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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
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VII

Ein verzweifelter Mensch läuft über den Schnee. Er erreicht die Straße, zieht an der Klingel, sieht sich wirr in dem kahlen Vorraum um und stürzt dann auf die Krankenschwester zu, die mit verhaltener Erregung hereintritt.

»Hann, du?«

»Line stirbt.«

»Da sei Gott vor.«

»Klara, Klara, es darf nich – das kleine Kind – und ich – und, und – warum soll ich es vor dir verschweigen? – mir is, als ob du und ich und die ganze Welt mit ihr zusammen sterben müßten.«

»Das weiß ich, Hann, das weiß ich.«

Mit Hast wird nun allerlei durcheinander gefragt. Nach dem Doktor, nach Rezepten, und dann eilen der Mann und das Mädchen durch den Schnee von dannen, beide Hand in Hand, ohne daß sie es fühlen.

»Klara, sie is gut – du mußt mir glauben, sie is gut,« stammelt er im Laufen.

»Und du auch, Hann – du auch. – Gott wird helfen.«

»Ja, wenn er sie sieht, wie sie daliegt, dann hilft er ganz gewiß, es geht nich anders.«


Dicht bei Neuyork, am Strande von Long Island, sitzt an demselben Abend der Buchhalter der Bootsbaufirma Richards & Co. auf seinem Kontorsessel und sieht durch die grünen Sprossen eines Weingeländers auf den Ozean und die hinabtauchende Sonne.

Blauer und blauer wird's, an dem Spalier rüttelt der Wind; und der junge Beamte klammert sich mit seinen Blicken an einen fernen, fernen Dampfer an, der winzig, wie eine Schwalbe, über das Meer enteilt. Dann ist er zwischen Schaum und Duft zerflossen.

Versonnen schüttelt der Einsame das Haupt und will eben seine Papiere zusammenraffen, da tritt ein Schiffszimmermann in den Verschlag, der mit zufriedenem Stolz seine Löhnung fordert, um dann seine Tatze abschiednehmend durch das Geländer zu recken.

»Na, adjüs ok, Herr.«

»Adjüs?« – Bei dem Klang horcht der andere hoch auf: »Sind Sie denn ein Plattdeutscher, Schmidt?«

»J, jawoll, jung Herr,« sagt der rotblonde Bursche breit. »Ut de Gegend von Wolgast.«

Das Wort muß den Buchhalter treffen, denn er tritt rasch aus seinem Gehege heraus.

»Das wußt' ich nicht. Und trotz des hohen Lohns,« fragt er rasch, »wollen Sie wieder nach Deutschland zurück? Aus welchem Grunde? Haben Sie dort eine Braut?«

»Ne, Brüdjam bünn ick dor nich grad. As ich fortführ, wir sei irst föfteihn

»Aber Sie haben vielleicht Geschwister?«

»Ne, dei sünd all dot – aberst Herr, ick – ick –« und der Zimmermann reibt sich verlegen an seiner Hose. »Nach den ganzen Lann'n heww ick Sehnsucht. Nach de Felder und de Minschen und unsre Sprak.«

Still wird es zwischen den beiden. Und da die Winterabendsonne rötlich den Raum überzittert, so kann der Scheidende nicht merken, wie sein Vorgesetzter erblaßt ist.

Zögernd schreitet der Buchhalter endlich an sein Pult und öffnet es. Mit zitternder Hand nimmt er einen Brief hervor.

»Schmidt,« beginnt er mit niedergeschlagenen Augen, »hier hab' ich seit vielen Monaten ein Schreiben liegen, das ich aus schwerwiegenden Gründen nicht abgesandt habe. Wollen Sie das an seine Adresse befördern? Der Ort liegt ganz in Ihrer Nähe. Wollen Sie den Weg machen?«

»J, woll, Herr,« erklärte sich der Abreisende bereit, und dabei buchstabiert er die Adresse: »Hann Klüth. – Oh, das is woll ein Verwandter? Na, den will ich grüßen, Herr.«

»Und das Land auch,« sagt der andere an sich haltend und blickt auf die spielende See.

»Versteht sich. Das Land auch. Adjüs!«


Das Meer war Lines Feind. Das Meer wollte nicht, daß die Kranke gesunde. Das Meer, welches das Mädchen schon als Kind gehaßt hatte.

»Heut' abend knackt das Eis,« meinte oll Kusemann.

»Und dann gibt es wieder einen Tanz,« setzte Frau Fiek hinzu, die mit Hann in der Küche weilte, um das Kind in einem Korbe zu wiegen. »Kuck, Hann, was er für schwarze Augen hat. Grad als Line. Und da – jetzt sieht er direkt auf die See raus.«

»Kinder können den Sturm sehen,« kaute oll Kusemann, während er an dem Türpfosten lehnte. »Hann, du solltest die jugendliche Mutter von hier fortbringen. Was tust du, wenn das Wasser hier nun hereinläuft.«

Aber Frau Fiek schüttelte ihre Riesenfaust nach der See, über der sich noch die Eisdecke spannte. »Das wird sie wohl bleiben lassen,« schrie sie – »wird sich hüten. Solche Waschschüssel voll Wasser. Werden uns hier gerade fürchten.«

»Stäwelwichs,« polterte Klaus Muchow und schlug auf den Herd.

Und das Kind begann laut zu schreien.

»So« murmelte der Lotse, »da habt ihr's, das Gör, ahnt es.«

Und Hann, der mit gesenktem Haupt an der Wiege stand, wo er geraume Zeit auf das rosige Gesichtchen geblickt hatte, fing ebenfalls an, sich zu fürchten vor dem Meer, das dort unter der Eisdecke schlief, und vor der großen Stille, die um den Katen lauerte, und vor dem Unbekannten, das täglich einen Fuß auf die Schwelle setzte und ihn wieder zurückzog.

Ein Schauer lief dem plumpen Manne über den Rücken. Er zitterte einen Moment, daß es den anderen auffiel. Die vielen Nachtwachen hatten ihn bereits erschöpft.

»Hann,« sagte Frau Fiek aufsehend, »du solltest dich mal hinlegen.«

Er schüttelte das Haupt.

»Nich eher, als bis Line geschlafen hat.«

Damit ging er an die See und maß die Stärke des Eises.

Zwei Zoll. »Noch hält's.«


Doch im fahlen Glanz der Februarsonne lag die See und schielte mit ihrem eisigen, glänzenden Auge durch das Fenster nach Lines Lager hin, so daß die Liegende keinen Blick von dem Schimmer wenden konnte.

Sie hatte den Kopf auf beide Hände gebettet, und ihre glänzenden Augen ließen die Scheibe nicht.

Unmerklich flüsterte sie.

»Nun?«

Und dann wieder.

»Wann kommst du?«

Dann winkte sie verstohlen.

Da griff Klara Toll, die nun schon seit Wochen an dem Lager waltete, sacht nach Lines Hand. Die Kranke mußte aufsehen.

Dabei verrieten ihre lebhafter glänzenden Augen, wie ihr die schlanke Gestalt in dem hellblauen Pflegerinnengewande, das ihr früher soviel Abscheu eingeflößt, jetzt gefiel. Neugierig fast spähte sie nach den braunen Haaren, die im Glanz der Sonne weich unter dem Haubenlatz hervorquollen.

Unterdessen hatte die Schwester einen Arm um Lines Schulter geschlungen, und nun konnte sich die Liegende aufrichten.

»Komm« bat Klara, »sieh von da fort.«

Doch Line schüttelte nur eifrig das Haupt und bog den Hals gespannt wieder nach dem Fenster. »Das verstehst du nicht,« erwiderte sie leise, »ich muß drauf warten.«

»Worauf, Line?«

Aber Line blieb stumm. Doch wenn sie auch schwieg und wie gezogen wieder auf das Wasser hinausträumte, Klara Toll wußte aus früheren Reden recht gut, was die Gedanken der Leidenden lenkte.

Da lag sie nun schon seit Wochen, vom Fieber geschüttelt, sie, die so leidenschaftlich nach dem Leben verlangt hatte, nach einem besseren, tätigen Dasein, und siehe, das Leben verwarf sie, das Leben hatte sie auch fürder ausgespien. Nichts konnte sie dem Neugeborenen leisten, vor dem sie ursprünglich solche Angst gehegt, auf keine Weise Hann danken, der sie unausgesetzt, wie ein großer, treuer Haushund, bewachte. Und nun waren mitten in ihre Fieberträume die Reden der Hausgenossen hereingedrungen über das Vordringen des Wassers, und seitdem lag Line und lauerte.

Unausgesetzt, wie auf etwas Wunderbares. Immer wieder wandte sie sich nach der eisigen Fläche. Und wenn sie es auch nicht wieder laut werden ließ, ihre verlangenden Augen redeten es deutlich: »Nun?«

Und dann wieder.

»Wann kommst du?«

Am Mittag trat Hann zu der Erschöpften, und als sie ihn merkte, streichelte sie seine Hand, um sie jedoch gleich fahren zu lassen, sobald sie sich an Klaras Gegenwart erinnerte.

Dann bannte sie ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um endlich das zu fragen, was sie jetzt täglich beschäftigte, ob Paul, der Pastor, etwas von sich habe hören lassen? Und die in der Stadt? Beide nicht? – Beide nicht?

Sie kannte schon Hanns mitleidiges Kopfschütteln und streckte sich starr in ihren Kissen aus. Ihre Augen suchten die niedrige Decke.

Der Nachmittag dieses Tages, von dem die Moorluker noch heute sprechen, dämmerte herauf. Die beiden Frauen saßen wieder allein. Line auf ihrem Bette, Klara am Fußende, mit einer Strickerei in der Hand. Die sah winzig aus.

Die gelbe Februarsonne glitzerte auf den Fensterscheiben. Da richtete sich Line auf. Ihre Augen irrten wieder auf der Eisfläche herum.

»Klara.«

Die Pflegerin ließ ihre Arbeit ruhen und sah auf. –

»Klara, woran arbeitest du da?«

»Es sind Strümpfchen für den Kleinen, Line.«

Die Kranke besah sich die Arbeit und legte einen Augenblick ihre Wange darauf.

»Ja, ja,« begann sie dann mit eilender Stimme. »Du wirst sie ihm auch später stricken.«

»Wieso, Line, ich werde doch nun bald gehen.«

Die Liegende lächelte eigentümlich und wandte sich dann wieder zur See, über deren Eisfläche der Wind graue Schneewolken jagte.

»Hörst du,« sagte sie mit seltsamer Befriedigung, während sie mit dem Finger zeigte, »wie es heult?«

Da legte Klara ihre Arbeit fort, und ihre stillen, offenen Züge kehrten sich ganz gegen ihre Gefährtin: »Line,« bat sie, »willst du mir nicht einmal erklären, weshalb du so stundenlang auf das Eis siehst?«

»Weshalb willst du das wissen?«

»Wir ängstigen uns alle deshalb.«

»Oh,« lächelte Line, und es war so, als wollte sie wieder alles in sich verschließen, allein plötzlich führte sie ihre Lippen an Klaras Ohr und raunte: »Ich war so schlecht, Klara, so schlecht, wie du dir's gar nicht denken kannst. Du weißt's ja, du bist mir ja auch nicht gut gewesen. Ich hab' nur immer an mein Vergnügen gedacht, und wenn andere darüber hätten verbluten sollen. Das ging eine lange Zeit, und ich wollt' auch gar nicht anders werden. Sieh, da ist nun die Zeit mit Hann gekommen, und ich weiß auch nicht, wieso, aber das Ehrliche in ihm muß wohl eine Kraft haben, denn ganz allmählich, Stück für Stück ist mir der Wunsch aufgestiegen, ich möcht' auch so werden wie er, so ohne Lüge, und ganz zuletzt ist diese Sehnsucht rein übermächtig in mir geworden. – Aber sieh, da ist so viel, was mich an das Frühere erinnert. Der Gedanke an das Kind und an seinen Vater – das stößt mich immer wieder zurück. Und da weiß ich nicht, soll ich leben, oder soll ich sterben? Und deshalb lieg' ich und warte auf das Wasser. Es wird kommen, Klara, und wenn es mich dann nicht mitnimmt, pass' auf, dann gelingt's mir.«

Klara schüttelte das Haupt. »Das sind Phantasien,« entgegnete die Pflegerin, an sich haltend. »Die See wird nicht kommen. Aber wenn du hier jemanden lieb hast, so darfst du ihm nie von dergleichen reden. Versprich mir das.« Sie rückte ihr sanft die Kissen zurecht. »Nicht wahr, du hast Hann doch lieb?«

Line zuckte und sah starr auf die Decke.

»Nicht so wie du,« gab sie endlich mühsam zurück.

»Aber du bist ihm doch gut?« drängte die andere.

Leise nickte die Gefragte und faltete die Hände.

Die Pflegerin rückte noch näher. Jetzt wollte sie erkunden, was ihr schon lange des armen Hann wegen auf der Seele lag: »Und an Bruno, Lining, denkst du noch an den? Es ist nicht Neugierde, die mich treibt.«

Da lag Line ausgestreckt und führte beide Hände an die Stirn, eine innere, heftige Unruhe ging durch ihre Glieder, und wieder flog ein langer irrender Blick auf die See hinaus.

»Und das Kind,« mahnte die andere eindringlich, »das wird dich doch ans Leben fesseln?«

»Du mußt mich nicht quälen« stöhnte es aus den Kissen auf. »Das Wasser weiß allein, wie alles enden wird.«


Um sechs Uhr nachmittags kam ein fremder Mann zu Hann, der einsam mit seinen schweren Wasserstiefeln an der Wiege des Kindes saß. Der Fremde blieb eine geraume Zeit. Als später Frau Fiek in ihre Küche trat, fiel es ihr auf, wie ihr Mieter noch immer gebückt neben dem kleinen Lager harrte, mechanisch mit dem Fuß den Gängel tretend, einen Bogen Papier in der Hand und verstört darauf niederschauend.

Frau Fiek wurde neugierig.

»Hann, was liest du da?«

Wohl horchte der Mann nach dem Klang der Stimme, aber den Sinn schien er nicht zu fassen. Erst ganz spät tönte es zurück: »Einen Brief.«

Das sah Frau Fiek selbst, deshalb zuckte sie über Hanns Dummheit ein wenig die Achseln, denn gar zu gern wollte sie mehr wissen.

»Von wem is der woll?« examinierte sie freundlich lächelnd weiter und streckte zutraulich die Hand aus, als hoffe sie, eine Ecke des Schreibens zu erwischen.

»Von weit her,« erwiderte Hann, noch tief in seinen Gedanken, und dabei faltete er still das Papier zusammen und steckte es zu sich.

»Kuck, wie schlau,« platzte die Riesin heraus, als das Ersehnte in der weiten Tasche verschwand. Aber nach einiger Zeit grinste sie wieder und fragte recht herzlich, ob Hann etwa eine Erbschaft gemacht oder vielleicht etwas gewonnen hätte.

»Wie würd' ich mich freuen,« setzte sie hinzu, wobei sie sich den Mund wischte. »Und es is nich etwa deswegen, weil du uns noch zehn Taler schuldig bist, Hanning. Ne, das mußt du nich glauben. Man ja nich.«

Dabei nahm sie die Küchenlampe vom Herd und leuchtete ihrem Mieter ins Gesicht. Aber wie erschrak sie, als dieser seine Augen gegen sie erhob. Da sprach nichts von Freude, wohl aber erkannte die Erfahrene Gram, Verzweiflung und völlige Ratlosigkeit. – Und wie faltig die Furchen sich in diesem frühgealterten Gesicht eingegraben hatten.

Jetzt stand er auf, schwerfälliger als sonst, sah sich um und griff an seine blaue Schifferjacke, bis er das Papier knistern hörte. Dann nickte er. Plötzlich sagte er etwas. Mit einer Stimme, die nur dumpf aus der Brust schlich.

»Frau Muchow?«

»Jawolling?«

»Wird es mit Line besser werden?«

»Hann, wer kann das sagen? – Aber mir will es bald so vorkommen.«

»Ja–ja.«

Nochmals beugte er den schweren Kopf, dann blickte er lange vor sich nieder. »Ja, ja, nun wird sie gesund werden und wieder wie früher, und ich hab' – – –«

»Was hast du?« drängte rasch die Frau, als er stockte. Aber geschah es, weil unvermutet vom Meere etwas heulte, oder war es, weil das Kind laut schrie, Hann schüttelte den Kopf und warf nur hin: »Sehen Sie hier ein bißchen nach dem Kind, Frau Muchow, ich will noch raus und mein Boot höher ziehen. Wer weiß, was heut nacht geschieht? Vielleicht kriegen wir noch was.«

Damit stülpte er sich die Mütze auf und ging Schritt für Schritt in die Dunkelheit.


Das war eine böse Stunde, die über Hann eingebrochen war.

Der Teufel focht mit dem lieben Gott, alles was Gutes in ihm lebte, war von Nacht zugedeckt, von allen Seiten stürmten die bösen Geister heran, in den Krallen die roten flatternden Fähnchen der Sünde, als wollte jeder zuerst in diesem stillen, reinen Herzen das höllische Banner auspflanzen.

Er saß auf dem Kiel des Bootes, das er fast bis unter die Mauern des Katens geschoben hatte, und wie in ihm, so tobte auch draußen eine lärmende, unheimliche, nicht erkennbare Nacht.

Was knallte dort?

Schüsse?

Da und dort, von überall her drang das dumpfe Platzen; mächtiger, immer länger, bis es ein Donner ward, wie wenn eine Schlachtflotte den Katen, in dem Line lag, und die Küste und die ganze Welt in Trümmer schießen wolle.

Und über Hanns Lippen flog ein schweres, fast unheimliches Grinsen: Gut, gut, wenn das Eis so platzte, war dann nicht schon öfter die Flut hinterhergedrungen? Erst vor zwei Jahren war doch auf dem Darst eine kleine Halbinsel mit Menschen und Vieh zur Winterszeit verschlungen worden?! – Gut, gut, was aber schadete das? – Dann ging der Katen unter, mit allem, was drinnen hauste, dann war es morgen hier still, dann hatte er eben den Brief, dies verfluchte Papier, das drinnen in seiner Tasche bei jeder Bewegung knisterte, nicht mehr abgeben können, dann war er zusammen mit ihr untergegangen, und keiner hatte mehr etwas zu fordern. – Ne, keiner!

Bei dem Gedanken, daß dort hinten, weit hinter der Nacht, jemand lauere, der ihm das fortnehmen wollte, was er mit seinen plumpen, fiebernden Händen auch über den Abgrund festgehalten, da hob Hann plötzlich in Wildheit die Faust und schüttelte sie drohend gegen das schwarze, lärmende Meer!

Es war eine rohe, gewaltsame Bewegung.

»Du – du Halunk. – Was willst du? – komm ran – komm bloß ran – dann wirst du mir ja nich mehr lang im Weg sein. Was? Hast sie nich schon einmal in Schande gebracht? Möchtst sie nun wohl ganz zugrund richten, wie?«

Drüben auf der See riß etwas –ein langer, weiter Spalt mußte es sein, der sich auftat. An der Molenmauer krachte es.

»Immer näher kommt's,« murmelte Hann, »da – da fliegen schon die Eisstücke; und nun – das muß das Wasser sein, was da durchbricht. Da schäumt etwas, da an dem Steg; der wird nich lange halten – ganz gut – ganz gut–«

Auf ihrem Lager in der Kammer richtete sich Line in die Höhe, schneebleich war sie vor Erwartung und Furcht geworden, und doch rief und forderte sie immer wieder, Klara solle das Rouleau fortziehen, hinaus müsse sie spähen können, nach draußen, woher der Donner rollte. Nichts nützte es, daß die Pflegerin die Hände rang und anführte, daß draußen nichts als Dunkelheit herrsche.

»Das schadet nichts, Klara, dann will ich hören – «

»Mein Gott, Lining, fürchtest du dich denn nicht?«

»Ja, ja, ich fürchte mich – aber zieh fort – ah jetzt.«

Das Rouleau war in die Höhe gegangen.

Sie erhob sich aus den Kissen und starrte mit aufgerissenen Augen hinaus. Draußen ritt Hann auf dem Kiel des Bootes, lehnte sich an die Mauer des Katens und hielt sich an einem Vorsprung fest.

Leise, verstohlen begann der Wind zu ziehen – allmählich wurde ein Winseln daraus. Ein heftiger Zug fuhr um die Hausecke und schüttelte Hanns Schifferjacke, so daß Brunos Schreiben drinnen knisterte und rauschte.

Verfluchter Zettel – willst du wohl still sein?

Am besten war's, er zerrisse ihn, dann wüßte keiner etwas davon. »Aber,« so tönte eine ganz ferne Stimme, »wenn der andere nun doch, wie er schrieb, von Reue erfüllt wäre und wieder hinauf wollte und Line ihm dazu nötig wäre, Line und das Kind – von dem er nichts ahnte – was dann?«

Der Schiffer fuhr sich in die Haare.

Hölle und Teufel, wem gehörte sie denn eigentlich – ihm oder dem Fernen, der sie betrogen, der sie unglücklich gemacht – –?

»Ich find' da nich raus,« schrie er auf, »wenn Gott mir nich helfen will, dann soll der Teufel kommen, dann soll er kommen«

Und er kam.

Leiblich, mitten in der donnernden Nacht.

Was war das?

Von dem Fenster, hinter dem Line lag, hob sich etwas, ein gelber Lichtschein fiel heraus, fort über den Bootskiel, fort über den trüben Schnee, fort über die nasse, kotige Wiese, bis hinab, wo etwas Unheimliches, Rauschendes plätscherte. Und der Teufel nahm Hann, so daß er auf dem Kiel fortkriechen mußte bis zum Fenster, und daß er sich duckte und hineinstarrte.

Und der Teufel riß Line weiter aus dem Bett hervor und stieß ihr die Decke fort, so daß der Mann draußen sie sah, wie er den schönen weißen Leib noch nie geschaut. Noch niemals ein Weib.

Da schlug die Flut des Bösen schallend in sein Herz, das bis dahin eine Kirche war, und Altar und Orgel versanken, und die Glocken klangen aus den schwarzen Wassern nicht mehr hervor. Ja, und morgen schon wollte er den Brief verbrennen, und dann wollte er bei dem Weib in der Kammer hausen, das ihm gebührte, ihm allein – –und –

»Lining?«

»Herr Gott!«

Was schrillte dort drinnen für ein heiserer Schrei?

Das Rouleau wurde herabgerissen, der Lichtschein schwand. Überall Dunkelheit. Aber nein, da und da – überall auf der Mole feurige Punkte, Laternen. Auf dem Leuchtturm plötzlich weithin grellendes Notfeuer! In blutiger Helle blitzen, von dem Scheinwerfer getroffen, da und dort Küstenstriche auf. Aber nein, das ist ja keine Küste mehr, was schiebt sich dort vor? Was zischt so? –

»Hann, Hann,« ruft Frau Fieks Stimme oben aus der Bodenluke. Verworrene Stimmen aus dem Dorf schreien dazwischen, sie dringen näher, sie eilen wieder fort. Und nun über die Dächer fort vom Kirchturm Glocken. – Wie das dröhnt und wimmert. Und vom Meer stöhnt das Nebelhorn eines Schiffes, das dort in Not sein muß.

»Gut – ganz gut.«

Hann rührt sich nicht. Lang ausgestreckt liegt er auf dem Kiel und hat die Bootsrippen umklammert und beißt die Zähne zusammen. Nein, er rettet nichts. Da er dieses schone Weib, das er eben gesehen, von deren Anblick ihm das Blut summt, nicht behalten soll, dann mag das Wasser nun ruhig alles holen.

Ganz ruhig.

Was ist das? – Sein Kahn beginnt sich zu heben. Es muß also schon da sein. Es schwankt, es stößt – –

»Hann – Hann!«

»Ja – wer ruft da?«

Das Fenster vor ihm wird aufgerissen – Licht und dasselbe Bild wie vorhin. Auf den Knien in ihrem Bett hockt Line und starrt ihn an.

Ja, sie hat ihn erkannt, sie sieht ihn, aber sie winkt nicht, daß er sie holen solle.

Da saust und braust in Hann alles durcheinander.

Wie darf sie sterben, die Freundin seiner Jugend? Mit einem verzweifelten Sprung, mit einem einzigen, schwingt sich der Fischer ins Fenster. – Vergessen ist alles, der Zettel, sein Wunsch und ihre Nacktheit.

Hinter ihm her schießt das Wasser.


Nun hocken sie alle in den Bodenkammern. Auf Hanns elendem Schragen liegt Line, ausgestreckt und starr, aber die Augen offen, und um die Lippen ein merkwürdiges Lächeln. So lauscht sie auf das Gurgeln, das leiser und leiser um das Haus tönt. Denn nach dem ersten Anprall ziehen die Wasser schon wieder von dannen.

Das Kind in seiner Wiege hat Klaus Muchow heraufgetragen, und nun schleppt er es ungeschickt in seinen Riesenarmen herum und will es nicht wieder abgeben und küßt es und wiehert ihm ins Ohr: »Eierkauking, Eierkauking.«

Sonst spricht keiner ein lautes Wort.

Bis an den frühen Morgen steht Hann an der einzigen Bodenluke und betrachtet die ablaufenden Wasser – da und dort, überall tauchen wieder die Wiesen auf, das Eis ist verschwunden, ringsherum spiegelt sich die Morgensonne in freier, unbehinderter See; schneeweiß rollt der erste Schaum ans Ufer.

Hann atmet kaum die frische Luft, ihm klopft das Herz so bang, und wenn das Papier in seiner Brusttasche knistert, dann wird er fahl und erinnert sich seiner Nachtgedanken.

Als er noch sinnt, weckt ihn Klara Tolls Stimme.

»Hann!«

»Ja, Klara.«

»Line verlangt nach dir.«

Hann schüttelt sich und rafft sich zusammen.

»Wie geht's?«

»Besser. Sie erzählt und lacht und hat ihr Kind gestreichelt – und jetzt will sie dir etwas sagen.«

»Komm, Klara,«

An dem Bett steht Hann, steif und unbeweglich, wie immer, bis ihn Line sachte, sachte sich näher zieht. – Mein Gott, wie leuchten und blitzen ihre Augen. Hann erkennt, das ist dieselbe Line, die zu Malljohanns Handharmonika so zierlich getanzt hat.

»Beug dich tiefer,« sagt sie.

Er neigt sich herab.

Sie zaust in seinem struppigen Haar und lacht dazu: »Und in einer Decke hast du mich heraufgetragen, du großer Kerl?– Willst wohl gern, daß ich lebe?«

Da schlägt er die Augen nieder und ringt sich ab: »Ja, Lining, und wenn ich dir jeden einzelnen Tag von meinen eigenen dazulegen müßte.«

Als er das sagt, mit einer Stimme, die schwankt und unsicher wird, blickt sich Line blitzschnell nach Klara Toll um. Die ist jedoch gegangen, und die beiden Jugendfreunde sind allein.

Da legt sie sanft ihren Arm um seinen Hals, obwohl der Mann zittert unter der weichen Berührung. »Du,« flüstert sie, »du lieber, dummer Mensch, ich hab' dir noch niemals gedankt, aber heute will ich's tun, denn ich hab' das Leben wieder lieb, ach, so lieb.«

Ihre Wange nähert sich der seinen, weich und sanft – –

»Ja, Line,« erwidert der Fischer, während er sich mühsam aufrichtet, »das Leben is auch wohl das Höchste. Jetzt seh ich es ein. Aber ich glaub', man muß es auch ohne Vorwürfe und in Stille leben können. – Und deshalb, Line – liebes Lining – sieh, hier geb' ich dir was – das lies aufmerksam – das is unser aller Zukunft – da drin liegt Recht und Unrecht, und Freude und Trauer. Aber, wie das Leben es will, so müssen wir es auf uns nehmen. Und ich am allerwenigsten darf da dazwischen reden.«

Verwundert nimmt Line das Blatt, nun hält sie es, jetzt liest sie es, und langsam gleitet ihr Blick von dem Papier zu dem Mann, der lautlos auf das Meer blickt, und von dem Mann wieder zu dem Bogen.

Und in der engen Kammer und in den beiden Seelen webt alles durcheinander. Recht und Unrecht, Abschiednehmen und Einsamkeit, Freude und Trauer.

Es ist still geworden.

Nur draußen auf dem wieder erwachten Meer sieht Hann ein schaukelndes Boot zwischen den Wellen.

Schiff, wohin zielst du? Ist dein Steuer fest? – Kannst du dich selbst regieren.

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