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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI

Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt. Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn die Muchows etwas zu dröhnend werden, wenn sie singen oder mit den Füßen aufstoßen, dann zuckt es in ihren Augen auf.

Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will.

Aber die anderen merken nichts davon.

Nur Hann fühlt mit Staunen, allmählich mit Herzklopfen, später mit Angst und vorzeitiger Freude, daß etwas anders wird.

So merkt's die dumpfe Erdenscholle, daß der Schnee schmilzt und warme Frühlingswässer zu ihr dringen.

Der Winter kam.

Eines Morgens lag Moorluke im weißen Bann.

Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee.

Manchmal mußten die Männer einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelüste. Mit einem einzigen Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstücke gegen Tür und Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben.

Kalt, stählern, tückisch lag der Feind im Morgenlichte da.

»Stäwelwichs – Stäwelwichs,« schrie Klaus Muchow erbost, und die Männer hieben mit Eisäxten dazwischen.

Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die Wege, die über die Wiesen führten, hatten sich längst verkrochen. Man konnte sich darüber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel getrieben. Eben und weiß, unberührt und teilnahmlos lag jetzt die große, leuchtende Fläche, die sich ohne Abzeichen über den Bodden fortsetzte. Man wußte nicht, wo die Grenze war.

Selbst die Kirchenglocke, die doch früher laut zu den Einsamen herübergerufen hatte, sie war eingefroren und krächzte zuweilen wie ein heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trägt.

Immer stiller wurd's.

Das aber war Line gerade recht.

Ihre Zeit rückte näher und näher, und damit die Sucht, sich zu verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu stützen und nachzusinnen.

Das war ihr etwas ganz Neues.

Früher war sie Genuß suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag im Morgenrot – nun war es finster geworden, Fledermäuse flogen. Das waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklären suchten. Da wurde ihr allmählich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte –kimmerischer Dämmerung wegen, die über dem Ostmeer braut, – da wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrümmt auf dem Stuhl hing, riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmählich ein Schatz.

Dunkler und schneedämmeriger wurden die Tage, düsterer und drängender wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in einer Ecke kauerte, dann stieg es plötzlich vor ihr auf und griff nach ihr. – Angst – Angst – Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr war, und zu dem sie sich nicht gerüstet fühlte.

Dann wirft sie plötzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor Schrecken: »Hann, bist du noch da?«

»Ja, Lining, ich bin hier.«

»Dann steck' Licht an, Hann.«

Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum.

Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekümmert, wie flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen.

Sie rückt sich zurecht: »Hann, hörst du, wie es an die Scheiben tickt?«

»Es is Schnee, Lining.«

»Er hat die Fenster schon ganz verklebt.«

»Ja, Lining, ich seh' nur die lütte Stube und dich.«

Sie rückt noch tiefer in die Ecke und starrt auf ihn hin. Dann stützt sie die Ellbogen auf beide Knie, und während sie zusammenschauert, vielleicht vor Frost, fragt sie rasch: »Hann, weißt du, woran ich jetzt denke?«

»Nein, Lining, wie soll ich?«

Jetzt deckt sie langsam die Augen zu: »Hann, ich meine, wenn ich früh gestorben wär', hätt' ich viel Schlimmes nicht erlebt. – Du auch – wir beide – armer Hann.« Es ist das erstemal, daß sie das Wort sagt, das sie nicht mehr verläßt. Er zuckt zusammen und blickt scheu zu der Zusammengesunkenen hinüber. Ihre Worte, so seltsam, haben sein Herz mit einem Dorn zerrissen und doch gleichzeitig das Blut mit einem weichen Blumenblatt fortgenommen.

Aber sie hat den ihr so Nahen längst wieder vergessen.

»Es wär' so gut,« fährt sie stammelnd fort.

»Was, Lining?«

»Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren dürfte.«

Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden. Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es gesehen.

»Lining, wer soll bewahren?« Und seine Augen, sonst so mitleidig, blicken ernst.

»Die Mütter, Hann, die Mütter müßten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg, denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was würde dann alles mit einschlafen, all die zukünftigen schlechten Gedanken und all die schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wünscht, und ein Wunsch ist schon meistens schlecht.«

Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshütte. Deshalb wirft er das Netz über das Knie, schüttelt heftig den Kopf, und eilig geht es ihm über die Zunge: »Lining, das mußt du nich sagen – sieh, das mußt du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte, wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa weniger auf der Welt? Mich dünkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lüttes Kind, so ein ganz kleines Würming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag' dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr schlecht als gut. Denn wieso? – Na, daß es dumm is, wie Bohnenstroh, das weißt du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht, es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehört, es is habsüchtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? – Ich sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? – Da kommt nun der liebe Gott und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwürdige Kraft zum Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum Bessern. Die liegt in uns, Lining, man spürt sie manchmal leibhaftig. Und nun kuck dir bloß mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem Neugeborenen vorwärtsgeht. Meistens vorwärts. Denn das Bessere muß wohl das Stärkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben, und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz große Dinge aussinnt, die wieder anderen Menschen was nützen. – Und, Lining, um dies ›Vorwärts‹ wolltest du solche lütten Dinger bringen? – So ganz schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da müßte man sich ja rein vor den Regenwürmern genieren.«

Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurückzieht, so daß die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind groß geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den Fischer, wie früher, wenn der Knabe zuweilen etwas geäußert, was mit seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte.

Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Möwen und Raben krächzen draußen, und an dem Netz wird weitergeflickt.

Ganz still ist es zwischen den beiden geworden.


Ein paar Tage darauf herrschte Schneesturm.

Da saßen die Einsamen nach dem Abendbrot noch beisammen, denn es war zu früh, als daß Hann auf seinen Bodenverschlag hinaufgeklettert wäre. Auch fürchtete Line in letzter Zeit das Alleinsein.

»Soll ich Reuter lesen?« fragte Hann, »hier ›Ut de Franzosentid‹.«

Sie saß auf ihrem Bett und hatte die Hände müde in ihrem Schoß gefaltet. Eine Flechte des schwarzen Haares ringelte sich bereits über ihre Schulter.

Im Nachsinnen hatte sie damit gespielt.

»Nein, Hann, ich bin heut nicht lustig.«

In diesem Augenblick stäubte über das Dach etwas fort, im Schornstein heulte es auf, und die beiden hörten, wie nebenan Klaus Muchow im Schlaf laut aufbrummte.

Nach einer Weile fragte Hann, der an dem Licht stocherte: »Wenn ich nich lesen soll, was soll ich?«

Sie verzog ein wenig die Nasenflügel.

»Steck dir deine Pfeife an, Hann, und bleib noch ein wenig hier.«

»Hier rauchen?«

Er glaubte zuerst, daß er nicht richtig verstanden hätte, denn bis jetzt hatte sich Line den Tabaksdunst stets verbeten, und auch, als sie nochmals beistimmend nickte, wagte er nicht gleich, die kurze Schifferpfeife hervorzuholen. Da stand das Mädchen auf und riß ihm selbst ein Streichholz an.

»Hier,« sagte sie matt.

»O Lining,« erwiderte er gerührt und streichelte leise ihre Hand.

Dieser Tabak schmeckte köstlich. Ganz vorsichtig blies er die Wolken von sich und schlug mit der Hand danach, wenn sie ihm zu dick erschienen.

»Heute is es hier schön,« wagte er nach einiger Zeit zu urteilen.

Sie saß wieder auf dem Bettrand und nestelte an ihren Haaren, ohne sonderlich auf ihn zu achten.

»Heute is es hier gemütlich,« sprach Hann schüchtern weiter.

Da nickte sie abermals, aber zerstreut, während sie auf den Wirbelsturm lauschte, der an ihrem Katen vorüberzog, und plötzlich entgegnete sie rasch und mit Betonung: »In der Stube ist es still.«

»In der Stube, Lining?«

Oh, er hatte für sie ein so feines Ohr gewonnen.

»In deinem Geist aber nich? Meinst du das so?«

Jetzt fuhr sie wie ertappt zusammen und rückte auf dem Bettrand hin und her. »Du solltest dich nicht so viel um mich sorgen,« drängte sie verlegen, »nicht immerfort. Die Hauptsache ist, wenn du dich wohl fühlst.«

»Wenn ich – –?«

War das Spuk? Hatte das eben eine menschliche Stimme geredet? – Oder hatte es eine der kleinen weißen Mäuse gewispert, die ja in den Schifferstuben in den Ecken sitzen sollen, wenn es still und friedlich hergeht. Und es war friedlich. Wie fein duftete der Tabak, wie wiegten sich die blauen Wolken um das Licht!

Und diese köstliche Stille.

Und diese schöne schwarze Flechte, die da auf der Schulter ruhte.

Betroffen schlug Hann die Augen nieder und rückte das Licht, als ob es ihn blende.

Und da fragte seine Gefährtin schon wieder etwas, was sein Herz noch froher schlagen ließ, weil er es noch vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte.

»Hann, du sagtest neulich was vom Besserwerden.«

Er kratzte sich voller Verwunderung hinter dem Ohr.

»Hast du dir das behalten, Lining?« warf er mit halbem Stolz dazwischen.

»Ja.«

Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der kleinen Hand unstet am Bettrand auf und nieder. Da mußte er zu ihr hinüberblicken und betrachten, wie die Flechte sich leise bewegte.

Das verwirrte ihn, machte ihn froh und unglücklich.

Diese da war ja die erste, die er sah. Das erste Weib!

So rot die Lippen.

»Kirschen,« dachte Hann, »oder ne, noch besser, Korallen. Solche Brosche hatte Mudding gehabt.«

»Hann, glaubst du,« fragte sie unsicher dazwischen, »daß sich auch schlechte Menschen bessern können?«

Da war es!

Er nahm die Pfeife aus dem Munde und faltete beinahe andächtig die Hände.

Draußen der Wind klang ihm wie Orgelton.

Line, diese schöne Line, mit den schwarzen Haaren, die doch so gut war, – nicht ganz gut, verbesserte er sich –, sie wollte in sich gehen.

Hurra – Viktoria!

Am liebsten hätte er aufgejubelt, aber er bezwang sich und erwiderte nur eilfertig: »Aber natürlich, Lining. Aber weshalb fragst du?«

Da schlug sie bereits ungeduldig auf das Kissen. »Oh, nur so.«

»Ganz leicht is es, Lining – ganz leicht,« fiel er wieder ein, »aber freilich mit Strafen und Zuchthaus nich.«

»Wodurch denn?«

»Lining, ich muß immer an Mudding denken, wieso die so gut war. Beinah all bei lebendigem Leib ein Engel. Pastor Witt aber hat's am Grabe erklärt. Weil sie gar keine Gedanken an sich selbst hatte, sondern weil sie nur den ganzen Tag saß und an uns andere dachte. Siehst du, Lining, darin steckt's. Ein schlechter Mensch kann wohl einen neuen Menschen anziehen, i ja, aber dann muß er erst an sich selbst vergessen, über Bord mit allem, und muß irgend eine Liebe haben, zu 'ner Sache oder zu 'nem andern Menschen. Und wenn er dann ganz voll davon is, dann is das Neue in ihm reingekommen, dann is er verwandelt. – So hab' ich Pastor Witt verstanden.«

Das Mädchen war aufgesprungen.

»Eine Liebe?« sprach sie erschreckt nach. Eine düstere Röte lief über ihre Stirn.

»Ja, Lining, so erklär' ich mich das,« schloß er glücklich, während er sich die Hände rieb.

Da wandte sie sich mit einer ihrer raschen Bewegungen, die aber doch bereits schwerfälliger wurden, zum Fenster, und während sie in den stäubenden Schneesturm hinausstarrte, verschränkte sie beide Hände vor der Stirn, um darauf in ein so schmerzliches Stöhnen auszubrechen, daß er sich entsetzte.

»Eine Liebe,« stammelte sie vor sich hin, »o Gott.«

»Lining – Lining – is dir was?«

Nach seinem Anruf wandte sie sich und kehrte ihm ihr blasses Antlitz zu. Dabei war es, als ob sie ihn lange betrachte. Dann scheuchte sie wieder etwas von ihrer Stirn, schritt langsam auf ihn zu, zögerte abermals, und während ihre Lippen zuckten, streichelte sie ein paarmal sanft über seine struppige Wange.

Er erstarrte. Breit und plump ragte er vor ihr auf. So etwas Holdes war ihm noch nie geschehen!

»Du bist ein guter Mensch, Hann,« sagte sie einfach, aber ohne daß ihre Züge an Düsterkeit verloren.

Da wurde er wieder ganz glücklich.


Aber nicht immer war Line so sanft. Alte Wünsche schlichen um den Katen und jagten die Verstörte auf.

Da war zuvörderst eine Kiste, mit deren Inhalt sie gleichsam ihr früheres Leben wieder auspackte. Als ihr die ersten bunten Schleifen in die Hände fielen und die ersten, dünnen Reclamhefte – Schillers »Kabale und Liebe« – schrie sie laut auf. Da warf sie sich vor der Truhe auf die Knie und umklammerte das Holz.

Und woher kam diese Sendung?

Von der ehrbarsten Seite, die nur das Moralische wollte und immer nur das Moralische.

An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straßen blitzte fußhoher Schnee, da hing sich Fräulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein Erbstück von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen Handschuhe auf, die sie allein für vornehm hielt, und ließ sich von ihrem kleinen Aufwartemädchen eine Mietsdroschke holen.

»Nach Moorluke,« sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn dabei ganz ängstlich an.

Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr.

»Je, Madamming,« warf er ein, »wenn wir man hinkommen. Das erste Mal sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hieß es: umkehren! Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Räucherhäuser. Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?«

»Nein, nein,« beharrte das alte Fräulein, »heute tu ich's. Und achten Sie mir ja auf die Kiste da vorn.«

»Na, denn hü!« brummte der Kutscher.

Aber als die weiße Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen.

Noch hielt sie sich. Sie preßte ihr Antlitz in den Muff, als ob sie nichts hören und sehen wollte.

»Es ist sehr schwer,« flüsterte sie in sich hinein, »für eine, die sich ihr ganzes Leben vor so etwas gehütet hat, – – – aber die Ärmste ist ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schließlich nicht. Man hat ja auch ein bißchen gesellschaftliche Kunst, Savoir vivre! – Gott, wie ich sie bloß finden werde?«

Draußen wieherten die Pferde.

Fräulein Dewitz erschrak.

Waren das nicht bereits die Räucherhäuser, die dort vorbeiflogen?

Ja, ja, das waren sie wohl.

Lieber Himmel, was wird man aber im Logengarten dazu sagen? Wird man nicht meinen, ich billige solche – hm, das Wort flößt mir bereits Angst ein. Ich bin schon alt, aber darin doch ganz unerfahren. Und wenn Dinas Tante sich nun von mir zurückziehen würde? – Draußen donnerten die Pferde über die Moorluker Notbrücke.

»Herr Bals – Herr Bals.«

»Madamming?«

»Ich fahre nicht weiter.«

»Kuck, was sagte ich gleich?«

»Nein, nein, es geht nicht, mir ist schlecht worden. – Aber die Kiste, die bringen Sie gleich dahin. – Sie wissen schon! Herrgott, da drüben wohnt sie. In diesem Katen. – Nein, sagen Sie gar nicht, daß ich da bin.«


So kam die Kiste in Lines Besitz.

Sie lag vor dem Holz, als Hann auf See weilte, auf den Knien und wühlte in den Andenken und Büchern herum, wie in einem anderen, reicheren Leben. Immer tiefer!

Ja, Fräulein Dewitz hatte recht geurteilt. Diese Bücher kamen der Verlassenen jetzt wie vornehme Herren vor, die in die Fischerhütte traten, um mit der schönen Dirn Kurzweil zu treiben.

Als Hann abends nach einem Sturmtag müde zu ihr ins Zimmer trat, wie ein borstiges, nasses Ungeheuer, tief in Pelze gehüllt, da fand er sie mit glühenden Wangen auf der Tischkante sitzen, ein Heftchen in der Hand. Das Licht stand neben ihr. Ihre Augen blitzten.

Hann blickte sich um. Diesem Anblick gegenüber fühlte er sich hilflos. Was bedeutete das?

»Hann,« stammelte sie, noch völlig verwirrt.

In seiner Unsicherheit dachte er ihr etwas zu erzählen. Er fuhr an seinem triefenden Pelzwerk herunter, stotternd: »Unser Boot hat Wasser gezogen. Klaus Muchow und ich, wir haben beinah eine Stund' im Eis gelegen – ich möcht' was Warmes.«

Aber sie verstand die Seenot im ersten Augenblick gar nicht.

Da regte sich bei dem Frierenden Unwillen über ihre Teilnahmlosigkeit.

»Was hast du da zu lesen?«

»Ein Theaterstück.«

Er ballte die Faust.

»Denkst du noch immer an solche Schauspielerstücke?« brach es rauh aus ihm heraus. »Ich meinte – –« Aber er unterdrückte das übrige, wandte sich schwerfällig und verließ mit Geräusch die Kammer, um nebenan bei den Muchows eine warme Erquickung zu suchen.

Line starrte hinter ihm her, dann ließ sie langsam, zögernd das Heft sinken und blinzelte träumerisch in das Flämmchen der Kerze.


Doch der Beruf, der sie anzog, der leichte Flittertand, sollte noch dichter an ihr vorbeistreifen.

Oll Kusemann humpelte in die Küche.

Nur wenige Tage fehlten noch zum Fest, es war ein Morgen, an dem ein Frost herrschte, daß die Fugen des Katens krachten, und an den Wänden der Muchowschen Küche ein feiner Eisüberzug flimmerte. Oll Kusemann aber greinte über das ganze Gesicht und hob einen kleinen gedruckten Zettel in die Höhe, den er in der Hand trug.

»Kinnings,« schmunzelte er und lehnte sich an den Herd, denn das Riesenpaar trank gerade gemeinschaftlich mit seinen Mietern Kaffee. »Ich komm', euch einzuladen. Die Schauspielers sind angekommen. Mein Alwining hat die Bodenkammer wieder an den Direktor Türkow und seine Braut vermietet. Oder auch seine Frau. Genau weiß ich das nich. Aber es sind sehr anständige Leute. Haben nich mal einen Ofen verlangt. Und was sie is, sie is umgänglich. Und in dem Päplowschen Saal wird heute gespielt. Sie belernen sich schon, daß es bloß so raucht. Kuckt! Alpenkönig und Menschenfeind. Ich spiel auch mit. Einen Geist oder so was. Und mein Alwining macht eine Hex'. Alles ganz natürlich.«

»Eierkauken,« sprach Klaus Muchow, der inzwischen den Zettel angestaunt hatte und jetzt zärtlich über das Papier strich: »Eierkauking.«

»Ja, ja,« nickte Frau Fiek, »so was mag er gern. Und wenn es man halb so graulich is, als die Geschicht' von dem alten Räubervater im Hungerturm – weißt noch, Klaus, wo wir unsere Latern dazu haben borgen müssen? – denn kann es mich auch gefallen. Dazu kommen wir.«

Am Nachmittag begann sich Line zu putzen. Ganz verstohlen vor dem Spiegel, hier ein Schleifchen und dort eine Brosche. Währenddessen saß Hann hinter dem Ofen und krümmte sich vor Reißen. Die Stunde im Eise hatte es ihm angetan. Er sah auf seine Gefährtin hin und sprach kein Wort.

Jetzt flimmerte draußen auf der Dorfstraße eine einsame Petroleumlaterne auf. Sie warf ihren Schein in die halbdunkle Kammer.

Da hielt sich Line nicht länger.

»Kommst du nicht mit?« begann sie abgewandt, wobei sie sich an der Kommode etwas zu schaffen machte. Hann rieb an der schmerzenden Schulter.

»Wohin?« fragte er kurz.

»Nun, du weißt doch. Ins Theater.«

Er rieb weiter, geduckt, ohne eine Silbe zu entgegnen.

»Hann,« mahnte sie scharf.

Diese Art war ihr neu.

Da murrte es aus der dunklen Ofenecke hervor: »Ich hab' Trauer um meine Mutter und auch um Siebenbrod. Und du – –«

Es schien ihr, als ob seine Augen sich halb verächtlich von ihr abwandten.

»Nun, und ich?« forderte sie herb.

»Ich meinte, du brauchtest dich nich so offen vor den Leuten zu zeigen,« quoll es ohne Rücksicht über seine Lippen.

Dann stöhnte er wieder und rieb an seinem Knie.

Da war es gesagt, das Wort, das die Ausgestoßene von den andern Menschen schied. Ihre körperliche Schönheit war angetastet, ihr letzter Trost, ihre letzte Zuflucht.

Zuerst sah sich Line um.

Wo befand sie sich eigentlich? – Und war das Hann, der ewig freundliche, dienstwillige Hann, der dort so verkrümmt in der Ecke hockte und ihr eben so roh ihr Schicksal enthüllt hatte?

Sie tastete mit den Händen umher. Ihre Brust stieß, ein leiser, unartikulierter Ruf wurde hörbar.

»Lining – is dir was?«

Keine Antwort. Mit tiefgesenktem Haupte stand sie da und scharrte mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.

»Lining, ich hab' solche Schmerzen – ich meinte das nich so.«

Das Scharren erstarb. Sie stand regungslos, aber Hann, der sie besorgt beobachtete, nahm wahr, wie über das geneigte Antlitz große Tränen zu fließen begannen. Das hatte er bei seiner Schutzbefohlenen noch nie gesehen.

Trotz seiner Pein hinkte er auf sie zu.

»Lining – Lining.«

»Lining, ich will dich ja nur hüten.«

»Lining, ich sagt es ja nur zum Guten. Der Mensch muß sich doch in jeder Lage zuerst ein richtiges Bildnis von sich selbst machen. Das ist, doch das erste. – Lining, wenn du mir nich bös wärst, würdest du mir dann woll die Hand geben?«

Er wartete eine Zeitlang, dann bemerkte er, wie sich langsam ihre Finger ihm entgegenreckten, und plötzlich schoß Siedehitze in ihre Wangen, sie griff nach seinem Arm, um mit fiebriger Stimme zu fragen: »Bin ich schon lange so häßlich, Hann?«

»Du, Lining? – O Gott –« Er getraute sich nicht, von seinem vollen Herzen mehr zu verraten.

»Sonst hab' ich dir immer gefallen,« fuhr sie nachdenklich fort und unter Tränen schmerzlich lächelnd.

»Ja, ja, Lining, und das wirst du auch bis an mein Lebensende.«

»Armer Hann – dir glaub' ich's – armer Hann.«

Dann legte sie ihre Schleife ab und die Brosche. Die Schublade knarrte, als sie alles hineinlegte. Darauf suchten sie wieder ihre Plätze auf, sie an dem Tisch und er an seiner Ofenbank, und ein langes, banges Schweigen senkte sich herab.


Seitdem war Line wie gebrochen. Sie verließ ihre Kammer nicht mehr. Sie saß und dachte über sich und Hann nach. Lag vor ihrem Bett und weinte und konnte es dann gar nicht erwarten, daß Hann heimkehrte. Denn seine dummen, ehrbaren Vernunftsgründe waren das einzige, was ihr die Furcht vertrieb.

Manchmal sprach sie ganz sonderbar zu ihm.

»Warum sprichst du nicht zu mir, Hann?«

»Lining, was soll ich?«

»Deine Stimme vertreibt mir die Angst. Es ist, als ob das bißchen Gute aus mir spräche. Nicht wahr, Hann, es mag doch auch Gutes in mir sein?«

»O Lining – du – du.«

»Ich geb' mir auch Müh', an mich selbst zu vergessen, wie du mir geraten hast. Merkst du das, Hann?«

»Ja, Lining, wie sollt' ich nich?«

»Hann, nicht wahr, ich werd' nicht sterben? Es kann noch ein besserer Mensch aus mir werden?«

Er lachte und weinte in einem Atem: »Lining, du bist gar nich mehr so klug, wie früher. Wie kannst du jetzt woll von uns gehen?«

»O Hann, ich träum' jede Nacht davon. Denn ich steh' auf der Schwelle. Aber nicht wahr, wenn ich auch nicht so klug bin, wie früher, so bin ich doch auch nicht mehr so trotzig? Bist du jetzt mit mir zufrieden?«

»Lining – Lining – du zerreißt mir rein das Herz.«

»Still –still.«

Und dann saßen sie wieder zusammen, lautlos, als ob sie auf das Geschick warteten.

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