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Hans Georg Portner

August Sperl: Hans Georg Portner - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleHans Georg Portner
authorAugust Sperl
year1901
firstpub1901
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHans Georg Portner
pages402
created20140712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Rache.

Es war ein bitterkalter Oktobermorgen. Tiefblauer Himmel lugte in den engen Hof der Herberge zur Krone, in den Kobern grunzten die Schweine, und am Pumpbrunnen, hart neben der stinkenden Dungstätte, wuschen zwei Mägde.

Hansjörg Portner trat auf die Holzgalerie und beugte sich über die dunkelgebräunte Brüstung: »Holla, bringe mir eine von euch flugs einen Krug voll Wasser!«

Die Mägde blickten hinauf, und die Schwarze stieß die Rote an.

»Flugs!« wiederholte Portner und ging sporenklirrend zurück in seine Kammer.

»Wer ist denn der?« fragte die Schwarze flüsternd und trocknete eilig die Hände an der schmutzigen Schürze. »Ein Herrischer, das kenn' ich doch gleich!«

»Der?« sagte die Rote und machte ein verächtliches Gesicht. »Den wirst noch öfter sehen z'Amberg, wart nur, den Hochnäsigen. Das reitet allfort ab und zu im Land. Der? Wegen dem? Der schaut unserein' nit mit einem Aug' an, und unsereiner wär' doch auch zum Anschauen. Und der hat's not! – Lumpenvolk. Was wird er denn sein, der?! Einer, bei dem sich's reimt Edelleut' – Bettelleut', sagt der Herr Schreiber. Ein Ausgeschaffter, ein Emegierter, nennt's der Herr Schreiber. I du mein – mit denen 286 hat er's immer und immer wieder am Abend, der Herr Schreiber, totlachen möcht' sich eins, wenn er von denen anfangt. Wer wird's denn sein? Der Portner von Theuern, wer denn sonst? Lumpenvolk! Geh nur 'nauf und schau nach, ob sein Wams noch nit aus den Nähten geht, frag ihn, ob er nit Nadel und Zwirn auch braucht und vielleicht ein bissel Stiefelwichs auf die fadenscheinigen Näht'! Geht ja doch nur wieder in die Regierungsgassen, macht einen krummen Buckel, bittet, daß sie ihn nach Theuern lassen auf ein, zwei Täg. So einer!« Und ihre roten Arme plätscherten geschäftig im Holzfasse.

Der Roßbub kam pfeifend aus dem Stalle.

»Du, Hannes, dem da droben sollst einen Krug Wasser bringen,« sagte die Schwarze und fuhr mit den getrockneten Händen bedächtig wieder ins Holzfaß. »Hast's gehört, Dickohreter?«

»Dem Herrn Portner von Theuern?« fragte der Bub und blieb stehen.

»Ja, dem vornehmen Herrn,« grinste die Magd.

»Weibervolk, dumm's,« knurrte der flachshaarige Roßbub und rannte ins Haus. »Weiberleut'! Lachen da und rühren sich nit, wenn doch der Herr Portner Wasser haben will!«

Da kam wieder einer aus dem Stall, einer in hohen Reiterstiefeln, sporenklirrend, mit krebsrotem Gesicht.

»Der klappert auch, als wollt' er gleich jetzt mit dem Feind raufen und wütig dreinschlagen, dem Portner sein Knecht!« lachte die Rote, fuhr aus dem Zuber und stemmte die triefenden Arme in die Seiten»

»He, du, warum denn gar so stolz heut?«

»Ja, dreinschlagen!« sagte der Knecht und pflanzte 287 sich vor das Weibsbild hin. »Da soll gleich – so ein Maul. Ei, da fall' ich doch lieber in ein Jauchenfaß als in ein solches Schandmaul. Ja, dreinschlagen!« Und er zog aus und schlug der Roten eine Schelle auf den Backen, daß sie stöhnend mit den nassen Händen ins Gesicht fuhr.

Wortlos wandte sich der Held und klirrte ins Haus und hinaus auf die Gasse, und der Hof hallte vom Schimpfen und Schreien der Mägde.


»Soll ich Euch helfen, Herr?« fragte der halbwüchsige Roßbub.

»Laß nur, das thu' ich selber, Hannes.«

Die Thüre pfiff, und draußen knarrten die Bretter.

›Was braucht er sich die alte Hose und das mürbe Wams in der Nähe zu betrachten?‹ murmelte Portner. ›O Junker von Theuern!‹ setzte er bitter hinzu, während er das Wams vom Leibe zog. ›Aber das Bild paßt in den Rahmen. Und der Geruch in dieser Spelunke – pfui! Gestern vielleicht ein Handwerksgeselle, vorgestern ein Gartknecht und heute der Junker. Warum auch nicht? Es brodelt ja doch alles durcheinander in dem Hexenkessel.‹

Er legte das Wams über eine Stuhllehne.

›Portner,‹ sagte er nachdenklich und blickte auf den großen Weihbrunnen, der neben der Thüre hing, ›kann's nicht einst kommen, daß du noch recht zufrieden wärst mit solcher Spelunke?‹

Dann begann er zu bürsten und zu bürsten.

›Der Mathes hätt's doch auch besorgen können. Wie dumm! Wo steckt er denn?‹

Und er bürstete. –

Ein großer, heißer Tropfen fiel unversehens auf das Tuch.

288 ›Auch noch!‹ brummte Hansjörg. ›Wasser auf Staub giebt Schmutz.‹ Er wischte mit dem Rücken der Linken unwillig über die Augen. Dann aber lachte er kurz auf: ›Was fällt dir ein, Portner? Das ist ja dein Trost bei der ganzen Geschichte, daß kein Schmutz auf deinem armseligen Wamse liegt. Dein einziger Trost. – Dein einziger? – Ja!‹ sagte er laut und trotzig. –

Es war, als liefe jemand in Strümpfen die knarrende Stiege empor, hastig, immer zwei Stufen auf einmal, und die Bretter vor der Thüre ächzten, die Klinke pfiff, und ein angstvolles feistes Gesicht schob sich in die Kammer.

»Herr Portner, Herr Portner, zwei Einspännig' fragen nach Euch.«

»So sag ihnen, wo ich zu treffen bin, Herbergsvater,« antwortete Hansjörg und bürstete.

Der kleine, dicke Kerl aber zwängte sich vollends durch den Spalt und drückte hinter sich die Thüre ins Schloß.

»Herr, Ihr wißt ja, recht gern, recht gern; und bezahlt bin ich ja auch immer worden. Aber, Herr, Ungelegenheiten kann sich unsereiner auch nit machen lassen. Ihr werdet mich ja wohl verstehen, wenn Ihr die Lizenz ins Land herein nit habt.«

»Was willst du denn?« fragte Portner drohend und richtete sich auf.

»Das ist jetzt eine böse, geschwinde Zeit,« sagte der Wirt und warf einen schiefen Blick auf das Wams des Junkers. »Gestern hat mir der Einspännig aus der Kammer da einen Handwerksgesellen arretiert als einen Dieb. Heut kommen ihrer zwei und arretieren mir wieder einen aus der Kammer da. Alles, was recht ist, gern, gern; aber mehr –?«

289 Dunkelrot wurde Portners Angesicht. »Wo sind die Schergen?« herrschte er den Wirt an, fuhr in sein Wams und packte seinen Degen.

»Herr,« sagte dieser drohend und öffnete sachte die Thüre hinter sich, »alles, was recht ist, aber laßt Euch nit beifallen, daß Ihr der Obrigkeit Gewalt entgegensetzt in meinem Haus! Da kommen sie schon.«

Verächtlich schob ihn Portner aus der Stube und trat auf den Vorplatz.

Polternd tappten die Schergen herauf.

Der eine von ihnen räusperte sich: »Seid Ihr der Portner?«

Einen Augenblick war alles ganz stille. Nur aus dem Hausflur unten kam ein Geräusch, als schlichen viele Leute zur Stiege und flüsterten.

»Ich bin der Junker Portner von Theuern,« sagte Hansjörg.

»Dann seid Ihr schon der Rechte – wir sollen Euch verarretieren.«

»Warum?«

»Habt Ihr die Lizenz? Was wollt Ihr im Land herinnen?«

»Ich habe ein Geschäft mit dem Oberforstmeister.«

»Warum – darum!« sagte der andre. »Den Degen her – die Hände vor!«

»Ich bin ein Edelmann!« rief Portner.

»Edelmann – Bettelmann,« sagte eine Weibsperson hörbar auf halber Stiege und reckte ihr verschwollenes Gesicht aus der Tiefe.

»Macht's kurz!« befahl der erste Einspännig mürrisch. »Wir zwei haben alleweil nit viel Zeit übrig.«

»Wer hat's befohlen?« fragte Portner unschlüssig.

290 »Geht Euch zwar nichts an, aber Ihr sollt's doch wissen: Befehl vom kurfürstlichen Regiment.«

»Gut,« erklärte Portner, »dann wird sich's bald zeigen. Ich gehe voraus, ihr könnt hinter mir kommen – aber zwanzig Schritt vom Leibe, bitt' ich mir aus. Vorwärts!«

»Glaub's Euch wohl,« sagte der andre und klapperte ungeduldig mit den Handschellen; »ist aber gemessener Befehl, daß wir Euch binden.«

»Und ich soll am helllichten Tage zwischen euch durch die Gassen gehen?« fragte Portner mit zornbebenden Lippen.

»Ist gemessener Befehl.«

Portner sann einen Augenblick. Dann warf er den Degen auf die Dielen, daß es krachte, wandte den Kopf und streckte die Hände hin. »Was kann ich gegen die Gewalt?«

»Vorwärts!« befahl der Einspännig und wies nach der Stiege.

»Mit meinem Knechte muß ich noch reden,« sagte Portner und blieb stehen.

»Geht stracks gegen den Befehl. Vorwärts!«

Es klang wie verhaltenes, grimmiges Stöhnen, und schwerfällig schritt der Gefangene zur Stiege.

»Platz da!« geboten die Schergen, und flüsternd und zischelnd drängten sich die Leute im dämmerigen Hausflur.

*

In den hallenden Korridoren der kurfürstlichen Regierung zu Amberg rannten die Regimentsboten mit ihren Aktenfascikeln wie alle Tage, und an den kahlen Wänden drückten sich fröstelnde Bittsteller und warteten mit bleichen Gesichtern und spähten sehnsüchtig nach den verschlossenen Thüren wie alle Tage. In den Amtsstuben raschelten die 291 Gänsefedern, konferierten die Regimentsräte, bückten sich die Sekretäre und beflissen sich der großen Kunst, wisperten die Schreiber und gähnten verstohlen. Und dabei roch es allüberall in unsäglichem Gemische nach uraltem Staub und vergilbtem Papier und nach angebranntem Siegellack, wie immer, und nach frischgeheizten Oefen ausnahmsweise von wegen der angehenden kalten Zeit. Es war so behaglich in den vertäfelten Amtsstuben beim Knattern der gewaltigen Scheiter, beim Knistern und Konferieren, beim Bücken und Nicken, beim Wispern und Gähnen, und sogar die alten, angedunkelten Kurfürsten an den Wänden sahen ganz leutselig aus ihren Harnischen und Prachtgewändern hernieder auf das Volk der Räte, Sekretäre und Schreiber, auf den neuen Troß des neuen Herrn, der ihren Enkel und Urenkel und Guckenkel so von kurzer Hand aus seinem Erbe gedrückt und mit ihm die Räte und Sekretäre und Schreiber der alten Zeit die breiten Treppen hinuntergefegt hatte. Ja es war, als verzöge der eine oder andre der fürstlichen Ahnen in seinem Holzrahmen unmerklich die durchlauchtigen Lippen und fragte ganz leise, traumverloren: »Und was hat sich denn eigentlich geändert da drunten?« Und dann antwortete wohl ein uralter Ofen, an dessen Kacheln sich schon viele Generationen gerieben hatten, mit respektwidrigem Krachen und Zischeln: »Die Gesichter, Durchlaucht, die Gesichter, die Gesichter!«

Ja, die Gesichter. –

Im Erker des ersten Stockwerkes stand hinter Blumenstöcken der Sekretarius von Kriemhofen und spähte auf die Straße hinunter.

»Das Vieh kann auch entkommen sein – warum denn nicht?« murmelte er und wandte die Augen nicht von der Straße.

292 Schnaufend, mit schweren Schritten kam der Regimentsrat in die Stube, nickte dem Sekretarius, der sich tief verbeugte, wortlos und herablassend zu, stellte bedächtig den Stock in eine Ecke und gab dem Sekretarius Hut und Mantel. Dann rieb er seine Hände und ging langsam auf und ab.


»Was steht Ihr denn alleweil hinter den Blumen und guckt auf die Straße, Kriemhofen?«

»Der Vogel geht ins Netz, Herr Regimentsrat, der Portner von Theuern ist richtig in Amberg. Und sie arretieren ihn wohl zur Stunde in seiner Herberge. Da pass' ich, bis er vorbeikommt; denn das muß ich sehen.«

»Der Gimpel da, der –. Das will ich auch sehen,« sagte der Regimentsrat und machte ein gleichgültiges Gesicht. »Paßt nur immerhin, das will ich auch sehen.«

»Dieser Wacholderbeerengeruch!« begann er nach einer Weile und schnüffelte behaglich.

»Der Herr Regimentsrat befiehlt? Ja, der Geruch ist gut.«

»Weckt mir alte Erinnerungen, der Wacholderbeerengeruch,« sagte der Regimentsrat und lehnte sich an den Kachelofen. »Aber, guter Freund, was mir gerade einfällt: der Papierkorb nähme sich doch zur Linken von meinem Arbeitstische besser aus als zur Rechten, wo er jetzt aufgestellt ist?«

»Unbedingt zur Linken besser,« bestätigte der Sekretarius. »Der Herr Regimentsrat entschuldige nur, wenn ich immer auf die Straße schaue, derweil mich der Herr Regimentsrat mit einem Diskurs beehrt.«

»Paßt nur, den Portner will ich auch sehen! – Ja, der Wacholderbeerengeruch – just gerade so hat's 293 gerochen, als mich der Vater selig einst in die Stube rief, mich anguckte von oben bis unten und brummte: ›Der Kerl, der wird sein Lebtag kein Reiter; den lass' ich Lateinisch lernen und einen Schreiber werden.‹ Und so hat der Kerl Lateinisch gelernt und« – der Rat richtete sich stolz auf, soweit es das Bäuchlein erlaubte – »ist ein Schreiber geworden.«

»Regimentsrat geworden,« sagte der Sekretarius.

»Und wohl dabei gefahren.«

»Gefahren,« sagte der Sekretarius.

»Und immer, wenn er die Wacholderbeeren riecht, dann gedenkt er seines Vaterhauses im bayrischen Gebirge und gedenkt des alten Steinwappens über dem Thore, dem er solche Ehre gemacht hat.«

»Gemacht hat,« sagte der Sekretarius und verbeugte sich.

»Und was ist die Grundlage seiner Erfolge?« fragte der Regimentsrat, und seine Blicke schweiften in die Ferne. »Was?« wiederholte er träumerisch.

»Der ausgezeichnete Verstand, Herr Regimentsrat, der unermüdliche Fleiß –«

»I was! Das versteht sich doch bei einem kurfürstlichen Regimentsrate von Adel eo ipso. – Merket Euch, das Lateinische ist die Grundlage aller Dinge!« Er faltete die Hände feierlich über dem Bauche, rieb sich behaglich am alten Kachelofen und ließ die Daumen übereinander kreisen.

»Herr Regimentsrat, soeben biegen die Einspännigen mit dem Arretierten um die Ecke,« rief der Sekretarius.

»Auch sehen!« sagte der alte Herr und watschelte in den Erker.

»Ei, was macht der Kerl für Augen herauf zu uns, respektwidrige Augen, als wollt' er das ganze 294 Erkerlein aus dem Kraut fressen? Na, warte, du Bursche! Es ist doch gut, wenn man sich wieder sieht von Zeit zu Zeit. Dem werden etliche Wochen im Fuchssteiner heilsam sein!«

»Heilsam sein,« sagte der Sekretarius und ging auf die andre Seite des Erkers und wandte kein Auge von seinem Todfeinde.

»Was für halsstarrige Esel sind doch diese Emigranten!« brummte der Regimentsrat und schritt schwerfällig an seinen Ofen zurück. »Man sollte doch denken, die Religion Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht könnte ihnen auch gut genug sein!«

»Gut genug sein,« wiederholte der Sekretarius und sah dem Gefangenen nach.

»Jetzt ich,« fuhr der Rat fort, »wenn heute Seine Kurfürstliche Durchlaucht lutherisch würde, dann käme mir's wohl sauer an, aber ich hüpfte hinterdrein –«

»Hinterdrein,« wiederholte der Sekretarius.

»– so wahr ich kurfürstlicher Regimentsrat bin. Was ist doch die Welt so wunderbar geordnet, und warum müssen denn die unvernünftigen Kreaturen durch ihren Starrsinn immer wieder alles in Unordnung bringen? Aber es wird schon wieder, noch ist nicht aller Tage Abend. Was will man denn Besseres? Obenan steht der Fürst als die Sonne und leuchtet über den Guten und Bösen, sorgt für alles, hat die Verantwortung für alles und nimmt alles auf sein durchlauchtiges Gewissen. Was will man denn mehr? Und woher hat die Unordnung ihren Uranfang und Ausgang genommen? Woher?«

»Von Doktor Martin Luthers, den Gott verdamme, Ketzerei,« sagte der Sekretarius und trat mit unterwürfiger Gebärde in die Stube herab.

295 »Von seiner deutschen Bibel!« schrie der Regimentsrat zornig.

»Deutschen Bibel,« beeilte sich der Sekretarius zu wiederholen.

»Merkt's Euch, guter Freund, immer wieder kommt man darauf, das Fundament aller guten Ordnung und aller Ruhe und Sicherheit ist das Lateinische – mein Fundament, das Fundament der kurfürstlichen Regierung, das Fundament des kurfürstlichen Thrones, das Fundament von Zeit und Ewigkeit. Und welcher Teufel hat ihn reiten müssen, den Doktor Luther, daß er seine Brechstange zuerst an dieses Fundament gesetzt hat? Stellt Euch vor, man verdeutsche dem gemeinen Pöfel das römische Recht! Stellt Euch vor – aber Ihr könnt's nicht.«

»Kann's nicht,« wiederholte der Sekretarius mit Ueberzeugung.

»Wie soll ich's formulieren?« fuhr der Regimentsrat nachdenklich fort. »Wo käme man hin, wenn jeder eo ipso beurteilen könnte, was recht ist? Dazu sind wir da, wir Rechtskundigen, und unser Fundament ist eben das Lateinische, das Fundament allen Respektes. Und wohin ist es gekommen, seit jeder lutherische Bauer und jeder lutherische Kesselflicker den Weg zum ewigen Leben allein finden kann? Dahin, daß sich jeder lutherische Bauer und Kesselflicker für einen Priester taxiert. Das Lateinische fehlt, und der Respekt fehlt, weil das Lateinische fehlt. Das Geheimnisvolle ist's, das die Welt regiert, und das Geheimnisvolle ist eben das Lateinische. Und hätte man diese unvergleichliche Sprache nicht, man müßte sich für die Verwaltung der allerheiligsten Güter und für die Administration des Rechtes eigens eine Sprache wählen und erfinden, die der gemeine Pöfel nicht 296 versteht. Und wann wird's wieder Ruhe werden auf Erden? Wenn man wieder mit Wahrheit sagen kann: ›Die Welt wird lateinisch regiert.‹«

»Lateinisch regiert,« bestätigte der Sekretarius.

»Und wenn ich mir's recht überlege,« sagte der Regimentsrat und hob die Augen zur Decke des Gemaches, »so ist die Umgangsprache im Himmel sicherlich lateinisch. – Zu bedauern wäre hierbei nur, daß in solchem Falle der des Lateinischen völlig unkundige gemeine Pöfel auch nicht einmal jeder himmlischen Freude teilhaftig werden könnte,« fügte er nachdenklich bei. »Aber es giebt ja auch unterschiedliche Himmel.«

»Unterschiedliche Himmel,« bekräftigte der Sekretarius.

»Und im Vertrauen, guter Freund, man hat sich ja doch auch von allerhand gemeinem, ungelehrtem Volke zeit seines Lebens mit Fleiß abgesondert.«

»Abgesondert,« sagte der Sekretarius und wischte ein Stäublein von seinem schwarzen Wamse.

»Den Portner übernehmt Ihr!« befahl der Regimentsrat und setzte sich an seinen Arbeitstisch. »Und sorget nur, daß der Kerl mürbe werde, und referieret mir von Zeit zu Zeit!«

Es ging ein Leuchten über das dunkle Antlitz des Sekretarius: »Wie der Herr Regimentsrat befiehlt!«

»Und den Papierkorb lasset künftighin immer zur Linken von meinem Tische stellen. – Diese verfluchten Emigranten, was hat ein kurfürstlicher Regimentsrat doch Scherereien mit diesen starrköpfigen Eseln! Zwei – fünf – acht – fünfzehn Gesuche und Berichte! – Na, in Gottes Namen! – Maria Magdalena von Ebleben – fällt ihr schwer, mit leerer 297 Hand abzuziehen – glaub's wohl. – Geml von Flischbachs Hausfrau – noch immer akatholisch, das Stück? – Eheherr bittet, mit dem Weibsbild – als dem schwachen Werkzeug – Geduld zu haben. Jawohl! – Drei kleine unerzogene Kindlein. – Thut mir leid, aber –. Schwanger. – Schwanger? Na, in Teufels – dann aber unerbittlich entweder – oder! – Sabina von der Grün – mit ihren fünf Kröten doch endlich aus dem Lande verzogen – habt Ihr's gehört, Sekretari?«

»Verzogen!« kam's vom Erker.

»Herannahende Winterzeit – nicht aus noch ein – glaub's wohl – na, warte! Sekretari, das werd' ich Euch gleich hinübergeben. Da schreibt Ihr dann, Landrichter habe ihr alle Einkünfte aus dem Gute zu sperren und nicht das geringste zu verabreichen.«

»Nicht das geringste zu verabreichen, Herr Regimentsrat.«

»Anna von Pelkoven – allesamt eingedingt in einem Wirtshaus zu Regensburg – kleine, unerzogene Würmlein – Eheherr Wolf Eitel ganz kindisch – kann's nicht ändern! – auf einer Seite gelähmt – bin kein Arzt! – Demütigstes Bitten um Lizenz ins Land auf acht Tage, um Gottes willen – jawohl, um Gottes willen! – Ist's auch Gottes Wille, daß die Brut so halsstarrig ist? – Und warum schreibt das Weibsbild nicht ›unfürgreiflich‹? Da haben wir schon ausgered't, wenn eine nicht ›unfürgreiflich‹ schreiben kann. – Nichts da, abgeschlagen! – – Wolf Achaz Pfreimder von Bruck – das Gut von seinen Voreltern etliche hundert Jahre bewohnt – schön, schön! – katholisch geworden – recht so! Aber – seine akatholische Mutter – was, das Fell wohnt noch bei ihm? – Und der altverlebte Vater 298 schleicht sich auch oft nächtlicher Weile herein? Ei, da soll doch gleich ein heiliges Dunnerwetter –!«

Der Herr Regimentsrat, den die Kollegen wegen seines Referates den Emigrantenvater zu nennen pflegten, bekam einen sehr roten Kopf und kritzelte in hellem Zorn auf den Bericht des Pflegers: ›Ist Befelch, daß du sein, Pfreimders, Vater und Mutter bei ihm zu sein nicht verstatten sollst.‹ – »Alter Mann, verlebter? – Ja, kann ich ihn wieder jung machen? – Moroltinger – bittet um acht Tage Lizenz – auf sein Gut. – Saget, Kriemhofen, dieser Moroltinger ist doch –?«

»Ein Vetter vom Herrn Vizedom!« kam's aus dem Erker.

›Genehmigt!‹ kritzelte der Regimentsrat auf das Gesuch. Dann stand er auf, ging bedächtig zum Ofen und lehnte sich an die uralten Kacheln.

»Was macht den guten Juristen und kurfürstlichen Diener – wißt Ihr's?«

»Die Geschäftsgewandtheit – aber, Herr Regimentsrat, ich wollt' Eurer Meinung mit nichten vorgreifen,« kam's aus dem Erker.

Das platzige Gesicht des Regimentsrats leuchtete in gesunder Röte unter dem ehrwürdigen, weißen Haarkranze, und er sagte gnädig: »Merkt's Euch, das Gefühl ist's, das Gefühl! Wenn ich einen Akt in die Hände kriege, zum Exempel eine Streitsache, und greif' hinein und nehm' da ein Schriftstück und dort eines – ja, das ist's eben, im Gefühl muß man's haben, in den Fingerspitzen sozusagen. Wartet nur, bekommt sie auch noch ins Gefühl, die Juristerei, in die Fingerspitzen, wartet nur!«

Der Sekretarius stand wieder respektvoll inmitten der Stube.

299 »In jedweder Rechtssache,« fuhr der Rat fort, und seine Stimme und Haltung wuchsen ins Großartige, »immer weiß ich wie ich dran bin von vornherein, und ändern kann sich meine Meinung hernach nie mehr. Und irren – irren –?«

»Der Herr Regimentsrat irrt überhaupt niemals,« sagte der Sekretarius.

»Wartet nur, Ihr bekommt sie auch noch in die Fingerspitzen, die Juristerei, Ihr habt das Zeug dazu!« schloß der Rat sehr gnädig.

Der Sekretarius verbeugte sich tief und begab sich zurück in den Erker.

›Ein feiner Kopf,‹ murmelte der Rat und schritt an seinen Tisch; ›was hat er für gesunde Ansichten! Man muß ihn bei Gelegenheit wieder einmal etwas insinuieren – oben – insinuieren!‹ –


Die Federn knirschten übers Papier, der Ofen that seine Schuldigkeit, und es war über alle Maßen behaglich in der vertäfelten Stube.

*

Am Abende dieses Tages saß Hansjörg Portner in der dunkeln Turmstube.

›Einsam war's ja,‹ sagte er halblaut und brach noch ein Stücklein von dem Schwarzbrote, das vor ihm auf dem Tische lag. ›Aber lange kann's ja nicht dauern. Und wenn ich nur wüßte, was sie eigentlich wollen! – Ich werde auch das noch erfahren. – Aber warum der Schurke kein Licht bringt, und ein Buch habe ich mir doch auch bestellt? – Nur irgend ein Buch! – Und wenn's der Katechismus des Canisius wäre.‹

Er erhob sich und ging auf und ab.

300 ›Eins, zwei, drei, vier, fünf – fünf Schritte lang; eins, zwei, drei – drei Schritte breit. Warum denn immer wieder zählen, Hansjörg? Du weißt es ja doch schon längst auswendig! Und du weißt, daß der Tisch wackelt, weil das rechte Bein hinten ein wenig zu kurz ist, und du weißt, daß die Wände kahl sind, ganz frisch getüncht. Wie langweilig! Im Karzer zu Altdorf stehen viele Sprüchlein geschrieben. Wenn nur an den kahlen Wänden hier auch Sprüchlein stünden! Es müssen doch Sprüchlein stehen unter der Tünche. Morgen will ich kratzen. Morgen! Morgen werden sie mich längst verhört und entlassen haben. Ich werde ihnen alles auseinandersetzen, der Oberforstmeister muß es mir auch bezeugen, daß wir mit ihm Streit und Irrung haben wegen des verdammten Waldfleckleins. Und es ist doch wohl kein Unrecht, wenn ich die Irrung persönlich mit ihm schlichten wollte? Thorheit, das Ganze ist ja nur ein Mißverständnis.

›Das Essen war ja nicht schlecht. Freilich, es kostet auch teures Geld. Und wenn sie erst wüßten, wie rar das Geld ist bei uns! Aber lange wird's ja nicht dauern –?

›Ah, der Mond! Wie das auf einmal so hübsch hell ist da herinnen. Zwanzig blaue Ringlein hat der Wasserkrug auf seinem Bauche; jetzt kann ich sie wieder ganz gut sehen.

›Eins, zwei, drei, vier, fünf – fünf Schritte lang – viereinhalb, vier, wenn ich große Schritte mache. Wo jetzt der Mathes ist? Pah, der wird sich schon zu helfen wissen. Und fünf Gulden muß er ja auch noch in der Tasche haben. – Immer heller wird's. Nun möchte ich gerne hinaussehen im Mondscheine! Aber es geht eben nicht, Portner. Der 301 Kasten vor dem Fensterlein ist dazu vorhanden, daß unsereiner nicht hinaussteigen und nicht hinausgucken kann. Nur die alten Lindenkronen – richtig, man kann sie gut sehen, wie untertags.

›Ja, Portner, du sprichst mit dir selber? Ach, es war ein langer Tag, dieser erste Tag im Turme!

›Ruth, das denkst du nun auch nicht, gute, liebe Ruth! Alles, aber das nicht – gelt, Ruth?‹


Von den Türmen der Stadt her kam Geläute.

›Gebetläuten,‹ murmelte Portner und setzte sich wieder an den wackeligen Tisch. ›Es sind die alten, schönen Glocken, und wenn Westwind weht, kann man sie auch in Theuern hören. – Mutter, hörst du's?

›Ach, wie oft sind wir zu ihr gesprungen und haben sie gefragt: Mutter hörst du's? – Die Glocke in Theuern hat einen andern Ton, er ist ein wenig blechern, fast lautet's: teng, teng. – Aber ach, so heimlich, so unsagbar heimlich – und unvergeßlich schön! Die kleine Glocke in Theuern ist mir lieber als alle die Glocken in allen den Städten. Mir ist, als hörte ich das Glockenläuten von Theuern und dazu das leise Pfeifen. – Der Mesner soll die Achse schmieren, sagt die Mutter. O, ich höre sie noch: Kinder, kommt, wir wollen beten!

›Wenn wir einmal Kinder haben, dann wird Ruth auch sagen: Kinder, kommt, wir wollen beten! – Welcher Mann hätte nicht Stunden in seinem Leben, wo er wieder beten möchte mit seiner Mutter?‹


›Nun hat es ausgeläutet. Wie das noch summt und summt! Aber nein, so lange summen doch die Glocken nicht nach. Ich glaube, es summt mir nur in den Ohren; denn es ist ja furchtbar stille . . .

302 ›Das Abendgebet mit der Mutter war mir lieber als das große Nachtgebet, bei dem das ganze Gesinde versammelt war. Die Verslein der Mutter weiß ich alle noch, von den langen Postillengebeten des Vaters weiß ich nichts mehr. Aber eines vergesse ich doch nie, den Fürstenspruch: "Kinder und Leute, jetzo wollen wir auch noch beten für unsern allergnädigsten Kurfürsten und Herrn!" Und dann rief der Vater einen von uns, und der betete mit lauter Stimme: "Herr Gott, himmlischer Vater, sei mit deinem starken Schutze bei unserm Landesvater, Friedricus dem Fünften, heut in dieser Nacht und allezeit, und laß uns jetzt und immerdar in Frieden wohnen unter ihm!" – Landesvater! Da war er vierzehn, fünfzehn Jahre alt, und wir Kinder dachten uns einen alten Herrn, eisgrau und gelb. Aber dem Vater machte das kein Kopfzerbrechen. Solange die Portner auf Theuern gewohnt hatten, war dieser Spruch gebetet worden – mochte der Landesvater ein Kind sein oder ein Greis.– "Und laß uns jetzt und immerdar in Frieden wohnen unter ihm!"


›Gott sei Dank, da rollt ein Wagen! Ob er wohl in die Regierungsgasse einbiegt? Nein, er rollt die Georgenstraße entlang. Jetzt noch einer. Und noch einer. Es wird ein Fest sein, zu dem sie fahren. Ob der Vizedom wohl auch hinkommt? Thorheit, Portner, was kümmert's dich? . . . Jawohl! Hab' ich mir's nicht gedacht? Jetzt klappern die Hufe auf den Steinen, es wird eingespannt drunten im Hofe! Wieder ein Wagen – der kommt vom Wingertshofer Thor. Ob's vielleicht der Bastian Wolf ist? Der Bastian Wolf könnt's immerhin sein . . . Jetzt fährt der Vizedom ab. Hui, wie das geht! Und Fackeln 303 hat er auch, in den Linden huscht der glühende Schein. Wäre nicht notwendig, Herr Vizedom; steht ja der Mond am Himmel. Jetzt poltert's über die Brücke. Wenn dies und das anders wäre und dies und das nicht so, wie es just ist, dann führe Hansjörg Portner mit seiner Frau Eheliebsten zu dieser Stunde auch durchs Wingertshofer Thor!

›Und nun geht jemand über die Holzbrücke drunten. Es ist ein leichter Schritt. Und nun ein schwerer Schritt – hereinwärts. Wie hohl das klingt und wie dumpf und doch weithin hallt! Ei, den ganzen Tag über klingen und hallen ja die Schritte schon auf der hölzernen Brücke; aber jetzt erst kommt es dir ins Bewußtsein, weil alles um dich her so still ist, so fürchterlich still . . . Klingt und hallt es nicht auch fort und fort in unsers Herzens tiefster Tiefe, aber der Lärm des Lebens verschlingt's? . . . Hansjörg, ein böses Gewissen in diese furchtbare Stille bringen – das wäre entsetzlich. Und wer hat denn ein ganz gutes Gewissen unter uns? Keiner . . . Ich glaube, in der Hölle ist's ganz stille, und dann wacht alles auf, was ehedem geschlafen hatte . . .

›Der Mondschein rückt sachte über die Dielen, sachte fort und fort. Ich will mich zur Ruhe legen. Wird wohl der Lichtschein auch über mein Bett kriechen? Ich denke nicht . . . Eine solche Nacht war's Anno 1619 draußen in Zant . . .‹ Hansjörg Portner lachte. ›Ein Mompliment von der Kutter . . . Und dann habe ich so schwer geträumt – was war's doch? . . . Ach ja! Der grausige Ritt und alle die zahllosen feurigen Räder . . .‹

Portner stand auf.

›Zehn Jahre, und die Räder rollen noch,‹ sagte er ganz laut. ›Aber, Hansjörg, da murmelt er und 304 spricht wieder mit sich selber . . . Und wie lange werden sie noch rollen, die feurigen Räder, und wie lange noch wird der Rauch gen Himmel stinken? Horch, nun geht ein Mann über die Brücke! Jetzt rennt ein Junge drüber! . . . Alles ist ruhig . . . Wo läutet's denn? Ach nein, es läutet nicht, es klingt dir nur in den Ohren; totenstill ist die Nacht . . . Ob ich dieses Läuten und diese dumpfen Schritte wohl auch in den Schlaf hinein höre?


›O Ruth –!‹

*

Vier Wochen waren vergangen. Von den Türmen der Stadt klangen die Mittagsglocken, über den Dächern in der stillen, sonnigen Luft ruhte als ein leichter, grauer Schleier der Rauch, und durch die Gassen strebten die Menschen zum Essen nach Hause.

Auch den kurfürstlichen Regimentsräten kam die Erinnerung an ihren irdischen Ursprung. Stühle wurden gerückt, Thüren öffneten und schlossen sich, Schlüssel drehten sich rasselnd in den Schlössern, Schritte hallten in den Korridoren, Treppen knarrten, und würdevoll schoben sie sich einzeln, zu zweien oder dreien durch die Regierungsgasse zum heimatlichen Herde.

Allgewaltige Natur, die sogar einem Regimentsrate nach gewissen Zeitabschnitten zum Bewußtsein zu bringen vermag, daß auch er sozusagen ein Mensch ist und des Brotes bedarf! –

In der Amtsstube des alten Rates saß der Sekretarius von Kriemhofen und schrieb die letzten Zeilen eines Referates. Dann erhob auch er sich, vertauschte den Schreibrock mit dem alamodischen Wamse und setzte den Federhut aufs Haupt. Aber 305 noch einmal trat er an sein Pult, nahm ein Schriftstück, kniff die Lippen ein und las:

». . . so hat mir heute um acht Uhr der wohledle und gestrenge Herr Sekretär Kriemhofen den kurfürstlichen Regimentsbefehl eröffnet, ich solle die Zantnerin wieder anher einholen lassen. Weil dann solches, das bezeuge ich mit Gott dem Gerechten und Wahrhaftigen, ob mir auch des Lebens Strafe drauf stünde, wider ihren Willen zu leisten in Ewigkeit unmöglich ist, also will ich Euer Gnaden und Herren hiermit durch die Barmherzigkeit Gottes um ein gnädig Urteil und Entlassung unterthänigst angerufen haben und bezeuge nochmals mit Gott im Himmel, daß mir's unmöglich, sie anher zu bringen . . .«

›Er verlegt sich aufs Bitten und möchte doch platzen vor Trotz,‹ sagte Kriemhofen und ging mit finsterem Gesicht aus der Stube. ›Und wenn er pfiffe, so käme sie; denn sie hat ihren Affen gefressen an ihm.‹

Langsam und würdevoll schritt er die Regierungsgasse hinunter und bog in die Hauptstraße.

›Und du weißt, Kriemhofen, daß das Mädel verrückt ist auf den einen –‹

»Gehorsamster Diener, Herr Rentmeister; gesegnete Mahlzeit!«

»Danke, desgleichen!«

›– und trotzdem möchtest du's erzwingen? – Du Narr!‹

Er trat nachdenklich in sein Haus, stieg die finsteren Treppen hinauf, durchschritt den Vorplatz der Wohnung im ersten Stockwerke und ging zum zweiten Stockwerke empor.

Mitten auf der Stiege blieb er stehen, riß den Hut vom Kopfe und fuhr sich mit zitternden Fingern durch das Haar: ›Und wenn er und ich und sie zu 306 Grunde gehen müssen – kann ich sie nicht haben, so muß ich meine Rache haben.‹


Mutter und Sohn saßen einander gegenüber am gedeckten Tische.

»Nur noch das Stücklein Fleisch, Ignaz!« bat die alte Frau, spießte eines an die Gabel und legte es mit zitternder Hand auf seinen Teller.

Der Sekretär schob den Teller zurück und schwieg.

»Ignaz, du bist krank. Ich kann nimmer schweigen. Ignaz, so rede doch!«

»Laßt mich, Mutter!«

»Ignaz, du bist krank – diese heiße Hand – Ignaz –!« Sie brach in Thränen aus, streichelte die Hand ihres Sohnes und schluchzte: »Du hast Fieber, und ich merke es schon lange.«

»Ja, Fieber!« lachte er hart und bitter. »Die Mutter hat das Rechte getroffen.«

»O Ignaz, warum sind wir auch in diese Stadt gekommen? Ich hab's ja gerne alles getragen bis heute, hab' nicht gemurrt, daß ich fremd bin und mich nimmer eingewöhnen kann. Es ist ja doch alles zu seinem Glücke, hab' ich mir vorgeredet.«

»Glück!« sagte der Sekretär und fuhr stöhnend durch seine schwarzen Haare, und aus den dunkeln Augen brachen glitzernde Thränen und rannen über die bleichen Wangen.

»Und jetzt bist du krank und unglücklich, Ignaz. Sag, ist dir im Amte etwas Widriges begegnet?«

»Fieber hab' ich und darf's nicht merken lassen, Mutter!«

»O, wie grausam, Ignaz! Das kann doch der Herr Regimentsrat nicht wollen?«

»Ach, Mutter, laßt mich aus – der Trottel!«

307 »Trottel? Er ist dir ja doch so wohlgewogen? Darf ich den Arzt bestellen, Ignaz?«

»Mir hilft kein Arzt, Mutter.«

»Wenn du aber doch Fieber hast?«

»Ja, Fieber, Mutter, heiße, heiße Glut, nimmer zu löschen als nur von einer einzigen – ja, wenn die da herein käme und die Arme um mich schlänge, ja, Mutter, dann –«

Der junge Mann war aufgesprungen.

Ueber das Antlitz der Mutter glitt ein froher Schimmer: »O das ist's, Ignaz? Ein Weib? Dann wird ja alles gut!«

»Nichts wird gut, Mutter.«

»Ei, warum denn nicht? Ist sie deines Standes nicht wert?«

Kriemhofen trat vor die alte Frau, sank auf seine Kniee und barg das Haupt in ihrem Schoße. Liebkosend streichelten die runzeligen Hände das Haar, und stoßweise kam's von seinen Lippen: »Sie ist gewachsen wie eine Königin, und schwarz ist ihr Haar und hoch die weiße Stirne, und blaue Augen, denke nur, blaue Augen, große, blaue Augen hat sie dazu, und diese Lippen, diese purpurroten Lippen – und, Mutter, wenn sie käme und schlänge die Arme um mich, und ich könnte diese Lippen küssen – Mutter, es ist mir, als wäre verzehrendes Feuer in meiner Brust –«

»Du hast Fieber, mein armes Kind. Aber laß gut sein! Du darfst ja doch nur hingehen und die Thüre öffnen –?«

Der Sohn hob das bleiche Haupt und lachte bitter.

»Sie wird ja doch eine solche Liebe nicht verschmähen? Alles wird gut. Ist sie von Adel? Ja? 308 Nun also, was grämst du dich? Und wenn sie arm wäre – sag, sie ist wohl arm?«

Er lachte abermals bitter auf: »Arm? Und könnte mich reich machen durch einen einzigen Blick.«

»Also, also! Geh hin, mein Sohn, und sag ihr's und nimm sie an dein Herz. Und wenn sie arm ist an irdischem Gute, was braucht's uns zu kümmern? Sei gesegnet und geh hin. Mir ist, als könne ich wieder einmal sorglos atmen seit langen Wochen.«

Der Mann stöhnte: »Und wenn sie mich nicht wollte, Mutter?«

»Nicht möglich!« rief diese zornig.

»Wenn mir ein andrer zuvorgekommen wäre, Mutter?«

»Dann geh hin und schlag den andern aus dem Felde!«

»Und wenn sie mich schon zurückgestoßen hätte, Mutter?«

»Dann spotte ihrer! Ein Mann wie du! Strecke die Hand aus – allerorten giebt's Weiber, die sich segneten!«

»Aber eine solche giebt's nicht zum zweiten Male, Mutter!«

»Ach was!«

»Nein, Mutter!«

»Ignaz – sag – ist sie unsers Glaubens?«

Er schwieg.

»Heilige Muttergottes, Ignaz, so sprich doch!«

Er schwieg, stand auf und trat ans Fenster.

Auch sie erhob sich, faltete die Hände unter der Brust und blickte angstvoll hinüber zu ihm.

»Es kommt jemand die Stiege herauf,« sagte sie tonlos und schlich in die Nebenstube. –

›Und wenn sie erst wüßte, daß ich mich den 309 Teufel schere um ihre Religion,‹ murmelte der Mann am Fenster. ›Was bedeutet das noch, wenn einer vom Feuer gefressen wird wie ich? – Herein!‹

Der Kerkermeister vom Fuchssteiner trat in die Stube. »Einen Brief hätt' ich vom Portner, Euer Gnaden.«

»Gieb her! – Was sonst?«

»Alleweil gleich, Euer Gnaden. Halsstarrig bis dort 'naus. Im Anfang, Euer Gnaden, ist's ihm schon zu Herzen 'gangen. Da hab' ich ihn oft stöhnen hören und mit ihm selber reden. Seit vierzehn Tagen, drei Wochen aber ist er wie ausgewechselt. Sagt, es gefall' ihm justament im Fuchssteiner, wenn er anders noch länger gefangen sein müßt', am besten.«

»Hast ihm Bücher hineingeschafft?« fragte der Sekretär drohend.

»Wie werd' ich, Euer Gnaden! Keinen Buchdeckel!«

»Schreibt er viel?«

»Wenn er ans kurfürstliche Regiment schreiben will, bekommt er Feder und Tinte und einen Bogen Papier. Ist er fertig, wird alles hinausgeschafft.«

Kriemhofen öffnete den Brief. Es lag ein zweites Schreiben darinnen.

»Wann ist dieses Schreiben gekommen?«

»Vor dem Essen,« sagte der Kerkermeister.

Der Sekretär griff in die Tasche und hielt dem Menschen ein großes Geldstück hin. »Es ist gut. Eng halten!«

Das Gesicht des Kerkermeisters verzog sich, während er nach dem Geldstücke griff:

»Könnt Euch verlassen, Euer Gnaden!«


Mit schweren Schritten ging der Mensch die Stiege hinunter, am Fenster aber stand der Sekretär, 310 hielt mit zitternden Händen das Schreiben und las mit gierigen Augen:

»Dem wohledeln, gestrengen Hans Georg Portner von Theuern, meinem in Ehrengebühr freundlichen, vielgeliebten Herrn Bruder zu eignen Händen.«

›Bruder!‹ murmelte der Sekretär.

»Demselben sind meine jederzeit willigen Dienste und Gruß zuvor, freundlicher, vielgeliebter Bruder, ich habe aus seinem Schreiben mit hocherschrecklichem und sehr betrübtem Herzen vernommen, daß ihm von kurfürstlicher Regierung zu Amberg die Ursache, daß ich nicht will katholisch werden, gegeben wird und er daher in so langwährendem Arreste verbleiben muß, da ich doch durch Gott bezeugen kann, daß er hieran keine Schuld habe. Sondern dieweil ich's in meinem Gewissen je und einmal nicht befinden kann, wie ich auch meinem Herrn Vater gesagt habe, als ich noch zu Zant war: so komme ich nimmermehr nach Amberg, werde auch nicht katholisch, man mach's mit mir, wie man will. Denn ich habe vorher lang müssen in Amberg verbleiben und bald von diesem, bald von einem andern höhnische und spöttische Worte genug müssen anhören. Käme ich wieder hinein, es würde mir wohl noch besser gemacht werden. Und wundert mich sehr von meinem Herrn Vater, daß er solches der kurfürstlichen Regierung nicht berichtet hat, also daß der Herr Bruder so lang und so gar unschuldigerweise in Arrest verbleiben muß, wo er doch gar keine Schuld an meiner Abwesenheit hat. Sondern, wie vorgemeldet, dieweil ich's in meinem Gewissen nicht befinde, kann ich mich zur katholischen Religion nicht bequemen, es geschehe gleich wie der liebe Gott will. Welches ich dem vielgeliebten Herrn Bruder nicht habe verhalten können, ihn daneben freundlich, 311 ehrengebührlich grüßend und Gott treulich befehlend. Datum Hilpoltstein, den 29. Oktober 1629. Eure getreue Dienerin und Freundin, weil ich leb', Ruth von Zant. Pferd', mich nach Amberg zu bringen, wollt Ihr mir schicken? Ach, wollt Ihr denn wünschen, daß ich, da Gott gnädig vor sei, in Verzweiflung sollte geraten, dieweil ich's über mein Gewissen nicht bringen kann, von meiner Religion abzuweichen?«

Kriemhofen stöhnte:

›Und da ist die Hand aufgelegen und hat Zeile für Zeile geschrieben! – Und was alles zwischen drinnen steht!‹ Und er preßte seine Lippen auf den Brief, andächtig, als wär's eine heilige Reliquie.

*

Es war spät am Abend. In seiner finsteren Zelle ging Hansjörg auf und nieder und zählte seine Schritte.

›Eins, zwei, drei –‹

Er blieb stehen, ballte die Fäuste und flüsterte:

›Ach, wollt Ihr denn wünschen, daß ich, da Gott gnädig vorsei, in Verzweiflung sollte geraten?‹

Er lachte leise auf und faltete die Hände, daß sich die Fingernägel ins Fleisch gruben:

›Wenn es überhaupt noch einen Gott da droben giebt.‹

Stille stand er und grübelte.

›Nur einen Stumpen Licht, nur so lang wie mein Daumen! Aber leise, Hansjörg, leise! Zantner, es giebt noch andre Foltern als Daumenschrauben und Aufziehen. Eine satanische Folter ist es, wenn sie dem armen Sünder kaltes Wasser in Tropfen – leise, leise, Hansjörg! Mir lassen sie die Zeit tropfenweise auf den Schädel fallen – ist das weniger grausam?‹

Er ging an den wackeligen Tisch und tastete:

312 ›Es geht nicht in einer Linie fort – leise, Hansjörg, leise! – es ist nicht wahr – große Wirbel sind's, langsame, träge Wirbel, und jeder Wirbel ist ein Tag, und jeder Tag ein Kerbschnitt im Holz und im Leben, und einer wie der andre – wie viele? Einunddreißig doch! Aber ich muß zählen – leise, Hansjörg, leise!‹

Er fuhr mit dem Daumennagel langsam über die eingekerbte Tischkante, und einunddreißigmal ging es wie leises Knistern durch die Zelle – zweiunddreißigmal!

›Zweiunddreißig?‹ flüsterte Portner und begann von neuem.

›Es ist richtig – zweiunddreißig! – Wenn ein Kind zweiunddreißig Tage alt ist, so sagt man, es sei aus dem Gröbsten; wenn nun aber ein Mensch zweiunddreißig Tage lang nicht aus den Kleidern gekommen ist? Leise, Hansjörg, leise!‹

Und wieder und wieder, immer schneller, immer schneller ließ er den Daumennagel über die Kerbschnitte gleiten, daß es klang wie scharfes Geprassel. ›Wie geschwinde so – du kannst's gar nimmer zählen. Und doch ist jeder Schnitt ein Tag gewesen. Leise, Hansjörg, leise! Wie lange mußt du wohl diese hohlklingenden Schritte da drunten noch – pst, Hansjörg, lustig, Hansjörg – jetzt kommt er wieder geschlichen und horcht – lustig, Hansjörg!‹

Und er ging mit festen Schritten auf und ab und pfiff ein Schelmenlied. Dann hub er an mit lauter Stimme zu singen:

Drum genieße, was die Stunde
Dir an reinem Glück beschert!
Weißt du denn, du Eintagsfliege,
Ob es jemals wiederkehrt?

313 Und lachend sagte er:

›Wenn der Mensch niemand hat, mit dem er reden kann, so redet er mit sich selber. Was ist dabei verwunderlich? Und eigentlich, Portner, bist du mit einem ganz erträglichen Gesellen zusammengesperrt. Was wär's für eine Qual, wenn du liegen müßtest unter allerhand Malefizgesindel! Im übrigen, sie werden dich in Bälde entlassen. Und jetzt will ich schlafen gehen und mich der Stille freuen.‹

Er entledigte sich mit starkem Geräusche seiner Stiefel und lauschte dabei angestrengt nach der Thüre.

›Diesmal sind's ihrer zwei gewesen,‹ flüsterte er und setzte sich auf den Rand seines Lagers. ›Herr Gott im Himmel, wenn es nur einmal seine Wirkung thäte! Nur heraus, nur heraus da – und wenn sie mich unter Diebe und Mörder legten!‹

Er streckte sich und murmelte:

›Horch, nun geht ein Mann über die Brücke – wie das hohl klingt und dumpf und doch weithin hallt! – Ach, wollt Ihr denn wünschen, daß ich, da Gott gnädig vorsei, in Verzweiflung sollte geraten?‹


Die Regierungsgasse hinunter ging ein Mann. Der hatte den großen Hut ins Gesicht gedrückt und trug sein Haupt gesenkt.

In der Mitte des Regierungsgebäudes, hart unter dem schönen Erker, wandte er sich und sah zum Schlosse zurück.

Finster ragte der massige Fuchssteiner neben der Brücke in die Nacht empor.

Den Mann schüttelte ein Schauer, daß seine Zähne aufeinander schlugen:

›Kriemhofen, die Mutter hat recht, du bist – 314 krank! Was Wunder? Mich frißt der Haß, wenn ich die Stimme höre. Wenn aber sie diese – Stimme hörte? Sie käme dennoch – geritten und – geflogen. Er sagt – nein. Er – lügt. Es ist – ein abgekartet – Spiel. Aber warte – Portner – nun wirst du – unter das gemeine Gesindel gestoßen! Und – dann –! Ja dann – was dann?‹

Auf einmal warf er den Kopf zurück, seine Augen öffneten sich weit, und regungslos stierte er hinüber zum finsteren Turme:

›Helf', was helfen mag – so müßt' es gehen!‹

*

Vom Turme des heiligen Martin klangen acht Schläge hinaus in die Nacht, und der Regen klatschte gußweise herab auf die Dächer.

Hansjörgs Wunsch hatte sich erfüllt: er saß in der Malefikantenstube des Rathauses, und an seinem Tische saß ein Strolch.

»Müßt eben vorlieb nehmen mit mir, Junker,« sagte der Strolch und blickte begehrlich auf die Speisereste. »Es ist gar still in der Herberge der Wohlweisen und Fürsichtigen. Gefällt's Euch nicht hierinnen?«

Portner schwieg.

»Seht, Junker, das ist eine närrische Welt,« begann der Strolch aufs neue. »Was für den einen die größte Wohlthat ist, das bedeutet für den andern einen großen Jammer und Abscheu. Und für mich ist diese Stube eine Wohlthat, von wegen der Wärme. Wenn ich nur nicht so lachbar hungrig wäre!«

»Iß!« befahl Portner und schob die Speisereste hinüber.

315 »O Herr,« sagte der Stelzfuß und griff gierig zu, »vergelt's Gott, möcht' ich wünschen, wenn's kein Blödsinn wär'!«

»Warum sollte das ein Blödsinn sein?«

»Weil's dem Herrn im Himmel wohl recht ein Ding sein mag, ob Ihr mir Brot und Käse schenkt, oder ob Ihr beides aus dem Fenster in den Kot werfet. – Wenn's überhaupt einen Herrn da droben giebt,« setzte er hinzu und lachte kurz auf.

Portner erhob sich und ging langsam in die andre Ecke der Stube. ›Wenn's überhaupt einen Herrn da droben giebt,‹ murmelte er; ›ob ich wohl auch so widerlich ausgesehen habe gestern – so gottverlassen widerlich?‹

»Bist du immer so gottlos gewesen, du mit deinem Stelzfuße?«

Der andre kaute und schluckte gemächlich und blinzelte behaglich herüber. »Gottlos? Seht, Junker, das ist ein Ding von eigner Bewandtnis. Immer, wenn ich hungrig bin, ist mir auch gottlos zu Mute. Habe ich zu essen, dann schlägt meine Meinung um. Und jetzt gerade bin ich wieder auf dem besten Wege, fromm zu werden – und das ist Eure Schuld. Ich schätze, meine Gottesfurcht hat ihren Sitz im Magen. Und, Herr, ich kann Euch versichern, bei den meisten Menschen sitzt sie im Magen.«

»Pfui!« sagte Portner.

»Pfui, Herr? Sagt an, Herr, habt Ihr allzeit die Hände gefaltet in der Kälte und in der Hitze?«

Portner schwieg. Dann fragte er:

»Hast du, armer Mensch, keine Mutter gehabt?«

»Ist eine überflüssige Frage,« rief der Stelzfuß und versuchte zu lachen. Doch seine Augen blickten zornig.

316 »Und hat sie niemals gebetet mit dir?«

»Ist auch eine überflüssige Frage,« rief der Stelzfuß drohend.

»Du bist nicht hinter der Hecke geboren, Mann!« sagte Portner und kam näher an den Tisch heran.

»Was kümmert's Euch?« fragte der Strolch und wandte sein struppiges Gesicht ab.

»Und es ist dir auch nicht an der Wiege gesungen –«

»Herr,« sagte der Landstreicher und stieß den Stelzfuß hart auf die Dielen, »laßt mir meinen Vater und meine Mutter schlafen in Frieden, und laßt mir meine Wiege stehen, wo sie gestanden ist. Jeder Mensch hat etwas, woran er keinen rühren läßt – auch ein Landstreicher.«

»Das unterschreibe ich,« antwortete Hansjörg und setzte sich an den Tisch; »aber es könnte ja auch einer auf meinem Stuhle sitzen, der nicht rühren ließe an unsern Herrgott – könnte, sage ich.«

»O Herr,« meinte der andre mit trübem Lächeln, »wer von uns Zwergen vermöchte auch zu rühren an ihn?«

Betroffen sah Portner auf:

»Und wie bist du in diese Lumpen gekommen?«

»Und wie seid Ihr an einen Tisch gekommen mit dem Strolche?«

Hansjörg schwieg.

Der Landstreicher lachte fast unhörbar:

»Sind alles überflüssige Fragen. Woher? Wohin? Allezeit überflüssig, zumal aber heutzutage. Aus einer goldbeschlagenen Wiege auf ein blutbeschmutztes Rad, aus einer Lehmhütte auf einen stolzen Gaul, von einem stolzen Gaul auf einen klapperigen Stelzfuß, aus der Ruhe in die Unruhe« – er hielt inne und 317 atmete tief auf – »und, Gott sei gelobt, zuletzt immer und auf allen Wegen in die ewige Ruhe.«

»Du bist nun wohl gesättigt?« fragte Portner.

»Weil ich von der ewigen Ruhe spreche? Könnte das nicht auch sehr über alle Maßen gottlos sein? Doch, Herr, es macht sich manch einer schlechter als er ist – die meisten allerdings machen sich besser, als sie sind – was ist Euch lieber?«

»Und mancher probiert erst, wie der andre beschaffen ist, stimmt seine Geige hoch und tief und je nach dem –«

»– heult er mit den Wölfen oder singt mit den Engeln,« vollendete der andre mit seinem leisen Lachen. »Das ist richtig, Herr. Und wie weit käme wohl ein Stelzfuß auf der Heerstraße ohne diese Kunst?«

»Wo hast du das Bein verloren?« fragte Portner.

»Es ist zugleich mit einer Königskrone und mit einem Kurhut auf die böhmische Erde gefallen, Herr. Die Königskrone und den Kurhut haben sie wieder aufgehoben, aber das Bein, das haben sie eilend verscharrt auf dem weißen Berge, und dort liegt der Knochen. Und wenn mir recht ist, kann der Winterkönig seine Krone und seinen Hut leichter entbehren als ich mein Bein. An solches Bein gewöhnt sich der Mensch, dürft's glauben. Des Morgens vor der Schlacht schnitt ich nur noch liebreich den Nagel an der großen Zehe fein sauber und rundlich, freute mich über das kräftige Bein; des Mittags drauf war der Nagel weg samt dem Beine. Das Nagelschneiden hätt' ich mir ersparen können. Darum ist's ganz richtig, vor der Schlacht soll man sich einmal die Nägel nicht beschneiden. Und, weiß Gott, was ich jetzt sein könnte, wenn ich das Bein noch hätte! 318 Obristwachtmeister oder gar Obrist Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht. Und hätt' einen großen Beutel voll Dukaten und könnte fragen: Was kostet denn das halbe Dutzend Landsassengüter in der oberen Pfalz – oder geht's im Dutzend wohlfeiler?«

Hansjörg Portner sah finster vor sich hin.

»Wär' eigentlich gar keine üble Zeit, diese Räuberzeit,« fuhr der Strolch fort und faltete die Hände auf der Tischplatte. »Aber was hat ein Strolch davon? – Alle sind Räuber,« flüsterte er; »der Kaiser zieht den Bauern das Fell über die Ohren, daß das Blut zum Himmel dampft, die Fürsten schlagen einander die Hüte vom Kopfe, daß die Federn fliegen, und die Pfaffen drücken einander aus den Kirchen, daß die Teufel Purzelbäume schlagen; Könige werden landflüchtige Bettler, und Soldaten leimen sich Grafschaften und Herzogtümer zusammen wie der Hafner den Kachelofen und der Biber die Wasserburg. Wie lang? Bis einer kommt, der stärker ist als alle und jedem den Raub abjagt. Und er wird kommen, Herr, könnt Euch darauf verlassen. Er kommt, ehe sich's einer versieht, wie ein Blitz vom Himmel und wie ein Dieb in der Nacht. – Aber trocken ist's mir in der Kehle, Herr. Euch nicht? Ei, hätt' ich einen Gulden in der Tasche, dann ließe ich Wein kommen. Wein her! Habt Ihr Sorgen? Sicherlich! Warum trinkt Ihr keinen Wein? Habt Ihr's noch nie verspürt, wie der Wein die Sorgen bricht? Hast dich getragen mit bitteren Sorgen – tagelang, hast dich wund gedacht mit schweren Gedanken – wochenlang, es liegt dir wie Blei im Magen, dein Kopf ist heiß, die Gurgel heraus drückt's dich, eng ist's, alles ist eng, alles, alles eng – Wein her!«

Die schwarzen Augen funkelten, er beugte sich 319 weit über den Tisch herein und schnalzte leise mit der Zunge:

»Wein her! Wein her! Und einen Becher voll hinunter in die enge Gurgel und noch einen! Spürst du das Feuer in der Tiefe? Spürst du die Geister, wie sie steigen und steigen? Spürst du den Ringkampf in deinem Schädel? Heisa, lustig, wie sie sich drängen und wie sie raufen, die Weingeister mit den Sorgengeistern! Und sie gewinnen den Sieg, und sie fahren in alle Winkel und fegen in allen Winkeln, und alles Enge wird weit wie ein Tanzsaal, und sie tanzen und haschen sich und gucken aus den Fenstern und rufen lustige Gedanken herein. Heisa, Bruder, es sollen leben die lustigen Gedanken und die lustigen Geister, und das Vergessen lebe, das Vergessen! – Lethe, Herr, Lethe! Was ist denn Lethe? Wein ist's – was denn sonst? – Und Ihr sitzet da und habt sicher einen Gulden in der Tasche und könnt Euch alle lustigen Geister und alle lustigen Gedanken und könnt Euch Lethe kaufen –, und thut's nicht?«

»Narro!« klang es in Portners Ohre, und zweifelnd sah er auf den seltsamen Strolch. Nein, der hatte es nicht gesagt, der saß mit festgeschlossenen Lippen. Und »Narro, Narro!« klang es ihm abermals im Ohre. Doch seine Hand griff heimlich an ein hartes, rundes Ding im Futter seines Wamses.

»Du bist Student gewesen!« fuhr er auf.

Der Strolch lehnte sich zurück auf seinem Stuhle und zwinkerte mit den Augenlidern und trommelte leise auf dem Tische; aber seine Lippen blieben fest geschlossen.

»Lethe!« murmelte Portner und riß am mürben Futter.

320 Da war's ihm plötzlich, als spräche eine klare Stimme aus weiter Ferne:

»Hansjörg!«

Er ließ die Hand aufs Knie sinken, aber da rollte schon das große Geldstück mit hartem Klingklang unter den Tisch auf die Dielen. Behende bückte sich der Strolch und warf den Thaler auf die Platte. »Hab' ich's nicht gesagt? Kauft Euch die lustigen Geister und kauft Euch Lethe!«

Und Hansjörg hörte wieder dieselbe klare Stimme, aber noch weiter entfernt, und dazwischen hinein: »Narro, Narro!«

*

Vom Turme des heiligen Martin erklangen zwölf Schläge in die stille, finstere Nacht, und hinter den feierlichen Schlägen liefen die zwölf andern, geschwinden Schläge von des Wächters Hand.

Die Malefikantenstube des Rathauses war erfüllt von dickem Tabaksrauche, und trübe brannte das Talglicht. Vor seinem vollen Kruge saß Portner, blies dann und wann eine Wolke aus der Thonpfeife und stierte vor sich hin.

»Ei, so trinkt doch, trinkt – es ist Euch vergönnt!« sagte der Stelzfuß lachend mit schwerer Zunge. »So können die Weingeister nicht aufsteigen und können nicht tanzen und können nicht Herr werden über die Sorgengeister. – Sorgengeister und Weingeister friedlich beisammen in einem Schädel – ich danke! – Trinkt doch! Ist ja nicht der Rede wert, was Ihr getrunken habt – kaum drei Maß! – Junker, so trinket doch!«

Portner schwieg und rauchte und stierte vor sich hin.

321 Da lehnte sich der Strolch zurück und begann mit rauher Stimme zu singen:

Ich wollt', es bräche jeder Quell
Blutrot aus Goldgestein,
Ich wollt', es ginge jeder Strom
Bis an den Rand voll Wein.

Ich wollt', es drehte Rad an Rad
Sich in der stolzen Flut
Und gösse weithin auf das Land
In Bächen all die Glut.

Ich aber läg' im kleinen Kahn
Und hätte meine Ruh,
Tränk' fort und fort aus hohler Hand
Und triebe immerzu.

Und käm' ich dann im Abendschein
Wohl an die weite See,
So spräch' ich nur mit Lallen noch:
Ei, schau den roten Klee!

Und ließ' mich schaukeln hin und her
Und hätte gute Ruh
Und schlürfte aus der hohlen Hand
Und triebe immer zu.

Und wär' ich endlich toll und voll
Auf hoher, hoher See,
Dann stieg' ich leise über Bord
Und sänke in den Klee.

Und läg' als in der Mutter Schoß
Vor langer, langer Zeit,
So friedlich wie ein kleine Kind,
Und schlief' in Ewigkeit.

O bräche doch ein jeder Quell
Blutrot aus Goldgestein,
O ginge doch ein jeder Strom
Bis an den Rand voll Wein!

322 »Auch voll – bis an den Rand!« sagte er nach kurzem Besinnen, erhob sich, spreizte die Beine und hielt sich am Tische. »Genug – Lethe! Was hilft dir – auch die – Lethe – wenn du – alles vergißt? Ich – gehe – schlafen –.«

Er wandte sich murmelnd und stapfte zur Pritsche in die Ecke; er sank darauf und lag im Schlafe.

Eine Weile war's totenstille im raucherfüllten Gemache. Dann aber begann der Strolch auf der Pritsche rasselnd zu schnarchen, und Portner hob das Haupt und seufzte tief.

›Ja, was hilft dir die Lethe, wenn du alles vergißt? – Du armer Tropf.‹

Er stand auf und reckte sich.

›Ist mir nicht zu Mute, als wäre alles versunken? Bin ich nicht zum erstenmal wieder glücklich?

›Glücklich? Was soll's, was ist Glück? Was nennen die Menschen Glück?

›Stinkende Ruhe!

›Und was ist mir dieses Glück?

›Thor, betrüge dich nicht! Wer will denn nicht das Glück der Ruhe? Jeder. Das Wild im Walde, der Vogel in der Luft.

›Dann wäre es falsch, zu sagen – Glück? Dann müßt' es heißen – Friede? So wäre Glück – Friede?‹

Er starrte mit großen Augen in die Ferne und murmelte: ›Friede, Portner, wäre das Glück? Friede?

›Ich lechze nach dem Glück, ja, ich lechze. Und es wäre ein schlechter Trost, sich belügen und sagen: Was ist mir das Glück?

›Eine Hand voll Schwarzbeeren ist geringer als ein Glas feurigen Weins. Leben!

›Was ist denn Leben?

323 ›In dem Augenblicke, wo einer von allen die Frage gelöst hat, liegt das Leben hinter dem ganzen Menschengeschlechte wie ein Traum.

›Leben! Nur Hohlköpfe und Schurken gehen leicht durch die Welt. Die andern –? Ach, was sollte ihnen helfen? Der Verstand? Der bläst ihnen täglich den Staub ins Angesicht, aus dem sie geboren sind. Die Ehrlichkeit? Herrgott, Ehrlichkeit ist doch keine Kindsmagd, die da sagt und singt eiapopaia und schläfert uns ein! Der – Glaube? Ja – der Glaube könnte wohl –

›Wer verbietet mir, in alle Sternenfernen zu schweifen, die Gedanken zu jagen durch das unendliche All? Wer kann's verbieten? Niemand. Aber dann kehre ich zurück und habe größeren Hunger als zuvor und werde daran erinnert, daß ich – des – Brotes bedarf –

›Er will der Natur ins Herz dringen und will das Murmeln der tiefsten Quellen belauschen – Thor! Will auf den Urgrund aller Dinge kommen und verirrt sich in Klüften. Kann nicht einmal ungestraft in die Sonne schauen; wo er sehend werden wollte, wird er blind –

›O, daß ich mich flüchten könnte aus dem furchtbaren Denken! Denken heißt leiden, forschen heißt sich verzehren. Erkennen heißt verzweifeln.

›Bin ich dazu geboren, daß ich mir die Augen trübe weine über all dem Elende? Nicht mitzuweinen, mitzuhandeln bin ich da!‹

Hansjörg Portner trat mit schwankenden Schritten an das Lager des Landstreichers.

›Du jammerst mich – da – die Decke – warte, ich will dich dreinhüllen, wie dich einst deine Mutter zudeckte. Da, lege dein Haupt – auf diesen Mantel – träume, deine Mutter habe dich wieder einmal gebettet!

324 ›Was ist der Unterschied zwischen mir und dir? Vielleicht nur Vater und Mutter. – Freilich viel, sehr viel. Ja, wenn ich's recht bedenke, alles.

›Und doch so ganz das gleiche: Gekommen, ohne daß wir's wollten – Portner, du wankst, du bist voll Weines!

›Portner, kämst du freiwillig wieder? Ja, denn ich will sehen, wohin es treibt.

›Von Hunger zu Hunger getrieben, von Durst zu Durst, und sinkend von Schlaf zu Schlaf, das bist du. Geschoben und gestoßen, wohin du niemals wolltest, und doch nur dahin, wo dich die unbekannte Macht von Anfang haben wollte – das bist du.

›Nein, Portner, das ist Lüge. Der Weg war frei zur Rechten und zur Linken, und da bist du zur Rechten gegangen.

›Zur Rechten, Portner? Wirklich zur Rechten? Portner, ducke dich vor deinen Gedanken! Deine Emigration ist ein Staats- und Ehrenkleid, du müßtest erst hinein wachsen. Um des – Glaubens willen?‹

Der Strolch wälzte sich stöhnend auf die Seite und lag wieder stille.

›Du da, du jammerst mich. Vielleicht, weil ich in dir sehe, was aus mir werden könnte. Könnte? Könnte! Auch ich trage den Stoff zu allem Argen zwischen Erde und Hölle in mir. – Ich – elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes?‹

Portner wandte sich und rief in den leeren Raum: ›War das ich – oder wer war's?‹

Ein Schauer durchschüttelte ihn. Es war totenstill.

›Salze doch das Fleisch ein, daß es nicht stinkend werde! Und hege das heilige Denken, daß du nicht – verwesest bei lebendigem Leibe!

›Jawohl, uns frißt der Gedanke täglich an der 325 Leber, bis wir in Schlaf sinken, und mit schwimmenden Augen schauen wir wieder in die aufsteigende Sonne, und sie bringt uns ja doch nur wieder den fressenden Adler.

›Qualverzerrter, möchtest du tauschen – mit dem Ackerer da drunten – der so grau ist wie seine Scholle?

›Du hast ja doch einst das Feuer vom Himmel geraubt. Laß dir genügen!

›Genügen –?‹

*

Vor der Thüre standen zwei, lauschten und flüsterten.

»Wie lange hat er getrunken?«

»Drei gute Stunden, Herr Sekretär.«

»Und wie hast du ihn dazu gebracht?«

»Ei, ganz unverdächtig durch den andern. Der hat's ihm vorgesagt, und hat nit lang gedauert, dann ist er mit dem Geld herausgerückt, Herr Sekretär.«

»Und er hat gehörig getrunken?«

»Drei Maß, Herr, und das Tränkel hab' ich auch heimlich hineingeschüttet.«

»Ich glaub's wohl,« flüsterte Kriemhofen; »er schwätzt wie eine Elster, der Fant. Kannst du hören, was er sagt?«

»Wenn der andre nit so schnarchen wollte, Herr.«

»Hast du das Schreibzeug?«

»Ja, Herr!«

»Dann vorwärts!« befahl Kriemhofen und winkte dem Einspännig, der im Hintergrunde stand. Das Schloß kreischte, und die drei betraten die düstere Stube. 326

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