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Christian Dietrich Grabbe: Hannibal - Kapitel 25
Quellenangabe
typedrama
booktitleHannibal
authorChristian Dietrich Grabbe
year1989
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006449-x
titleHannibal
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Saal in Gisgons Hause

Ein Sklav (hereineilend). Hausmeister, Mitsklaven, Sklavinnen!

(Der Hausmeister kommt.)

Der Herr naht mit dem römischen Gesandten zum Mittagsessen!

Hausmeister. Ambra angezündet! Die perlenschwellenden Pokale aus Ophir, die goldenen Becher der Atlantis herbei! Diese elenden Tische von Zederholz fort, die alabasternen, mit Diamanten geränderten her!

(Die Sklaven bringen und ordnen alles, wie er befiehlt.)

Gisgon (mit dem römischen Gesandten eintretend). Gefällts Dir bei mir?

Gesandter. Zu prächtig für den Bürger einer besiegten Stadt.

Gisgon. Ich dachte, Dich zu erfreuen. (Beide setzen sich zum Speisen.)

Hanno (kommt). Gisgon, ich lade mich ein zu Deinem Mahl, und, edler Römer, alle Friedensbedingungen sind erfüllt, Schiffe, Gelder, Waffen, alles wie Du wünschtest, abgeliefert.

Gesandter. Die Bescheinigungen?

Hanno. Hier, von euren Quästoren unterzeichnet.

Gesandter. Richtig. (Für sich.) Wir hätten sie, die Füchse!

Hausmeister (kommt). Ein zweiter Gesandter aus dem Römerlager.

Gisgon. Willkommen! (Hausmeister ab.) Was will der noch?

Gesandter. Die Scipionen werden bemerkt haben, wie rasch ihr alles herausgegeben, alles erfüllt habt, und wünschen vielleicht noch einige Erläuterungen, Bestimmungen –

Gisgon. Wir haben, mein ich, genug erläutert und bestimmt.

Hanno (steht auf). Mir schmeckt das Essen nicht mehr.

Zweiter römischer Gesandter (tritt ein, zu Hanno und Gisgon). Die Scipionen senden mich, euch ihr Wohlgefallen –

Gisgon. Wohlgefallen?

Zweiter Gesandter. – an der schnellen Vollziehung des Traktats zu bezeugen. Nur –

Gisgon. Nur?

Zweiter Gesandter. – verlangen sie noch Eines, das den ewigen Frieden zwischen Rom und euch sichern, jede feindliche Berührung hemmen wird – Rom liegt auch nicht am Meer –

Hanno. Was! das Meer! unsere Mutter! unsere Amme! an deren Wogenbusen wir uns groß gesäugt, die uns fortwährend ernährt, sollen wir missen?

Gisgon. Hanno, wirst Du poetisch?

Hanno. Und Du wider Deine Art so tief prosaisch?

Gisgon. Wer würde das nicht bei so guter lateinischer Prosa? (Zu dem zweiten Gesandten.) Die Stadt unsrer Väter also soll –

Zweiter Gesandter. Geschleift werden, und ihr könnt im Lande, vierzig Stadien vom Meer, eine neue aufbauen, jedoch mit anderem Namen.

Gisgon. Und nicht einmal den Namen laßt ihr uns?

Zweiter Gesandter. Nein.

Gisgon (mit donnernder Stimme). Nun, treibt ihr uns an solche Abgründe, so wollen wir beides, den Namen und die Sache behalten, so müssen wir uns zurückstemmen, umkehren, und euch Räubern selbst das geraubte Gut und eure eignen Kleider abzureißen trachten!

Hanno. Aus euren Gräbern, Geister der Ahnen!

Gisgon. Nicht nötig! Tausende von Geistern erwachen schon in meiner einzigen Brust! – – Und ihr Römer, bei denen Stolz, Tapferkeit, Todesverachtung, nur Münzen anderes Gepräges sind, als unsre Silberlinge – schämt euch, daß ihr sie gebraucht, so zu betrügen! (Zum ersten Gesandten.) Du, Schurk, wußtest, daß der zweite Botschafter nachkam, nachdem Du uns die Waffen abgelockt – (Zum zweiten.) Und Du warst bestellt, den Rest Karthagos zu vertilgen, wenn wir wehrlos geworden – O der großen Scipionen, wie hoch sie über aller Heuchelei, Falschheit, allem Laster stehn! Zwei Elmsfeuer, zwei Dioskuren werden sie von den Zinnen des Kapitols in die späteste Nachwelt glänzen, und diese Dioskuren sind doch nur weitschulterige, betrügerische Rattenfänger!

Erster Gesandter. Wer dann wären die Ratten?

Gisgon (rufend). Sklaven!

(Sklaven in gedrängten Haufen kommen. Gisgon zu den Gesandten.)

Da siehst Du einige! (Zu den Sklaven.) Ihr seid frei, und jeder, der sich tapfer gegen die Römer wehrt, ist Bürger. Holt Waffen, die besten liegen noch unter den Fußböden der Arsenale versteckt, Proviant für Jahre neben ihnen – Ihr Römer, wie waret ihr so einfältig, uns für ganz einfältig zu halten? – Und, Sklaven, schreit durch die Straßen »die Scipionen haben den Vertrag gebrochen! sie wollen die Stadt in die Wüste verlegt wissen, daß sie dort verdorre, ein wasserloses Kraut!«

Erster Gesandter. Wir –

Gisgon (zu den Sklaven). Alle Karthager ruft zur Gegenwehr, ruft aus: »nun ist es keine Kunst, nicht Gefahr mehr, Mut zu besitzen, denn ohne ihn gehn Leben, Haus, Hof, Gut, alles was in Feigheit gespart ist, verloren!«

Die Sklaven. Wir brechen auf!

Gisgon. Haltet – Auf reißet die Tempel der Götter, werft um ihre Bildsäulen, daß sie zu Waffen geschmolzen werden, zu Kriegswerkstätten machet ihre Hallen!

Hanno. Gisgon! Die Götter verletzen?

Gisgon. Duldeten sie nicht, daß wir verletzt wurden? Können sie uns jetzt zu etwas Besserem dienen als zu Waffen? (Zu den Sklaven.) Karthagos Weiber und Töchter, – es sind die schönsten der Erde, zu schön, als daß je Gemeines ihnen zu nahen wagte –

Hanno. Die Weiber?

Gisgon. Ein Weib gründete Karthago, Weiber helfen es retten, edler sind sie bei uns als die Männer (o, ich weiß es, obgleich ich nur Eine kenne!) – (Wieder zu den Sklaven.) Ruft Mütter und Töchter auf, sie sollen in den Tempeln die Stellen der Göttinnen ersetzen, und mehr noch als die sein, denn nicht stumm und müßig sollen sie dastehn, sondern ihren Schmuck an Gold und Kleinodien verwenden, um Speere, Schwerter, Helme und Harnische zu gießen und zu zieren, nur den besten, den Brautschmuck, mag er getragen sein oder harrt er noch auf den Brauttag, behalte jede, auf den Fall, daß es doch einst gälte, sich dem untergehenden Vaterlande zu vermählen! – Hanno, Hanno! wär ich immer das gewesen, wozu mich heut das Unglück macht, – wär ich meiner besseren Natur und nicht Deinen und Melkirs Listen gefolgt, bei allen Himmeln und Erden, (indem er auf die römischen Gesandten blickt) diese beiden Schweißhunde hetzten uns nicht in unsren Häusern, und Hannibal, ich als Gemeiner unter ihm, wäre in den ihrigen!

Erster Gesandter. Wir beurlauben uns. Bei euren Veranstaltungen würde unsre Gegenwart nur störend sein.

Gisgon. Gar nicht – Sklaven, ergreift sie!

(Die Gesandten werden ergriffen.)

Zweiter Gesandter. Das bietest Du Gesandten?

Gisgon. Und mehr noch, wenn die Gesandten Spitzbuben sind! (Zu den Sklaven.) An das Kreuz mit ihnen, fest und hoch, daß sie bluttriefend sehen, wie um sie her Karthago sich rüstet!

Hanno. Nicht übereilig –

Gisgon. Eile, rücksichtsloseste, ist das nötigste, wollen wir einholen, was wir versäumten! – Fort mit den beiden! Könnt ich die Scipionen ihnen ins Antlitz gegenüber kreuzigen lassen!

Zweiter Gesandter (zum ersten). Antworte nichts und denk an Regulus!

Gisgon. Hüllt euch nur in die Schaffelle eurer Erinnerungen, man weiß doch, daß Wölfe von Fleisch und Blut darunter, und verzieht ihr bei eurer Bestrafung auch keine Miene, es tut euch doch weh!

(Die Gesandten werden abgeführt.)

– – Warum erschreckt, Hanno? Meinst Du, mit den Römern wäre irgend Friede? Sie würden nicht frecher, je zahmer wir tun? Wer uns einmal betrog wie sie, dächte uns nicht weiter zu betriegen? Zu Sklaven Massinissas ergriffen und verkauften sie uns, rissen wir diese Stadt um, und zögen wehrlos ins offne Feld, eine neue zu bauen!

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