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Christian Dietrich Grabbe: Hannibal - Kapitel 12
Quellenangabe
typedrama
booktitleHannibal
authorChristian Dietrich Grabbe
year1989
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006449-x
titleHannibal
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Weite schöne Flur bei Cajeta im vollsten Herbstschmuck

Winzer und Winzerinnen bei der Weinlese

Alle. Evoe Bacchus! Jo! (Sie bewerfen sich mit Reben und Trauben.)

Ein Greis. Atellanen, die vollen Weinsäcke sind mit Öl geglättet – Nun eure Scherze auf ihnen!

Die Jünglinge. Laßt die Pfeife ertönen! Die Schellen erklirren!

Die Mädchen. Erst ihnen diesen frischen Most!

Ein Atellan. Dank! – Aber jetzt spielen? seht ihr nicht dort die Römer auf den Bergen ziehen wie Wolken?

Die Mädchen. Des Anblicks sind wir Monate lang gewohnt, die Wolken regnen nicht, die kommen nie herunter!

Der Atellan. Doch Hannibal rückt in der Ebene nach!

Die Mädchen. Uns willkommen. Er war Cajetas Flur immer freundlich, und wird uns nicht stören.

Der Greis. Drum Evoe! spielt euer Stück: das, wo der Faun die Nymphe hascht.

Ein Atellan. Numidische Reiter!

Heransprengende Reiter. Nur ruhig! Wir tun euch nichts. Der Feldherr verbots und nennt euch Befreundete!

Die Mädchen. So nehmet hier und kostet von unsrem heutigen Herbst! (Sie kredenzen ihnen Wein.)

Der Greis. Wohin gehts?

Ein Numidier. Nach Rom, und hoffentlich zum letzten Mal, es in Trümmern hinter uns lassend. – Ha, unser Heer!

(Das karthagische Heer rückt an; Hannibal zu Pferd, unterm Vortrab.)

Der Greis (zu einem Mädchen). Du, die Schönste, füll und reich ihm diesen Becher!

Das Mädchen (tritt mit dem gefüllten Becher vor Hannibal). Erhabener Feldherr – Nimm den Gruß Cajetas!

Hannibal (steigt vom Pferde, alle übrigen Berittenen auch). Ich nehm ihn, doch da ich Wein nicht genießen darf, gieß ich diesen allen Göttern der Fluren, Berge, Ströme und Täler Kampaniens hin, und flehe sie, ihn wohlgefällig aufzunehmen, als Opfer eines Gastfreundes, dargebracht für dieses Landes Heil! – – Nun setzt eure Spiele fort. Das Heer rastet hier ohnehin. Wir wollen zusehn – so etwas ward uns lange nicht.

(Er läßt sich mit seinen Begleitern auf den Rasen nieder. Ein als Satyr verkleideter Atellan stellt sich zur linken Seite der Ölsäcke und spielt auf der Querpfeife, ein zweiter, als Pomona aufgeputzt, zur rechten, und rührt klingelnde Schellen, zwei andere, der eine als Faun, der zweite als Nymphe gekleidet, wollen die beölten Säcke besteigen, gleiten aber immer mit lustigen Wendungen aus.)

Die Menge. Herrlich! Faun, Du fällst prächtig! Nymphe, ist der Boden schon jetzt Deinem Fuß so glatt? Was wird geschehn, wenn der Faun Dich packt?

Hannibal (lacht herzlich). Ihr habt lustige Schauspiele, Vater, sie ergötzen schon, eh sie beginnen – (Zu einem jungen Punier.) Was meinst Du?

Der junge Punier. Im Felde, wo man Karthagos Pompaufzüge nicht hat, läßt sich das ansehn.

Hannibal. Freilich. – Der Himmel ist so rein, die Luft so erquickend, mein eigner Geist wie durchweht von ihr, die Leute so heiter, wie ihre lachenden Gefilde – Ich fühle mich zu wohl, und fürchte fast, es steht mir ein Unglück bevor.

Ein als karthagischer Krieger verkleideter Römer (der unter dem Mantel ein Paket zu halten scheint, tritt an Hannibals Seite; für sich). Es steht neben Dir!

Hannibal. Mein Glück wäre vollendet, säh ich des Bruders teures Haupt!

Der Römer (wirft ihm den Kopf Hasdrubals vor die Füße). Hier ist es!

Alle Umstehende. Entsetzen!

Hannibal. Gut! Das Schauspiel endet, wie es muß! Mit einem Theaterstreich! – Rom, du tröstest mich: sinkst du von deinen sieben Hügeln so niedrig, daß du deinen Feind mit grausamem Spott bekämpfst, so sinkst du bald noch tiefer. Ich habe deine gefallenen Feldherrn ehrenvoll bestatten lassen, als wären sie unter Römern gestorben, und du – Was Rom? (Er nimmt Hasdrubals Haupt.) Bruder, Du – ja, es sind seine Locken, seine Züge – Ach, neun Jahr war ich alt, als ich von der Heimat schied, da klettertest Du dem ältern Bruder heimlich nach auf das hohe dunkle Schiff, und wolltest und wolltest nicht lassen von ihm, bis man Dich wegriß, und seitdem sah ich Dich nicht wieder, doch Dein Gesicht blieb mir in das Herz geschnitten, und wuchs Dir nach mit den Jahren wie ein Namenszug in der Eichenrinde! – Laß Dich umfassen – Wehe, er hat ja die Brust nicht mehr! (Zu dem Römer.) Und Du, Schurk, lächelst?

Der Römer. Mein Wunsch ist erfüllt. Ich sah den Todfeind weinen.

Hannibal. Du sahst es. Turnu, begrabe Hasdrubals Haupt.

Turnu. So, daß mich niemand bemerkt, der es wieder aufgraben und schänden könnte?

Hannibal. Du errietest es. (Zu Brasidas.) Befiehl den Rückzug nach Kapua; wir haben hier keinen Halt weiter. – Die heitere Gegend wird mir zum Nebelmeer. – Doch der Marsch wird mich stärken.

(Brasidas ab.)

Karthago, die Du Dich priesest: «ich bin die Schönste unter allen, die da prangen am Meer«, wenn nur dem Haupt meines Bruders nicht auch Deine Türme nachsinken, und Deine Purpurgewande nicht nach allen Winden zerflattern!

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