächtig.

»Alles, alles!« rief der Zantner und begann aufs neue hin und her zu rennen. »Und was sich nicht beugen wollte, das müßte ins Elend – nicht?«

74 Hansjörg besann sich. Wieder blieb der Zantner stehen und bohrte seine Blicke auf ihn. »Du thätest alle Widerspenstigen vertreiben, gelt, Hansjörg?«

»Das nicht,« erklärte der Jüngling; »ich würde sie belehren.«

»Ohne ihren Glauben selbst recht zu kennen – nicht, Hansjörg?«

Portner schwieg, und der Zantner lehnte sich an ein Büchergestell.

»Glaubst du, Knabe, daß der Weltenherr, der die Fixsterne hält an ihren Oertern und nach heiligen Gesetzen die Erde und die Planeten alle kreisen läßt um den glühenden Sonnenball, der tausend Jahre durchlebt wie einen Tag und wie eine Nachtwache, der sich sättigt an der Harmonie der Sphären und ergötzt am knospenden Blatt wie am Kindlein in seiner Mutter Armen – glaubst du, Knabe, dieser Ewige kümmere sich darum, ob ihn das sterbliche Geschlecht lutherisch oder calvinisch oder papistisch anruft und ehrt? Glaubst du, er habe sein Ergötzen daran, wenn seine Kinder sich um des Glaubens willen verachten, hassen, verfolgen, vertreiben, einen blutigen Nacken machen, vierteilen, rädern, verbrennen – glaubst du das, Knabe?«

»Aber –« sagte Hansjörg und blickte fast entsetzt auf das Antlitz des kleinen Mannes am Büchergestell.

»Nein, nichts aber, nichts aber!« rief der Landsasse mit Heftigkeit. »Religion! Höchster Schmuck des aufrechtgehenden Menschen, reichster Besitz des ringenden Geistes, notwendiges Ende des Denkens, Sehnsucht, gesenkt in jedes Herz – hörst du, Knabe? – gesenkt in jedes Herz. Denn da ist nicht Lutheraner und nicht Calvinist, nicht Jude und nicht Papist, nicht Grieche und nicht Mohammedaner – hörst du, 75 Knabe? – nicht einmal Heide – sondern allein Mensch. Mensch, Knabe! Alle haben sie Hunger und Durst, und alle haben sie, von Gott gepflanzt, in ihren Herzen das drängende Sehnen. Aber wozu macht man die Religion auf Erden? Dieser zum Deckel seiner Bosheit, jener zur Kette, an der er seine Mitmenschen als Knechte führt.«

Er ging an eines der andern Büchergestelle, riß ein Buch heraus und fuhr suchend in den Blättern umher.

»Kannst du französisch, Knabe? Nein, du kannst es nicht. Aber du mußt es lernen, und wenn auch nur um dieses Buches willen. Knabe, die Sonne steht hoch am Himmel, aber wer sieht sie? Komm, ich will dir's dolmetschen! ›Religion – als wäre sie weiches Wachs, formen die Hände an ihr. Religion – die einen fassen sie von der Linken, die andern von der Rechten, diese machen schwarz aus ihr, jene weiß. Alle aber gebrauchen sie gleichermaßen für ihre gewaltthätigen und ehrgeizigen Absichten, sind alle so gleichermaßen ungerecht, daß man gar schwerlich noch an eine Verschiedenheit ihrer Ueberzeugung zu glauben vermag. Seht nur die widerliche Schamlosigkeit, seht nur, wie man Fangball spielt mit den göttlichen Wahrheiten, sie zurückwirft und wieder hascht, je nach dem Orte, an dem man ihrer bedarf!«

Er klappte das Buch zu, stellte es an seinen Platz und lachte bitter auf: »Aber der im Himmel wohnet, spottet ihrer. – Wenn er sich überhaupt um das Getriebe und Gewimmel da herunten auf der winzigen Erde bekümmert. – Hast du mich ein wenig verstanden?«

»Wenn ich nicht wüßte, daß die Zantner gut lutherisch sind seit Menschengedenken, dann wäre ich 76 irre geworden an Euch, Herr,« meinte Hansjörg nachdenklich. »Und Gott kümmert sich gewiß um einen jeglichen unter uns, fällt auch kein Haar von unsern Häuptern ohne seinen Willen,« sagte er mit großer Bestimmtheit. »Aber das, was Ihr mir aus dem welschen Buche vorgelesen habt, möchte ich noch einmal hören. Was für ein Buch ist denn das?«

Der Zantner schüttelte das Haupt: »Dieses Buch? Nein, Knabe, das ist doch jetzt noch nichts für dich!«

»Und es muß doch jeder zu dem Glauben, den er von Jugend auf bekennt, sich fest halten zeit seines Lebens? Das ist gewiß auch Eure Meinung, Herr!«

»Jeder muß danach trachten, seine Seele aus dem Gedränge nach innen zu ziehen und ihr die Unabhängigkeit und Kraft zu erringen, daß sie freien Urteils hinsehe auf die menschlichen Dinge. – Besseres als diesen Satz des großen Philosophen wüßte ich nicht,« antwortete der Zantner. »Doch sag an, guter Freund, was willst denn du dereinst werden? Soldat nicht, das hast du mir ja schon verkündigt.«

»Jurist,« rief Portner, und seine Augen leuchteten.

Da zuckte es um den Mund des Landsassen, seine Nasenflügel arbeiteten, und seine Augen funkelten in unsäglichem Hohne. Dann rieb er sein Kinn und sprach:

»Die Jurisprudenz ist aller Wissenschaften Krone, und der Jurist das erste unter allen Geschöpfen. Der Jurist weiß alles und kennt die Gründe jeglicher Erscheinung im Himmel, auf Erden und in der Hölle, und wenn er zufällig etwas nicht weiß, dann war's eben nicht wert seiner Wissenschaft. Er verwundert sich über nichts; denn er ist so mächtig, daß er alle Dinge zwischen zwei Aktendeckel bannen und mit Bindfaden verschnüren kann. Er irrt sich niemals: liegen 77 zwei miteinander im Streite und es handelt sich überhaupt um eine gleichgültige Sache, so tritt er mit verbundenen Augen herzu, nimmt seinen Stab und schlägt, wie der Knabe nach dem Topfe, aufs Geratewohl. – ›Befinden‹ heißt er das in seiner Sprache. – Trifft er den Schuldigen, dann ist's recht; trifft er den Unschuldigen, dann ist's auch recht; recht behalten wird ja immer einer, und also wird immer einer von zweien loben des Richters Gerechtigkeit und Weisheit. Hat aber ein Kleiner Klage wider einen Großen, dann, ja dann, Knabe, ist's ein ander Ding: zwar legt er zum Scheine auch hier die Binde um seine Augen, aber gewiß keine ganz dicke, und schlägt drauf los mit großer Würde, und was er trifft, ist sicherlich der – arme irdene Topf. Die Paragraphen sucht er hinterdrein zusammen aus seinen Rechtsbüchern und klebt sie auf Recht und Unrecht wie auf Flaschenbäuche. Denn Recht und Unrecht lassen sich unter Paragraphen bringen, daß man Recht und Unrecht gar nimmer unterscheiden kann, und es ist eigentlich nur die Sonne im Weltall noch zu vergleichen mit der Jurisprudenz. Warum? Die Sonne ruht nicht, bis aus Weiß Schwarz wird, und aus Schwarz Weiß, und die Jurisprudenz ist wohl auch nur dazu vorhanden, daß es endlich so weit komme im heiligen römischen Reiche deutscher Nation. Heisa, wundert mich nur das eine, warum man schreibt und tituliert, ›rechtskundig‹? Utriusque iuris ist doch die Bezeichnung und der Titel? Also gebe man dem Juristen, was ihm gebührt, und nenne ihn, was er ist vor Gott und den Menschen: iuris utriusque – rechts- und linkskundig!«

»Mein Gott,« sagte Hansjörg und blickte ungläubig auf den Zantner; »mich dünkt, Ihr werfet 78 doch alles in einen Topf. Es giebt wohl auch ehrliche Richter und Amtsleute, sollt' ich meinen, trotzdem ich jünger bin als Ihr.«

Portner schwieg, und der Zantner rief lachend:

»Du aber taugst erst recht nicht in dieses Geschirr, Knabe; denn du hast ja eine eigne Meinung, trotzdem du ein Bittsteller bist. Ei, ei! – Gewiß giebt's auch mitunter ehrliche, gerechte Juristen. Mitunter – denn wer immer recht behält, der will zuletzt nie unrecht haben.« Er hielt inne, dann fuhr er zornig fort:

»Aber hast du jemals gehört, daß einer geprüft wird auf seine Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, ehe man ihn zum Richter macht? Auf sein Latein und auf sein Wissen – als ob's damit gethan wäre! Und also ist auch der große Haufe danach. Und was für Helden sitzen doch allerorten in deutschen Landen auf den grüngepolsterten Stühlen an den grünbezogenen Tischen! Darum sorg auch du beizeiten, Knabe, daß du einst mit Ehren unter ihnen sitzen könnest: Hart wie Stahl mache dein Herz, kalt wie Krystalle deine Augen, fühllos wie Kerkerwände deine Ohren. Denn du mußt ohne weitere Gedanken in deiner warmen Amtsstube arbeiten und deine Rechtssätze zusammenleimen können, derweil tief unten in den Kellern und Gefängnissen hoffnungslose Menschen hungern und dürsten und deines Urteils warten, in Stöcke gespannt, gebettet in ihren Unrat, gemartert von Mäusen und Läusen, gepeinigt von hoffnungslosen Gedanken –«

»Hört auf, Herr!« bat Portner.

»Und du willst Jurist werden?« lachte der Landsasse grimmig. »Du mußt es sehen und darfst mit keiner Wimper zucken, wenn man armen Menschen die Daumen preßt, daß sich die Nägel vom Fleische 79 lösen; du mußt es sehen, wenn man ihnen die spanischen Stiefel anlegt und ihre Waden und Schienbeine allgemach zusammenschraubt – sehen und hören, guter Freund; denn stille geht's dabei nicht zu, wenn das Fleisch zerquetscht und die Knochen zermalmt werden. Ja du mußt den Henker loben können, wenn er von Zeit zu Zeit nach Gebühr innehält mit dem Schrauben und leichte Hammerschläge führt gegen das gemarterte Schienbein nach seiner Pflicht. Ja du mußt mit deinen Vorgesetzten saufen und fressen können am grünen Tische, derweil man vor dir ein Ebenbild des lebendigen Gottes zwanzig- und dreißigmal aufzieht, daß die Sonne durch seinen Leib scheint. Und endlich muß die Lust über dich Herr werden und der Ehrgeiz über dich kommen, und du mußt dein Gehirn anstrengen, daß es zu allen vorhandenen dreihundertdreiunddreißig Foltern noch eine neue erfinde und daß, wenn du schon lange auf deinem corpus iuris zum Teufel gefahren bist, die Henkersknechte mit Andacht deiner Erfindung gedenken und in hartnäckigen Fällen sprechen: Helf, was helfen mag, jetzt müssen wir ihn portnern.«

»Hört auf, Herr!« flehte der Jüngling.

»Und giebt so gute Mittel, Recht und Unrecht zu unterscheiden,« fuhr der Zantner unbeirrt fort. »Ein angetrunkener Richter im Nürnbergischen hat mir einstmals dieses verraten: Setz eine hungrige Maus auf den bloßen Leib eines armen Sünders, stülpe eine irdene Schüssel darüber und binde sie fest. Was wettest du, daß sich die Maus nicht durch die Schüssel frißt? – Sorge nur immer, guter Freund, daß du nicht zu nahe herantretest, wenn man die Daumen schraubt. Es könnte dir unversehens das Blut in den Bart spritzen. Und dann möchte dein Kindlein zu 80 Hause mit seinen Fingerlein tasten und dich verwundert fragen, warum du so befleckt bist in deinem Antlitze. – Aber komm, guter Freund, mein Magen knurrt, und das Essen wird wohl fertig sein.«

Die Thüre ging auf, und Ruth stand zwischen den Pfosten. Mit der Linken hielt sie die Klinke, und mit der Rechten fuhr sie schüchtern durch ihre schwarzen Locken.

»Was will die Wetterhex?« fragte der Zantner und lachte hinüber zu seinem Kinde.

Klein-Ruth hielt sich an der Klinke, stellte ein Füßlein vors andre, betrachtete unverwandt den Gast und sagte: »Ein Mompliment von der Kutter, und das Essen wär' fertig.«

»Was?« rief der Zantner und schüttelte sich vor Lachen. »Was will die Wetterhex? Hast du's gehört, Hansjörg? Ein Mompliment von der Kutter!«

Da wurde das Kind glührot, warf das Köpflein zurück und rannte aus der Stube, die enge Turmtreppe hinunter.

»Ruth, Ruth,« rief der Landsasse; »bleibe doch!« Und er lachte, daß es ihn stieß.

»Das herzige Ding,« meinte Portner und sah nachdenklich in den leeren Thürrahmen.

»Komm!« befahl der Zantner. »Und heute nachmittag streifen wir auf die Birsch und morgen reden wir weiter. Doch das sag' ich dir, guter Freund, wenn du von der Akademie entlassen bist und ich habe dreinzureden als Vormund – weiß ja noch nicht, ob ich's annehme –, dann mußt du erst einmal dorthin, wo Kunst und Wissenschaft blühen unter dem unermeßlich hohen blauen Himmel, Knabe. Verstehst du mich?«

Hansjörgs Augen leuchteten: »Nach Italien!«

81 »Und hernach kannst du meinetwegen in eines Fürsten Schreibstube kriechen, Tinte saufen und Blut lecken und dir einen Katzenbuckel andienern und einen Schmerbauch anmästen – meinetwegen.«

»Taxiert Ihr mich also gering, Herr?« rief Hansjörg, und seine Augen sahen zornig darein.

*

Abend war's. – Sie saßen alle in der Wohnstube um den großen Tisch. Der Zantner las beim schlechten Talglicht in seinem Folianten, die Hausfrau spann und erzählte dem Gaste von alten Zeiten, Klein-Ruth spielte mit ihrem Brüderlein Mühlziehen, und im Lehnstuhle nickte die Ahnfrau.

»Ich habe dreimal gewonnen,« sagte Ruth, stand auf, ging zur Mutter und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

»Frag ihn halt!« kam die Antwort zurück.

Langsam ging das Kind zu dem Gaste und sah mit großen Augen fragend zu ihm hinauf: »Du, weißt du auch Märlein?«

»Freilich,« sagte Portner und lächelte.

»Du, erzähl uns ein Märlein,« bat das Kind und sah ihn glücklich an.

»Erzählen, erzählen!« rief das Brüderlein und holte sich einen Schemel.

Lachend blickte der Zantner von seinem Buche auf:

»Da hast du ein unvorsichtiges Wort gesprochen, Hansjörg; jetzt lassen sie dich nimmer los!«

»Gerade so haben wir's doch auch gemacht mit unsrer seligen Mutter,« sagte Hansjörg leise.

Der Knabe setzte sich zu seinen Füßen auf den Schemel, und Ruth lehnte sich an seine Seite.

»Es war einmal –« begann er.

»Das kennen wir schon,« sagte Ruth.

82 »Du weißt ja gar nicht, was ich erzählen will!« lachte Hansjörg.

»Alle Märlein, die also anheben, kennen wir,« behauptete Ruth.

»Kind,« sagte der Zantner und sah nicht auf von seinem Folianten, »die Geschichten und Märlein, die also anheben, sind gar nicht auszuerzählen.«

»Und mein Märlein hast du erst recht noch nie gehört,« raunte Portner und begann:

»Es war einmal ein alter, fauler, schwarzer Riese. Der trug Haß und Gift in seinem Herzen gegen die goldene Sonne und gegen den Tag, hatte aber seine Freude am Monde und an der schwarzen Nacht.«

»Wie kann einer die Sonne hassen?« unterbrach ihn Ruth. »Frau Sonne ist ja doch so freundlich!«

»Er haßte die Sonne und liebte die Nacht und wußte wohl selbst nicht, warum,« fuhr Hansjörg fort. »Und jeden Abend stieg er auf den Berg am Himmelsrande, wo der runde Mond herauszukommen pflegte, packte ihn mit seinen starken Fäusten, schwang sich darauf und ritt die ganze Nacht hoch am Himmel über die Wälder und Felder, über die Flüsse und Ströme, über die Dörfer und Städte und Straßen der Erde hin, bis an das andre Ende des Himmels; dort stieg er ab. Weil aber der Riese so dick und schwer war, drückte er den runden Mond schrecklich zusammen, daß er mit der Zeit aussah wie ein Hörnlein, das man beim Bäcker kauft. Und zuletzt fürchtete sich der arme, eingedrückte Mond so sehr vor seinem bösen, schweren Reiter, daß er gar nimmer kam. Zornig stand der Riese auf dem Berge und fluchte in die Nacht hinaus. Da wand sich eine Schlange herzu. Die fragte ihn: ›Riese, warum bist du so zornig?‹ – ›Weil mein goldenes Rößlein nicht kommt,‹ 83 sagte der Riese. – ›Ei, bist du so dumm, Riese! Dein Rößlein? Das ist ja von der Sonne gefressen!‹ zischte die Schlange und wand sich eilig den Berg hinunter. – Nun setzte sich der Riese auf einen Felsen und wartete die ganze Nacht. Und als es Morgen wurde, kam Frau Sonne strahlend und freundlich auf der andern Seite des Berges emporgegangen. Der Riese ward blutrot vor Haß und stellte sich ihr in den Weg. ›Platz da, schwarzer Geselle!‹ sagte die Sonne. ›Weißt du denn nicht, daß ich auf diesem Wege gehen muß?‹ – Da schrie der Riese: ›Mein Rößlein hast du mir gefressen!‹ – hob seine Faust und schlug die arme Sonne mit einem Schlage zu Boden. – ›Ich hab' dein Rößlein nicht gefressen!‹ klagte sie. Doch was half's?«

»Die arme Sonne!« sagte Ruth.

»Da lag nun die arme Sonne am Boden,« fuhr Hansjörg fort, »der Riese schlang ihr eine starke Kette um den goldenen Leib und schleifte sie über Stock und Stein vom Berge ins Thal.«

»Die arme Sonne!« wiederholte das Kind.

»Im Thale aber trug er Holz zusammen, schichtete einen Scheiterhaufen, warf die gebundene Sonne oben darauf und steckte das Holz heulend in Brand. Da lag nun die arme Sonne, die so freundlich hatte leuchten wollen über der Erde, da lag sie in der Glut.«

»Die arme Sonne!« flüsterte Ruth und schluchzte.

»Arme Sonne!« sagte auch der Knabe und wandte keinen Blick von Hansjörg Portner.

Der Hausherr aber sah von seinem Buche auf.

Da lachte Portner leise:

»Ihr Kinder, horcht nur, wie dumm der alte, schwarze Riese war! Wer kann denn gegen die Sonne? Nicht einmal das flammende Feuer. Dieses erst recht 84 nicht! Denn die Sonne ist heißer als alles Feuer, und alle Flammen kommen aus ihr. Als nun die Sonne auf dem Scheiterhaufen lag und der alte Riese heulend im Kreise tanzte, da reckte sich die Sonne, die geschmolzene Kette fiel von ihrem goldenen Leibe, strahlend wie ehedem stieg sie zum Himmel empor und leuchtete über aller Welt. – Das ist das Märlein vom Riesen, der die Sonne geholt hat vom Himmel.«

»Und der Riese?« fragte Ruth.

»Der Riese heulte, ballte seine Fäuste zur Sonne, und dann kroch er in seine Höhle.«

»Wird er nicht doch wieder einmal auf den Berg steigen und die Sonne töten wollen?« fragte Ruth.

»Er wird's wohl wieder versuchen,« sagte Hansjörg.

»Und wird's ihm nicht dennoch irgend einmal gelingen?« fragte das Kind.

»Niemals!« sagte der Zantner mit Nachdruck und schneuzte die Kerze.

»Das Licht ist tief herabgebrannt,« mahnte die Hausfrau; »soll ich ein neues anstecken?«

»Wir gehen zur Ruhe,« antwortete Herr Wilhelm von Zant und klappte sein Buch zu.


Der Thorwart trat in die Stube und stellte sich schweigend an der Thüre auf.

»Alles in Ordnung?« fragte der Hausherr.

»Alles, Herr!«

»Das Thor geschlossen?«

»Geschlossen.«

»Das Pförtlein gesperrt?«

»Gesperrt.«

»So gieb nur den Schlüsselbund, daß ich ihn verwahre, und laß die Rüden los!«

85 »Gute Nacht beisammen, ihr Herrenleut! Gott gesegne euch allen den Schlaf!«

.,Gute Nacht auch, Thorwartl!«


Klein-Ruth lag im Bettlein. Sie hatte ihr Gebet gesprochen und sagte Amen. Dann aber fragte sie ihre Mutter:

»Darf ich denn nicht auch für den Hansjörg beten?«

»Gewiß, Kind!«

»Lieber Gott, behüte auch den Hansjörg Portner von Theuern; du kennst ihn ja, der heute bei uns ist und morgen. Befiehl seinem Engel, daß er bei ihm wache. Laß ihn gesund und gehorsam bleiben. Amen!«

»Aber, Mutterlein, der braucht ja gar nicht gehorsam bleiben, der hat ja keinen Vater und keine Mutter mehr?«

»Jeder Mensch muß diesem und jenem gehorsam sein und zuerst und zuletzt dem lieben Gott,« sagte die Mutter.

Ruth nickte ernsthaft. »Also gar keinen Vater und gar keine Mutter hat der arme Hansjörg?«

Ruth sann.

»Ja, Mutterlein, wer sorgt denn für den armen Hansjörg?«

»Andre Leute, mein Kind.«

»Ach, Mutterlein, ich meine, wer für ihn sorgt wie Vater und Mutter, ganz so?«

»Kind, dank du Gott, daß du Vater und Mutter hast!«

»Der arme Mensch!« murmelte das Kind und sann und sann. Auf einmal aber richtete es sich empor und strich die schwarzen Locken aus der Stirne:

»Mutter, nun weiß ich's!«

86 »Was, liebes Kind?«

»Mutterlein, der Hansjörg muß bald eine Frau kriegen, die muß für ihn sorgen und ihn lieb haben, und dann wird er sein Unglück vergessen.«

»Schlaf wohl, Kind!« lächelte die Mutter und küßte die feinen Lippen.

»Gute Nacht, herzliebe Mutter!«

»Und mache dir keine Sorgen um Hansjörg! Der ist ein Mann.«

»Ein Mann? Aber der braucht doch auch jemand, der ihn lieb hat?«

*

Hansjörg Portner war in seiner Schlafkammer.

Er trat ans offene Fenster, stemmte die Fäuste auf den Sims und atmete tief auf.

Lauwarm war die Luft in der klaren Herbstnacht, und übergossen vom Silberlichte des Mondes lag tief unten im Thale das Dörflein mit seinen strohgedeckten Hütten; weit, weit, unsagbar weit hinaus aber schoben sich hintereinander die waldbedeckten Hügel, dehnten sich dazwischen die kahlen Felder, wanden sich die zerfahrenen Wege.

Hansjörg Portner blinzelte zum Monde hinauf, gähnte und rieb seine Augen: »Wie das heute flimmert und funkelt!«


Hansjörg Portner lag schlafend, mit gefalteten Händen in seinem Bette.

Da ward ihm zu Mute, als schwänge sich zum offenen Fenster herein lautlos eine dunkle, kleine Gestalt und hockte nieder auf den Sims.

»Loiß!!« sagte der Knabe im Traume und wandte sich, daß der volle Mondschein auf seinem Antlitze leuchtete.

87 Da stand er neben dem alten Loißl auf der Schloßbrücke zu Amberg im hellen Mondlichte. Totenstill war's in der Gasse, und über der Brücke drüben vor dem Thore saß die Wache und schlief.

»Daß sie den Kadaver noch immer liegen lassen auf der Brücke da,« sagte Hansjörg und betrachtete mitleidig das tote Roß des Pfalzgrafen.

Loißl aber lachte in sich hinein: »Ist ja gar kein Kadaver! Thut nur so. Gelt, Bräunel?«

Schwerfällig hob der Braune den Kopf und sah den Alten an mit großen verdrehten Augen.

»Auf, Bräunel, auf!« lockte der Hüttenkapfer, und mit einem Sprunge erhob sich das Tier.

Hansjörg schlug die Hände zusammen vor Staunen, und der tote Gaul stand da im hellen Mondlichte und blies weißen Rauch aus seinen Nüstern.

Und ehe Hansjörg sich bedachte, saß er auf dem staubbedeckten Rücken und hielt sich an der langen Mähne; hinter ihm aber saß der Knecht und schlang die Arme fest um seinen Leib.

»Ist ja doch alles nur Spuk, Spuk – da schaut, Junker, da hebt er sich von der Erde, da schaut, unter uns wie klein das Thor – Teufelsroß . . .!«

In der silbernschimmernden Luft schwamm und ruderte das tote Roß des Pfalzgrafen und trug den Greis und den Jüngling über das nordgauische Land. Tief unten dehnten sich die Wälder und Felder, die Dörfer und Städte, tief unten liefen die weißen Straßen, und wie gläserne Adern blitzten die Bäche und Flüsse.

Hansjörg fühlte sein Herz klopfen; er spähte in die Tiefe und fürchtete sich. Fester und fester umklammerten ihn die Arme des Greises, und es flüsterte an seinem Ohre: »Da drunten, Junker, schaut nur, 88 wie das golden funkelt im Flusse da drunten und sich dreht und goldene Tropfen um sich streut – und dort und dort und da draußen – – schaut nur, so hab' ich's mein Lebtag, all mein Lebtag noch nicht gesehen! Hundert und hundert und tausend und tausend goldene Räder drehen sich in den Gewässern und laufen hinunter – nein, Junker, nicht nur in den Gewässern, nein, schaut nur, auf allen den Straßen und auf allen den Steigen rollen die feurigen Räder, tausend und tausend, Millionen feurige Räder. – Haltet Euch fest an der Mähne! Hört Ihr denn nichts? Es ist, als praßle Feuer durch Heu und Stroh, und das Klagen, Junker, horcht nur, das Klagen! Und jetzt, Junker, jetzt rollen die feurigen Räder in die Dörfer und Flecken und Städte, und jetzt, jetzt, Junker, schlagen die Flammen aus den Dächern, und das ganze Land, schaut nur, das ganze Land brennt, und die Stoppeln brennen auf den Feldern, und es brennen an den Tannen die Zapfen. Spüret Ihr's nicht, wie sich der Braune hebt, hoch in alle Höhen? – Haltet Euch fest! – – Das ist ja gar nimmer das kleine, nordgauische Land, Junker, nein! Da rinnen starke Ströme, und draußen blinkt das Meer, und überall rollen die brennenden Räder. Junker, mir dünkt, das ganze deutsche Vaterland steht in Flammen und Rauch. Und ich sag's ja, jedesmal und jedesmal, jedesmal und jedesmal, wenn die goldigen Tropfen rinnen von den goldigen Schaufeln hinter dem Hammer zu Theuern, dann kommt's. Junker, schaut nur, schaut nur, das Brennen, das höllische Brennen! – Ist alles teuflischer Spuk, Junker. Horcht, wie sie schreien und heulen und schießen da drunten, und, merket Ihr's nicht, wie der Rauch die Augen beißt? –«

89 Eine rote Dunstmasse verhüllte den Mond, und auf der Dorfstraße zu Theuern klapperte wie gestern der alte Hüttenkapfer neben dem Junker:

»Und ich sag' Euch, Herr, wenn alle die Toten aus dem schrecklichen Feuer kämen, das ganze Thal würde voll von ihren geschwärzten Gerippen, dünkt mir, das ganze Thal. – Hört Ihr das Heulen nicht? – – Gieb mir, mein Sohn, dein Herz und laß deinen Augen meine Wege wohlgefallen!«


Hansjörg Portner stöhnte auf seinem Lager, und hoch über der kleinen Burg und dem totenstillen Lande zog der Mond seine friedlichen Bahnen. 90

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