Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Sperl >

Hans Georg Portner

August Sperl: Hans Georg Portner - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleHans Georg Portner
authorAugust Sperl
year1901
firstpub1901
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHans Georg Portner
pages402
created20140712
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Kniebeuge.

In den warmen Kellern der Burg Zant lagen haufenweise die Rüben, in den kühlen Vorratskammern hing reihenweise das Schwarzfleisch, in den reinlichen Truhen blinkte das Mehl, in den geräumigen Fässern stand das Kraut, im luftigen Obstgaden dufteten die großen Säcke mit Dörrobst, bauchig und steif. Ueber den Ställen war das Heu geschichtet bis unter den First, aus der Tenne klang der Flegelschlag vom frühen Morgen bis zum späten Abend. In den Kachelöfen ging das Feuer nicht aus den ganzen Tag, und von den kleinen, runden, bleigefaßten Fensterscheiben tropfte das Wasser. Die mächtige Linde reckte ihre kahlen, schneebedeckten Aeste in die klare Luft, enge Weglein liefen kreuz und quer über den Hof; eine schmale Fahrstraße wand sich hinunter ins Thal, von den Dächern hingen die langen Zapfen; so weit das Auge reichte, lag die schwere, weiße Decke auf dem Lande: Burg Zant war eingeschneit und eingefroren. –

Im Turmstüblein der Ahnfrau war's behaglich warm, und die Morgensonne malte die runden Butzenscheiben auf den blanken Fußboden.

Die Greisin saß gebückt in ihrem Lehnstuhle, hatte eine gewaltige Hornbrille auf dem alten, runzeligen und doch so rosigen Gesichte und las in ihrer Bibel. 233 Leise ging die Magd ab und zu, legte eine Decke über das frischgemachte Bett, begoß den Epheu mit warmem Wasser und streute weißen Sand auf die Dielen. Fernher klang der Siebenschlag der Drescher von der Tenne.

»Kalt?« fragte die Greisin, klappte das Buch zusammen, nahm die Brille ab, rieb die Nase und murmelte gähnend: »Warum beißt mich's denn so heftig?«

»Kalt, daß der Schnee pfeift,« antwortete die Magd und rieb an der schönen, geschnitzten Truhe.

»Was hast g'sagt?« fragte die Ahnfrau gedehnt, erhob sich, stieg von ihrem Schemelein und ging an ihr Bett, hob die Decke und schob das Buch darunter.

»Kalt, daß der Schnee pfeift!« schrie die Magd und rieb und rieb.

»Jetzela ist's recht, jetzela hab' ich's verstanden,« meinte Frau Barbara von Breuning und hatschte ans Fensterlein. »Mußt laut sprechen, Rettl, alte Leut' hören oft nicht gut. Aber wenn ich nur wüßt', warum mich meine Nase so sehr beißt.«

»Werdet halt was Neues innewerden!« schrie die Magd.

»Was hast g'sagt?« fragte die Ahnfrau gedehnt und kratzte ein wenig an der gefrorenen Scheibe.

»Was Neues werdet Ihr innewerden!« schrie die Magd, daß es gellte, und brummend setzte sie bei: »Weiß gar nit, wird alle Tag schlechter mit der Ahne, gar nimmer hören kann's, das alte Leut.«

Ein feines Lächeln zuckte um die Mundwinkel der Greisin, und freundlich sagte sie: »Jetzela ist's recht, Rettl, mußt laut reden, daß ich's verstehen kann. Was Neues, sagst? Mußt mir halt was Neues erzählen, Rettl, daß ich was Neues erfahr'!«

234 »Der Herr hat den Nikl heut früh –«

»So versteh' ich gar nichts,« sagte die Ahnfrau, rückte ihr Spinnrädchen zurecht, nahm eine Hutzel in den Mund und begann zu spinnen.

»Der gnädige Herr hat den Nikl heut früh um sechs Uhr aus dem Bett gejagt, wo die andern schon zwei Stunden gedroschen haben!« schrie die Magd.

»Ei, ei, ei,« murmelte die Ahnfrau, während das Rädchen schnurrte; »die Mannsbilder, die Mannsbilder! Aber schau, Rettl, die Bettstattfüß' mußt auch noch abreiben – so!«

»Und der Nikl hat gesagt, er woll' unter die Soldaten gehen!« schrie die Magd und kroch an der Bettstatt hin.

»Unter die Morethaten?« fragte die Greisin. »Ei, ei! Was thut er denn da?«

»Unter die Soldaten!« schrie die Magd und richtete sich halb empor. »Das hört schon gar nimmer!« murmelte sie.

»Unter die Soldaten? Jetzt, ja, das ist was andres – der wüste Kerl!«

»Und die gnädig' Frau ist schon um achte in die Stadt gefahren!« schrie die Magd.

»Noch in der Nacht? Ja, jetzt wird's halt immer recht lang nicht Tag. Geh, gieb mir mein Taschentüchel her und thu 'n paar Tropfen drauf! So – ah! Und kannst auch etliche Wacholderbeeren aufs Blech thun. – So, so, noch in der Nacht? – Ei, ei!«

»Und es ist auch ein Schreibebrief 'kommen glaub' von Hilpoltstein,« sagte die Magd.

»I was, von der Ruth?« fuhr die alte Frau in die Höhe. »Wann denn?«

»Gleich wie die gnädig' Frau fort war,« 235 antwortete die Magd und brummte: »Diemalen versteht s' mich ganz g'schwind.«

»Wann hast g'sagt?« fragte die Ahnfrau und legte die Hand ans Ohr. »Mußt lauter reden, Rettl, alte Leute –«

»Gleich wie die gnädig' Frau fort war!« schrie die Magd.

»Jetzt, Rettl, kannst in die Kuchel gehen und kannst mir mal 'n Stück Speckschwarte bringen für meine Vogerln, einen Nagel und einen Hammer. Hast g'hört?«


Die Magd kam zurück.

»Bleibet Ihr sitzen, ich kann's auch annageln!« rief sie eifrig.

»Thu' ich selber, thu' ich selber«, sagte die Ahnfrau und öffnete das Fensterlein, schob den Schnee vom Brett und nagelte die weiße Speckschwarte an. »So, jetzela können die Vogerl kommen.«

»Die Ahnfrau is halt gar viel barmherzig,« meinte die Magd. »Is leicht für die Vögel oft besser g'sorgt als für die Menschen.«

»Da hab' ich jetzt gleich gar nichts verstehen können,« sagte die Greisin, schloß das Fenster und ging an ihr Spinnrad.

»Die Ahnfrau sorgt für Mensch und Vieh!« rief die Magd.

»Und daß du mir fein heut mittag die Suppe für die kranke Simons-Marie nicht wieder vergessen thust!« sagte die Greisin und hob den Finger.

Rettl wurde rot und schrie: »Grad' ist auch der Herr Dechant auf seinem Esel eingeritten.«

»Der bekannte – wie hast g'sagt – Esel ist eingeritten?« fragte die Greisin und hielt die Hand ans Ohr.

236 Die Magd grinste: »Der Herr Dechant ist beim gnädigen Herrn.«

»Dechant?« fragte die Greisin und schüttelte das schneeweiße Haupt und spann. »Dechant? Kenn' ich nit, weiß ich nit.«

»Nu, der Herr Dechant von Allersburg!« schrie die Magd.

»Kenn' ich nit, weiß ich nit,« sagte die Alte störrisch und spann, daß es surrte und schnurrte. »Jetzt geh!«

Die Magd nahm das Putzschaff und ging aus der Thüre. Auf der Stiege murmelte sie: ›Ist halt doch schon ein uraltes Leut, die Ahnfrau!«

Die Ahnfrau aber in ihrem warmen Stüblein sah zornig aus, rieb ihre Nase, stand auf, trippelte hin und her, ging an ihr Bett, nahm das Buch heraus, ging an die Truhe, schloß die Truhe auf und steckte das Buch hinein, zog den Schlüssel ab, besann sich, kratzte am gefrorenen Fensterlein, daß die Vögel fortflogen. Dann zog sie den warmen Schuh vom Fuße, legte den Schlüssel hinein, zog den Schuh wieder an, humpelte vorsichtig zu ihrem Spinnrade und begann aufs neue zu spinnen, daß es surrte und schnurrte. Und im Ofen krachten die Scheiter, und vor dem Fensterlein hackten und pickten wieder die Vögel um die Wette. Es war urbehaglich im Turmstüblein der alten Frau.

*

In der Wohnstube vor dem Zantner saß der hagere Dechant, rieb seine Hände, strich lächelnd über sein Kinn, nippte vom süßen Weine, patschte seinen kahlen Scheitel, blinzelte mit den schweren Augendeckeln, wandte keinen Blick von dem Edelmanne 237 und nickte von Zeit zu Zeit mit einem beifälligen Murmeln.

»Merkwürdig,« sagte er, »ganz merkwürdig! Bin ich zu Euch geritten in der Meinung, auch so einen – Ihr entschuldigt schon – in der Meinung, einen armen, irregeführten Ketzer zu finden, und nun sitzet Ihr vor mir, Herr von Zant, wie, nun, wie sage ich doch gleich? – wie ein Doktor der Theologie aus Ingolstadt und lest mir ein Kollegium über die subtilsten Materien unsrer alleinseligmachenden Religion! Ihr kennt gewiß auch dieses Büchlein, das ich Euch zum Präsent zu machen gedachte?«

Er nahm ein Buch aus dem Rocke und reichte es dem Zantner. Der schlug das Titelblatt auf, klappte es wieder zusammen, warf es nachlässig auf den Tisch und sagte: »Wie sollte ich den Katechismus des Peter Canisius nicht kennen?«

»Ich habe mir's gedacht,« nickte der Dechant, zog sein verwittertes, graues Gesicht in freundliche Falten und steckte das Buch wieder ein.

Der Zantner aber lehnte sich zurück, schlug ein Bein über das andre und kreuzte die Arme: »Und was ist denn das Luthertum neben der römischen Kirche? Ein neugeadelter Salzsieder neben einem uralten Herrengeschlechte, das seit sechzehnhundert Jahren die Welt regiert.«

»Egregie!« sagte der Dechant und schnalzte mit der Zunge. »Eine ganz vortreffliche Parallele!«

»Die römische Lehre,« fuhr der Zantner fort und netzte seine schmalen Lippen mit einem Schluck Wein, »kann sich allein mit Fug und Recht katholisch nennen; denn sie umfaßt die bewohnte Erde, sie durchdringt alle Lebensverhältnisse; vertrieben an einem Orte, kehrt sie unversehens wieder zurück; unverändert 238 ist sie geblieben unter so vielen Ketzereien bis auf den heutigen Tag, und mit demütigem Stolze kann sie von sich sagen: seht hier die unzertrennte Succession der Bischöfe, seht hier die festgefügte Kette segnender Hände, zurück bis auf die Apostel! Was aber ist dagegen die Augsburgische Konfession? Ein klein, armselig Stück- und Menschenwerk, zur Welt gebracht vor etlichen und hundert Jahren in einem obskuren Winkel des deutschen Landes, oft verändert in seinen Formen, immer wieder bedrängt von den eignen Bekennern und in die Enge getrieben, ein Kind der Empörung und eine Pandorabüchse der Zwietracht!«

»Besseres könnte ich Euch auch nicht sagen!« rief der Dechant.

»Und beim Zeus,« fuhr der Zantner mit unmerklichem Lächeln fort, »zu wem halte ich lieber, wem diene ich lieber, auf wen verlasse ich mich lieber in allen Lagen des Lebens – auf den unscheinbaren, nachgeborenen Mann, der aus dem glänzenden Vaterhause entlaufen ist und von der Hand zum Munde lebt, oder auf den mächtigen Erstgeborenen, der im Vaterhause waltet und aus einer unermeßlichen Schatzkammer den Seinen darreicht, was sie bedürfen?«

»Elegantissime!« sagte der Dechant. »Ich weiß, worauf Ihr zielet, Herr: auf den unausschöpflichen Goldhort der Kirche, auf die Verdienste der zahllosen Heiligen, an denen jeder Gläubige Anteil hat. Elegantissime! Ich neige mein Haupt voll Bewunderung. Und Ihr lechzet also danach, vor allem Volke die Ketten des lutherischen Irrtums abzustreifen und Euch ins Vaterhaus zurückzuwenden?«

»Ich?« fragte der Zantner und lachte.

»Nun ja doch, sollt' ich meinen!« murmelte der Dechant.

239 »Lechzen? Ich?« wiederholte der Zantner und sah von oben her auf den Priester.

»Herr,« stotterte der Dechant, »ich – ich – sollte doch – haben mich denn meine Ohren getäuscht? Seid Ihr noch immer in Euerm lutherischen Irrglauben befangen?«

»Ich?« lachte der Zantner.

»Ja, aber Ihr seid doch –?«

»Der Herr von Zant, der seine Seele aus allem Gezänke erhebt in die krystallklaren Höhen des Aethers und den Harmonien der Sphären lauscht,« sagte der Landsasse und stand auf.

»Aber Ihr habt ja doch Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht versprochen, Euch informieren zu lassen –!« rief der Dechant und erhob sich.

»Bedarf ich der Information?« fragte der Zantner höflich.

»– und Euch an Ostern zu accommodieren! Oder habt Ihr auch mit Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht Euern Spott getrieben?« fragte der Dechant und griff nach seinem Hute.

»Meinen Spott?« lächelte der Landsasse. »Und wer sagt Euch denn, daß ich mich weigere?«

Ueber das verwitterte Gesicht ging ein heller Schein: »An Ostern –?«

»Nun ja denn, an Ostern!«

»Vergebt, ich habe Euch vorhin doch wohl mißverstanden. Ihr inkliniert also zu der wohlerkannten Wahrheit unsrer Religion – Ihr glaubt?«

»Glauben?« sagte der Zantner und sah den Priester scharf an. »Und wenn ich nun von dem ganzen Knäuel keinen Faden glaubte, Hochwürdigster?«

»O, haltet ein!« rief der Dechant und hob seine Rechte. »Nur nichts überstürzen! Das andre wird 240 von selber kommen. Erst der schuldige Gehorsam und hernach – eines nach dem andern!«

Der Landsasse blickte von der Seite herüber und schwieg.

»Kann ich Eure Hausfrau besuchen?«

»Die ist zur Stadt gefahren.«

»Und Eure älteste Tochter?«

»Die ist seit Jänner in Hilpoltstein bei meinem Bruder.«

»In Euerm Hause lebt aber auch noch Eurer Hausfrau Mutter? Vergebt, ich handle nur nach meiner Pflicht – kann ich sie besuchen?«

»Der Weg ist frei,« sagte der Zantner.

Der Dechant verneigte sich und ging aus der Stube.

*

Das Rädlein der Ahnfrau surrte, die Scheiter im Ofen krachten, und die Vögel vor dem Fenster pickten im Takte.

Es pochte an der Thüre – die Ahnfran spann den Faden und rieb die Nase und hörte nichts.

Es pochte wieder an der Thüre, aber das Rädlein surrte, die Scheiter krachten, und die Vögel vor dem Fenster pickten im Takte – die Greisin hörte nichts.

Nun öffnete sich die Thüre, und das verwitterte Gesicht des Dechanten schob sich herein:

»Um Vergebung, bin ich recht gegangen, seid Ihr die wohledelgeborene und tugendhafte Witwe Barbara von Breuning?«

Die Ahnfrau spann und hörte nichts, der Dechant aber öffnete die Thüre noch weiter und schob den halben Leib herein.

»Henkerdi, geht's da kalt 'rein!« sagte die Greisin 241 vor sich hin und spann. Der Dechant aber trat ganz herein und schloß die Thüre hinter sich:

»Um Vergebung, aber hört Ihr mich denn nicht?«

»So kalt auf einmal!« murrte die Ahnfran. Dann hob sie wie von ungefähr die Augen und rief mit Empörung:

»Was willst denn du da? Seit wann vergißt man denn 's Anklopfen? Du, das verbitt' ich mir, daß du's fein weißt, du da!«

»Um Vergebung,« sagte der Dechant und machte einen Diener, »ich habe zweimal gepocht und keine Antwort bekommen.«

»Ich kann dich nit verstehen,« rief die Ahnfrau. »Und geh du nur gleich wieder fort, ich brauch' nichts.«

»Ihr könntet's meinem geistlichen Habit ansehen,« meinte der Dechant, »was mich zu Euch führt.«

»Eine weidliche Habichtnasen hast? Ei, das seh' ich! Aber was kümmert's mich?« lachte die Ahnfrau. »Deswegen hättest du gerne drunten bleiben dürfen.«

»An meinem geistlichen Gewande,« berichtigte der Dechant und sah sich nach einem Stuhle um.

Mißtrauisch beobachtete ihn die Ahnfrau:

»Was guckst dich denn so habgierig in meiner Stuben um? Du hast nichts Gutes vor, du bist mir sehr verdächtig, du.«

»Ihr seid krank, und deswegen bin ich zu Euch heraufgestiegen,« schrie der Dechant.

»Da versteh' ich gar nichts, kein bissel nicht,« sagte die Ahnfrau, schüttelte den Kopf und begann zu spinnen.

»Krank!« brüllte der Dechant.

»Krank?« fragte die Greisin, machte ein 242 ängstliches Gesicht und zog ihr Kleid an sich. »Ei, da geh doch geschwind hinaus und laß dir eine warme Suppe geben drunten in der Kuchel! – Geh, sag' ich!«

»Ihr,« brüllte der Dechant und demonstrierte mit Händen und Augen. »Todkrank an der Seele – da!« – Er wies auf ihre Brust. »Und 'n heuriger Hase seid Ihr auch gerade nimmer, also macht Reu' und Leid und bekehrt Euch von Euerm Luthertum!«

Die Ahnfrau blickte zornig drein. Dann aber lachte sie und patschte sich auf die Kniee:

»So, so, eine Suppe ist ihm nicht genug, einen geräucherten Hasen will er auch noch! Da wird's mit der Krankheit nicht gar so weit her sein. – Rettl!«

»Hast denn ein Brettel vor dem Kopf?« murmelte der Dechant und brüllte:

»Ich bin der Dechant von Allersburg und will Euch unterweisen im alleinseligmachenden Glauben!«

»Was hast g'sagt?« fragte die Ahne und begann wieder zu spinnen.

Der Dechant ließ die Lippe hängen und schwieg. Das Rädlein surrte, die Scheiter krachten, die Vögel pickten im Takte, und Rettl, die Magd, steckte den Kopf zur Thüre herein.

»Habt's mich gerufen?«

»Du bist's, Rettl?« sagte die alte Frau und blickte auf. »Ja, stehst denn du auch noch da, du –? Rettl, führ den da in die Kuchel und laß ihm eine heiße Suppe geben, und dann aber marsch!«

»Ahnfrau, das ist ja der Dechant, der hochwürdige Herr Dechant!« schrie die Magd.

Heftig surrte das Rädchen, in sich zusammengesunken saß die Ahnfrau und murmelte vor sich hin:

243 »Da versteh' ich schon rein gar nichts, rein gar nichts!«

Noch einen Blick warf der Dechant auf seine uralte Schülerin, dann wandte er sich und ging aus der Stube. Die Magd folgte ihm.

Auf der Stiege blieb er stehen, blickte die Magd fragend an, schüttelte den Kopf und fuhr mit dem Zeigefinger auf seiner Stirne herum.

»O je,« sagte Rettl und lachte, »ist halt ein uralt's Leut und versteht einen alle Tag' schlechter.«

»Drum, ich hab's gemerkt,« meinte der Dechant und ging die Stiege hinunter, schwang sich auf sein Tier und ritt aus der Burg ins Thal. Und zuweilen schüttelte er nachdenklich den Kopf und murmelte etwas vor sich hin.

Die alte Frau aber war längst von ihrem Stuhle aufgestanden und ans Fenster gegangen. Und hastig öffnete sie die kleinen Flügel, trippelte an das Wandbrett und nahm das Büchslein mit der wohlriechenden Essenz und besprengte den Fußboden. ›Kein heuriger Has mehr‹, hat er gesagt? Ei, das weiß ich selber auch! Aber was muß er mir das ins Gesicht sagen, der Grobian, der Seelenfänger, der?« rief sie zornig, schnüffelte in die Luft, schloß das Fenster und setzte sich fröstelnd an ihr Spinnrad.

Und das Rädlein surrte, die Scheiter im Ofen krachten, und die Vögel flogen wieder vors Fenster und pickten im Takte wie ehedem.

*

Der Dechant ritt auf seinem Esel zu Thale. Als er den Zant weit im Rücken hatte, zog er aus seinem Mantel ein Schreibbüchlein und schrieb mit Blei hinein:

244 »Der Zantner ist mir höchst seltsamb fürkommen, hab' nicht recht sehen können, ob er im Ernst redet oder spöttlich. Aber auf Ostern will er sich accommodieren. Sonst niemand zu Hause angetroffen als die Frau Schwieger, mit der ich nichts anfangen können, als mit einem uralten, stocktauben und, wie mir's hat scheinen wollen, boshaftigen Weibsbild, das nimmer recht beisammen ist. Ich glaube, bei ihr läßt man die Unterweisung am besten auf sich beruhen.« 245

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.