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Christian Dietrich Grabbe: Hannibal - Kapitel 18
Quellenangabe
typedrama
booktitleHannibal
authorChristian Dietrich Grabbe
year1989
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006449-x
titleHannibal
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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IV Gisgon

Karthago. Nachmittag

Gemach in Melkirs Palast

Melkir, Hanno und Gisgon

Melkir. Der Tag ist schwül. Setzen wir uns und laben uns am kühlen Wein, und dann – (Er stößt mit Gisgon und Hanno an, diese tun als nippten sie von dem Wein, setzen aber die Becher unberührt beiseit. Melkir in sich.) Die Niederträchtigen! sie merken gar das Gift!

Gisgon. – Hannibal kann heut noch ankommen. So sehr wir seiner gegen die nahenden Scipionen bedürfen, so gefährlich ists, ihn mit seinem Heere in die Stadt zu lassen.

Melkir. Er kommt auch nicht damit herein. 's ist gesorgt: er soll draußen einige Stunden ruhen, und gleich darauf den Römern entgegen.

Hanno. Diesem ist so, Gisgon. (Er legt einen großen Brief auf den Tisch.) Dieses Schreiben des Synedrions verfügts, und der Lotse steht bereit, der es ihm überbringt, sobald man seine Wimpel gewahrt. Du zweifelst? (Mit Gewicht.) Ja, ja, der Lotse steht bereit!

Gisgon. Und befolgt Hannibal die Befehle nicht?

Hanno. Wie dürft er es wagen? Wie könnt er sich rechtfertigen?

Gisgon. Das kann er kurzweg. Er sagt, ich habe die Befehle nicht gelesen, und bricht durch den Hafen in die Stadt.

Melkir. Geht nicht. Äußerer und innerer Hafen wehren es ihm mit Ketten, und mit Toren von Erz, deren sich die Pforten der Hölle nicht zu schämen brauchten.

Ein vertrauter Diener Melkirs (tritt ein). Unsere italische Kriegsflotte naht mit vollem Winde.

Melkir. Deinen Brief, Hanno. (Zum Diener.) Ihn sogleich an den bewußten Lotsen geschickt.

(Der Diener ab.)

Kommt an dieses Gitterfenster – Wir übersehen von hier das Meer, und laßt uns beobachten, ob alles nach unsren Befehlen geschieht.

Gisgon. Die Flotte sieht zwar recht lumpig, aber auch verdammt ernsthaft aus, ihre Segel sind geflickt, ihre Vorderteile von der Zeit geschwärzt und voller Spalten, aber alles das nicht wie ein gebeugtes, sondern wie ein durchgrämtes, wütendes Gesicht.

Hanno. Der Lotse fährt zum Admiralschiff – er steigt hinauf mit dem Brief –

Gisgon. Ich bin begierig, ob – Moloch, die ganze Flotte zieht die Flaggen auf, Karthagos Befehle zu begrüßen – Verzeihung, Melkir und Hanno, ihr kanntet Sachen und Menschen besser als ich.

Hanno. Da steigt der Lotse wieder mit einem Hauptmann ins Boot und fährt hieher.

Melkir. Diener!

(Der Diener kommt.)

Eile jenem Hauptmann entgegen und führ ihn hier ein.

(Der Diener ab.)

Gisgon. Lieber Hannibal, bist doch nur ein Haudegen, und jetzt begreif ich, wie Du überall siegen, und doch weder Rom noch Karthago bewältigen konntest.

Der Hauptmann Hannibals (tritt ein). Wer unter euch der edle Melkir?

Melkir. Melkir bin ich.

Hauptmann. Mein Feldherr entbietet mich zu Dir: er weiß, wie sehr er alle Hülfe vorzüglich Deiner, auch Hannos des Großen, und Gisgons Bemühung –

Melkir. Auch die beiden siehst Du hier.

Hauptmann. Auch ihnen Gruß! – Ferner weiß er, wieviel ihr bei dem erhabenen Synedrion geltet, und bittet euch, da er in den langen Feldzügen ungewohnt geworden, in einer so hohen Versammlung zu reden, seine Vermittler zu sein, und ihm die nötigen Befehle auszuwirken, nach welchen er gegen das heranrückende Römerheer zu verfahren, und wo er jetzt zu landen hat, ob im äußeren oder inneren Hafen, oder an welcher anderen Stelle?

Melkir. Unseren Gruß ihm wieder. In den beiden Häfen soll er nicht landen, sondern den Scipionen entgegen, auf der Ebene am Westende der Stadt.

Hauptmann. Das war seine unmaßgebliche Meinung auch. – Ein Teil unsrer Mannschaft ist seekrank – er wünscht einige Verstärkung, wenn sie möglich.

Melkir. Er soll die Seesoldaten unserer beiden Häfen erhalten. Hier die Vollmacht.

(Der Hauptmann ab.)

Hanno. Die Häfen so zu entblößen?

Gisgon. Hannibals oder unsere Dummheit ist so groß, daß mir ihretwegen titanisch zu Mut wird.

Melkir. Du bist jung, Gisgon, höchstens sechsunddreißig Jahr, da kann uns der eitle Kriegsglanz noch blenden, und glauben machen, daß ein brauchbarer Feldherr, wie Hannibal, nicht außer seinem gewohnten Kreise ein beschränkter Kopf sein könne.

Gisgon (durch das Gitterfenster blickend). Seine Flotte rührt sich!

Melkir. Nach Westen, genau wie wir vorgeschrieben.

Hanno. Wendet sie sich jetzt nicht ein wenig östlich?

Melkir. Um den Ostwind zu gewinnen. Sie geht schon wieder nach West.

Gisgon. Und nun wieder nach Ost – alle Blitze und ihre Zickzacke!

Melkir. Sie laviert.

Gisgon. Erhebt euch, Götter der Unterwelt, und reißt diese Lavierer in eure Tiefen! – Ha, schaut, es wendet sich, gradaus, nach Osten, auf die Häfen stürmts, die Ketten springen vor dem Anstoß, die schlechtverwahrten Eisentore rauschen auf – In der Stadt ist er und wir sind alle an der Nase geführt!

Hanno. Und da schwinge sich der Hauptmann aus einem Boot ans Land, den bloßen Säbel in der Faust, eine Kuppel bewaffneter Neger hinter ihm – seine eben noch schmeichelnden Mienen flammenrotes Gewölk!

Melkir. Man kann sich irren, der Weise muß aber auch darauf gefaßt sein. Und (höhnisch) hättet ihr meinen Wein getrunken, ließ euch Hannibal nicht kreuzigen. Ich indessen bin gerettet! (Er versinkt.)

Hanno. Der – dieser –

Gisgon. Folg mir – Hier ist eine versteckte Wandtür, die ich ihm längst ablauschte. Wir entwischen bequemer als er!

(Sie entfliehen durch eine Wandtür, die sich hinter ihnen schließt.)

Der Hauptmann Hannibals (mit Kriegern). Da sitzt der dreiköpfige Höllenhund! – Was? weg? – Das ganze Haus zu Brei, daß er und jede Maus darin ersticke!

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