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Christian Dietrich Grabbe: Hannibal - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleHannibal
authorChristian Dietrich Grabbe
year1989
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006449-x
titleHannibal
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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I Hannibal ante portas!

Karthago

Saal im Hause der Alitta

Alitta und Brasidas

Brasidas. Du liebst mich?

Alitta. Ewiges Gefrag. Muß ich stündlich wiederholen, was man kaum sagt, ohne die Tiefe des Herzens zu entweihn?

Brasidas. So werde mir wieder ein heiterer Stern!

Alitta. Ich? Die Waise?

Brasidas. Nicht das – Hat Dir auch die Pest furchtbar rasch die Eltern entrissen, Dir blieb –

Alitta. Was?

Brasidas. Der Freund. Und Karthago, die allgemeine Mutter.

Alitta. Ja, Die! von Stein, mit einer Menge teilnahmsloser Geschwister! – Ach, nichts Schrecklicheres als des Hauses einzige Tochter mit ihren Tränen an der Bahre der Eltern, und Millionen Volks draußen im fremden Getrieb: ein Totenlichtlein in wüster, weiter Nacht!

Brasidas. Zerstreue –

Alitta. Des kleinlichen Worts!

Brasidas. Laß uns die alten Abende erneun, wo wir hier saßen, von Hannibal sprachen und seinen Siegen.

Alitta . Die beiden Sessel sind leer, in welchen die Eltern dabei saßen – – Doch! wie? – Du sprichst von dem Schwarzgelben vor Rom? Was aber tust Du?

Brasidas. Du zürnst? so plötzlich? Ich zittre!

Alitta. Vor der Stirnfalte eines Mädchens? Nun ists mir klar.

Brasidas. Was?

Alitta. Das Rätsel wär einem echten Manne nicht schwer. Erbebst Du vor dem Stirnfalten der Geliebten, wie eher vor den Toren Roms!

Brasidas. Ha!

Alitta. Zu den Stutzern, zu dem Ungeziefer erniedrigst Du Dich, das sich hier auf den Gassen brüstet, sie beschmutzt, wie Fliegen die Teller, welche an den Siegen mäkeln, bei denen mitzufechten sie sich gehütet. Der Schützer, Sieger, brauch ich ihn zu nennen? Hannibal, schändlich wird er unterstützt. Nicht zweitausend Bürger sind bei ihm, mit Negern, Nomaden, Gesindel jeder Art muß er sich von Sieg zu Sieg quälen, ohne Frucht und ohne Dank. – Sei besser, gib ein Beispiel, freiwillig zu ihm, und kämpf ihm zur Seite! (Sie ringt die Hände.) Heilige Astaroth, was hab ich gesagt!

Brasidas. Die Wahrheit. Ich schwelgt in Liebe und vergaß, sie zu verdienen. Noch heut reis ich ab.

Alitta. Und willst mich lieben?

Brasidas. Gebotest Du die Reise nicht selbst?

Alitta. Weiß nicht – Du, durchbohrt von den römischen Speeren – -

Brasidas. Wir haben einen tötenden Sandstaub vor uns: balearische Schleuderer und numidische Reiter, und die Römer müssen die Augen waschen, bevor sie zielen.

Alitta. Nein – ich ahne – höre! – Rom ist mir im Traum erschienen, vorige Nacht, glaubs! Es leuchtete mit seinen Ziegeln: eine rote Sonne, alles verschwemmend! – Dann wieder wars 'ne Wölfin, mit Augen, groß, weit, wie das Meer, wenn es sich mit seinen stillen Tiefen nach dem Sturm hinsehnt, und in den Augen lagen versunkene Städte!

Brasidas. Weg mit Wolfstraum und roten Sonnen – Gibts nicht auch schwarze? Dunkelt Hannibal nicht so um Italien?

Alitta. – Mitternächte sind lieblich, und die lieblichste – hast sie doch nicht vergessen?

Brasidas. Ewig durchspiegeln ihre Gestirne mir die Brust! Du sagtest zum ersten Mal: »Dein!« –

Alitta. Nicht? Du bleibst also?

Brasidas. Bin ich Deiner wert, wenn ich nicht kämpfe?

Alitta. Nun und nimmer!

Brasidas. So nehm ich diesen Kuß auf Deinen Busen mit in das Feld, und oft noch wird er mich wärmen, lieg ich zeitlos in kalter Nacht!

Alitta. Unverschämt!

Brasidas. Ich habe meine Lippen geheiligt, nie tönt von ihnen ein schlechtes, ein falsches Wort! Lebwohl! (Ab.)

Alitta. Träum ich? (Sie drückt an ihre Stirn.) Wach auf! – – Er, fort zum Schiff? (Am Fenster.) Weh, dort spannen sieh schon die Segel – Träger, Sklaven, Krieger, eilen an Bord – Da Er, sicher unheimlich im fremden Haufen. – Sieht er sich nach meinem Fenster um? Nein, er wagts nicht, sein Herz würde zu schwer. Schwer ists, das verrät der wankende Schritt – Atem der Liebe umweh ihn! – Ach, sie lichten die Anker, horch, laut schmettern die jubelnden Posaunen in den Abschiedsschmerz, und lustig springen die Flaggen dabei in die Lüfte, und von Sekunde zu Sekunde entfernt sieh der Einzige, den ich liebe, auf dem Meer! (Sie greift ans Herz.) Armes Ding, beim Scheiden erst merkst du, was du besaßest! – Hanna!

Hanna (alte Sklavin, kommt). Herrin!

Alitta. Bleib heut bei mir und sticke.

(Hanna setzt sich und stickt.)

Wie? stickt sie mit meinen Tränen? (Sie verdeckt ihre Augen mit der Hand.)

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