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Christian Dietrich Grabbe: Hannibal - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleHannibal
authorChristian Dietrich Grabbe
year1989
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006449-x
titleHannibal
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Vor Rom

Hannibal (seine Truppen vom Sturm zurückführend). Lagert. (Es geschieht.) Die Backsteinhütten nicht zu erstürmen? List, Mut, Kriegskunst, alles umsonst. Das tun Karthagos Lederbeutel, worin das Geld steckt, wohl verwahrt, nur kein Heer für mich.

Ein Negerhäuptling. Herr, jenes Rom ist ein Geschwür, es steckt die Welt an.

Hannibal. Fragt ich?

Negerhäuptling. Verzeihung! Nein!

Ein Bote (kommt). Feldherr –

Hannibal. Die Briefe. (Er erbricht sie.) Dieser vom Großvater Barkas – Ich küsse Deine Handschrift, edler Greis! (Während des Lesens.) Auch Du, fast Hundertjähriger, klagst? Wardst deshalb so alt und grau? – Ja, man will uns Barkas unterdrücken – Doch, Melkir, Hanno, noch schwebt dieses Schwert blutdampfend über euch, kennt ihr die List, so kennt es Schlachten! – »Verschwörungen in Hannos Hause, Dir eine geringe Hülfe bestimmt.« – Wohl, werfen mich Roms Mauern zurück, an Karthago scheitr ich sobald nicht. – Die Barkas wissen im Geheim von den Zinninseln und der Atlantis so gut als ihr, ziehn Geld genug daher. Sie verschließens aber nicht, sie säen es, und Soldaten wachsen, die euch einst die Kisten öffnen sollen, während ihr weglauft, und die Taler sich nicht wehren. Die Sinnlosen! Roms furchtbare Nähe zu vergessen um die goldblinkenden Fernen im West – das Herz wegen des Rocks! (Zum Boten.) Bringst Du nicht auch Briefe vom Synedrion?

Bote. Hier ein Paket.

Hannibal. Gewaltge Siegel, sicher so Kleineres dahinter!

Bote. Die hohen Herren des Synedrion schicken mich eigentlich.

Hannibal. Eigentlich? (Während des Lesens.) »Gruß und Glückwunsch für Kannä.« – Billiger Preis für sechzigtausend Römerleichen! – »Eine angemessene Hülfe soll kommen.« Ja, meßt ihr erst, so schneidert ihr den Himmel zu einem Kleid, daß die Sterne darin ersticken, und seine Donner engbrüstig werden. »Und Abgeordnete begleiten den Boten, um von Dir die Ringe, welche Du, recht ehrenhafter Feldherr« – Recht ehrenhafter! Messen sie auch an Worten? Mich wundert, daß sie mich nicht mit ziemlicher Ehrenhaftigkeit abspeisen. – »bei Kannä erobert hast, in Empfang zu nehmen.« Ha, die kostbaren Ritterringe, dahin gucken die Nasen, denn ihre Augen überließen längst das Sehen dem Sinn des Geruchs und Gestanks. Zum Glück sind die besten beiseit, für meine Leute. (Zum Boten.) Die Abgeordneten mögen kommen, die Ringe empfangen, gegen Schein. Aber, Du, tritt einmal näher! Kerl, tritt nicht links hin, hieher, vor mein rechtes Auge – Thrasymene (ganz Karthago muß es wissen) schlug das andere mit Blindheit.

Bote. Ja, Herr! man siehts Euch auch an.

Hannibal (nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet hat). Du bist ein doppelter Kerl!

Bote (bestürzt, besieht sich). Herr, ich wüßte nicht – doppelte Gliedmaßen? Nein – Er sagts aber – Baal, wäre was dran?

Hannibal. Es ist. Du bringst zugleich Nachrichten vom Barkas und dem ihm feindlichen Synedrion.

Bote. So meint Ihrs? Ach, Herr, ich habe neun arme Würmer, (Kinder wollt ich sagen) und da ich sie ernähren muß –

Hannibal. Wirst Du ein Schurk?

Bote. Ich nahm also, da ich von Eurem Großvater und vom Synedrion jederseits insbesondre bezahlt ward, beider Aufträge insbesondre an.

Hannibal. Freund –

Bote. – Freund! Der gnädige Herr! Das sagt kaum unser Profoß, hält man ihm auch noch so willig den Buckel hin.

Hannibal. Berühre, wenn er es erlaubt, mit Deiner rechten Hand, die ich Dir drücke, in meinem Namen Großvaters Füße –

Bote. Herr, ich küsse die Füße!

Hannibal. Nein, sie werden leicht schmutzig. – Und sag ihm, auf der weiten Erde wäre mir das Kostbarste ein Gruß von ihm, und einer an ihn. – – Ist das bestellt, so gehst Du ins Synedrion und meldest: wenn man mich nicht bald besser unterstütze, so ständen nächstens zwei Scipionen vor der Stadt, in einem Feuerglanz, der mir jetzt schon die Stirn heiß macht, – dann: sie sollten eins sein, keiner des anderen Säcke beneiden, und schließlich: das Vaterland geht sonst unter in Familienzwisten und die Familien mit ihm!

(Bote ab.)

– Ich muß abziehn mit meinen siebzehntausend Mann, aus allen Nationen zusammengeflickt. – Wohin? – Kapua! Die Stadt ist groß, voll Proviant, von Rom nicht fern, Karthago näher, Hülfstruppen aus Afrika da billiger – Billiger! fechte der Satan, wo Kaufleute rechnen! (Zum Negerhäuptling.) Hast Du schnellwirkendes Gift?

Negerhäuptling. Herr?! Ich hätte nicht, was jeder Knabe in Nubien besitzt? (er zeigt eine Giftflasche vor.) Ich selbst brach der Natter die Zähne aus, sorgsam (sie wehrte sich, doch ich streichelte sie, wie das in Nubien auch bei den Weibern hilft) und wer dieses gelbe Gift aus ihren Zähnen genießt, wird grad so toll, windet sich und stirbt so in Wut und Angst, wie die Viper, als sie merkte, daß sie nichts Giftiges mehr an sich hatte. Zweifelst? Probiere, wirst Dich wundern, Dein Gedärm wird ein wimmelndes Schlangennest.

Hannibal. Du heißt?

Negerhäuptling. Turnu.

(Hannibal nimmt die Flasche und steckt sie zu sich.)

Ihr Götter, Feldherr, Du nimmst meinen letzten Trost. Vater und Mutter und Brüder schlafen im Grab mir – nur dieses Gift –

Hannibal. – blieb Dir! – Wahr, Mohr, Gift ist ein letzter Trost, und darum will ich, sicherer als Du vermagst, ihn Dir und mir verwahren.

Turnu. O, dann ist es in besten Händen!

(Zur Befehlsannahme beorderte Hauptleute treten auf.)

Hannibal (zu ihnen). Das Heer bricht heute nacht auf. – Was staunt ihr? Ich will nur Gehorsam! – Wir schlagen die Straße nach Kapua ein. Besorgt das Nötige, still und schleunig.

(Hauptleute ab. Er zu Turnu.)

Und fragen Dich Deine Landsleute, warum wir aufbrechen, so sag ihnen, weil der Winter nah sei, und es in Kapua sich wärmer lagre.

Turnu. Ich verstehe!

Hannibal. Der versteht mehr, als ich.

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