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Hans Georg Portner

August Sperl: Hans Georg Portner - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleHans Georg Portner
authorAugust Sperl
year1901
firstpub1901
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHans Georg Portner
pages402
created20140712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zurück nach Hause.

In der Abenddämmerung des nächsten Tages wurde der Gefangene entlassen aus seiner Haft.

Wie ein Schwerkranker wankte er durch das Thor hinaus auf die durchweichte Heerstraße, das Thal entlang, am Flusse hin – der Heimat zu.

Die Nacht kam – eine blinkende Mondnacht.

Stille war's, nur zuweilen bellte ein Hund in weiter Ferne. Und wenn der verstörte Mensch ein wenig stehen blieb, dann war's ihm, als brauste ein Strom im Thale. Aber es war nur das heiße Blut, das in seinen Ohren brauste.

›Ihrer auf ewig zu entsagen!‹ Er lachte hell auf und schwankte weiter. ›Ja, warum denn?‹ murmelte er und blieb stehen. ›Warum denn?‹ Es brauste in seinen Ohren. ›Weil's da geschrieben ist, schwarz auf weiß,‹ murmelte er und schlug auf die Brusttasche des Wamses.

Dann blieb er wieder stehen und sagte trotzig: ›Weiter leben? Ja, warum denn?‹ Und mit ganz lauter Stimme gab er sich die Antwort: ›Ich weiß es wirklich nicht!‹

Wer hatte das gesagt?

Er blickte scheu hinter sich – es war niemand vorhanden, niemand. Er selbst war's gewesen – er.

327 ›Und so Schreckliches hätte ich durch Unterschrift an Eides Statt gelobt? Ihrer auf ewig entsagen?‹

Er blieb wieder stehen und rieb heftig die Stirne: ›Ich hätte das beschworen? Ich weiß es wirklich nicht! – Aber sie haben mir's ja fein säuberlich gegeben in Abschrift. Ich weiß –‹

Er stapfte weiter im flimmernden Mondlichte: ›– es wirklich nicht!‹

Aus dem Schatten eines halbzerfallenen Gemäuers trat eine dunkle Gestalt und streckte die Hand aus: »Ein armer Gartbruder bittet um Wegzehrung.«

Portners Hand fuhr nach der Degenseite und sank herab. Es war, als erwachte er, und es ging ihm durchs Gehirn: ›In der Nacht auf offener Heerstraße ohne Waffe?‹

Er bückte sich und hob einen Feldstein aus dem Kote: »Pack dich!«

Der Strolch musterte die riesige Gestalt noch mit einem geschwinden Blicke; dann verzog er sich rückwärts hinter das Gemäuer.

Mit dem Feldstein in der Rechten stapfte Portner fürbaß.

Nach einer Weile blieb er wieder stehen, warf den Stein im Bogen auf die Wiese und griff nach einem Zaunpfahl, der am Wege lag.

Doch während er ihn prüfend in den Händen wog, lachte er hart auf: ›Und was willst du denn Kostbares verteidigen, Hansjörg? Dein Leben – sonst nichts!‹

›Sonst nichts,‹ murmelte er und schritt fürbaß. ›Nein, sonst nichts – aber dem nächsten Strolche geb' ich's denn doch nicht.‹

Er stand und sah um. In der Ferne hob sich das dunkle Gemäuer aus der Wiese neben der Straße, 328 und nun war alles totenstille – nicht einmal der Hund bellte. Totenstille – nur das Sausen in den Ohren und nur das starke Pochen in der Brust bis an den Hals herauf.

›Dein Leben, sonst nichts,‹ murmelte der Mann und ging weiter im blinkenden Mondlichte.

Zur Rechten und Linken ragten die Waldhügel wie immer, und wie immer wand sich der Fluß durchs Wiesenthal. Ins Antlitz der Natur graben die Jahrhunderte kaum eine Linie; des Menschen Antlitz kann über Nacht zerfallen.

›Es ist so schwer, so schwer,‹ stöhnte Portner und ging weiter und schwieg. Und es war nichts mehr zu hören als das Patschen seiner Sohlen im Kote der Straße.

Stundenlang stapfte er fort wie ein Lasttier, das nicht fragt, wohin der Treiber es führe, stundenlang; und seine Gedanken verwirrten sich. Immer geschwinder wurden seine Schritte, immer heißer sein Atem.

Da ging der Weg noch einmal kurz bergan und senkte sich dann jählings zu Thal.

Portner stand stille und wischte mit der zitternden Hand über die schweißtriefende Stirne. Dann sah er wie im Traume hinunter und erblickte die Heimat.

Ach, wie lag sie so friedlich da im silbernen Lichte des Mondes: Der stille Fluß, als wäre er ein erstarrter Glasstrom, so unbewegt; die langgestreckten, grauen Mauern, die spitzen Türmchen, die das Thal sperrten; der ragende Kirchturm; die hohen Erlen am Ufer und der dunkle Wald. Die Heimat!

Da ließ Hansjörg Portner den Pfahl auf die Straße sinken, hob die Hände zu den flimmernden Sternen und das thränenlose Angesicht und schrie: ›Warum, Herr?‹

329 Aber es blieb alles ganz stille.

Und Portner bückte sich nach seiner Waffe und schlich weiter, den Hohlweg hinunter ins Dorf.

Auf der Holzbrücke über dem Flusse blieb er stehen und lehnte sich an das Geländer.

Die Wellen murmelten zu seinen Füßen, das Mondlicht blinkte auf den Wassern, die Wellen zogen in leisen Wirbeln, und es ergriff ihn eine namenlose Sehnsucht.

Die Wellen murmelten, und seine Lippen bewegten sich flüsternd:

›Mutter – Mutter – silberne Kelche und Ketten und Spangen schmieden sie, Mutter, die Zwerge. Und – Mutter – wenn ein Zwerg stirbt – Mutter, dann wird er mit seinen Sonntagskleidern angethan – Mutter, hast du mir doch die Sonntagskleider hingelegt ans Bett? – Mutter, dann fahr' auch ich in meinem gläsernen Sarge hinunter, immerfort hinunter, und weiß nichts mehr –

›Mutter!‹ Hansjörg richtete sich auf und sagte mit verzerrtem Antlitz und lachendem Munde: ›Nun ist mir's offenbar, warum sie lachen, wenn einer hinabfährt.‹ –

Er schwankte den Weg entlang zur Steinbrücke des Herrenhauses und murmelte: ›Sie haben recht – gar, gar nichts mehr wissen – das ist die selige Insel.‹

Er stand stille und sah den Steinhirsch an, der zerbrochen auf der Brücke lag. Er sah ihn an und wußte es nicht. ›Gar, gar nichts mehr, Mutter!‹ Es klang wie Jauchzen. –

Im Erdgeschoß des Herrenhauses blinkte ein Licht. Hansjörg dachte nichts dabei. Er ging mit schweren Schritten durch das raschelnde, rauschende Laub stracks 330 an die hohe Thüre, hob den Klopfer und ließ ihn auf den Metallknopf krachen, daß es dumpf im Hause wiederhallte.

Der Schieber des Guckloches wurde zurückgestoßen.

»Wer da?«

»Auf!« befahl der Herr und wußte nicht, wem er befahl, und dachte nichts.

»Ihr, Herr?« schrie sein Reitknecht und spähte ihm beim flackernden Scheine des Kienspans in das verstörte Gesicht. »Die Lumpen, die verfluchten, die Banditen und Gartbrüder, haben sie Euch freigelassen?«

Portner sprach kein Wort.

»Gelt, Herr, da schaut Ihr? Denkt, wie kommt doch der Mathes nach Theuern?« sagte der Knecht und schloß die Thüre.

»Hast du meine Pistolen?« fragte Portner, und es klang, als würgte ihn ein Brocken im Schlunde.

»Ei freilich, Herr!« antwortete der Knecht mit selbstgefälligem Lächeln. »Die Pistolen, die Rosse, das Geld. Ha, das Geld – genug Geld, Herr, vier Gulden!«

Portner stierte vor sich hin.

»Hört Ihr, Herr? Zu dumm ist's mir geworden da drinnen in der Stadt. Sieben Tag', acht Tag' bin ich in der Herberg gelegen, dann hab' ich zu mir gesagt: Mathes, hab' ich gesagt, das frißt unser Geld, und das thut kein gut; ich wüßt' wohl einen Ort, wo der Stall nix kostet und das Lager auch nix, und die Lebsucht könnt' einer auch leichter befriedigen –.«

Der Knecht machte ein pfiffiges Gesicht und folgte seinem Herrn, der in die kleine Stube getreten war.

»Hübsch warm da herinnen, Herr – nicht?« 331 fragte er und steckte den Span in den Ring. »Holz genug, Herr, und Essen genug.«

Hansjörg stand vor dem wackeligen Tische.

»Gerade bin ich überm Putzen, Herr,« sagte der Knecht, nahm eine von den großen Reiterpistolen und reichte sie dem Junker.

Hansjörg griff nach der Waffe, und seine Blicke fuhren suchend über das Gerümpel der Stube.

»Hier!« sagte Mathes, der kein Auge von seinem Herrn wandte, und reichte ihm das Pulverhorn.

Hansjörg begann zu laden.

»Und da hab' ich mir so meine Gedanken gemacht,« fuhr der Knecht mit selbstgefälligem Schmunzeln fort, »und wie ich so denk' und denk' und denk' – aber, Herr, Ihr schüttet ja den ganzen Lauf mit Pulver voll, es muß ihn zerreißen – so, nix für ungut, jetzt langt's. Also, wie ich so denk', da kommt's mir: Was ist denn schuld daran? Und ich hab' mir weiter gedenkt, wenn du jetzt katholisch wärst, Mathes, da könntest deinem Herrn besser dienen als so. Und das hat mich halt hernach nimmer ausgelassen, Herr, und – gedacht, gethan – –«

Der Knecht hielt inne und sah scheu vor sich hin, als warte er auf einen Befehl seines Junkers. Der aber stand und sah mit leeren Augen in eine finstere Ecke und hatte die Pistole in der Rechten.

Da kratzte sich der Knecht hinter dem Ohr, nahm einen Anlauf und stieß heraus: »Nix für ungut, dann bin ich zum Pater geloffen, hab' ihn gefragt, Hochwürden, wenn – na, dürft' ich dann in Theuern wohnen, ab- und zureiten? – Könnte dich kein Mensch dran hindern, mein Sohn, hat er geantwortet. Und hernach –« der Knecht polterte alles gar heraus – »hab' ich mir sozusagen die Augen und die Ohren 332 und die Nasen zugehalten und hab' mich akimmediert, oder wie sie's heißen, und bin gen Theuern geritten.«

Der Knecht hielt inne, als fürchte er sich nun doch vor seinem Herrn. Der aber stand teilnahmlos da, und so schloß der Knecht seinen Bericht mit pfiffigem Lächeln: »Und alleweil, Herr, von einem Tag zum andern hab' ich gelauert und gelauert, ob etwan eine Veränderung zu verspüren wäre; aber es ist nix, rein nix zu verspüren gewesen, und ich bin der alte wie vorher.«

Portner bewegte sich und öffnete die Lippen: »Ich will nun schlafen gehen.«

»Aber, Herr, Ihr müßt doch essen! Essen ist vorhanden genug. Und hernach richt' ich Euch das Lager da herinnen in der warmen Stuben.«

Portner schwieg.

»Und dann hab' ich mir auch so gedenkt und gedenkt und gedenkt,« fuhr der Knecht fort, »plagen und schinden thun sie einen, ja, sperren einen sogar ins Loch – und warum? Und wär' ja doch so was gar keine große Veränderung, Herr.«

»Gar keine große Veränderung,« murmelte Portner.

»Wer merkt den einen unter den Tausend und Tausend?«

»Wer vermißt ihn?« fragte Portner.

»Und wär' doch alles um so viel leichter, wenn's geschehen wär'.«

»Um so viel leichter, wenn's geschehen wär'!« murmelte Portner.

Dann raffte er sich zusammen und ging mit seiner Pistole zur Thüre.

»Ich will Euch leuchten Herr!« sagte der Knecht ängstlich. »Ihr seid so sonderbar.«

333 »Du bleibst!« befahl Portner und schloß die Thüre hinter sich.

Seine Schritte hallten im Hausflur, und langsam ging er die Treppen hinan im mondhellen Stiegenturme.

Dann stand er in der öden Wohnstube und verriegelte die Thüre.

Seine Blicke irrten von einer kahlen Ecke zur andern.

»Setzen!« murmelte er. Doch es war kein Stuhl, keine Bank in dem kalten, verlassenen Raume.

Portner wandte sich und wollte zur Ofenbank. Doch der große Kachelofen war zusammengefallen, und das Bankbrett starrte schräg hervor aus seinen Trümmern.

Hansjörg stand inmitten der Stube und spannte den Hahn der Pistole, fuhr mit dem Zeigefinger prüfend über den Feuerstein und schüttete Pulver aufs Pfännlein.

Durch die zerbrochenen Fenster ging ein Luftzug; die uralten Linden vor dem Hause rauschten und streuten ihr totes Laub zur Erde.

Portner preßte die Zähne aufeinander und hob die Waffe.

Da brach der Mond aus den Wolken, und wie eine Flammenschrift leuchteten die Worte, die er an jenem kalten Wintertage mit Rötel auf die weiße Wand geschrieben hatte, gerade vor seinen Augen:

»Wenn dich alles verläßt, ist's leicht, das Leben verlassen, –
Wahrhaft mutig ist nur, wer es zu tragen vermag.«

›Leicht?‹ murmelte Portner, ließ die Waffe sinken und fuhr über die kalte Stirne.

Ein Schauer packte und schüttelte ihn. ›Ja, leicht!‹ stieß er hervor. ›Heiliger Gott!‹ –

334 Auf der Stiege knarrte ein Brett, und ein tastender Schritt kam näher und näher.

Hansjörg Portner wandte sich und ging zur Thüre und schob den Riegel zurück.

»Herr!« sagte der Knecht und drückte die Klinke nieder.

»Was willst?« fragte Hansjörg und öffnete die Thüre.

»Gott sei's gedankt, Herr!« sagte der Knecht und blickte scheu nach der Pistole. »Da seid Ihr ja, Herr! Wollt Ihr nit herunterkommen, Herr? Ihr habt noch nix – – Herr, habt Ihr's gehört?« flüsterte er angstvoll und packte den Junker am Arme. »Hört Ihr's? Da wieder! So schreit kein Mensch, Herr!«

Hansjörg lief an ein Fenster und lauschte. Da – wieder! Von der Flußbrücke kam's, klagend, hilfeheischend, und ging in ein Röcheln über. Warum durchschauerte ihn der Klang dieser Stimme?

Er stürzte an die Thüre, doch der Knecht vertrat ihm den Weg. »Nit, Herr, nit, Herr – so schreit kein Mensch!« Und er hielt ihn am Arme zurück.

Hansjörg stieß ihn zur Seite und rannte hinaus zur Treppe und hinunter. Hart hinter ihm der Knecht: »Nein, Herr, laßt Euch nit verführen – so schreit kein Mensch – der Hoimann ist's – haltet ein, Herr!«

Hansjörg hob den Riegel von der Hausthüre, doch der Knecht klammerte sich an ihn: »Nit, Herr! Horcht! Hört Ihr's?«

»He–helft, he–helft!« kam es stöhnend aus der Nähe, von den Linden oder von der Steinbrücke her.

Hansjörg stieß den Knecht von sich und öffnete die Thüre.

335 »Herr,« wimmerte dieser und versuchte krampfhaft, seinen Junker am Arme zurückzuhalten; »da steht er, der Ries' mit dem großen Scheibenhut, und seht nur das weiße Gesicht und das Bündel auf dem Arm! – Seht!« schrie er auf und zerrte an seinem Herrn, »seht, wie der Aermel im Winde flattert, es ist der Einarm!«

Hansjörg riß sich los, der Knecht stolperte und schlug zur Erde.

Mit ein paar Sätzen war Hansjörg an der Brücke und bei dem Manne, der am Geländer lehnte.

»Schau nur, wie schändlich ihm das Köpflein eingeschlagen ist, Hansjörg!« sagte der Fremde und starrte auf das tote, blutbefleckte Kind in seinem Arme. »Halt mich!«

»Wolfheinz!« schrie Hansjörg und ließ die Pistole fallen und fing den Wankenden und das tote Kind in seinen Armen auf.

»Herr Jesus,« murmelte der Knecht und kam mißtrauisch näher, »das ist ja der Junker?«

»Anpacken!« befahl Hansjörg, nahm die kleine Leiche in den einen Arm, umschlang mit dem andern den Halbbewußtlosen und schleppte und hob ihn mit dem Knechte ins Haus.


Der Heimgekehrte ruhte auf dem Lager des Knechtes.

»Gestochen,« sagte Hansjörg und schnitt die blutgetränkte Hose auf. »Da ist der Stich – geschwinde dein Halstuch – heiliger Gott, es ist zu spät – es geht nicht, ich kann's nicht abbinden – an der Stelle geht's nicht.«

»Wie das rieselt!« flüsterte der Knecht, und murmelte: 336

»Christus is in Bethlehem geboren,
Gott Vater, Sohn und heiliger Geist,
Und in Jerusalem gestorben,
Gott Vater, Sohn und heiliger Geist.
Auf unserm Herrgott sei'm Grab
Wachsen drei Rösela –
Erstes ist Demut,
Zweites ist Sanftmut,
Drittes stillt dir dein fließendes Blut.«

Der Todwunde flüsterte und schlug die großen Augen auf. Leise prasselte der Lichtspan.

»Du bist's, Hansjörg?«

»Ich, Wolfheinz.«

»Gelt, nimm dich meines Kindes an, Hansjörg! Mich friert, Hansjörg. Wo ist mein Kind? Ach so! Leg mir mein Kind her, Bruder!«

Hansjörg bettete die kleine Leiche auf das Lager neben den Sterbenden.

»Auf unserm Herrgott sei'm Grab
Wachsen drei Rösela:
Erstes ist Demut,
Zweites ist Sanftmut,
Drittes stillt dir dein fließendes Blut.«

murmelte der Knecht.

»Hansjörg – horch – nahe her! So! Es hat mich stark nach Haus gehungert. Da bin – ich nun. Was hätt' ich draußen suchen sollen mit – einem Arm? Heim, hab' ich mir gesagt. Hansjörg, mich friert!«

»Guter Bruder!« raunte Hansjörg und zog sein Wams aus und breitete es über den Sterbenden.

»Da – auf der – Straße – nahe bei Theuern – überfallen mich ihrer dreie – kann mich ihrer nicht erwehren – das Kind – ach, Hansjörg, das Kind – gelt, nimm dich meines Kindes an!«

337 Hansjörg Portner kniete am Lager des Bruders.

»Ich – hab's – nicht hüten können,« murmelte Wolfheinz. »Hansjörg – bete – doch!«

Hansjörg Portner warf einen angstvollen Blick auf den stöhnenden Bruder und das zerschmetterte Kindergesicht, er lallte, doch er fand kein Gebet.

»Hansjörg – bete – bete geschwinde!«

»Herr, betet!« mahnte auch der Knecht und kniete nieder»

Da krampfte Hansjörg die Hände ineinander, und es rang sich von seinen bebenden Lippen:

»In mein Bettlein tret' ich,
Zum lieben Herrgott bet' ich,
Daß er mir verleih'
Schöner Engel drei –«

»Mutterlein, Ihr seid auch da?« flüsterte der Sterbende, und ein kindliches Lächeln ging über seine wachsgelben Züge.

Hansjörg aber fuhr weiter:

»Schöner Engel drei –
Den ersten, der mich speise,
Den andern, der mich weise,
Den dritten, der mich wohl bewahre,
Daß mir in dieser dunkeln Nacht
Kein Leid widerfahre, Amen!«

Er sprach laut und fest und hielt seine Hände ineinander gekrampft, und es war, als ob mit dem alten Kinderspruche das Eis geschmolzen wäre und der Strom in den Frühling wogte, nun er seine Hände aufhob und das uralte Sterbelied über dem Röchelnden sprach:

»O Welt, ich muß dich lassen,
Ich fahre meine Straßen 338
Ins ewig' Vaterland.
Mein' Geist will ich aufgeben
Dazu mein Leib und Leben
Setzen in Gottes gnädige Hand.«

Als er aber an die Strophe kam:

»Ob mich gleich hat betrogen
Die Welt, von Gott abzogen
Durch Schand und Büberei,
Will ich doch nicht verzagen,
Sondern mit Glauben sagen,
Daß mir mein' Sünd' vergeben sei –«

da sah er sich im Rausche, da sah er sich mit der Pistole in der Hand, da brach seine Stimme, und schluchzend wie ein müdes Kind legte er das Haupt aufs Lager neben den röchelnden Bruder: »Vergieb uns unsre Schuld!«

Der Knecht aber rutschte näher heran und raunte in der Hast, als müsse auch er auf der Wacht stehen und dem Tod auch etwas ins Angesicht sagen, wieder seinen Spruch:

»Auf unsers Herrgotts Grab
Wachsen drei Rösela:
Erstes ist Demut,
Zweites ist Sanftmut,
Drittes stillt dir dein fließendes Blut,
                  Amen!«

Dann erhob er sich und blickte gespannt auf den Verscheidenden, und als dieser mit einem tiefen Seufzer sein Leben aushauchte, schrie er, wie Brauch war: »Jetzt macht er es, jetzt ist's vorbei, der Herr geb' ihm die ewige Ruhe!« schlug die Hände zusammen und rannte ans Fensterlein und riß es auf.

339 Dann wandte er sich und sah scheu hinüber auf seinen Herrn und tappte, so leis er konnte, zur Thür.


Hansjörg Portner lag auf seinen Knieen und schluchzte: »Mein Herr und mein Gott!« 340

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