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Christian Dietrich Grabbe: Hannibal - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleHannibal
authorChristian Dietrich Grabbe
year1989
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006449-x
titleHannibal
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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II Numantia und Kapua

Die Ruinen Numantias, noch glühend und dampfend

Terenz. Noch immer nicht Morgen? Ich vergehe vor Frost. Hier wohl Feuer, aber welches! Reisig von Häusern und Menschenknochen! – Doch mich friert zu sehr, – ich muß mich wärmen an dem heißen Graus! (Er kauert nieder an den Ruinen). Entsetzlicher Abend! Furchtbare Nacht! Scipionen, ihr Ungetüme, wie habt ihr euch entschleiert! Dieser jüngere Scipio, der so hold lächeln konnte, las ich ihm in seinem Ruhezimmer eins meiner Stücke vor – Was war er vor vier Stunden? Sturm, Mord, Feuer, sein Antlitz eine arbeitende Waffenschmiede! Mich kannt er nicht mehr. »Jetzt ists nicht Zeit! 's ist grad was Wichtigeres zu tun!« waren alle Antworten, wollt ich ihn anreden, – weiter sauste er mit dem wildschnaubenden Rosse, und ich mußt im Troß mich verlieren, in Gefahr, daß ich von jedem seiner Krieger, der mich nicht kannte, übergeritten, erschlagen wurde – Ah, endlich zittern die ersten Strahlen der Sonne durch die Nebel, und – es wird noch kälter vor dem weiß gerinnenden Reif und dem erwachenden Windzug. Und, o Götter, da gegenüber ringt Numantias Volksrest die Hände, und die Soldaten schleppen ununterbrochen neu im Qualm aufgefundene Gefangene mit schwertgestählter Faust herzu!

(Scipio der Jüngere und Scipio der Ältere kommen mit Gefolge.)

Scipio der Jüngere (zu einem des Gefolgs). Diesen Schlüssel zu Numantias erstürmtem Haupttor bring meiner Mutter, der Kornelia, und möge sie daran erkennen, daß ihre Söhne streben, ihrer Lehren wert zu sein.

Scipio der Ältere. Und melde, daß wir gesund sind. Hoffentlich sie auch.

(Der Abgeordnete ab.)

Scipio der Jüngere. Terenz? Wärmst Dich an Numantias Kohlen? Das wäre Stoff zu einem Lustspiel, besser als eins der Atellanen, nicht bloß wunderlich – auch im Scherz mit einem großen Hintergrunde.

Terenz. Ihr schufet den Stoff so tragisch, daß ich doch zu schwach bin, ihn zu einem lustigen umzudichten.

Scipio der Ältere. Eh, Freigelassener, was tragisch ist, ist auch lustig, und umgekehrt. Hab ich doch oft in Tragödien gelacht, und bin in Komödien fast gerührt worden.

Terenz (zu Scipio dem Jüngeren, bitter). Herr, in vergangener Nacht kanntest Du mich nicht.

Scipio der Jüngere. 's war grad was Wichtigeres zu tun.

Terenz. Da wieder das alte Lied von Erz.

Scipio der Jüngere (zu Soldaten und Liktoren). Jene Gefangenen in Rudel gebracht, jedes Rudel dreißig Stück, und dann damit zu Schiff nach Ostia. Ob der Senat sie da oder in Rom will verkauft wissen, fragt ihr dort nach.

Scipio der Ältere. Und merkt ihr, wo Mann und Frau oder Verwandte beieinander stehn, reißt sie auseinander, damit sie nicht konspirieren.

(Mehrere Liktoren und viele Soldaten ab. Bald darauf treiben und schleppen sie die Gefangenen vorbei nach der Küste.)

Ein Gefangener. Weib, mein Weib! Wohin gerissen an Deinem Haar? In fremde Arme!

Das Weib. Die Glücklichen, die sich verbrannten!

Ein Knabe. Sieh doch um Mutter, sie kommen mit Stricken, Dich zu binden! – Weh, nun mich auch! Leute, mild! was taten euch diese armen Hände?

Ein Liktor (zu seinen Untergebenen). Geißelt die Schreihälse! Muß man euch an den Dienst mahnen?

(Das Geschrei erstirbt in Gewinsel.)

Terenz. Schrecklich!

Scipio der Jüngere. Bester, es ist bei uns Sitte, daß man den Krieg so lang führt, bis der eine Teil ausgerottet oder Sklav geworden. Denn einen halben Frieden lieben wir nicht; er gibt dem Feinde nur Zeit, sich zum neuen Kriege zu stärken. Pfui, stell Dich nicht albern! Ganze Kohorten blicken schon nach Dir.

Terenz (in sich). Die Geißelei mit Bleiknöpfen: Sitte! Götter, was mag in Rom Unsitte sein?

Scipio der Jüngere. Wer naht?

Ein Soldat. Ein Keltiberierfürst.

Der Keltiberierfürst Allochlin (kommt und stürzt Scipio dem Jüngeren zu Füßen). Herr! Herr! Herr!

Scipio der Jüngere. – Dreimal dasselbe ist zuviel. Was willst Du?

Allochlin. Herr, meine Braut! Ich bin der Fürst Allochlin, und sie und ich sind keine Numantiner, sind Ureinwohner, und keine phönizische oder karthagische Kolonisten, – sie war nur zum Besuch in Numantia, als ihr sie mitfingt! – Ihr Sterne! meine Braut!

Seine Begleiter (schreien mit). Ihr Sterne, seine Braut, die blühende Braut!

Scipio der Ältere. Die hat viel Liebhaber. Ich möchte ihr Mann nicht sein.

Allochlin. Dort steht sie unter den Gefangenen.

Scipio der Jüngere. Ein schönes Mädchen.

Allochlin. Wie der Mond aufschimmernd über dem dunklen Gebirgswald!

Scipio der Jüngere. Karthago ist euch mehr Urfeindin als uns Römern. Wenn Du mit mir gegen sie kämpfest, ist Deine Bitte gewährt.

Allochlin. Gleich stell ich Dir elf tausend Krieger. Sie alle folgten mir, als sie mein Unglück hörten, bewegt wie ich.

Scipio der Jüngere. Führt jene Jungfrau hieher.

(Zwei seines Gefolges ab.)

Allochlin. Sie kommt! Da ist sie! Die teuren, die lieblichen Züge wieder so nah! O Gräser und Blumen – Meine seligen Augen!

Scipio der Jüngere. Fürstin, Dein Bräutigam hat Dich erfleht. Sei frei und mach ihn glücklich. – Allucius (verzeih, ich kann Deinen Namen nur nach meiner heimischen Mundart aussprechen) zeig mir nun Deine Krieger.

Allochlin. Sie bemerkten Deine Huld, und nahen schon mit freudigen Schritten. Ich stelle mich an ihre Spitze, die Ersehnte an meiner Seite, und führe sie Dir vorüber.

Die Braut (für sich, auf Scipio den Jüngeren blickend). Die erhabene Gestalt mit dem mildernsten Antlitz – ists ein Göttersohn, in irdisches Eisen gehüllt? – Ich könnte –

Allochlin. Du weilst?

Braut . Nein, Gespiele der Jugend, auch Götter machen mich nicht untreu!

(Allochlins Heer rückt heran, er zieht das Schwert, stellt sich mit seiner Braut, die jubelnd empfangen wird, an die Spitze, und führt es vorbei.)

Scipio der Jüngere. Bruder, dieses Heer ist besondrer Art.

Scipio der Ältere. Nach dem Geschnatter, nackten Beinen, den Federn auf den Köpfen, hielte man es leicht für einen Haufen großer Enten. Aber die Enten folgen doch noch in Einer Reihe dem fahrenden Entrich. Das Gewimmel wühlt durcheinander wie Kraut und Rüben.

Scipio der Jüngere. Und statt der Tuba Saitenspiel!

Scipio der Ältere. Bei denen muß es lustige Schlachten geben. – Ich schäme mich solcher Bundsgenossen.

Scipio der Jüngere. Warum? Im Kriege ist alles zu verbrauchen.

Terenz (der, seitwärts stehend, aufmerksam zugehört hat, für sich). Verbrauchen! Das arme Gesindel füllt bald die Gräben mit seinen Leibern und die Römer gebrauchen es dann zur Brücke!

Scipio der Jüngere. Jenen Langen ruft heraus. Ich will ihn sprechen.

Scipio der Ältere. Wie? Der scheint just der Närrischste!

Terenz. Herr – (Er stockt und blickt furchtsam auf die Scipionen.)

Scipio der Jüngere. Verschluck Deinen Gedanken nicht. Poeten bersten, wenn sie ihre Weisheit bei sich behalten müssen.

Terenz (ermutigt zu Scipio dem Älteren). Euer Bruder will vom Schlechtesten auf das Bessere schließen. Ist das nicht vorsichtiger, als schlöß er umgekehrt?

Scipio der Ältere. Daraus mach nur einen guten Spruch für Deine Possen.

Terenz (betrübt, für sich). Lustspiele, jahrelang bedacht, bearbeitet, bei Tag und Nacht – Possen! Das der Lohn!

(Der herbeigerufene Keltiberier kommt.)

Scipio der Jüngere. Du bist?

Keltiberier. Sohn Ullos, der da hieß die Keule.

Scipio der Jüngere. Und Dein Name?

Keltiberier. Bin leider noch namenlos. Noch stieß ich keinem Feinde, nach dem ich mich benennen könnte, die Lanze ins Herz, denn so nur erringt man bei uns den Namen – Die Feiglinge! sie flohen alle, wie ich den Speer erhob! (Er schüttelt seine Lanze.)

Scipio der Jüngere. Nun – sacht. Willst Du in meine Dienste treten?

Keltiberier. Wenn mein Than mich Dir schenkt.

Scipio der Jüngere. Das tut er.

Keltiberier. Ich bin Dein Sklav.

Scipio der Jüngere. In müßiger Stunde sollst Du mir von Deinem Volk erzählen.

Keltiberier. Nur erzählen? Singen will ich davon!

Scipio der Ältere (trocken). Sind alle Deines Volkes Großprahler wie Du?

Keltiberier. Ich hoffe, ich bin der Geringsten keiner.

Scipio der Ältere. Windbeutel! Das hoffst Du?

Keltiberier. Die Barden singen: zu fechten mit der Zunge, ist schwerer als mit dem Schwert!

Scipio der Ältere. Das sind mir eigene Grundsätze.

Scipio der Jüngere. Er muß sie doch für die rechten halten, so unbefangen sagt er sie.

Terenz. Welch Unding verkehrte Erziehung nicht aus einem Menschen macht!

Scipio der Jüngere. Sohn Ullos, tritt unter mein Gefolge.

Scipio der Ältere. Indes wir hier belagerten, ist uns Hasdrubal mit Karthagos letztem Heer in Spanien entwischt. Er klettert schon in den Alpen zum Hannibal. Wir müssen nach.

Scipio der Jüngere. Nein. Er erblickt seinen Bruder nicht. Konsul Nero erwartet ihn längst mit drei Legionen in Ligurien. Zweimal gehts nicht mit Überraschungen, wie sie uns Hannibal bereitete, man lernt sich vorsehn. – Die Pferde!

(Die Scipionen und die Reiter ihres Gefolgs setzen sich zu Pferde. Scipio der Jüngere, vor das Heer sprengend, mit erhobenem Feldherrnstab, laut zu ihm.)

Wir aber wollen der afrikanischen Natter unmittelbar das Haupt zertreten, denn die tausend Schweife, mit welchen sie nach allen Zonen wedelt, verzappeln, wenn sie keinen Kopf mehr fühlen! Versteht ihr?

Das Heer (wendet die Adler, die Mauerbrecher, Ballisten, Katapulten und das Kriegsgerät gen Süden). Du siehst es!

(Er winkt Beifall. Alles nach Süden ab.)

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