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Hans Georg Portner

August Sperl: Hans Georg Portner - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleHans Georg Portner
authorAugust Sperl
year1901
firstpub1901
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHans Georg Portner
pages402
created20140712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Und wenn –?

Wohledler, Gestrenger, demselben sind meine in Ehrengebühr jederzeit willige Dienst und Gruß zuvor, freundlicher, vielgeliebter Herr Bruder. Das ist ein großer Schrecken gewesen, als mich heute morgens der Herr Vater in sein Museum hat rufen lassen und hat mir des Herrn Bruders Schreiben vom neunten Juni übergeben, Schrecken und Freude zugleich. Aber was kann ich arm, unwissend Ding anders antworten als dieses: Freilich hab' ich schon lange an dem Herrn Bruder einen gar großen Gefallen, also daß ich ihm auf sein Anhalten nach eingeholter beiderseitiger elterlicher Zustimmung von Herzen gerne das Jawort gebe, hoffend, er werde an mir finden, was er sucht und braucht. Weil aber die Zeitläufte so gar gefährlich und geschwinde sich anlassen, so denk' ich mir, es wird noch viel Wasser die Vils hinab gen Theuern rinnen, bis mir die Frau Mutter die Brautkrone auf den Kopf setzt. Weiß ja insonderheit niemand vom Adel im Lande, wo er im nächstkünftigen Jahre sein Haupt hinbetten wird. Und daß ich's nur dem Herrn Bruder gleich anvertraue, weil er ja nunmehr mein bester Freund ist und sein wird: Es dünkt mir seltsam, aber der Herr Vater, der sonst alles mit seiner Ruth bespricht, der ist ganz stumm, wenn ich von dem schrecklichen Religionswesen 162 zu reden anfangen will. Auch die Frau Mutter will mir gar nit Rede stehen; hat's ihr wohl der Herr Vater verboten. Zu geschweigen die gut alt Ahnfrau, die immer fortgeht, wenn sie nur von ferne so was hört. Ist alles ganz dunkel, wohin ich ausblicke. Weiß gar nit, was der Herr Vater zu thun vorhat. Er sollte doch, denk' ich, danach trachten, daß er einen Käufer finde für den Zant (dieses ist mir hart aus der Feder geflossen). Wird also wohl gut sein, wenn die Sache noch still verbleibt zwischen uns, bis daß wir wissen, wo aus und ein. Und schreibt mir fein ja, was der Herr Bruder zu thun gedenkt, und ob die Gebrüder Portner schon einen Käufer gefunden haben für Theuern. Es geschehe mit uns, wie der liebe Gott will. Welches ich dem vielgeliebten Herrn Bruder nit verhalten können. Dann sei der Herr Bruder neben dem wohledeln und gestrengen Herrn Georg Portner von Theuern und dessen Frau Eheliebsten viel tausendmal freundlich gegrüßt und Gott treulich befohlen. Datum Zant den 14. Juni 1628. Eure getreue Dienerin und Freundin, weil ich leb',

Ruth von Zant.

Kann's dem Herrn Bruder gar nit sagen, wie lieb er mir ist. Möchte jauchzen, wenn ich daran gedenke, daß er mir gut ist.

*

Auf Gras und Kraut lag der funkelnde, blitzende Tau, kein Wölklein war am lichtblauen Himmel, und im duftenden Buchenhaine hinter dem Zant schmetterten wieder die Finken.

Ueber die moosgrüne Zugbrücke kam Ruth.

›Ob es wohl recht ist?‹ murmelte sie, deckte die Augen gegen die blendende Sonne und spähte hinüber zum Haine. Dann hob sie den Saum des Kleides 163 und eilte den schmalen Pfad entlang durch die nasse Wiese.

›Wie hoch das Gras heuer steht! Das giebt eine gute Ernte. – Aber was er nur will?‹

Sie hielt im Walde und spähte in seine grüne Nacht.

›Auf der Waldwiese – ob er wohl schon da ist?‹ Sie lauschte, und die Finken schmetterten.

Sie ging in den Wald.

›Ob es wohl recht ist? Du hättest's doch der Mutter sagen sollen!‹

›So geh halt heim, Ruth!‹

›Heim? Nein, das kann ich nicht.‹

›Also vorwärts! Bist du nicht seine Braut?‹

›Ach ja!‹

›Darum vorwärts!‹


Er stand am Rande der kleinen Waldwiese, hatte den Zaum des grasenden Pferdes um die Linke geschlungen, den Rücken an den Stamm einer großen Buche gelehnt und träumte vor sich hin.

Da rauschte es hinter ihm, und dürre Zweige knackten.

»Ruth –!«


»Hat uns doch niemand gesehen?« flüsterte sie, trat einen Schritt zurück und glättete ihr Haar.

»Ich werde meine Herzliebste wohl noch küssen dürfen im grünen Walde?« lachte Portner. »Oder habe ich die Jungfrau gebissen?«

Sie lachte. »Aber es ist doch ganz gegen den Brauch – so allein?«

»Brauch hin, Brauch her, – was fragt man viel nach Brauch im grünen Walde?«

164 »Aber Ihr habt ja doch Ernsthaftes mit mir reden wollen, Herr Portner?«

»Habe ich das? Vielleicht. Aber das hab' ich jetzt alles vergessen.« Und er wollte sie wieder an sich ziehen.

»Vergessen?« fragte sie und wich noch mehr zurück.

»Na, vergessen wohl nicht, aber es ekelt mich an. Ich wollte über die Zukunft mit dir reden. Aber das hat Zeit. Warum soll ich uns den wundervollen Morgen verderben? Laß die Welt! Laß die Narren und Thoren und Schurken! Horch – hörst du was von dem Gerassel und Getriebe da herein in den Frieden? Nein! Also, Ruth! Komm, laß die böse Welt versinken um uns her! Komm, Ruth! Und warum sagst du immer Herr Portner?«

»Die böse Welt,« murmelte Ruth nachdenklich. »Nicht wahr, sie ist böse?«

»Aber freilich, Ruth, bitterböse.«

»Ich hab' es nie geglaubt, das Wort von der bösen Welt,« sagte Ruth. »Jetzt wird mir's immer klarer, von Tag zu Tag –. Ich fürchte mich,« sagte sie plötzlich, und ihre Augen starrten auf den Junker.

»Vor mir, Ruth?«

»Vor dir? Ach, Portner, nein! Vor der Welt!«

»Ich sag's ja, laß die Welt versinken um uns her und komm an mein Herz!«

»Wie kann ich die Welt lassen, die nach mir greift mit ihren Krallen und nach den Eltern und den Geschwistern und dem Zant – und nach dir, Hansjörg? Ich fürchte mich!«

»So komm, Ruth! Komm zu mir! Ich will dich decken, ich will dich führen, ich will dich tragen, 165 ich will dich heben, ich will dich bergen an meinem Herzen im Froste und will mich stellen zwischen dich und die stechende Sonne. Was kümmert uns die Welt, wenn wir uns lieben?«

»Kannst du das? Kannst du mir helfen gegen die Welt?«

»Und warum nicht?« Er reckte sich.

»Und, Hansjörg –«

»Frisch 'raus, Ruth!« lachte Portner.

»Ach, Hansjörg, ich habe dich schon lange fragen wollen –«

»Frisch 'raus, Ruth! Ob du die erste bist? Ja, Ruth, beim Gedächtnis meiner Mutter.«

Ruth sah ihn verständnislos an. »Ich weiß nicht, was du meinst –?«

»Heiliger Gott, bin ich froh, daß ich mich jetzt nicht in den Boden schämen muß,« lachte Portner und bat: »Komm, Ruth!«

»Bist du, Portner, bist du gut lutherisch? – Jetzt ist's heraußen.«

Hansjörg schwieg und sah zu Boden.

Ruth blickte angstvoll auf ihn.

»Das Wort lutherisch hat Luther selbst nicht leiden mögen, Ruth.«

»Das versteh' ich nicht, Hansjörg. Aber es ist mir – es ist mir – Hansjörg, als – liege nun auf einmal etwas zwischen uns im Wege, und ich könne nicht darüber.«

»Ich denke wohl über manches nicht so, wie es gerade hergebracht und vorgeschrieben ist,« sagte der Junker und schaute ihr ruhig in die Augen. »Aber willst du mich aus dem Katechismus examinieren, Ruth?«

»Wie könnt' ich das?« fragte Ruth unruhig. »Ich arm, unwissend Ding Euch gelehrten Herrn?«

166 »Euch? Dich, dich! Komm, Ruth!« Er breitete seine Arme aus, und der Zügel des Pferdes schleifte über den Blumen.

»Nein,« sagte sie traurig, »es liegt noch im Wege.«

»Was denn, Ruth?«

»Ich kann's nicht sehen, aber es liegt da.«

»Komm, Ruth!«

»Hat der Herr Bruder, – hast du schon einen Käufer für Theuern?«

»So muß es denn wirklich sein Ruth? Laß doch die Welt mit ihrer Angst und Qual! Nur heute nicht, Ruth, nur nicht im Walde hier!«

»Sind wir nicht mitten in der Welt allerorten?«

»Was kümmert's dich? Laß doch mich kämpfen für uns beide!«

»Hat der Herr Bruder schon einen Käufer für Theuern?«

»Nein!« sagte Portner und stampfte.

»Und was gedenkt nun der Herr Bruder zu thun, wenn sich kein Käufer finden will?«

»Und was gedenkt wohl der Herr Vater zu thun in solchem Falle?«

»Das weiß ich nicht,« antwortete Ruth mit bebenden Lippen. »Und es will mir vorerst auch nicht geziemen, zu fragen.« Sie hielt inne und drückte die Hand aufs Herz. Dann sagte sie fest: »Den Herrn Bruder aber muß ich fragen!«

»Und wie kann ich das heute wissen?« murrte Hansjörg Portner und blickte an Ruth vorüber in den Wald. »Kommt Zeit, kommt Rat. Da spielt gar vieles mit.«

»Der Herr Bruder weiß es nicht?« Es liefen ihr zwei dicke Thränen über die Wangen.

167 »Ruth!« schrie Portner. »Du quälst mich und dich. Aber ich – ich weiß es wahrhaftig nicht.«

Sie faltete die Hände und sah ihn flehend an.

»Ruth, willst du, daß ich vor dir stehe und heuchle? Ruth, ich kenne nur ein Dogma: die blitzblanke Wahrhaftigkeit!«

»Heucheln? Daran habe ich wahrlich nicht von ferne gedacht.«

»Nun also!«

Sie trat einen Schritt vor und sagte mit zitternden Lippen: »Ade, Herr Bruder, meine Geschwister möchten meiner bedürfen.«

»Was soll das heißen, Ruth?«

»Daß etwas zwischen dem Herrn Bruder und mir im Wege liegt, und ich kann nicht darüber.«

»Ruth – also kündest du mir die Liebe?«

»Ich?« sagte sie mit schmerzverzerrtem Gesichte und wandte sich ab. »Ich habe den Herrn Bruder unsäglich lieb.«


Sie schlich durch den grünblinkenden Hain zurück, und Thräne auf Thräne rollte über ihre Wangen.

Er aber stand trotzig mit zusammengepreßten Zähnen und sah ihr nach, solange das Kleid zu schauen war zwischen den silbergrauen Stämmen. Dann ging er an sein Pferd, schwang sich darauf und trabte hinaus auf die Heide.

*

Es war Abend, als Hansjörg Portner die Schenke verließ und aus dem Wingertshofer Thore ritt, und es dunkelte schon stark, als die Hufe seines Pferdes endlich über die lange Holzbrücke zu Theuern polterten.

Im ersten Gaden des Herrenhauses waren zwei 168 Fenster hell, und den Fluß entlang vom Hammerwerke kam eine hohe Gestalt über den Kirchenplatz gegangen. Hansjörg sah scharf hin, trieb seinen Gaul an und sprang neben dem Bruder ab.

»Ah, du, Hansjörg? Was Neues?«

»Nichts als das Alte, und das ist noch immer neu genug.«

»Leider Gottes!«

Sie schritten nebeneinander zur Steinbrücke. Hinter ihnen schnaubte das müde Pferd und ließ den Kopf hängen.

»Du hast wieder geschafft wie ein Knecht,« sagte Hansjörg.

»Als ob du sonst die Hände in den Schoß legtest, Hansjörg! – Und dann, es giebt ja zu thun von früh bis nacht. So gut ist der Hammer doch noch nie gegangen wie heuer.«

»Wenn das der Herr Vater erlebt hätte!« sagte Hansjörg, streckte sich und riß ein Blatt vom Lindenbaume.

»Der uns im Testamente befahl, den Hammer eingehen zu lassen! Erst neulich ist mir's wieder einmal in die Hand gefallen!« murmelte Georg.

»Zuweilen muß man doch auch gegen ein Testament handeln,« meinte Hansjörg nachdenklich, blieb stehen und klopfte seinem Pferde den Hals. »Ein schwüler Abend!«

»Offen gesagt, Hansjörg, es ist mir doch lieb, daß nicht ich oder du, sondern der Wolfheinz und die Vormünder von Anfang an gegen den Willen des Testaments gehandelt haben. Jetzt freilich ist's ja gut hinausgegangen.«

»Man kann sich eben nicht immer so genau an Testamente halten, Georg,« wiederholte Hansjörg.

169 »Und ist doch so was Ernsthaftes um ein Testament, vom Testamente unsers Herrn und Erlösers angefangen bis herab auf den letzten Willen einer alten Mutter,« sagte Georg nachdenklich. –

»Georg!« Hansjörg stockte.

»Was, Hansjörg?«

»Georg, wenn nun – wenn der Termin abläuft und wir haben keinen Käufer, wirst du – ich meine, wirst du dann emigrieren?«

Der Mann im Arbeitswamse trat nahe an den Bruder und versuchte, ihm ins Antlitz zu schauen; aber es war schon zu dunkel, und auch die Bäume warfen schwarze Schatten. »Ach, Hansjörg, freilich!«

»Und es müßte doch nicht sein,« murmelte der andre.

Verwundert sagte Georg Portner: »Hansjörg, aber so was Grausiges hab' ich ja noch keinen Augenblick gedacht.«

»Nicht?«

»So was könnt' ich ja doch meinem Herrn und Heiland nicht anthun!«

»So faßt du's auf?« murmelte Hansjörg.

»Es ist mir nur so traurig, daß es halt doch wird sein müssen,« sagte Georg und schritt weiter.

»Was?«

»Das Emigrieren, Hansjörg.«

Hansjörg Portner ging dem Bruder nach, und müde schnoberte das Pferd hinter seinem Herrn über den Kies.

»Wenn mich,« sagte Georg und blieb am Portale stehen, »wenn mich der Durchlauchtige ruft, so muß ich ihm aufwarten mit zwei Rossen und einem Gewappneten und muß hinter ihm reiten in Not und Tod, ohne zurückzusehen. Das ist doch Lehnrecht – nicht, Bruder?«

Hansjörg hob den schweren Klöpfel und ließ ihn 170 auf das Metall krachen, daß es dröhnte im Hause. Dann steckte er Daumen und Zeigefinger in den Mund, ließ einen gellenden Pfiff ertönen und sagte zornig: »Wo lungert denn der Mathes wieder umher?«

»Nicht, Bruder?« fragte Georg zum zweiten Male und wandte sich auf der Schwelle.

Doch Hansjörg schwieg. Und als der Bruder gegangen war, murmelte er grimmig: »Nun fahren uns die Wölfe in die Häuser und zerreißen uns die Familien.«

*

Wohledle, Ehr- und Tugendhafte! Derselben sind meine in Ehrengebühr jederzeit willige Dienste und Gruß zuvor. Vielgeliebte Jungfrau! Es sind nun drei Wochen ins Land gegangen, seitdem ich in Zorn und Schmerz von Euch gewichen bin. Und, wahrhaftig, es hat mir bitter weh gethan, fern zu bleiben von Euch. In diesen drei Wochen habe ich nicht geruht und nicht gerastet, bin dahin und dorthin geritten und habe mein und meines Bruders Erb- und Lehngut Theuern dem und jenem angefeilscht. Doch es ist alles umsonst gewesen. Und nun sitze ich wieder in der Heimat, habe ein Roß lahm geritten und bin zu Schanden geworden mit meinem Vornehmen. Wer wollte auch kaufen in dieser bösen, geschwinden Zeit? O, diese Gesichter überall, ich vergesse sie nicht: Mitleid und Spott und Spott und Mitleid. ›Zwanzigtausend Gulden! Was, zwanzigtausend Gulden?‹ Ja, aber die ist's wert. ›Mag sein, aber wer hat jetzt zwanzigtausend Gulden?‹ Zwei große Herrenhäuser und ein Hammerhaus, neuntausend Tagwerk Holz, Ackerland und Wiesmahd, das Hammerwerk samt dem Schmelzofen, das Fischrecht, zwanzigtausend Gulden, und die ist's wert. – Ich kann der viellieben Jungfrau versichern, der Zorn möchte mich fressen, 171 denke ich an die Handelschaft. Meines Vaters Erbe von Haus zu Haus tragen, wo etwa ein reicher Protz zu finden, und von Stadt zu Stadt – bis im Bayrischen, zu Straubing und zu Deggendorf, bin ich gewesen – ist mir zuweilen vorgekommen, als ging' ich betteln um Gottes willen. O, die Schmach! Und immer hat mir der viellieben Jungfrau Rede im Ohr geklungen: ›Ist mir, als liege etwas zwischen uns im Wege.‹ – Und nun muß alles klar werden zwischen uns, alles – hört mich die vielliebe Jungfrau Ruth? Ich strebe in Ehren fortzukommen von Theuern, und was mein Bruder Jörg ist und sein Weib, die wissen nichts andres, als daß sie emigrieren, mag's gehen, wie es will. Ich aber emigriere nicht um jeden Preis. So, nun ist es heraußen. Bringen wir Brüder Theuern an den Mann, gut, dann sattle ich meinen Gaul und kehre der Heimat den Rücken – wenngleich mir noch oftmals im Wachen und Schlafen der Hammer von Theuern pochen wird um die Wette mit meinem Herzen. Aber verkommen und verösigen lasse ich Theuern nicht, und müßt' ich die Kniee beugen hart neben meiner Eltern Gruft und alles mitmachen, was man von uns verlangt kraft landesherrlicher Gewalt. So, nun weiß es die Vielliebe. Und gehe doch die Vielliebe zu ihrem Herrn Vater und frage ihn, wie weit er ist mit dem Verkaufen, gehe sie doch und frage ihn, was einer für Aussicht und Hoffnung hat, sein Erbe zu versilbern, wenn hundert Dörfer feil werden, gering gegriffen! Gehe sie doch und frage ihn und schreibe mir seine Antwort! Und frage sie ihn, ob wir den Preis zu hoch gegriffen für Theuern! Er weiß es, den ich ehre und liebe als meinen zweiten Vater, der Theuern aus seinem Verfalle wieder zu Stand und Würden 172 gebracht hat. Und frage sie doch den Herrn Vater, ob er dem Landfahrer Portner seine Tochter zur Ehe giebt? Wer kann mich zwingen, als Bettler von meinem Erbe zu weichen? Ja, wenn ich meines Bruders Sinn und Meinung hätte und seines Weibes – aber die hab' ich nicht. Und frage doch die Vielgeliebte ihren Herrn Vater, ob ihm selbst der Sinn nach Bettelstab und Ranzen steht? Die Faust eines Gewaltigen liegt auf uns – müssen wir uns ducken? Ich sage nein! Und zum heiligen Märtyrer fehlt mir das Zeug. Ich suche meine Fortuna, und nun ich's zu halten vermeinte, will's mir entgleiten. Aber ich glaub' an mein Glück! Und weiß denn die Vielliebe nicht, was mein Glück ist? Sie selber ist's! Amen, dreimal Amen. Allzeit, derweil ich leb', der edeln Jungfrau Diener

Hansjörg Portner von und zu Theuern.

Darf ich nach der Ernte wieder zu meiner Viellieben reiten?

*

Wohledler, Gestrenger, freundlich vielgeliebter Herr Bruder. Mit zitternden Händen und unter Weinen habe ich Euern Brief gelesen und den Bericht, daß der Herr Bruder so viel im Lande hat hin und her reiten müssen, das Gut Theuern anzufeilschen. Du lieber Gott, wie ist das hart! Glaub' selber, Ihr und alle Wohlgesinnten werdet noch viel Mühsal erdulden müssen. Aber doch habt Ihr's leicht, viellieber Herr Bruder; denn Ihr seid ein Mann. Und wenn Ihr fragt, wer Euch zwingen könnte, als Bettler von Euerm Erbe zu weichen, so sage ich Euch: Keiner als nur Euer Gewissen. Denn was treibt Euern Herrn Bruder und seine Frau Eheliebste von dannen (wenn es so weit kommt)? Doch auch nur ihr 173 Gewissen. Kann mir nicht wohl denken, und bin nur ein arm unwissend Weib, daß der Herr Bruder hart neben seiner Eltern Grabe die Kniee beugen thäte. Nein, das wird er sicher nicht! Denn wenn mir recht ist, steht auf dem Stein, auf dem der Herr Bruder selbst unter seinen Geschwistern als kleines Büblein mit aufgehobenen Händen ausgehauen ist, der Bibelspruch: ›Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten.‹ – Meine Augen gehen mir über, und es ist, wie ich dem Herrn Bruder neulich im Walde gesagt habe, ich fürcht' mich vor der Welt, sie will ihre Krallen nach mir ausstrecken, und nun ich weiß, daß sie die Krallen auch nach dem Herrn Bruder ausstreckt, fürchte ich zwiefach. Daß nur der Herr Bruder nicht irre gehe auf dem Wege zum Glück! Den Herrn Vater hab' ich gefragt, ob der Herr Bruder das Gut Theuern nicht allzu hoch angefeilscht habe. Hat er geantwortet: ›Nein, eher zu gering.‹ Doch er meint, daß jetzt niemand werde kaufen wollen. Was mich aber der Herr Bruder sonst noch zu fragen geheißen, hab' ich bei mir behalten. Das eine zu fragen geziemt mir nicht, und auf das andre kann ich Euch selber die Antwort geben: Ich beuge meine Kniee nicht unter der Faust des Gewaltigen, und wenn mich Vater und Mutter verließen. Ach, wolle der Herr Bruder doch lieber nicht mehr auf den Zant reiten. Es möchte mir das Herz abstoßen, wenn ich ihn sehe.

Datum Zant, den 15. Juli 1628.

Eure getreue Dienerin

Ruth von Zant. 174

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