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Christian Dietrich Grabbe: Hannibal - Kapitel 24
Quellenangabe
typedrama
booktitleHannibal
authorChristian Dietrich Grabbe
year1989
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006449-x
titleHannibal
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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In Karthago

Platz vor der riesigen erzenen Bildsäule des Moloch. Ihre Hände glühen rot und dampfen

Mütter mit ihren Kindern auf den Armen knien ringsum mit aufgelöstem, zur Erde wallendem Haar. Priester gehen kalt zwischen ihnen und der Bildsäule auf und ab und nehmen ihnen nach der Reihe die Kinder, um sie zu opfern. Vieles Volk

Ein Weib (blickt ihrem Kinde ins Gesicht). Mein Knabe – er lächelt und winkt nach den flammenden, nach ihm ausgestreckten Fäusten! – Kind, wie wehe mir, als ich Dich gebar, und noch endlos weher, da man Dich mir entreißt – Dein dunkles freundliches Auge bald Rauch! – Ha, da nehmen die Priester der Nachbarin ihr Mädchen, nun kommt die Reihe an mich! Hu!

Ein Priester. Den Knaben.

Das Weib. Nehmt, verbrennt mich, und laßt ihn leben! Er ist noch so jung, so schuldlos!

Der Priester. Moloch will eben schuldloses Blut.

Ein zweiter Priester (tritt hinzu, und nimmt dem Weibe das Kind. Zum andern Priester). Was zankst Du lange mit dem Weib? Der Gott muß Opfer haben, der Staat ist in Gefahr!

Das Weib. Ich auch! (Sie drückt die Hände erst an die Brust, dann an die Stirn.) Meer, erlösche die beiden Funken! (Stürzt ab.)

(Melkir, Gisgon und Hanno kommen mit ihren Begleitern.)

Melkir. Schön, Karthager, daß ihr so feierlich der Götter gedenkt!

(Die Mütter schaudern.)

Aber auch nie noch drohte uns größere Gefahr, noch nie verlangte sie größere Opfer. Wir dürfen die größten nicht scheuen, bräche uns auch darob das Herz, denn der Feind droht mit Sturmangriff, und nur Moloch kann uns retten!

Gisgon (für sich). Mir wird zu Mut, als röch ich bei seinem Gerede Speck in einer Mausefalle, und ich sollte eine der Mäuse sein. (Laut zu Melkir.) Erfahrener, weisester, edelster Mann –

Melkir. Laß das –

Gisgon. Es wird schwer halten, just die edelsten Bürger auszufinden, welche sich dem Flammentode für das Vaterland weihen – es sind ihrer zuviel.

Melkir. Nicht doch – Die beiden besten seh ich vor mir: Du und Hanno.

Volk. Wahr! Hoch Melkir! Hanno, Gisgon kommt! Zum Moloch!

Hanno. Melkir, dieses hätt ich nicht von Dir, Freund –

Melkir. Die Not löst auch Freundesband.

Hanno. Muß es denn sein? O, so laß mich doch erst erdrosseln, und nicht lebendig verbrennen!

Melkir. Der Gott nimmt nur Lebendige, nicht Leichen.

Gisgon. Melkir, Erhabener! wie bescheiden Du bist, bescheiden wie jede Größe!

Hanno. Die Sterbenden rasen wirklich! Er lobt unsren Mörder!

Gisgon. Du, der älteste der Dreimänner, geschmückt mit den verdientesten Ehren, Du, der für ganz Karthago gelten kann –

Melkir. Danke! hör auf!

Gisgon. – hast Dich heute selbst übersehen –

Hanno (atmet auf). Aha! der göttliche Junge!

Gisgon. Karthagos Volk ernannte Dich, die Größten zum Opfer zu wählen, und Du dachtest kaum, daß der Wähler noch weit größer sein muß, als alle seine Erwählten – Drum (er faßt ihn an der Schulter und schüttelt ihn) juble, kehr Dich um vor Freuden, dreimal, so, denn dort oben verbrennst Du zu unserer Rettung!

Volk. Gisgon! Weisester der Männer!

Gisgon. Und hier treten meine Bewaffneten vor – Hanno, laß Deine auch vortreten – Jedem das Schwert in die Kehle, der sich gegen uns sträubt!

Melkir. Schlange –! (Er wird fortgeführt.)

Ein Krieger (kommt mit einem römischen Gesandten). Ein Bote vom Feinde.

Der Gesandte. Ich bringe billige Friedensvorschläge.

Gisgon. Hm, gehts mit Karthagos Mauern so leicht nicht?

Gesandter. Rom wünscht nicht, daß eine würdige Nebenbuhlerin, wie eure Stadt, untergehe.

Gisgon. Die edle Feindin – Was begehrt sie?

Gesandter. Ihr verzichtet auf alle Länder, außer Afrika –

Gisgon. Wir tuns.

Gesandter. Dann liefert ihr uns eure Waffen, eure Kriegsschiffe aus, diese bis auf zwanzig, welche ihr immer in Stand erhalten und ersetzen mögt, aber nie vermehren sollt.

Gisgon. Das sei.

Hanno. Wie?

Gisgon (leise). Das alles läßt sich wieder herstellen. Schicke Leute ab, welche an den abzuliefernden Schiffen möglichst verderben.

Hanno. Wohl. (Er geht ab.)

Gesandter. Ferner helft ihr dem Massinissa sich in Besitz des Landes eures Bundesgenossen Syphax setzen, und besoldet dazu zehntausend Mietvölker.

Gisgon. Die Bedingung ist hart – Doch auch sie werde erfüllt.

Gesandter. Endlich zwanzigtausend Talente zu Roms Entschädigung –

Volk. Zwanzigtausend Talente!

Gisgon. Ruhig, Volk! Lerne das Vermögen edler Karthager kennen und ihre Selbstverleugnung – Ich zahle sie!

Volk. Gisgon, Größester! Allerreichster!

Gisgon (zum Gesandten). Und fordert ihr nicht Weiteres?

Gesandter. Nein.

Gisgon. So komm mit mir, und sei mein Gast.

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