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Hans Georg Portner

August Sperl: Hans Georg Portner - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleHans Georg Portner
authorAugust Sperl
year1901
firstpub1901
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHans Georg Portner
pages402
created20140712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwischen Lichten.

Das fahle Licht eines kalten Dezembernachmittags erhellte die große, niedere Gaststube. In der letzten, tiefen Fensternische saß Hansjörg Portner allein vor einem Kruge Bier und starrte durch die kleinen Fensterscheiben hinaus auf die Georgenstraße.

»Was zum Essen gefällig, Herr Portner?« fragte der Wirt zum Goldenen Schlüssel und stemmte seine kurzen Arme auf die Tischplatte.

Portner schüttelte den Kopf.

»Kalten Braten hätt' ich, ein Gansviertel wär' auch noch vorhanden, guter Schinken – nichts gefällig?«

»Nichts!«

Der Wirt verzog keine Miene und blieb regungslos am Tische stehen. »Was ich gehört habe, Herr Portner,« begann er nach einer Weile und sah lauernd auf den Landsassen, »nichts für ungut, wenn's nicht wahr sein sollt', Herr Portner, die Leut' reden gar viel, aber ich weiß jetzt nimmer, wer mir's erzählt hat, daß Euch Theuern feilsteht?«

»Könnte wohl sein,« sagte Portner und wandte den Blick nicht vom Fenster.

»Ei was, ei da soll doch, also ist's wirklich wahr? Erlaubt schon, da will also der Herr aus dem Lande ziehen?«

186 »Das geht Euch nichts an!« sagte Portner.

»I, das darf mir der Herr nicht übelnehmen, es ist ja nicht böse gemeint. Und – na – um wieviel wär' denn hernach das Theuern feil?«

»Wollt Ihr's kaufen?« fragte Portner, wandte sich und streifte mit einem Blicke das feiste Gesicht.

»I, wo denkt Ihr hin, Herr! Ich und so 'n Landsassengut kaufen? Aber ich wüßt' vielleicht jemand; wär' auch nicht das erste Gut, das ich thät verkaufen helfen.«

»Ja, es ist uns feil,« sagte Portner und starrte wieder durch die kleinen Scheiben.

»Das geht jetzt auch den ganzen Tag straßauf, straßab, daß ein Bürgersmann sich an den Häusern hindrücken muß,« sagte der Wirt und wies mit dem kurzen, dicken Zeigefinger auf eine Reihe von Offizieren, die nebeneinander in der ganzen Straßenbreite daherkamen. »Ei, du lieber Gott, wo das hinaus will! Gestern abend sind wieder zwei Compagnien eingezogen, für die nächste Woche ist gar ein ganzes Regiment angesagt. Alles dick voll in den Bürgerhäusern – bald mehr Soldaten als Inwohner. – Mit Verlaub!« murmelte er und setzte sich auf den Stuhl. – Portner schwieg.

»Na, mir kann's ja recht sein, ich bin akkemmediert. Hab' alle Tag' meine Stube voll und krieg' auch meine Bezahlung. Da fehlt nichts. Und von Einquartierung ist unsereiner ohnedem verschont. Aber« – seine Stimme sank zum Flüstern – »was die Halsstarrigen sind, die sich nicht akkemmedieren wollen, gute Nacht, denen geht 's Wasser an den Hals! Zehn, fünfzehn, zwanzig Soldaten im Haus; jeder Soldat kriegt täglich seine zwei Pfund Brot, zwei Maß Bier und ein Pfund Fleisch – ja, Herr, 187 da kann einem Hausvater schon der Schnaufer ausgehen in der bösen Zeit.« Er lachte und rieb die Hände. »Aber warum denn auch so halsstarrig? Warum denn? Muß ja nicht sein, beileib nicht!«

»Haben sich noch viele nicht accommodiert zu Amberg?« fragte Portner.

»O ja, vielleicht vier-, fünfhundert nicht.«

Portner schwieg.

»Und mit Verlaub,« sagte der Wirt nach einer Weile und faltete die Hände auf der weißen Tischplatte, »was soll dann Theuern kosten?«

»Zwanzigtausend.«

»Zwanzigtausend!« murmelte der Wirt und blickte tiefsinnig vor sich hin. »Zwanzigtausend!« wiederholte er nach einer Weile. »Ist nicht zu viel,« sagte er endlich.

»Das mein' ich auch,« bekräftigte Portner und wandte sich vom Fenster ab.

»Ist nicht zu viel – an und für sich, Herr Portner, an und für sich! – Ist nicht zu viel« – er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sah schief hinüber auf den andern – »aber kriegen thut Ihr's nicht, Herr.«

»Und warum nicht?«

Der Wirt zuckte die Achseln. Dann fuhr er mit dem klotzigen Zeigefinger prüfend über eine fettige Stelle auf dem weißen Holze der Ahornplatte, griff in die Tasche, zog sein Messer heraus und begann, bedächtig das Fett abzuschaben.

»Ihr kriegt's nicht, Herr! Und warum nicht? Nu, wenn auf den Rindermarkt zwei-, dreihundert Stück Hornvieh getrieben werden und sind nur ihrer zwanzig Kauflustige vorhanden – nu, Herr, was bedeutet das für den Gescherten – nu?«

188 Portner schwieg, und bedächtig steckte der Wirt sein Messer in die Tasche. Dann begann er an den Fingern abzuzählen:

»Da ist dem alten Mendel von Steinfels Lintach feil und dem Kaspar Haller Ammerthal; die Loefen möchten Heimhof verkaufen und der Konrad Teufel Schwarzenfeld; der Sparnecker emegriert von Trausnitz im Thal und der Fuchs von Winklarn. Und wenn einer unter diesen Gütern noch nicht genug Auswahl hat, so sag' ich ihm: da ist Kaibitz und Ebnat, Stefling und Reuslas, Wolframshof und Grafenried, Pertolzhofen, Gleiritsch, Thann, Arnstein, Neusath, Pulnreuth –« Er hielt inne und schöpfte Atem. Dann wischte er sich mit dem gepolsterten Zeigefinger einmal rechts und einmal links über die Nase und schloß wohlwollend: »Hundert Adelsdörfer, wenn's nicht mehr sind, Herr Portner!«

»Ihr wißt gut Bescheid,« sagte Portner mühsam.

»O ja, so ein Wirtshaus ist wie ein Bienenstock, und was der eine nicht weiß, das bringt der andre daher. – Na, und was wär's dann, wenn ich sagen thäte: Herr Portner, da ist Theuern, und da sind – das heißt, versteht mich recht, ich kann's nicht sagen, aber ich wüßt' einen, der's wohl sagen könnt' – also, da ist Theuern, und da sind neuntausend Gulden in gutem Geld –?«

»Das Tagwerk um einen Gulden, zwei Schlösser und den Hammer obendrein!« rief Portner grimmig, wandte dem Wirte den Rücken und starrte auf die Straße hinaus.

»Ich hab' ja nichts davon, Herr Portner,« meinte der Wirt, machte ein bedauerndes und gekränktes Gesicht, stand auf und wischte mit der gekrümmten Hand einige Brosamen von der Platte. »Ich hab' Euch 189 nur wollen einen Gefallen thun, Herr Portner – im Andenken an den seligen Herrn Vater. War ein lieber Herr, der selige Herr Portner von Theuern!« Er machte sehr betrübte Aeuglein, hob seufzend die Arme in den Achseln, faltete die Hände über dem Bauche und ließ die fetten, grauen Backen hängen.

Als ihn aber der Junker nicht weiter beachtete, wandte er sich und schlurfte hinaus. –

Hansjörg Portner saß in dumpfem Brüten.

Nach einer Weile kam ein kleiner, verwachsener Mann in die Stube und setzte sich in die Nische an seinen Tisch.

»Wenn's erlaubt ist,« sagte er und riß an der Glocke, faltete die Hände und zog den Kopf lauernd zwischen die hohen Schultern.

Portner nickte und sah durch das Fenster auf die Straße, der Wirt brachte einen vollen Krug und ging wieder hinaus.

»Kalt heute,« begann der Kleine.

Portner schwieg.

»Das ist eine böse Zeit, vornehmlich für oberpfälzische Edelleute,« sagte der Kleine nach einer Pause, blies den Schaum vom Biere auf die Diele und that einen langen Zug.

Portner schwieg.

»Ihr seid ja auch einer,« flüsterte der Verwachsene; »auf zehn Schritte sieht man's Euch an, das heißt, wenn einer den Blick dafür hat, was edelgeboren ist.«

Portner wandte das Haupt, maß den Kleinen einen Augenblick, wandte sich ab und blickte wieder durchs Fenster.

»Und jetzt, hört man ja, soll's an die Landsassen gehen?« fuhr der andre fort und rückte näher. »Da 190 kann einer auch sein Teil denken. Oder nicht? Wißt Ihr, wie mir das vorkommt, Herr? Wie wenn sich einer im Wahnsinn die Schlagader anhaut!«

»Herr Portner!« rief der Wirt und guckte zur Thüre herein.

»Was giebt's?«

»Da wär' einer, der Euch sprechen wollt'!«

Hansjörg erhob sich und ging sporenklirrend aus der Stube.

Draußen zog ihn der Wirt in den Hof und raunte ihm zu:

»Herr, dem traut nicht, dem Buckligen! Mir kann's ja gleich sein, er zahlt sein Bier wie jeder andre, aber – nu, Herr, Ihr werdet mich schon verstehen. Es thät' mir leid um Euch.«

»Danke!« sagte Portner und ging zurück.

»Denn seht, was ist doch der Adel eines Landes?« fuhr der Kleine fort. »Das Blut im Leibe! Oder ist's anders? Aber was gilt denn dem – dem, nun, Ihr wißt schon, wen ich meine, der Adel? Nichts! Er hat ihm den Garaus gemacht im eignen Lande und er wird's auch thun im eroberten Lande. Aber ich denk' mir halt, Menschenköpfe sind keine Stupfrüben, und ehe ein halbes Jahr ins Land gegangen ist, wird er sich an manch einem harten Schädel gestoßen haben im Fürstentum der Oberpfalz. Hab' ich nicht recht?«

Hansjörg Portner schwieg, und der andre gähnte.

Im Hausflure ertönten lachende Männerstimmen, und sporenklirrend kam ein Trupp junger Leute in die dämmerige Stube.

»Wirtschaft!« schrie einer und stieß die Waffe auf den Boden, während die andern lachend einen Tisch an der Wand gegenüber der Nische besetzten.

191 Mit unterwürfiger Miene schob sich der Wirt zur Schenkthüre herein:

»Euer Gnaden befehlen?«

»Wein, aber vom besten!«

»Wie kommt Saul unter die Propheten – wie kommt der kurfürstliche Sekretarius unter die Söhne des Mars?« lachte ein hochgewachsener Beamter Seiner Durchlaucht und setzte sich geräuschvoll zu den Offizieren.

»Ei was, Herr von Kriemhofen, Ihr sollt uns immer willkommen sein!« rief ein junger Dragonerleutnant und zwirbelte den kleinen Schnurrbart, der in zwei Borstenbüscheln senkrecht emporstarrte. »Habe die schandbaren Schwänklein, mit denen Ihr angefüllt seid wie eine Blunse mit Speckstückeln –«

»Blunse, was sein Blunse?« fragte ein Wallone vom Ende des Tisches her.

»Blutwurst, Herr Bruder,« antwortete der Leutnant.

»I, zu viel Ehre!« lachte der Sekretarius und zog den Kopf zwischen die Schultern.

»Habe sie noch gar wohl im Gedächtnis von der hohen Schule. Ich sag' euch, ihr Herren Brüder, das ist ein Durchtriebener, dieser Herr von Kriemhofen!« vollendete der Leutnant.

»Nur heraus damit! Aber wir sind ausgepicht; darf schon ein brenzliger Schwank sein, wenn er uns behagen soll!« rief einer.

»Na, nur abwarten!« sagte der Leutnant. »Aber verändert habt Ihr Euch, Kriemhofen! Und doch ist mir's gestern schon beim Empfange aufgefallen – der Schreiber, der lange, dicke, da drüben hinterm Vizedom, der kommt dir so bekannt vor – wo hast du den doch schon gesehen? Und ich strenge mein Gehirn an –«

192 »Was der Herr Bruder sonst nicht allzu oft übers Gewissen bringt,« meinte der Rittmeister, setzte sich, stellte die Waffe zwischen die Kniee und faltete die Hände über dem Korbe.

Die andern lachten, der Leutnant aber rief:

»Wozu auch? Dazu sind die Herren von der Feder vorhanden!«

»Und ist auch im Grunde kein so großer Unterschied zwischen Feder und Schwert,« sagte Kriemhofen und lehnte sich zurück.

»Oho!« riefen mehrere Offiziere.

»Reden lassen!« befahl der Rittmeister.

»Ich denke, das Schwert ist eine Waffe und die Feder nicht minder, ihr Herren.«

»Wie die Pranke des Löwen und die gespaltene Zunge der Viper!« rief ein Kornett aus der Ecke, und schallendes Gelächter erhob sich in der Runde.

»Reden lassen!« brüllte der Rittmeister und lachte, daß es ihn stieß.

»Die Herren haben recht und haben nicht recht, wie man's nimmt,« sagte Kriemhofen und wiegte das schwarzlockige Haupt. »Aber ich kenne einen Löwen, der sich des Schwertes bedient und damit zuschlägt, daß die Funken sprühen, und zuzeiten das Schwert hinlegt und zur Feder greift, daß Königreiche wanken.«

Der Wirt kam mit den vollen Kannen, der Rittmeister warf einen stechenden Blick auf den Sekretär, stand auf, hob seinen Becher und rief:

»Der Herr der Schwerter und der Federn, unser durchlauchtigster Kurfürst Maximilianus vivat hoch!«

Klirrend erhoben sich die Herren und stießen die Becher aneinander.

»Und den Tod allen seinen Widersachern!« rief Kriemhofen und trank seinen Becher leer.

193 »Den Tod, den Tod!« schrieen sie in der Runde und ließen sich geräuschvoll auf die Stühle nieder.

»Den kann einer haben, der mit dem Durchlauchtigen anbindet,« sagte der Leutnant und zwirbelte seinen Schnurrbart.

»Drum giebt's auch viele, die's nicht aufs Aeußerste ankommen lassen,« meinte Kriemhofen. »Im Fürstentum der Oberpfalz getraut sich keiner mehr zu mucken.«

»Schade!« sagte der Rittmeister. »Hab' ich wunder gedacht, zu was für Kämpfen und Blutbädern unser Regiment in die Oberpfalz beordert wird, und als wir durch die Dörfer marschierten, standen sie allerorten mit krummen Buckeln, schleppten herbei, was nur immer möglich war – in Teufels Namen, was sollen wir denn schaffen hier oben in der Steinpfalz, wenn es nichts zum Dreinschlagen giebt?«

»Hier hat eben die Feder das beste Teil vorweggenommen, Herr Rittmeister!« sagte Sekretär Kriemhofen selbstgefällig. »Damit kommen wir wieder auf unsern vorigen Diskurs.«

»Holla,« rief der Rittmeister, »da fragt doch einmal Eure Kollegen von der Feder im Landl ob der Enns, was sie ohne das Schwert zuwege gebracht hätten gegen die rebellischen Bauern!«

»Das ist ein ander Volk,« meinte der Sekretär.

»Und warum sind wir dann hergerufen worden ins Fürstentum der Oberpfalz?« rief der Kornett höhnisch.

»Gut ist gut, und besser ist besser,« meinte Kriemhofen und wischte über den Aermel seines schwarzen Wamses.

»Aha!« riefen die Offiziere im Kreise.

»Friede zwischen Schwert und Feder, ihr Herren!« 194 sagte der Rittmeister und zwinkerte mit den stechenden Augen. »Also kann's vielleicht doch noch andres zu thun geben in Amberg für einen alten Haudegen, als Prozessionenlaufen? Uns soll's recht sein – nicht wahr, ihr Herren Brüder?«

»Es lebe der Krieg!« rief einer aus der Runde. »Es lebe der Krieg!« riefen sie wild durcheinander, und wieder klangen die Becher.

»Licht!« schrie der Rittmeister. Und im Nu brachte der Wirt die brennenden Kerzen.

»Der Krieg stirbt nicht, solang es noch einen Ketzer giebt im heiligen römischen Reiche,« sagte der Rittmeister und that einen tiefen Zug. »Vivat Maximilianus, unsers Herrgotts Freund und aller Ketzer Erzfeind! Ja, ihr Herren, was sind denn die Regimenter der Liga viel andres als große Bruderschaften, geworben und begründet zur Ausrottung der Ketzerei?«

»Bruderschaften?« lachte der Leutnant.

»Bruderschaften vom heiligen Schwert!« rief der Rittmeister. »Und wenn einer von uns heut oder morgen ins Gras beißt, und der heilige Petrus verwehrt ihm den Eingang ins Himmelreich – sagt: ›du hast mehr Sünden auf dem Gewissen als ein junger Hund Flöhe im Pelz, marsch ins Fegfeuer, wo's am heißesten ist‹ –, so braucht unsereiner nur zu antworten: ›Platz da, Herr Petrus, gebet Raum für einen Soldaten der Liga!‹ – Und wetten, er giebt Raum und murmelt in seinen Bart: ›Um Vergebung, guter Freund, das ist allerdings ein ander Sach!‹ – Spricht unsereiner: ›Hättet's mir wohl an der Feldbinde ansehen können, Hochwürdiger, wes Standes ich bin!‹ – antwortet er: ›Verzeiht, ich bin gar alt, meine Augen sind schwach geworden in der langen Zeit, gehe alleweil mit dem Gedanken um, dem 195 Ignatius die Himmelsschlüssel abzugeben.‹ – ›Dem Ignatius Loyola?‹ sagt unsereiner. – ›Dem und keinem andern,‹ sagt der heilige Petrus. – Lacht unsereiner: ›Na, dann hat's erst recht keine Not für einen braven Soldaten der Liga!‹«

Die Offiziere hoben die Becher und lachten und schrieen durcheinander. Der Verwachsene aber in der dunkeln Nische neben Hansjörg Portner flüsterte:

»Hat er das nun im Ernste oder spöttlich gemeint, Herr?«

»Was kümmert's mich?« sagte Portner und trank aus seinem Kruge.

»Euer Bier mag warm sein,« flüsterte der Kleine; »jede halbe Stunde einen Zug!«

»Also, vor den Bauern brauchen wir uns nicht zu fürchten im Fürstentume der Oberpfalz, Herr von Kriemhofen?« sagte der Leutnant.

»Bauern! Wer hat jemals nach Bauern fragen müssen?« rief einer.

»Bauern?« grollte der Rittmeister und stieß die Waffe auf die Diele. »Ich sage dir, Herr Bruder, lieber gegen ein Heer von Satanassen als gegen ein Heer von Bauern – das sage ich!«

»Es wird zuletzt nicht so gefährlich gewesen sein im Landl ob der Enns,« meinte der andre. »Was können Bauern ausrichten gegen ein gerüstetes Heer?«

»Wenn einer dabei war, kann er reden davon, Herr Bruder,« sagte der Rittmeister finster. »Ich bin bekannt als einer, der sich vor nichts fürchtet auf Erden und an andern Oertern. Oder nicht?«

Ein beifälliges Gemurmel erhob sich in der Runde.

»Aber das einzige Mal, wo ich mich fast gefürchtet hätte, fast, ihr Herren Brüder, und wo ich zwanzig dicke Kerzen nach Altötting versprochen und 196 gelobt, wo ich die Zähne aufeinander gebissen und Reu' und Leid gemacht habe, das war bei Gmunden im Angesichte der Bauern,« vollendete der Rittmeister, stieß die Waffe abermals auf den Boden und trank seinen Becher aus.

»Heda, Wirtschaft!«

Geräuschlos brachte der Wirt den frischen Krug und zog sich an die Thüre zurück.

»Ich habe Respekt vor aller Kreatur, die sich ihrer Haut wehrt und den Feinden die Zähne zeigt, ob nun die Kreatur ein Bär ist, der mit Pranken und Zähnen losgeht, oder eine Wildsau, die den Jäger aufnimmt, oder ein Bauer, der mit Morgenstern und Sense den Kampf ausficht,« fuhr der Rittmeister fort und schenkte seinen Becher voll.

»Nieder mit allen Rebellen!« sagte Kriemhofen.

»Nieder mit ihnen, aber Respekt vor jeder kämpfenden Kreatur!« sagte der Rittmeister und machte ein finsteres Gesicht. »Und vor den Bauern im Landl ob der Enns habe ich Respekt bis an mein seliges Ende. Ja, ihr Herren Brüder, wer dabei gewesen ist, der kann erzählen davon. Heute noch hör' ich in meinen Ohren den Schlachtgesang der Bauern hinter Gmunden, einen grimmigen Gesang nach einer gewaltigen Weise. Wie lautet's doch, das Lied, daß Gott eine starke Festung sei? Einer in meiner Rotte hat's gekannt und hat mir damals die Worte gesagt –«

»›Ein' feste Burg ist unser Gott‹ – das alte lutherische Ketzertrutzlied,« antwortete Kriemhofen höhnisch.

»Mag's sein, was es will, es ist ein gewaltiger Sang, der einem durch Mark und Bein geht!« rief der Rittmeister. »Wer dabei gewesen ist, der kann 197 erzählen davon. Und muß ein Sang sein, der das Herz fest macht und todverachtend; denn sie haben den Tod für nichts geachtet, die lutherischen Bauern hinter Gmunden am 14. November 1626, des bin ich Zeuge. Heilige Jungfrau! Das war das wunderbarste Fechten, das einer sehen kann: Siebenmal haben wir die rasenden Haufen zurückgeworfen, siebenmal sind sie wieder vorgedrungen in guter Ordnung – aber nicht wie Menschen, sondern wie wütige Bestien. Seine Waffen hat keiner weggeworfen von den mannhaften Bauern, und davongelaufen ist erst recht keiner. Haben sie weichen müssen, sind sie gewichen wie wilde Eber, Fuß um Fuß – und haben sich lassen niederschlagen ohne Ach und Wehgeschrei. So furchtbar war das Gemetzel, daß das Blut in den Fahrwegen geloffen ist, als hätt' es heftig geregnet. Ja, ihr Herren Brüder, wer dabei gewesen ist bei Gmunden oder bei Emling, bei Vöcklabruck oder endlich bei Wolfsegg, der kann erzählen davon, und grausiger als das Geschrei und Getöse und das Pumpern der Kanonen ist mir das Singen der Bauern gewesen, das furchtbare Singen, ihr Herren Brüder!«

»Hat ihnen nichts geholfen, das Singen,« sagte der Kornett und verzog den Mund.

»Wenn's aufs Singen ankäme, dann hätten uns die Oberpfälzer schon längst aus dem Lande gesungen,« meinte der Sekretarius. »Aber der Herr Rittmeister hat recht, es ist gefährlich, das lutherische Singen, und deshalb sind wir scharf drauf aus und stecken's ihnen auf dem platten Lande und in den Städten durch unsre Amtleute allerorten.«

»Es hat ihnen freilich nichts geholfen,« sagte der Rittmeister; »wir haben sie trotz ihrem Singen in die Pfanne gehauen, und das Landl ist heute so still 198 wie ein Kirchhof. Denn wer kann wider Gott? Aber wenn sie auch gottverdammte Ketzer gewesen sind, die man vertilgen muß wie reißende Tiere, als ein Soldat sage ich dennoch: Hut ab, sind Helden gewesen, die lutherischen Bauern im Landl!«

»Es lebe die Bravour!« rief einer von den Offizieren, und wieder klangen die Becher zusammen.

»Da muß Euch das oberpfälzische Volk freilich wie eine Hammelherde und das ganze Fürstentum vorkommen wie ein Schafstall,« sagte Kriemhofen.

»Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht kann's ja recht sein,« rief der Rittmeister; »einem alten Soldaten wär's lieber, wenn's etwas zu raufen gäbe. Aber sagt, Herr, wie hält sich denn der Adel hierzulande?«

»Pah, der Adel!« lachte Kriemhofen und wischte mit der Hand durch die Luft.

Hansjörg Portner erhob sich in seiner dunkeln Nische, zog die Stulphandschuhe an und setzte den Federhut auf den Kopf.

»Ihr seid ja morgen abend beim Herrn Vizedom zu Gaste, Herr Rittmeister,« fuhr Kriemhofen fort und lachte; »da fragt nur einmal die Gnädige, wie bei ihr die oberpfälzischen Landsassen heißen!«

»Na, wie?«

»Gewappelte Mistbauern und feiges Hasenvolk.«

Hansjörg Portner schob seinen Tisch zur Seite und ging sporenklirrend an den Tisch der Offiziere, blieb stehen hinter Kriemhofens Stuhle, lüftete den Hut, spreizte die Beine und rief mit schneidender Stimme: »Hansjörg Portner von und zu Theuern, oberpfälzischer lutherischer Landsasse, Doktor beider Rechte und reformierter venetianischer Kornett, ihr Herren!«

Die Offiziere hatten sich erhoben und nannten 199 ihre Namen. Der Sekretarius von Kriemhofen aber saß fest auf seinem Stuhle und wandte sich nicht.

»Herr von Kriemhofen,« sagte Portner und stülpte den Hut über den Schädel, während sich die Herren setzten, »Ihr habt soeben Verächtliches verlautbart über die Ritterschaft der Oberpfalz. Steht mir Rede!«

»Feder und Schwert kontra Feder!« flüsterte der Leutnant seinem Nachbar ins Ohr und verzog das Gesicht.

Kriemhofen wandte sich nicht und sagte mürrisch: »Ich hatte Euch nicht wahrgenommen, und ich habe das Wort nicht als meine eigne Meinung gesprochen.«

»Herr von Kriemhofen, wollt Ihr Euch nunmehr hinter einen Weiberrock verkriechen?«

Der Sekretarius zuckte zusammen. Dann fuhr er auf und wandte sich gegen den Landsassen: »Ihr kennt die kurfürstlichen Mandate, Raufhändel betreffend – schert Euch, sonst lass' ich Euch Mores lehren!«

Die Offiziere flüsterten untereinander. Hansjörg Portner kreuzte die Arme und sagte: »Herr von Kriemhofen, Ihr wißt das vielleicht selber nicht, aber es kann's jeder wahrnehmen ohne Brille – hinter Euern Löffeln ist's noch ganz tropfig naß.«

»Herr –« murmelte der Sekretarius.

»Das langt zum Knallen,« sagte der Rittmeister laut und blickte verwundert an Kriemhofen hinauf.

»Ich bin während der nächsten Stunde in meiner Stube droben,« sprach Portner und verneigte sich gegen die andern: »Um Vergebung, ihr Herren!« – Und sporenklirrend schritt er hinaus.

Totenbleich saß der Sekretarius auf seinem Stuhle. »Der Hund!« zischte er.

»Je nun, Herr,« sagte der Rittmeister und wandte 200 seine stechenden Augen nicht vom Angesichte des andern, »er hat sich seiner Haut gewehrt, sonst nichts. Respekt vor einer solchen Kreatur! – Aber sagt an, sind Eure oberpfälzischen gewappelten Mistbauern allesamt aus diesem Holze?«

Kriemhofen schwieg. Der Verwachsene aber in der dunkeln Fensternische legte sein Geld neben den Krug, nahm sein Mäntelein und seinen Hut vom Nagel und schlich aus der Stube.

»Wollt Ihr mir den Gefallen thun?« wandte sich der Sekretarius zum Leutnant.

»Wenn's weiter nichts ist, von Herzen gern!« sagte dieser und erhob sich.

»Eine verteufelte Geschichte für einen kurfürstlichen Beamten!« murmelte Kriemhofen.

»Wenn die Ehre spricht, schweigt alle andre Musik,« sprach der Rittmeister und streckte die langen Beine weit ab unter den Tisch.

»Auf morgen früh?« fragte der Leutnant.

»Je bälder, desto besser!« sagte der Rittmeister. 201

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