Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Christian Dietrich Grabbe: Hannibal - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleHannibal
authorChristian Dietrich Grabbe
year1989
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006449-x
titleHannibal
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
Schließen

Navigation:

Rom. Kapitol

Sitzung des Senats

Erster Konsul. Wißt ihr es?

Prätor (ruhig und fest). Ja.

Zweiter Konsul. Demnach zur Tagesordnung.

Ein Senator. Hier ein Gesetzvorschlag, nach welchem der Vormund dem Senat jährlich Rechnung über seines Mündels Vermögen abzulegen hat.

Kato Zensor. Fügt hinzu: der Vormund haftet doppelt für jedes Versehn!

Erster Konsul. Billigt ihr das Gesetz und Katos Bedingung?

Alle. Ja.

Erster Konsul. Liktor, heft es unter die zwölf Tafeln an das Forum.

(Ein Liktor geht ab. Tiefes Schweigen. Der erste Konsul in sich.)

Ich, ein Konsul Roms, und darf die Hand nicht nach der Stirn bewegen, weil jeder auf mich achtet. Zwei Söhne fielen auch mir, und mein Weib zergeht in Schmerz, und ich muß die Stürme in mir behalten, in meiner Brust die Wolken ausregnen lassen. Denn was Söhne, verglichen mit Rom?

Kato Zensor. Sind wir versammelt, um zu schweigen, so ists besser wir gehen heim.

(Plötzliches erschütterndes Getöse, fernher.)

Mehrere Senatoren. Ha! nun meldet er sich! nun klopft er an!

Zweiter Konsul. Bleibt sitzen. Verräter, der sich bewegt! – Die Mauern und Tore sind hinreichend verteidigt, und nur das Wort des Konsuls, des Tribunen, nicht die Sturmmaschinen eines verwegenen Puniers heben die Sitzung des Senates auf. Tribunen, habt ihr heute Veto?

Tribunen. Nein! Wir haben nur den Feind zurückzuwerfen!

Prätor. Es scheint, er wird schon ohne uns zurückgeworfen. Das Getöse verhallt.

Kato Zensor. Da hallt was Schlimmeres: auf den Gassen die Weiberstimmen!

Ein kurulischer Ädil. Laß sie! Es fielen bei Kannä sechzigtausend ihrer Söhne.

Kato Zensor. »Laß sie!« Die Weiber rasen lassen? Das hör ich vom kurulschen Sitz? Fielen sechzigtausend ihrer Söhne, so mögen sie sorgen, sechzigtausend ehelich dafür wieder zu gebären. Ehen und Kinder daraus werden ohnehin selten.

Ädil. Das Unglück darf Nachsicht fordern.

Kato Zensor. Nicht, wenn es heult!

(Abermals Weibergeschrei von draußen.)

Hört, nochmals Gequicke von »Kannä und Rache!«

Elendes Ende, braune Bastardenkel, schlösse Niederlage der Weiber unsre Annalen! Dahin mit ihnen, wo sie sein sollen, nach Haus! Und jedes, das nicht binnen einer Stunde an seiner Spindel sitzt, verhafte ich, der Zensor, und lasse ihm Scham eingeißeln, blutrote, wenn im Gesicht nicht, doch – Und seinem Mann nehm ich das Bürgerrecht.

(Mehrere Celeres ab.)

Zweiter Konsul (nach einer Pause, in welcher es auf den Straßen still geworden). Die innere Ordnung kehrt zurück. Nun paßt es sich, die äußere Gefahr zu beraten. Hannibal steht vor den Toren – Was beschließt der Senat?

Kato Zensor (erhebt die Hand). Karthago soll zu Grunde gehen!

Alle. Wie der Zensor!

Zweiter Konsul. Karthagos Heer überschritt die Alpen, uns unerwartet zu Land zu überfallen. Lernen wir vom Feind, und tun etwas Ähnliches. Durchschneiden wir die See und packen ihm in Spanien in den keck entblößten Nacken.

Kato Zensor. Das sei! Denn ob Hannibal auch Sieg' an Siege gekettet, nie bricht er mit Gesindel wie das seinige, das nur im freien Feld zu tummeln weiß, in unsre Straßen, und wehrt sich auch nur ein Häuflein darin. Drum junge Mannschaft, so viel als möglich, ausgehoben, und mit ihr nach Spanien, – dem grimmen Hunde aus Afrika die Tore zu verhalten, bleibt der Rest der Bürger sattsam stark.

Zweiter Konsul. Vier Legionen also ausgehoben, und mit ihnen graden Wegs nach Karthagos Lieblingstochter: Numantia.

Kato Zensor. Wer führt sie?

Zweiter Konsul. Du.

Kato Zensor. Entschuldigung. Mein Zensoramt erlaubts nicht.

Erster Konsul (beiseit). Sein Landgut bestellen, Bücher darüber schreiben, in hohem Alter das Griechische (Zeus weiß vielleicht weswegen!) studieren und große Worte machen, das kann er, obgleich er Zensor ist – Aber Schlachtfelder – Rübsenfelder sind ihm angenehmer. (Laut.) Ich schlage vor: ernennt jene beiden Scipionen zu Prokonsuln und vertraut ihnen das Heer. Sie haben im Gefecht und auf dem Forum sich schon oft sehr tüchtig bewährt, und ihre Jugendfrische wird der Stadt not.

Der Senat. Du sagst es – Heil euch, Jünglinge, Prokonsuln!

Scipio der Jüngere (errötend). Ihr erwählt uns. Wir werden tun, was wir vermögen. (Er drückt seinem Bruder die Hand, heimlich.) Bruder, wie wird die Mutter sich freun!

Scipio der Ältere. Die vier Legionen?

Zweiter Konsul. Sind heut abend ausgehoben, und ihr zieht durch die vom Feinde noch unbesetzten Tore nächste Nacht ab.

Scipio der Jüngere. Dürfen wir beim Ausheben gegenwärtig sein? Beachten, wählen, auch verwerfen?

Zweiter Konsul. Der Feldherr darf das nicht nur, es geziemt ihm.

Kato Zensor. Wie aber mit dem Tyrannen Mazedoniens? Er hat sich mit Hannibal gegen uns verbündet.

Zweiter Konsul. Mit leeren Worten. Er hat zuviel an all den Taschen zu schleppen, die ihm der große Alexander nachließ, um sich ernstlich um uns zu bemühen.

Kato Zensor. Demnach ihm vorerst Krieg erklärt –

Zweiter Konsul. – mit Worten, und zu seiner Zeit ihm Tod im Hungerturm.

Ein Liktor (kommt). Er stürmt wieder, der Punier! Die Mauern wanken und zittern!

Zweiter Konsul. Der Senat?

Prätor. Steht auf wie ihr jetzt, und folgt seinen Konsuln dahin, wo die Gefahr ist, und die Rache für Kannäs Niederlage mit Stahl bezahlt werden kann!

(Die Konsuln schreiten voraus, und die übrigen folgen, die Hände an den Schwertern.)

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.