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Hans Georg Portner

August Sperl: Hans Georg Portner - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleHans Georg Portner
authorAugust Sperl
year1901
firstpub1901
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHans Georg Portner
pages402
created20140712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Heiligabend.

Wie sieht denn das Glück aus?

Das Glück – ach, wer könnte das Glück beschreiben? Freilich, es giebt ja viele Bilder vom Glück, doch die sind alle erlogen. Da ist das Glück zumeist ein junges, schönes Weib, das auf einer Kugel tanzt und mit lachenden Augen Blumen schüttet aus goldenem Füllhorn. Ein lachendes Weib also wäre das Glück? Das Glück –? Blumen und Jugend und Schönheit verwelken um die Wette, und unstet muß die Kugel rollen, hierhin und dorthin. Und das Glück sollte beschlossen sein im Bilde der flüchtigen Jugend und der welkenden Schönheit, im Gleichnis verdorrender Blumen und rollender Kugeln? Nimmermehr!

Aber es ist doch launisch und unberechenbar, es lockt die Menschen über Stock und Stein, bis ihnen der Atem vergeht, es lockt und lockt, es treibt sein tolles Spiel und hat seine Freude daran, wenn einer im Abgrund verschwindet.

Das Glück? O nein, du irrst: das Glück wandert auf leisen Sohlen Tag und Nacht von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, es pocht an allen Thüren und bittet um Einlaß, auf allen Steigen sucht's die Menschen, auf allen Straßen, sucht und sucht und läßt nicht ab von ihnen.

359 Von mir hat's abgelassen!

Woher willst du das wissen?

Ich tappe in einer endlosen Nacht –

Keine Nacht ist endlos!

– und zittere vor Frost.

Ehe die Sonne aufgeht, ist es am kältesten.

Von mir hat's abgelassen, das Glück.

Du Thor! Abgelassen –? Und wartet vielleicht schon wieder drunten im Hausflur.

*

Vom Laufer Schlagturme zu Nürnberg klang sechsmal der Hammer durch den kalten Wintermorgen, und mit Seufzen richtete sich Hansjörg Portner auf: ›Es ist wohl Zeit!‹ Dann besann er sich und seufzte abermals: ›Heiligabend – ja, Heiligabend!‹

Er verließ sein Lager im Finstern und fuhr zitternd in die Kleider. Dann suchte er tastend nach dem Feuerzeuge, schlug den Stein und entzündete am Schwefelfaden das Talglicht.

›Heiligabend!‹ sagte er murmelnd und zerstieß die Eiskruste des Waschwassers mit den Knöcheln.

Das Licht flackerte im Luftzuge, die schräge Wand der kleinen Dachkammer glitzerte von Reif beschlagen, und auf den Brettern des Fußbodens blinkte eine Schneewehe.

›Mein Leben ist so dunkel wie dieser dunkle Morgen,‹ sagte Portner und schüttelte sich.

›Aber, Hansjörg, heute ist ja Heiligabend! Hörst du nicht? Heiligabend!‹

›Ich höre wohl, und ich beuge meine Kniee vor dem Heiligen Gottes, der mich so sehr geliebt hat – und – o, wenn ich nur sagen könnte: er hat's gegeben – er hat's genommen, und dennoch –! Genommen? Ja, genommen! Ich werde jetzt 360 hinuntergehen und mit den Hausleuten meinen Löffel in die große Schüssel tauchen. Gott sei Dank, ich habe eine Morgensuppe; nicht alle haben's. Dann werde ich zu meinem Handelsmanne gehen und schreiben bis zum Mittagsglockenläuten. Gott sei Dank, ich kann arbeiten für mich und für – sie! Dann werde ich heimgehen und mit den Hausleuten zu Mittag essen. Gott sei Dank dafür – nicht alle können das. Dann werde ich wieder schreiben bis zum Abend. Gott sei Dank für alles – aber es ist doch ein unabsehbares Entbehren!‹

Hansjörg Portner löschte sorgsam das Licht aus, öffnete die Thüre und schlüpfte zwischen gefrorenen Wäschestücken über den finstern Speicher.

›Und es ist ja doch alles so dunkel wie dieser dunkle Morgen, und kalt, unsäglich kalt!‹ murmelte er und tastete sich die enge Stiege hinunter.


Zur selben Zeit hatte sich in einer Vorstadtherberge auch ein Mensch von seinem Lager erhoben, war in seine Kleider gefahren, hatte die Thüre geöffnet und nach seinen Stiefeln gerufen. Es war eine ganz gemütliche warme Stube, und das Wasser im reinlichen Becken war keineswegs gefroren. Aber vom Wasser machte der Mensch keinen Gebrauch. Scheltend fuhr er in seine schweren Stiefel, brummte, daß gestern abend das Nürnberger Bier doch allzugut gewesen sei, nahm einen Schluck aus dem Wasserkruge, hielt die Hände vors Gesicht, pustete einen kräftigen Katzennebel, fuhr eilig über die verschlafenen Augen, über den struppigen grauen Schnurr- und Knebelbart und hatte also im Umsehen seine Verschönerung vollendet.

Hansjörg Portner tastete sich über die dunkle Stiege des zweiten Stockwerkes hinunter.

361 Der struppige Mensch nahm ein Päcklein aus seinem Mantelsack und senkte es in sein Wams, warf seinen Mantel über und ging sporenklirrend aus der Kammer.

Hansjörg Portner trat in die trüb erleuchtete Stube seines Hausvaters und rang mit seinen Gedanken.

Der struppige Mensch ging hinaus in die finstere, schneebedeckte Gasse.


Hansjörg Portner saß mit den andern, groß und klein, vor der dampfenden Schüssel und holte sich mit dem Blechlöffel die Brocken.

»Mutter, abhören!« bat die Zehnjährige.

»Her damit!« sagte die Meisterin und nahm das Buch.

»Mutter – ich kann ihn schon – aber –«

»Was aber –?«

»– ich weiß nimmer, wie er angeht, Mutter.«

»Gerade das muß man wissen,« sagte Hansjörg Portner, »sonst fällt er einem ja nicht ein, wenn man ihn braucht im Leben.«

Das Kind lachte verlegen in sich hinein und rieb die Füßlein aneinander.

»Gieb mir –« half die Mutter.

»Gieb mir, mein Sohn, dein Herz und laß deinen Augen meine Wege wohlgefallen!« sagte das Kind mit heller Stimme, als wäre ihm ein Stein vom Herzen gefallen.

Hansjörg Portner sah vor sich hin und nickte.

Da wurde die Hausglocke gezogen.

»Es hat geläutet,« sagte Hansjörg Portner in tiefen Gedanken.

Der Lehrbub sprang hinaus.

Da kam der struppige Mensch mit Sporengeklirr in die warme Stube und fragte mit rauher Stimme, 362 ob hier der edle und gestrenge Herr Portner von Theuern wohne.

»Der bin ich,« sagte Hansjörg und trat heran. »Du?« fragte er verwundert.

»Ja, ich und Ihr, dagegen ist nix einzuwenden,« meinte der Struppige und grinste. »Und also gehört auch dieser Brief aus Hilpoltstein zu Euern Händen.«

Hansjörg nahm den Brief, hielt ihn ans Licht und las die Aufschrift. Dann legte er ihn behutsam auf seinen Stuhl, griff in die Tasche und fragte: »Hat ihn dir die Jungfrau von Zant selbst gegeben?«

»Wollt' ich meinen, und aufs Herz gebunden!« sagte der Amtsknecht und hielt die Hand, als wiese er die Gabe zurück; aber die Hand war offen. »Kosten, Junker? Ach beileib, das kostet rein gar nix,« sagte er, kam ein wenig näher, klappte die Hand zusammen und schob das Geldstück geschwind ins Wams. Dann machte er einen Kratzfuß und ging sporenklirrend aus der Stube.


»Mutter, ich kann ihn schon, den Vers, – aber –«

»Der spricht zu dem Herrn –« half die Meisterin dem Kinde.

»Ich weiß, Mutter!« rief das Kind und faltete aufs neue die Hände und sprach mit heller Stimme: »Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Denn er errettet mich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz –«

Das Kind stockte.

»Er wird –« half die Mutter.

Das Kind schob verlegen den Finger in den Mund.

Da erhob sich Hansjörg Portner, steckte seinen Brief ein, legte die Hand auf des Kindes Schulter und sagte mit bebenden Lippen: »Seine Wahrheit ist 363 Schirm und Schild, daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen –«

Er hielt inne, die Augen drohten ihm überzugehen, und eilig verließ er die Stube.

Das Glück war wieder gekommen zu ihm.


Zwei Jahre?

Nun denn, zwei Jahre in Gottes Namen! 364

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