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Hans Georg Portner

August Sperl: Hans Georg Portner - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleHans Georg Portner
authorAugust Sperl
year1901
firstpub1901
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHans Georg Portner
pages402
created20140712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In der vertäfelten Stube.

Ignaz, es ist Zeit zur Messe!«

»Laßt mich, Mutter!«

»Ignaz, aber du weißt doch, es würde übel vermerkt.«

»Was kümmert's mich, Mutter?«

»Ignaz, es muß ja sein!«

»Und Ihr gönnt mir auch keine Ruhe, Mutter! Die ganze Nacht habe ich kein Auge geschlossen und soll jetzt hinaus in den Morgen und in die eiskalte Kirche!«

»Aber, Ignaz, kann denn ich dafür?« klagte die alte Frau und stand zitternd an der Kammerthüre.

»Ich komme ja, Mutter!« stöhnte Kriemhofen und erhob sich von seinem Lager.


»Die ganze Nacht wieder nicht geschlafen? Du armer Bub!«

»Und nun heraus und die Larve vors Gesicht und – dabei das Denken, Mutter, das Denken, immerfort das wilde Denken!«

»Armer Bub – ach, wenn ich dir nur helfen könnte! Noch einen Teller Suppe, Ignaz – nein? Schmeckt dir das Essen nicht?«

»Ich habe genug, Mutter.«

»Und wie blaß du wieder bist!«

341 »Wen kümmert's?«

»Aber, Ignaz – wen? Mich doch, sollt' ich denken, mich!«

»Ja, die Mutter meint's gut.«

Die alte Frau zupfte an seinem Mantel, trippelte um ihn herum, blies über die Federn seines Hutes und gab ihm den Hut. Dann stellte sie sich mit gefalteten Händen vor den großen Mann: »Ignaz, ich weiß es ganz gewiß, du wirst noch ein großes Glück finden. Du verdienst es dir täglich – ein Mensch ohne Makel, wie du!«

Kriemhofen lachte heiser und drückte die Klinke nieder.

»Aber, Ignaz, ist's denn nicht so?« fragte sie ängstlich.

»Vielleicht wäre manches anders, wenn die Mutter nicht – nun ja, was hilft's? Die Mutter hat's gut gemeint, aber es war nicht gut.«

»Aber, Ignaz? Was hätte ich –?«

»Wenn Ihr mich gelehrt hättet im Kindesalter, zuerst an andre und zuletzt an mich zu denken, so wäre wohl manches besser.«


Die alte Frau stand oben an der Stiege und hielt mit zitternden Händen das Licht. Schwerfällig ging er die Treppen hinunter, öffnete das kreischende Schloß und trat hinaus in den kalten Dezembermorgen.

Die alte Frau stand noch immer in Gedanken oben an der Stiege, und das Lichtflämmlein flackerte heftig. Im Hofe krähte der Hahn.

»Hat er am Ende recht?« murmelte sie und sah ins Leere. Dann wandte sie sich fröstelnd und schlich in ihre Stube.

Vom Turme des heiligen Martin klang die Glocke, 342 und eilig schritt der kurfürstliche Sekretarius durch die Finsternis der Kirche zu.

*

Die Messe war zu Ende.

»Eine sakrische Kälte!« brummte der kurfürstliche Regimentsrat und stülpte eilig, noch ehe er aus der Kirchenthüre getreten war, den Hut über den kahlen Schädel.

»Kälte,« sagte Kriemhofen und schritt hinter dem alten Herrn auf den Marktplatz, der sich im Dämmerschein des grauen Frühlichts dehnte.

»Hu,« klagte der kurfürstliche Regimentsrat und zog den Mantel enger, »laßt uns eilen, der kalte Wind! –

»Wer an der Pfarrkirch' steht und weht kein Wind –«

Kriemhofen fuhr respektvoll weiter, indem er neben dem alten Herrn dahinging:

»Wer durch die lang' Gaß geht und schreit kein Kind,
Wer über die Krambruck' kommt ohn' Schand und Spott –«

Der kurfürstliche Regimentsrat vollendete schnaufend:

»Der hat wahrlich groß' Gnad' von Gott!

Und wem heute die Kniee nicht angefroren sind an der Steinplatte, den hat auch sein Schutzheiliger gewärmt. Eine sakrische Kälte! Da blieb' einer auch lieber in den Federn liegen.«

»Liegen,« bestätigte der Sekretarius und bog mit dem Alten über die Krambrücke in die Georgenstraße.

»Na, da macht sich's ja wieder,« murmelte der Regimentsrat und blieb keuchend stehen. »Aber sagt, habt Ihr eigentlich heute meinen Kollegen Sturm in 343 der Messe gesehen? Es fällt mir schon seit acht Tagen auf, daß sein Platz in der Kirche –«

»Der Herr Vizedom!« raunte der Sekretarius, und die beiden traten mit gezogenen Hüten zur Seite.

Der Vizedom griff schweigend an den Hut und ging vorüber. Ganz laut aber sagte der Regimentsrat: »Seit acht Tagen habe ich den Kollegen Sturm nicht mehr in der Messe gesehen!«

»Nicht mehr in der Messe gesehen,« murmelte Kriemhofen.

»Das hat er gehört,« triumphierte der Regimentsrat und wies mit dem Daumen nach dem Vizedom, der in der Dämmerung des nebeligen Morgens verschwand; »dem Sturm hab' ich's eingebrockt! – Geht ja auch stracks gegen die allerhöchste Willensmeinung,« fuhr er eifrig fort und stapfte fürbaß. »Wißt Ihr eigentlich, wie mir Seine Kurfürstliche Durchlaucht in ihrem brennenden Eifer für die alleinseligmachende Religion vorkommt? Ich will's Euch sagen: Er ist in unsrer Zeit das größte, alleweil wider die Ketzer geladene Stück, das der himmlische Konstabel –« der Regimentsrat lüpfte den Hut – »also regiert, daß es im Losbrennen auf seine Feinde mit großem Knall und Wiederhall einen unaufhörlichen Schrecken verursacht.«

»Einen unaufhörlichen Schrecken,« sagte Kriemhofen, und nun bogen die beiden in die Regierungsgasse ein.

»Wenn das heilige römische Reich von Ungarn bis ans Nordmeer und von Welschland bis ins Ordensland noch vor wenigen Jahren durch die Ketzerei anzusehen war wie eine vollgesudelte Schultafel, so wird jetzt sachte die Tafel reingewaschen von einer Ecke zur andern, und die freundlichen Patres können die 344 alleinseligmachende Lehre daraufzeichnen in seinen Linien und Ornamenten.«

»Und Ornamenten,« wiederholte Kriemhofen.

»Der große Schwamm fährt unwiderstehlich darüber,« sagte der Regimentsrat, bog ins Thor des Regierungsgebäudes und klopfte mit Schnauben und Pusten den Schnee von den Stiefeln. »Was ist noch übrig?« fragte er. »In den kaiserlichen Erblanden ist die Ketzerei im Blute ersoffen, die Böhmen kuschen, das Fürstentum der Oberpfalz ist katholisch.« – Er wandte sich auf der untersten Treppe und sah den Sekretarius herausfordernd an: »Oder nicht?«

»Bis auf etliche halsstarrige Landsassen,« antwortete Kriemhofen.

»Die am Hungertuche nagen und im Elend sitzen,« sagte der Regimentsrat und stieg die Treppe empor. »Und, Kollega, immer wieder muß ich's betonen – das größte Kunststück unsrer begnadeten Zeit ist doch das Restitutionsedikt. Das ist der Schwamm, Kriemhofen.«

»Das ist der Schwamm, Herr Regimentsrat.«

»Und denkt an mich, über Jahr und Tag kann ihnen auch der Teufel nimmer helfen, den Ketzern.«

»Den Ketzern.«

»Behaglich warm, Kriemhofen,« sagte der alte Herr und schritt über die Schwelle der vertäfelten Stube. »Doch eine Wohlthat Gottes, Kollega, solch warme Stube!«

*

Lange Zeit war nichts zu hören in der vertäfelten Stube als das Knistern der Federn und das tiefe, beschwerliche Atmen des alten Herrn.

Dann erhob sich Kriemhofen in seinem Erker, goß 345 das Streupulver über die nasse Schrift und trat mit seiner Arbeit hinter den Regimentsrat.

»Na, Kriemhofen, fertig?« sagte der alte Herr, zog sein Taschentuch und schneuzte sich vernehmlich. »Na, Kollega, laßt einmal sehen!«

»Eine böse Rechnung, Euer Gnaden,« meinte Kriemhofen und gab ihm den Bogen. »Noch immer an die hundert Emigranten vom Adel ohne die Weiber und Kinder.«

Der Rat lehnte sich zurück, rieb sein Kinn und überlas das lange Verzeichnis. Dann rückte er den Stuhl, erhob sich und ging auf und ab: »Hm – das wird ein böser Bericht an Seine Durchlaucht – hm! Genau die Halbscheid! Offen gestanden, ich habe gerechnet, es würden sich im Laufe der Zeit die meisten von den halsstarrigen Kerlen eines bessern besinnen. Habe mich geirrt.«

»Wer kann von irren reden?« sagte Kriemhofen. »Was jetzt nicht ist, kann bis zum Frühling werden. Der Winter steht vor der Thür, Herr Regimentsrat. Bar Geld ist rar. Und nun sitzen sie mit hungrigen Mäulern in den Städten – in Regensburg, in Nürnberg, wo's alle Tage teurer wird. Da kann manch einer zur Vernunft kommen. Und was ist's denn bei den meisten unter ihnen? Warum haben sie die Heimat verlassen? Aus Trotz, Herr Regimentsrat.«

»Aus Trotz?« murmelte der alte Herr und schüttelte bedächtig das kahle Haupt. »Bei dem und jenem kann es Trotz sein, aber bei den meisten von ihnen ist's doch etwas andres, Kollega. Habe schon oft darüber nachgedacht – es ist doch noch etwas andres dabei.«

Der Regimentsrat stand inmitten der Stube und machte ein Gesicht, als sollte er einen Bericht abfassen 346 über die Ursachen der Welterschaffung und könnte keinen richtigen Anfang finden. In Unterwürfigkeit stand Kriemhofen vor seinem Chef und murmelte gewohnheitsmäßig: »Doch noch etwas andres dabei.«

Da klang ein kurzes, schlagähnliches Pochen von der Thüre her, und der Vizedom stand auf der Schwelle.

Er hüstelte und schloß die Thüre. In Unterwürfigkeit stand der Sekretarius, in tiefster Unterwürfigkeit stand der Regimentsrat.

»Den Akt Hansjörg Portner brauche ich!«

»Hansjörg Portner? Auf der Stelle! Kriemhofen, habt Ihr den Akt – nein? Auf meinem Tische sagt Ihr? Um Verzeihung, Gnaden Herr Vizedom – gleich! Ein Haufen Akten – o, diese Emigranten. Na, helft mir doch, Kriemhofen! O, diese Emigranten, Euer Gnaden! – Noch nicht, Kriemhofen?«

»Habe keine Eile,« meinte der Vizedom und wandte den Blick nicht vom Sekretarius, der totenbleich, mit zitternden Händen in dem Aktenstoße wühlte. »Zeit lassen!«

»Hier ist der Akt, Euer Gnaden!« sagte Kriemhofen und überreichte das kleine Bündel dem Hochgebietenden.

Der warf einen Blick auf den Umschlag und gab den Akt zurück: »Sebastian Wolf Portners auf Haselmühle Konversion,« bemerkte er hüstelnd und fixierte den Sekretarius.

»Bitte tausendmal um Vergebung, habe mich vergriffen,« murmelte Kriemhofen. »Er muß bei mir im Erker sein.«

Und er ging mit schleppenden Schritten zum Erker.

»Heda, ist Euch nicht wohl?« fragte der Vizedom und ging auch zum Erker.

347 Kriemhofen wandte sich und sagte mit bebender Stimme: »Schon seit etlichen Tagen etwas unpaß, Euer Gnaden. Der Herr Regimentsrat kann's mir bezeugen.«

»Ein ganz außerordentlich eifriger Beamter, Euer Gnaden,« dienerte der alte Herr und kam händereibend heran. »Von ganz vorzüglichem Eifer beseelt, arbeitet mit großem Erfolge in der Emigrantensache –«

»Bedarf des Zeugnisses nicht,« sagte der Hochgebietende und würdigte den Regimentsrat keines Blickes. »Dieser Kriemhofen sieht sehr übel aus –«

»Nicht von Bedeutung, Euer Gnaden,« murmelte der Sekretarius.

»Dieser Kriemhofen,« sagte der Vizedom und sah drohend auf das bleiche Gesicht des andern, »dieser Kriemhofen sieht so übel aus« – er hielt einen Augenblick inne –, »so übel wie das böse Gewissen,« vollendete er mit schneidender Betonung.

»Euer Gnaden!« murmelte Kriemhofen, wurde aschgrau und schwankte.

»Den Akt Hansjörg Portner will ich!« befahl der Vizedom.

»Hier, Euer Gnaden!« sagte der Sekretarius, öffnete ein Fach an seinem Pulte und nahm den dicken Akt heraus. »Hansjörg Portners Emigration –«

»– und Gefangennahme,« las der Vizedom vom Umschlage. »Der Akt scheint Euch ja besonders am Herzen zu liegen, Kriemhofen?«

Kriemhofen schwieg.

Der Vizedom trat an den Arbeitstisch des Regimentsrates, der sprachlos beiseite stand und nun hinter dem Rücken des Hochgebietenden fragend und kopfschüttelnd nach dem Sekretarius schielte.

348 Der aber stand aschgrau, mit zusammengekniffenen Lippen am Eingange des Erkerleins und stierte auf den Vizedom, der in dem Akte blätterte.

Nichts mehr war zu hören in der vertäfelten Stube, als das leise Rauschen und Knistern der Aktenstücke. Sogar der Atem des Regimentsrats ging leise in Gegenwart des Hochgebietenden.

Der Vizedom nahm ein Blatt aus dem Akte und wandte sich um: »In wessen Auftrage habt Ihr dem Junker Portner das Handgelübde abgenommen?«

»Im Auftrage des Herrn Regimentsrates, Euer Gnaden.«

»Ich habe ihm den Auftrag gegeben,« sagte der Regimentsrat und rieb die Hände.

»Welchen Auftrag?« fragte der Vizedom.

»Das Handgelübde betreffend, Euer Gnaden,« erklärte der alte Herr verwundert.

»Und was sollte der Emigrant mit Handschlag an Eides Statt geloben?«

»Wenn ich mich recht entsinne – wie war's doch, Kriemhofen? Auf ein Jahr oder auf zwei Jahre?«

»Ich frage Euch!« herrschte ihn der Vizedom an.

»Daß er sich auf gewisse Zeit der halsstarrigen Tochter des Zantners enthalten werde, Euer Gnaden,« sagte der Regimentsrat und machte eine tiefe Verbeugung. »Es war eine notwendige Maßregel, Euer Gnaden.«

»Im Rate ist nichts davon verlesen worden!« rief der Vizedom.

»Ich hab's von kurzer Hand verfügt, Euer Gnaden.«

»Und müssen nicht alle diese Gegenstände kraft kurfürstlichen Befehls im Rate verlesen und durch 349 formatum consilium beschlossen werden?« herrschte ihn der Vizedom an.

Der Regimentsrat schwieg und rieb die Hände.

»Nun gut, wir beide kommen noch zusammen!« sagte der Hochgebietende. »Und Ihr, Kriemhofen, habt ihm also das Handgelübde abgenommen. Und die Frist habt Ihr gesteckt auf –?«

»Es muß in der Urkunde enthalten sein, Euer Gnaden.«

»Freilich ist's in der Urkunde enthalten, freilich!« bestätigte der Vizedom. Er trat einen Schritt vor. »Und in welchem Zustande habt Ihr den Portner die Urkunde unterschreiben und siegeln lassen?«

»Ich verstehe Euer Gnaden nicht,« antwortete Kriemhofen.

»So – nicht? Auch gut! Wer war dabei?«

»Der Einspännige Rummel,« kam's zögernd von den Lippen des Sekretarius.

»Schellen!« befahl der Vizedom.

Kriemhofen rührte sich nicht, und der Regimentsrat lief an die Klingel. –

Der Diener kam.

»Der Einspännige Rummel im Hause?«

»Ja, Euer Gnaden.«

»Soll augenblicklich kommen!« –

Der Einspännige Rummel kam.

»Du bist dabei gewesen, als der Portner von Theuern das Ding da unterschrieb?«

»Jawohl, Euer Gnaden.«

»Wann war das?«

»Genau weiß ich's nimmer, Euer Gnaden.«

Der Vizedom warf einen Blick auf die Urkunde: »Am zweiten November. – Tageszeit?«

»Mitten in der Nacht, Euer Gnaden.«

350 »So, mitten in der Nacht? Und in welchem Zustande war denn der Portner?«

Der Einspännige zögerte mit der Antwort und blickte scheu nach dem Manne am Eingange des Erkers.

»'raus mit der Rede, ist ja so wie so schon alles offenbar!« rief der Vizedom, und seine Worte erstickten in einem Krampfhusten.

»Betrunken, Euer Gnaden,« sagte der Einspännige.

»Noch einmal! Wie?« fragte der Hochgebietende.

»Betrunken, Euer Gnaden,« sagte der Einspännige zum zweitenmal.

»Abtreten!« befahl der Vizedom.

Eilig entfernte sich der Knecht.

Nun zog der Vizedom ein erbrochenes Schreiben aus seinem Wamse und reichte es dem Regimentsrate: »Leset's mit vernehmlicher Stimme!«

Und der Regimentsrat las unter viel Räuspern und Stocken:

»Wohledel und gestrenger, insonderheit hochgebietender Herr Vizedom. Demselben sind meine freundwilligen Dienste zuvor. Euer Gnaden wird sich ohne Zweifel erinnern, was für Drangsale diejenigen aus dem oberpfälzischen Adel, die sich nicht zur katholischen Religion bekehren wollen, zu erdulden haben. Werden aus ihrem Vaterlande ferngehalten, wird manchen nichts verabreicht von dem, was sie zu ihres Leibes Nahrung und Notdurft gebrauchen, also, daß es ein Jammer ist, wie viele von ihnen in das äußerste Elend geraten sind, zu welchen auch ich gehöre. Aber das alles ist eines andern Herrn Sache, der das Richtschwert in der Hand hält über Kaiser und Könige und stärker ist denn alle Potentaten zusammen, die vor seinem Angesichte fliegende Federn 351 sind und dürre Blätter, mit denen der Wind sein Spiel treibt und sie führt, wohin er will. Warum ich arm, unwissend Weibsbild diesen Brief an Euch zu schreiben mich unterfangen, das hat solche Ursache: Euer Gnaden wird wohl wissen, daß unter den oberpfälzischen Emigranten vom Adel auch einer ist mit Namen Hansjörg Portner von Theuern. Und um deswillen schreibe ich diesen Brief; denn Hansjörg Portner von Theuern ist mein Verlobter vor Gott und den Menschen. Ich bitte aber, wohledel und gestrenger Herr, derselbe wolle mich anhören, nicht wie man eine arme Bittstellerin anhört, mit schläfrigen Augen und abgewandtem Sinn, sondern wie ein Chevalier auf eine vom Adel zu hören verpflichtet ist, welche ein Anliegen vor ihn bringt. Als eine vom alten Adel spreche ich mit Euer Gnaden in diesem Schreiben. Nun haben sie vor acht Wochen meinen Verlobten, Hansjörg Portner von Theuern, da er mit dem Herrn Oberforstmeister zu Amberg wegen eines Waldstreites mündlich verhandeln wollte, als einen Ungehorsamen und Verächter der kurfürstlichen Mandate gefänglich eingezogen. Ob das Euer Gnaden weiß oder nicht, ist mir unbekannt. Kommt nun mein Verlobter vor etlichen Tagen zu mir nach Hilpoltstein, wo ich mich bei meinem Oheim aufhalte, anzuschauen wie ein Schwerkranker, sagt, er habe schriftlich versprechen müssen unter Eid, daß er sich für alle Zeit meiner enthalten und sich ganz auf immer von mir lossagen wolle. Hat mir auch die Urkunde in Abschrift vorgezeigt, in der geschrieben steht, er wolle sich allzeit meiner enthalten, allzeit. Habe ich ihn ausgeforscht und er mir alles gesagt, daß es der Herr Sekretär Kriemhofen gewesen ist. Da weiß ich für meine Person genug. Daß es aber 352 auch der hochgebietende Herr genau erfahre, deshalb schreibe ich, ohne daß der Portner davon eine Ahnung hat. Denn der Portner erachtet sich als ein Edelmann und gottesfürchtiger Mensch gebunden durch den erzwungenen, will sagen durch den erschlichenen Eid. Daß solcher Eid nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, könnt' ich beschwören; denn bei klarem Verstande hätte mich der Hansjörg Portner niemals aufgegeben und verlassen, wo ich doch sein eigen bin und zu ihm gehöre und niemand habe auf der weiten Welt als ihn. Hat mir auch eingestanden, daß er von wegen zu ihm genommenen Weines beim Unterschreiben nicht ganz hell im Kopfe gewesen sei. Es kommt mir schwer an, was ich Euch mitteilen muß, aber ich kann mir nicht anders helfen. Der Herr Sekretär Kriemhofen hat mir schon während meiner Gefangenschaft zu Amberg nachgestellt und mich meinem Verlobten abwendig machen wollen mit Locken und Drohen. Bin der festen Meinung, daß er sich gerächt hat für eine Maulschelle, die ich, Ruth von Zant, ihm damals verabreicht habe, weil er unziemlich nahe an mich herangetreten war. Nun weiß es Euer Gnaden, und stelle ich mich in Gedanken vor Euch, bittend, Eurer eignen lieben Tochter zu gedenken und nicht als der Vizedom Kurfürstlicher Durchlaucht, nicht als der Katholik, sondern allein als der Edelmann die Angelegenheit in die Hand zu nehmen und zu untersuchen. Bin der Meinung, daß der Kurfürstlichen Durchlaucht wenig daran gelegen sein kann oder nichts, wenn zwei Emigrierte vom Adel einander in ehelicher Lieb' und Treu das Unglück leichter machen; kann's nicht glauben, daß der Herr Sekretär aus kurfürstlichem Befehl gehandelt habe. Doch Euer Gnaden wird Licht in diese Dunkelheit bringen, wenn 353 Ihr anders wollt. Und Euer Gnaden will; denn ich habe Euer Gnaden angerufen als einen Edelmann. Datum Hilpoltstein, den 10. Dezember 1629. Euer Gnaden mich gehorsamlich empfehlend, Euer Gnaden gehorsame Ruth von Zant.«

Der Regimentsrat ließ das Schreiben sinken und wandte sich zu Kriemhofen: »Allzeit und ganz auf immer – das habe ich nicht befohlen, Kollega!« sagte er, dunkelrot im Antlitz.

Kriemhofen schwieg und starrte ins Leere.

»O, beruhigt Euch!« grollte der Vizedom und reichte dem Regimentsrate die Urkunde aus dem Akte.

Hastig durchflog sie der alte Herr. Dann rief er mit einem Seufzer der Erleichterung: »Ei, da steht's ja schwarz auf weiß – ›. . . zwei Jahre lang mich ihrer zu enthalten und ihr in der Religion nichts einzureden.‹ – Euer Gnaden, hier steht's!«

»Ja wohl, hier steht's,« sagte der Vizedom und ging einen Schritt auf Kriemhofen zu. »Lügt das Weib?«

Der schwieg und sah trotzig auf den Hochgebietenden.

»So enthält also das Original, was der Portner wirklich gelobt hat?«

Er schwieg.

»Steht Rede!« fuhr der Vizedom auf und mußte heftig husten.

»Ja!« kam's trotzig von den Lippen des andern.

Der Regimentsrat rang wortlos die Hände und blickte an die vertäfelte Decke.

»Und am nächsten Morgen ist dann dem Gefangenen die veränderte Abschrift seines Gelöbnisses übergeben worden – nicht?«

Kriemhofen schwieg.

354 »Und das alles zu was End und Ziel?«

Kriemhofen schwieg. Dann verzerrte sich sein Gesicht, sein Mund öffnete sich und schloß sich, die Schlagader an seinem Halse klopfte sichtbar – doch er schwieg.

»Bubenstreich!« sagte der Vizedom.

Kriemhofen preßte die Zähne aufeinander, kreuzte die Arme und stierte den Hochgebietenden an.

Da reckte dieser die schlanke Gestalt und maß den Menschen und rief: »Aber du jammerst mich, weil ich an deinen Vater denke, den Ehrenmann.«

Kriemhofen ließ die Arme sinken, wandte sich und schwankte ans Fenster.

»Und um des Ehrenmannes willen schone ich den Sohn. Was Er zu thun hat, wird Er wissen. Verstanden?«

Kriemhofen wandte sich und sagte: »Ja!«

»Heute nachmittag liegt das Dimissionsgesuch auf meinem Tische! Verstanden?«

»Ich weiß, was ich zu thun habe,« murmelte Kriemhofen und wandte sich ans Fenster und stierte auf die Straße hinunter.

»Und Ihr,« sagte der Vizedom zum Regimentsrate, »Ihr setzet Euch und schreibt!«

Der alte Herr lief an seinen Platz, probierte die Feder auf dem Daumennagel und legte einen Bogen Papier zurecht.

Der Hochgebietende ging mit gesenktem Haupte einigemal auf und ab. Dann diktierte er:

»Daß laut des in denen Akten der kurfürstlichen Regierung zu Amberg aufbewahrten Originales der wohledle und gestrenge Hans Georg Portner von Theuern am zweiten November des laufenden sechzehnhundertneunundzwanzigsten Jahres –

355 Habt Ihr das?«

»Ja, Euer Gnaden!«

»– am 2. November 1629 versprochen, auch an Eides statt auf Handgelübde gelobt hat, sich der auch wohledeln und tugendreichen Jungfrau von Zant, seiner Verlobten, zwei Jahre lang zu enthalten und derselben inner dieser Zeit der Religion halber nichts einzureden, bekenne ich unterschriebener kurfürstlicher Vizedom. Datum Amberg, den 14. Dezember 1629.«

»Fertig?«

»Fertig, Euer Gnaden.«

»So, nun bringt mir's auf meine Stube, daß es gesiegelt und expediert werde!« befahl der Vizedom und schritt zur Thüre.

Mit zitternden Händen streute der alte Herr das Pulver auf die nassen Zeilen, nahm das Schriftstück und den Akt ›Hansjörg Portner von Theuern‹ und folgte dem Hochgebietenden wortlos auf dem Fuße nach. Und er schüttelte immerfort das Haupt.

*

Die Mittagsglocken läuteten über der Stadt, und die Stühle wurden gerückt im Regierungsgebäude wie alle Tage.

Mit rotem Kopfe, keuchend, kam der Regimentsrat in die vertäfelte Stube, schlüpfte in seinen Mantel, stülpte den Hut über den kahlen Scheitel und warf wie von ungefähr einen Blick auf den Mann im Erkerlein, der an seinem Pulte saß und den Kopf in den Armen vergraben hatte. Aber wortlos ging der alte Herr aus der Stube.

»Gesegnete Mahlzeit, Herr Kollega!« – »Danke, desgleichen!« – »Kalt heute, wird ein strenger Winter –« klang es aus dem hallenden Korridor 356 durch die behagliche Stube in das Erkerlein und verklang in der Ferne.

Thüren schlugen, Schritte hallten, endlich wurde es ganz stille.

Kriemhofen hob den Kopf und sah verstört um sich. ›Ich weiß, was ich zu thun habe,‹ murmelte er, stützte die Fäuste auf das Pult und erhob sich langsam.

Den Korridor herunter kamen schlurfende Schritte, und es klang dabei wie Schlüsselgerassel.

Kriemhofen setzte sich und starrte auf ein Blatt Papier.

Die Thüre ward aufgestoßen, und ein eisgrauer Amtsknecht stand auf der Schwelle. »Ah, der Herr Sekretarius! Entschuldigt schon, ich hab' gemeint, es ist leer da herinnen. Der Herr Sekretarius wird hernach schon zusperren? Gesegnete Mahlzeit, Herr Sekretarius!«

Damit ging er und zog die Thüre hinter sich ins Schloß. ›Das ist doch der allerfleißigste, der Kriemhofen,‹ murmelte er und schlurfte den Korridor hinunter.

›Der weiß es auch schon, und der und der – und – die ganze Stadt,‹ murmelte Kriemhofen und erhob sich abermals und ging mit schweren Schritten hinab in die Stube.

Da erklang das Thürschloß, und die Falle glitt vom Bügel herab. Ein kleiner Spalt stand offen.

Kriemhofen bemerkte es nicht. Wankend wie ein Trunkener schritt er an den Tisch des Regimentsrates und murmelte: ›Ich weiß, ich weiß, Herr Vizedom!‹

Totenstill war's in dem weiten Hause, totenstill auf der Gasse.

›Ich weiß, ich weiß,‹ murmelte der Mann und 357 suchte mit tastenden Händen auf dem Tische unter den Akten.

›Das ist noch besser,‹ sagte er, schob das blinkende Federmesser zur Seite und zog ein funkelndes Rasiermesser aus seinem Futterale. ›Ich weiß, Herr Vizedom!‹ murmelte er und probierte die Schneide.

›Wie ein Hund gelebt und wie ein Römer gestorben!‹ sagte er nach einer Weile und ließ sich in den Armstuhl des Regimentsrates sinken.

Totenstill war's.

Ein roter Strahl schoß über den Schreibtisch bis an die Wand.

Es klang wie seufzendes Röcheln.

Es fielen schwere, dicke Tropfen auf die Dielen, und endlich ward ein starkes Geplätscher.


Die Thüre knarrte ein wenig, und eine große Katze schlich in die vertäfelte Stube.

*

Nach etlichen Stunden gab es einen Zusammenlauf im kurfürstlichen Regierungsgebäude. Man hatte den Sekretarius von Kriemhofen auf dem Armstuhle des Regimentsrates gefunden. Seine Kehle war durchschnitten bis auf die Wirbel, und neben der Blutlache unter dem Stuhle saß eine große, braune Katze mit rotbeflecktem Maule. Die murrte und machte böse, funkelnde Augen. 358

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