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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
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Zwei Monate später.

Die Herbst- und Reifemonate sind vorüber. Oll Chronos schmierte um diese Zeit seine Karre. Er will den Sommer abholen und nebenbei die fauligen Ähren von den Feldern lesen, denn in solch mürbegewordenen Sommertrieben liegt neuer Dung.

In der Küche der kleinen Katenhütte, in der Hann und Line jetzt zur Miete wohnen, sitzt der Besitzer des Hauses, der riesige Fischer Klaus Muchow, auf seinem Schemel und hält sich mit weit ausgespannten Armen an zwei eisernen Haken der lichtblauen Mauer fest, weil ihm seine Frau sonst unmöglich die gewaltigen Transtiefel ausziehen könnte, die wie Pech an seinen Füßen kleben.

»Ne,« atmet Frau Fiep nach einigen vergeblichen Versuchen, und die starkknochige Frau, die ebenfalls eine blonde Riesin ist, wischt sich den Schweiß, »nein, wenn ich dich das nich seit dreißig Jahren angewöhnt hätt', und du mir nich bis jetzt jeden Stiefelzieher zerbrochen hättest, hör', Mann, ich würd's nich mehr tun. Da gehört ja ne Maschine dazu oder doch zwei Pferde.«

Der Riese grinst wohlgefällig, verzieht das blondumbärtete Maul und versucht, sich fester an den Haken zu klammern, wobei er aber das fußlange Eisen ausreißt.

Jetzt gerät er in Zorn, besieht sich das Eisen, schleudert es in den Holzkorb und brüllt, daß der kleine, kaum sieben Fuß hohe Raum erzittert: »Stäwelwichs – Stäwelwichs

»Hast recht,« antwortet darauf Frau Fiek ruhig, »der Schmied hat sie nich ordentlich eingehauen.«

Hier könnte man nun einwenden, daß Frau Fiek ihrem Klaus ganz unlogisch antwortete, denn der Riese hat doch augenscheinlich Stiefelwichse verlangt, von deren Anwendung er vielleicht eine Erlösung von seinen Transtiefeln erwartete. Aber wer das denkt, der zeigt eben, daß er das stärkste Moorluker Ehepaar gar nicht kennt, denn eben hat Frau Fieks eiserne Faust das Leder dennoch heruntergezogen, und der Gatte brüllt nun in allen Tönen der Freude: »Eierkauken – Eierkauken!«

Damit ist Klaus Muchows Wortschatz beendet, denn das blonde Neptunshaupt ist taubstumm, und erst nach langen Mühen hat ihm Frau Fiek diese beiden Worte beigebracht, die er nun für jede Gemütsregung anwendet.

Klaus Muchow ist seelensgut, er hat alles lieb, mit Ausnahme einer Büchse Stiefelwichse, die ihm einstmals in der Dunkelheit und in der Abwesenheit seiner Frau an den Mund geriet, um dann allerdings von ihm in höchstem Grimm in den Rick geschleudert zu werden. Dieser Gemütserschütterung verdankt er das Wort.

»Stäwelwichs.«

Stäwelwichs bedeutet seitdem alles, was ihn schlecht dünkt. Der Teufel – ein zerrissenes Netz – ein betrunkenes altes Weib – Leibschmerzen – alles ist Stäwelwichs.

Dagegen haben ihm sein Magen und seine Leckerzunge auch das Wort für alle Idealität und die Erscheinung des Guten geliefert.

Eierkauken stellt nämlich Klaus Muchows Leibgericht dar, denn der Riese ist ein Leckertahn, und da dieser Kuchen nirgends so lieblich mit Butter und Eiern bereitet wird, als bei Frau Fiek, so drückt Eierkauken jedes gute Prinzip aus, zum Beispiel den Himmel – einen scharfen Priem – einen Bummelschottschen mit Frau Fiek, denn sobald der Fußboden und die Decke fest sind, dann tanzt das Riesenpaar gern miteinander; Eierkauken ist ferner ein schattiger Platz in der Kirche – die Sparbüchse, und ein Faustschlag, den oll Kusemann wegen seiner Lügen und Neckereien zu empfangen hat.

Das Merkwürdigste aber in dieser Ehe bleibt, daß Klaus Muchow nur seiner Riesin auf die Lippen zu sehen oder ihren heftigen Gebärden zu folgen braucht, um tatsächlich jedes Wort zu verstehen.

»Na, Männing,« fragt Frau Fiel, nachdem ihr Gatte mit den Füßen in ein Paar Holzpantoffel gefahren ist und nun den Kaffeetopf in der Hand hält: »Schön was gefangen heut?«

Klaus Muchow schlürft laut den Kaffee und schüttelt mißmutig das struwlige Lockenhaupt.

»Na,« tröstet die Riesin und schlägt ihm dabei schallend aufs Knie, was aber eine Liebkosung bedeuten soll, »schadet nich – wir haben ja erst gestern aus der Räucherei Geld bekommen; man muß auch nich zuviel verlangen.«

Jetzt grunzt der Fischer zum Zeichen der Zustimmung ein bißchen, während das Schlürfen erstirbt. Dann setzt er den Topf hin, zeigt auf die Seitenwand, schließt die Augen und beginnt einen Augenblick laut zu schnarchen, worauf Frau Fiek, die bereits am Herd hantiert, den Kopf schütteln und antworten muß: »Nein, sie is noch nich aufgestanden. Kann sich das Langschlafen aus ihre vornehme Zeit noch immer nich abgewöhnen.« »Eierkauken,« murmelt Klaus mitleidig und macht mit der Hand die Gebärde des Streichelns.

»Ja, ja, ich weiß woll,« fährt Frau Fiek fort, »du magst sie gern leiden, und die beiden haben ja auch viel Unglück gehabt. Erst ihr bißchen Hab und Gut verloren, dann das Unglück mit dem Stiefvater, der sich aufgehangen hat. Zwei Tage später noch eine zweite Leiche im Haus. Die gelähmte alte Frau Klüth – der ja der Tod von Siebenbrod den Rest gegeben haben soll, zum Schluß das mit dem jungen Ding selbst – o je, o je – was soll man dazu sagen? Aber ich mein, nun könnte sie sich doch auch ein bißchen in die Verhältnisse schicken und sich nich mehr so vornehm aufspielen. Nu hör' bloß! Schlägt all sieben. Und sie schläft noch immer. Nimmt doch von einem Fischer ihr Brot an, da müßt sie sich auch so haben, wie eine Fischerfrau.«

Sie unterbricht sich, denn ihr Klaus grunzt laut und vollführt mit seinen Händen derartige Bewegungen, als wenn er zwei Stricknadeln in der Hand hielte.

»Ja, ja,« versteht ihn die Riesin sofort, »ich weiß all, was du willst. Sie strickt seit ein paar Tagen neue Strümpfe für Hann. J, ja, das is aber auch man so ne Arbeit für vornehme Damens. Ihr Fräulein Dewitz war ja ne Handarbeitslehrerin. Weshalb soll sie denn so was nich verstehen?«

»Huh – huh,« brummte hier Klaus Muchow laut auf und fuhr mit dem rechten Arm eng im Kreise herum, dann fuscherte er unter den Kochtöpfen des Herdes.

»Ach so,« sagte Frau Fiek und legte den Finger an die Nase, »du meinst, daß sie neulich für ihn gekocht hat. J, das war auch danach. Hat mir ja allein ein halbes Pfund Butter verbraucht. Und seitdem hat sie sich auch nich wieder daran gewagt. Und überhaupt« – hier wandte sie sich und setzte beide Hände in die Seiten – »ich muß dich man was sagen. Aber du bist mucksenstill und hast keine Widerwörter! Gestern war die Frau Hafenmeistern bei mich, hat mich wieder Klein-Kinderzeug zum Waschen gebracht. Und bei die kleinen Hemden, da kamen wir auch auf das – nun auf das, was bei der da –« jetzt zeigte die Riesin ebenfalls auf die Seitenwand – »erwartet wird. Und da fragten wir uns so, ob so was überhaupt für mich im Hause paßlich wäre? Und die Frau Hafenmeistern meinte, daß das für ne Frau wie mich un – unmorastig wär'! Und nun frag ich man, bin ich nich immer ne reinliche Frau gewesen auch beim Waschen? Und nun soll ich mit einmal Morast im Hause haben? Ne, Klaus, entweder, oder – mehr sag' ich nicht; ich sag' bloß – entweder – oder.«

Aber Klaus Muchow, dem es das zarte, schmale Gesichtchen seiner Mieterin angetan hatte, erhob sich, so daß sein Haupt hart an die Decke stieß, streckte die Faust vor und brüllte: »Stäwelwichs!«

»Ne,« schrie jetzt auch Frau Fiel, »diesmal geb' ich nich nach. Die Dirn soll mir aus dem Hause.«

»Stäwelwichs!« schrie Klaus kirschbraun im Gesicht und schmetterte einen Kochtopf auf die Erde.

»Is mir auch recht,« lachte die Riesin wütend, ergriff ebenfalls einen Topf, aber vorsichtigerweise einen kleineren, und schleuderte ihn ebenfalls auf den Boden.

»Soll mir aus dem Hause,« tobte sie. »Und ich weiß es jetzt auch – die hat der Teufel hier hereingeführt – kein anderer as de Düwel

Das war die besondere Eigenart der guten Riesin, daß sie felsenfest an den Teufel glaubte, ja, daß sie ihn überall herumschleichen sah, in ihrem Schrank, auf der Straße, ja sogar in ihrem Bett.

»De Düwel – de Düwel.«

»Stäwelwichs.«

Der Streit der Riesen hätte diesmal ausarten können. Aber plötzlich begann auf der Dorfstraße eine Leier zu spielen. Und der Italiano sang dazu:

»Du, du liegst mir im Herzen,
Du, du liegst mir im Sinn« –

Klaus Muchow sah ihn zuerst durch das Küchenfenster. – Er riß die Augen weit auf.

Musik hat etwas Versöhnendes, besonders aber bei dem Riesenpaar, dessen Herzensbedürfnis Lied und Tanz ausmachte.

Zuerst zog ein seliges Lachen über des Mannes Züge. Obwohl er die Melodie nicht hörte, hob er das rechte Bein.

Da konnte auch die Riesin nicht länger widerstehen; sie ließ den Kochlöffel fallen und lehnte sich an die Schulter des Fischers:

»Du, du machst mir viel Schmerzen,
Weißt nicht, wie gut ich dir bin.«

Sie lachten, faßten sich an den Händen und drehten sich. Line und der Teufel waren vergessen.

Sie tanzten.


Eine Stunde später erhob sich Line von ihrem Lager. Sie sah sich mißmutig in dem engen Verschlage um, den Hann nach dem Beispiel von Frau Fiek ein »Stübing« nannte, schüttelte verächtlich die Betten des Wandschragens zurecht, der ihr als Lagerstatt diente, während Hann in einer Bodenkammer hauste, und setzte sich dann vor einem Stückchen zerbrochenen Spiegelglases nieder, das auf einer rohen Fichtenkommode stand, um sich die Haare aufzustecken.

Sie beeilte sich sehr damit, denn der Tag schien bereits hell in ihre Kammer, und jeden Augenblick konnte Hann von der See heimkehren. Hastig fuhr sie in ihre Bluse und zog den Stoff seufzend stramm. Draußen auf der Dorfstraße hörte man aus der Ferne noch immer die Leier spielen. Rasch öffnete sie das niedrige Fenster und lehnte sich einen Augenblick hinaus.

Aber das Katenhäuschen der Muchows lag weit ab vom Dorfe, und seine Fenster gingen direkt auf die Seewiesen und den Bodden hinaus.

Line verzog die Stirn.

Hier vernahm man die Leier nur ganz verschwommen.

Blauschimmernd wiegte sich wohl die See, im grellen Sonnenschein glitzerten die feuchten Wiesengräser, und eine Wolke gelber und brauner Schmetterlinge gaukelte in der stillen Luft umher, aber Line bemerkte das alles nicht.

Diese Einsamkeit!

Sie verschränkte die Hände, drückte sie gegen die Stirn und wandte sich heftig ab, als hätte die Ruhe draußen sie verletzt.

Aus dem Nebenraum war inzwischen ein scharfer Fischgeruch gedrungen.

Das roch so schlecht.

Schon als Kind hatte sie eine Abneigung gegen den Duft empfunden; und jetzt, wo sie ihn immerfort roch – jetzt schien er ihr beinahe unleidlich.

Sie setzte sich auf einen Schemel am Fenster und starrte auf die See hinaus.

Oh, wie schön und vornehm hatte es doch bei Fräulein Dewitz geduftet. Jeden Sonnabend nach dem großen Säubern hatte sie Lavendelessenz sprengen müssen. Und hier? –

Dieses verwünschte kleine Katenhaus! Und diese ungebildeten Riesenleute. Oh, sie wußte ganz gut, daß sie der Frau ein Dorn im Auge war, denn das Schicksal Lines hatte sich bereits herumgesprochen.

Man munkelte, ohne zu wissen.

Line biß sich auf die Lippen und ballte langsam die Faust.

Warum? Warum krochen die Monate so? Wie lange mußte sie hier noch sitzen? Wann war sie endlich frei und erlöst? Sie rechnete an den Fingern. Denn hier – hier blieb sie keinen Tag länger, als sie mußte. Hier war ja nur ein Versteck für sie, ein Unterschlupf. Hier band sie ja nichts! – Oder Hann vielleicht?

Sie zuckte die Achseln.

Freilich, sie wußte sehr genau, daß es Hanns größte Freude im Leben ausmache, ihr ins Gesicht schauen zu dürfen. Es war lächerlich – sie tat nichts dazu – aber es war einmal die Angewohnheit des ihr so ungleichen Bauern.

Und dann dachte sie sich auch, dabei könne man ihn lassen, das schadete ja keinem, und Hann müsse ihr schließlich noch dankbar sein, wenn sie diese elende Hütte mit ihm teile.

»Tag, Fräulein,« klang es von draußen.

Line fuhr auf.

Über den Wiesenweg zur Mole schritt oll Kusemann vorüber, der übertrieben tief seine zierliche Lotsenmütze zog und mit den Augen zwinkernd, wohlwollend fragte: »Na, ümmer noch gut zu Wege, Mamselling?«

Line sah ihn an, wurde blutrot und schlug klirrend die Scheiben zu.

»Kuck, wie nett,« sprach der Lotse, unbekümmert um ihre Wut, und dienerte rückwärts, wie ein Krebs, an ihr vorüber. »Na, solche Zornigkeit verschwindet aber bald wieder. Das bringen manchmal die Umstände mit sich. Ich komm und kuck mich mal abends nach dem Mamselling um.«

Damit ging er ehrbar seines Weges.

»Solch ein Kerl!«

Line kratzte mit den Nägeln an ihrer Schürze herum.

Das war nun der einzige, der sich nach ihr erkundigte. Paul, der neue Pastor, der jetzt auf dem Walsin amtierte, hatte seinen Bruder wohl schon einigemal besucht, aber immer wenn er eintrat, war Line rasch in Hanns Bodenkammer hinaufgesprungen oder durch die Küche auf die Seewiesen hinausgelaufen, um nicht mit dem Geistlichen zusammenzutreffen. Auch zu Siebenbrods wie Muddings Leichenbegängnis war sie nicht mitgegangen, sondern hatte sich, wie erschreckt, auf dem Boden des alten Hauses, das nun auch bereits dem Barbier gehörte, verkrochen. Und niemand hatte nach ihr gefragt. Selbst Hann schien dies Verstecken natürlich gefunden zu haben, denn er war nie mehr darauf zurückgekommen.

Die Einsame stieß ein zorniges Lachen aus.

Warum wohl Fräulein Dewitz nicht einmal herauskam? – Ach die! Die mochte bleiben, wo sie war! – Aber nicht ein einziges Mal sich erkundigen lassen? Das alte Fräulein hätte doch die Verpflichtung gehabt! – Und nun gar der Konsul Hollander oder Dina?

Line bedeckte plötzlich die Augen mit der Hand, denn das Gefühl des Ausgestoßenseins war übermächtig über sie hereingebrochen, dann jedoch, als ob sie sich dieses kurzen Nachgebens schäme, griff sie ebenso schnell nach dem Scherben von Spiegelglas und schleuderte ihn heftig auf die Erde.

An allem war nur Hann und dieses Katenhaus schuld.

»Da lieg.«

Die Splitter flogen herum.

»Lining,« sprach der eintretende Hann vorwurfsvoll und blieb breit unter der niedrigen Tür stehen.

Er trug noch ein feuchtes Netz in der Hand. Das Wasser lief an seinen großen Transtiefeln herunter.

»Guten Tag, Lining,« fuhr er nach einiger Zeit des Wartens fort.

»Guten Tag,« entgegnete sie gleichgültig, ohne sich nach den Trümmern umzublicken, und hob die Arme, um sich die gelockerten Flechten wieder zu festigen.

»Du hast wohl Ärger gehabt?« fragte Hann von neuem, indem er unausgesetzt die Scherben betrachtete, und ohne das Netz hinzulegen. Line rückte auf ihrem Stuhl hin und her. Wollte er sie etwa ausschimpfen?

»Nein,« erwiderte sie abgewandt, während sie zum Fenster hinaussah, »ich tat es nur aus Langerweile.«

»Aus Langerweile, Lining?«

Langsam ließ Hann das Netz zu Boden gleiten, fuhr sich schwerfällig durch die Haare und senkte dann in Gedanken das Haupt.

So lange lebten sie nun schon beieinander, Tag und Nacht war es sein eifrigstes Bestreben gewesen, sie auf bessere Wege zu bringen, und immer hatte er es nicht gewagt, ihr ein Wort der Mahnung vorzuhalten. Sie war so kurz angebunden, und sie stand ja auch so hoch über ihm, wenn auch jetzt das Unglück über ihr war. Aber heut, wo er wieder nur ein paar Heringe gefangen – kümmerlichen Pfennigerwerb – heute, wo ihm das Drückende seiner Armut immer deutlicher wurde, da beschloß er, ihr seine Lage zu beschreiben.

Vielleicht, daß das junge Weib, das er so gern ansah, einer Bitte zugänglich war.

»Langeweile, Lining?« hob er nochmals mit Anstrengung an: »Sieh, Lining, wenn du dich nun beschäftigen wolltest. Zum Beispiel mit Kochen für uns beide. Das wäre recht gut. Sieh, ich fang nun mal so wenig, ich bin eben viel ungeschickter, als die anderen Fischers. Und den Muchow-Leuten muß ich für unseren Unterhalt auch bezahlen. Aber wenn du zum Beispiel kochen wolltest, dann wäre mir schon geholfen. Natürlich, es is bloß so eine Idee von mir,« setzte er sofort besorgt hinzu, als er bemerkte, wie Line die weiße Stirne kräuselte.

»Nur eine Idee, Lining,« wiederholte er besänftigend. Aber sie warf bereits den Stuhl herum und rieb an ihren Händen.

»Wozu soll das erst?« fragte sie ärgerlich dagegen. »Hann, sag' selbst, wozu soll ich mich erst hier in der Katenküche mit der Fischersfrau zusammenstellen und den Trangeruch riechen, der mir so widerlich ist, da ich ja doch nur kurze Zeit hier bleibe? – Lieber verkaufe ich die Kleider und die paar Schmucksachen, die mir Fräulein Dewitz nachgesandt hat. – Hörst du? Da – in dem Schrank, nimm sie.«

»Gott soll mich bewahren, Lining, wo werd' ich?«

»So nimm dir den Plunder doch.«

»Aber wo werd' ich mich denn an deinen Sachen vergreifen?« wehrte er mit beiden Händen ab. »Nein, Lining, wenn du nich willst, dann wird es ja auch so gehen. Ich meinte nur, Beschäftigung bringt den Menschen so schön auf andere Gedanken.«

Sie sah ihn beinahe feindselig an. »Ich mach' mir aber gar keine Gedanken, Hann. – Über nichts! Und nun nimm dir die Sachen und hör' mit solchen Ermahnungen auf. Mich machst du doch nicht anders, als ich mal bin.«

Der Fischer senkte den Kopf auf die Brust. Dann seufzte er tief auf. »Nimm's nich übel, Lining,« brachte er endlich hervor, »ich hab' mich das bloß so gedacht.« Dann sah er sich schüchtern nach einem Stuhl um, der in der Ecke stand.

»Darf ich mich hier ein bißchen bei dir niedersetzen, Lining?« fragte er nach einer Weile des Schweigens.

Sie hatte bereits den Arm wieder auf das Fensterbrett gestützt und nickte kurz.

Er ließ sich auf den knarrenden Stuhl nieder. Und eine Pause trat ein, in der er darüber nachdachte, warum er ein ganzes Leben daransetzen wollte, um ein Geschöpf willfähriger zu machen, das doch gewiß nicht mehr zu ändern war. Aber das war ja gerade das Verhängnis dieses unpraktischen, versonnenen Naturkindes, daß es zu dem Schluß gekommen war, das Glück ruhe in einem Weibe.

Und dies – gerade dies Weib mußte es sein. Zu ihr leitete ihn der dunkle, unerkannte Trieb.

»Lining,« begann er endlich wieder leichthin, »hast du all Kaffee getrunken?«

»Ja,« murmelte sie durch die Finger.

»Is für mich auch welcher geblieben?«

»Das weiß ich nicht. Aber,« setzte sie achselzuckend hinzu, »ich kann ja mal nachsehen.«

»Ja, ja, tu das,« stimmte Hann heimlich erfreut bei.

Nach einer Weile kehrte das Mädchen aus der anstoßenden Küche mit einer Tasse zurück, die ihr Hann sorglich abnahm.

»Sieh, ordentlich eine Tasse,« lobte er geschmeichelt, und in seiner Dankbarkeit machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er leise über ihre Hand streichen, aber Line zuckte hochmütig zurück.

»Laß.«

»Ich wollt auch nichts, Lining,« murmelte er erschrocken.

Eine Zeitlang hörte man nichts als das Schlürfen von Hann und das Summen der Fliegen, die unter der Decke herumkrochen. Dann wandte sich Line ruckartig vom Fenster zurück und stieß heraus: »Bist du nicht gestern in der Stadt gewesen?«

»Ja, warum, Lining?« fragte Hann, verwundert über diese neue Teilnahme.

»Damit man einmal etwas anderes hört,« fuhr sie in halber Verzweiflung fort. Dabei sprang sie auf und reckte die Arme: »Damit man mal wieder etwas hört, für das man sich interessieren kann.«

Hann sah sie betrübt an.

»Hier kannst du dich wohl nich einleben, Lining?« brachte er bedrückt hervor.

»Nein, Hann, das weißt du ja. Hier hab' ich schon als Kind nichts leiden mögen.«

»Ja, ja, Lining, das weiß ich.«

Seine Lippen bebten leise. Und als er jetzt seine Tasse unter den Stuhl stellte, wie das Fischerart ist, da blieb er in der gedrückten Stellung sitzen. Aber Line konnte ihre Wildheit nicht länger in sich verschließen, sie stampfte vor Leidenschaft mit den Füßen und fuhr noch heftiger fort: »Manchmal möcht ich mit den Fäusten an die Wand schlagen, daß ich das alles von dir annehmen muß. Ja, muß – ja, muß,« wiederholte sie in vollem Zorn. »Und daß du so viel für mich aufgegeben hast, die ich das doch alles gar nicht will. Zum Beispiel deine Braut, Klara Toll. Ist das nicht so?«

Hann rührte sich nicht in seiner Ecke.

»Laß Klara,« bat er nur, »laß Klara Toll.«

»Nein, warum? – Du paßt doch so gut zu ihr. Warum kommt sie gar nicht mehr her?«

»O Lining, das is doch so natürlich.«

Das konnte sie nicht verstehen.

»Wieso? – Was hat sich deine Braut um mich zu kümmern? – Was hast du ihr denn eigentlich gesagt?«

Langsam hob Hann sein Haupt in die Höhe: »Ich hab' ihr gesagt – Lining, nimm es nich übel – ich hab' ihr gesagt, daß ich nun für dich sorgen müßt, und da würd' es zu lange mit Klara und mir dauern.«

Line bekam ganz große Augen und sank halb unbewußt auf ihren Stuhl zurück.

»Und sie?« fragte sie darauf und zupfte verstört an ihrer Schürze, »was hat sie gemeint?«

»Sie hat alles eingesehen. Und morgen tritt sie in der Stadt ihre Stellung als Krankenschwester an.« Damit stand Hann auf, raffte sein Netz zusammen und schritt langsam zur Tür.

Einen Augenblick war es, als wollte Line von ihrem Platz aus die Hand vorwerfen, um ihn zurückzuhalten, dann aber mußte sie sich wohl anders besinnen, denn sie wandte sich kurz ab, um wieder verstimmt zum Fenster hinauszusehen.

Dort draußen gewahrte sie bald den Riesen Klaus Muchow, sowie dessen Frau, die mit Hann zu den Booten gingen und anfingen, die gefangenen Heringe in Kisten zu schütten.

Wieder trug der Wind einen scharfen Geruch herüber.

»Dabei soll ich vielleicht helfen?« dachte Line bitter. »Und was dies Weib wohl wieder alles auf mich zu klatschen hat? – Nein, nein, wenn's nur erst vorüber wäre. Nur hier erst fort.«


Das Mittagbrot wurde in der Muchowschen Küche gegessen. Auf etwas anderes hatte sich Frau Fiek nicht eingelassen. »Ne,« hatte sie widersprochen, »ich will doch sehen, wie der vornehmen Dirn' mein Essent smeckt. Deshalb muß sie in die Küche raus.«

Man saß um den Herd, hielt die Näpfe in der Hand, und Frau Fiek wie ihr Klaus versicherten stets umschichtig, daß alles prachtvoll geraten sei.

»Eierkauken,« murmelte Klaus Muchow sehr befriedigt, während er einen ganzen gebratenen Hering verschlang. »Eierkauking.«

Er fuhr mit seiner Riesenfaust in die Schüssel, fuscherte in ihr herum und hob endlich den größten Brathering heraus, den er zum Zeichen seines Wohlwollens Line direkt an den Mund hielt.

»Eierkauken!« lobte er nochmals, klopfte sich auf den Leib und machte die Gebärde des Überbeißens.

Allein Line erhob sich rasch, stellte ihren Napf hin, lief eilig und ohne Gruß hinaus und warf die Tür hinter sich zu.

»Kuck,« sprach Frau Fiek gereizt, »ganz as ne Prinzeß. Hann, das is nichts für dich.«

»Oh, Frau Muchow,« entschuldigte Hann, »sie ist ja krank.«

»Ganz gleich.«

»J nein, Frau Muchow, sie wird schon anders werden. Ich glaub's ganz bestimmt.«

Damit erhob sich Hann gleichfalls, sagte Frau Fiek ein paar lobende Worte über ihre Küche und schritt hinter Line her.

Klaus Muchow aber saß noch lange mit offenem Munde da und besah sich abwechselnd den Fisch in seiner Hand, sowie die Tür, hinter welcher Line verschwunden war. Endlich kam er zu sich, schüttelte sich, und nachdem er den Hering in seinen eigenen Schlund geworfen, sprang er auf und trippelte ein paarmal mit überzierlichen Bewegungen zur Tür, womit er Line nachahmen wollte. Dann zeigte er mit dem Finger an seine Stirn und brüllte verächtlich: »Stäwelwichs – Stäwelwichs.«

Und Frau Fiek nickte diesmal zustimmend und entschied: »Dor hest du nu wedder eins ganz recht, Klaus.«


Nachmittags saß Hann unter dem Fenster auf der Bank, die er sich selbst aus rohen Pflöcken zusammengeschlagen hatte, und putzte mit einem stumpfen Messer seine Netze. Es war ihm trotz des Schweigens, das zwischen ihnen herrschte, ein angenehmes Gefühl, daß auch Line seit einiger Zeit ihren dunklen Kopf in beide Hände gestützt hatte und hinter dem offenen Fenster auf das Meer und die Wiesen hinausschaute.

Ein schlaffer Tanggeruch kam vom Wasser. Auf der Oberfläche schossen Scharen von Möwen umher und spritzten zuweilen mit ihren Fängen glitzernde Tropfen in die Höhe. Aus den sonnenumdunsteten Binsen drang eifriges Gezirpe von Grillen und Heimchen.

Hann nahm ein zweites Netz zur Hand. Dabei fiel ihm auf, wie unausgesetzt seine Gefährtin in den wolkigen Dunst hineinstarrte, als ob sie versuche, weit, weit über das verschleierte Meer zu spähen.

»Ob sie nun wohl an ihn denkt?« fragte er sich beklommen, »an den Mann, der so schlecht gegen sie gehandelt hat?«

Wie oft hatte er sich schon mit geheimem Bangen diese Frage vorgelegt! – Aber das Verhalten Lines erteilte keine Antwort darauf. Gänzlich schien sie den Fernen vergessen zu haben. Sie sprach nie von ihm. Hann überkam wieder das Mitleid mit ihr.

»Willst du nich rauskommen, Lining?« fragte er.

Sie schüttelte das Haupt.

»Es is doch recht schön hier draußen,« drängte er weiter. Allein sie lehnte ab. Sie wolle nicht draußen sitzen, wo sie alle Leute sehen könnten.

Da war es wieder, dieses scheue Verstecken, das Hann so sehr rührte.

Der Fischer beugte sich noch tiefer über seine Arbeit und faßte sich endlich ein Herz.

»Lining,« begann er stockend, indem er eifrig weiterstocherte, um seine Befangenheit zu verbergen. »Du denkst wohl viel daran?«

»Woran, Hann?«

»An – an –« Der Name, der ihr so weh tun mußte, wollte kaum über seine Zunge. »An Bruno, Lining.«

Sie antwortete nicht, sondern stützte ihr Haupt noch schwerer auf die kleine Hand. Und ihre Blicke gingen wieder suchend durch das sonnige Gewölk hindurch. Nach einiger Zeit fragte er weiter: »Und an das, was kommen wird?«

Über ihr Gesicht ging ein Schatten, und doch saß sie ohne Bewegung, als sie sich nun kurz erkundigte: »Habt ihr seitdem nichts mehr von ihm gehört?«

»Nein, gar nichts, Lining, sonst hätt' ich dir's ja auch gesagt.«

Sie verharrte noch immer mit weitgeöffneten Augen. Plötzlich jedoch verzog sie die Stirn und warf herb ein: »Er hat es gewiß inzwischen zu was gebracht und lebt wieder herrlich und in Freuden. Und ich – – –?«

Hier brach sie ab und preßte die Lippen zusammen und wandte ihren Blick zornig auf Hann, als ob der an all dem Scheitern ihrer Pläne schuld wäre.

Das verwirrte den braven Burschen vollends. »Aber ich dachte – – ich wollte fragen,« stotterte er, »ob du ihm noch gut bist? Lining, darf ich das fragen?«

Da erhob sie sich rasch, warf den Kopf in den Nacken, und während sie rasch das Fenster schloß, lachte sie ärgerlich auf: »Du bist und bleibst ein Dummerjahn, Hann. Laß mich zufrieden.«


Auch in anderen Dingen stellte sich immer mehr heraus, daß Line für das innerste Sinnen und Trachten des ihr so ergebenen Fischers gar keinen Sinn besaß. Ja, daß sie es förmlich darauf anlegte, die Scheidewand zwischen sich und dem Dorfphilosophen immer höher aufzurichten.

Bei zwei Ereignissen empfand dies der arme Hann, dessen harter Kopf es durchaus durchsetzen wollte, daß seine Märchenprinzessin sich bei ihm wohl fühle, besonders bitter.

Der August neigte sich bereits seinem Ende.

Eines Sonntags nachmittags – Hann saß gerade in einem Winkel seines Bodenverschlages und las mit Behagen Fritz Reuter, den ihm der Hafenmeister geborgt hatte, da bemerkte er aus der Ferne, wie eine schöne Frauengestalt in blauer Krankenschwestertracht den Wiesenpfad einschlug, und an seinen eigenen mächtigen Herzschlägen fühlte er, daß es Klara Toll sein müßte. Rasch sprang er auf, lief mit hochrotem Kopf zu Line hinunter, die müßig, wie stets, auf ihrem Lager schlummerte, und so groß war seine Erregung, daß er seine Scheu vor der Hingestreckten vergaß und sie leise am Arm zupfte.

Der Schlaf hatte ihre Wangen rosig gefärbt, es sah lieblich aus, als sie jetzt langsam die schwarzen Augen öffnete.

Sie mußte gut geträumt haben, denn sie lächelte ihn an.

»Was willst du, Hann?«

»Lining, ich hab' eine Bitt'.«

Sie richtete sich auf: »Jetzt?« fragte sie erstaunt.

Doch er ließ sich nicht abbringen, sondern drängte weiter: »Lining, Klara Toll kommt zu uns. Sie hat mir nich adschö gesagt, als sie damals in die Stadt ging, und nun will sie es wohl nachholen. Du tätest mir einen großen Gefallen, wenn du nich wieder fortgingest, sondern sie mit mir zusammen aufnähmst. Ja?«

Er bat so dringlich, daß Line von ihrem Lager herunterstieg. Achselzuckend strich sie sich die verwirrten Haare zurecht und mußte lächeln, als sie wahrnahm, wie Hann trotz seiner Bedrängnis, gebannt und mit offenem Munde, ihre Bewegungen verfolgte.

Ach, ihr Zauber bestärkte ihn täglich mehr in seinem Irrwahn.

»Nich wahr, Lining, du tust's doch?« brachte er sich endlich selbst auf andere Gedanken.

Aber die Angeredete schüttelte den Kopf.

»Wozu, Hann? – Was hat es für einen Zweck, wenn ich euch beiden zuhöre?«

In seiner Not griff er nach ihrer Hand und preßte sie, als wenn er sie zwingen wollte.

»Oh,« schrie sie unmutig auf.

»Lining, ich wollte dir nich wehtun. Aber du mußt dableiben!«

»Aber welchen Zweck hätte das?«

»Lining, kannst du dir das nich denken?«

»Nein, wie sollte ich das?«

»Nun denn – ich – ich – ich hab' solche Furcht vor Klara. Toll.«

»Du?«

»Ja, Furcht,« murmelte er in sich hinein und schloß die Augen.

Da sah sie ihn einen Moment starr an, dann trat sie zurück und lachte böse auf: »Du bist nicht recht klug, Hann,« gab sie zur Antwort. »Was geht mich deine Krankenschwester an? Ich sag's dir voraus. In ein paar Monaten, wenn ich hier fort bin, dann ist alles wieder zwischen euch, wie zuvor. Dann kann sie auch hierher ziehen, und pass' mal auf, Hann, wie schön sie dir dann die Netze flicken und mit Frau Fiek draußen Suppe kochen wird. Aber warum sagst du ihr das nicht gleich? Das wäre doch so einfach.«

Sie machte eine schnippische Handbewegung und übersah es, wie er mit tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich seine großen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren sogleich auf den Rücken.

»Also in wenigen Monaten schon?« kam es stückweise von seinen Lippen.

»Ja,« nickte sie nervös, »ich zähle jeden Tag.«

»Ja, ja – das tust du. Ich weiß es woll. Und wohin gehst du dann?«

»Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht. Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. – Und du vertrag dich wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.«

Damit wand sie sich an ihm vorüber, und er starrte auf die weißen Dielen und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den Kopf und sah sich wirr um: »Dummer Hann,« quoll es von ungefähr aus ihm heraus. »Jawoll, dummer Hann. – O Gott, weshalb hast du mich da reingebracht? – Und weshalb muß das Weib grade das Glück sein? – Und warum muß diese da, die doch so schlecht is, für mich die allerbeste sein? – Ach, und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und solch große Rätsel da reingeschlossen? – Wozu soll das alles gut sein?«


Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben hatte.

Hinter dem großen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte Wäschestücke der Katenleute herabflatterten, weiße, blaue und rote, war sie stehengeblieben und drückte sich jetzt eng gegen das Holz an, so lange, bis sie dachte, daß das junge Mädchen in der blauen Tracht den Vorderflur erreicht haben müsse.

Jetzt, läutete die Türglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line auf den Zehen in die Küche zurück, die zu ihrer Freude leer stand, und legte ihr Ohr an die anstoßende Tür.

Muß doch mal hören, dachte sie im Innern belustigt, was die beiden dummen Menschen eigentlich miteinander vorhaben.

Und dann blinzelte sie durch den Türritz hindurch.

Drinnen stand Hann in seinem Sonntagsstaat und machte in seiner Verlegenheit eine Art Verbeugung, als Klara zu ihm eintrat.

»Guten Tag, Hann,« sagte die Besucherin freundlich.

Line hörte, wie Hann keine Antwort fand, sondern wortlos auf die schmucke Tracht des Mädchens starrte, die ihr in seinen Augen wohl etwas Vornehmes und Heiliges verlieh.

»Ja,« sagte Klara, die seine Bewunderung bemerkt haben mußte, »das ist unsere Sonntagskleidung – in der Klinik gehen wir einfacher.«

Auf eine Bewegung des Fischers ließ sich nun das Mädchen auf den Stuhl am Fenster nieder, auf dem Line sonst immer zu sitzen pflegte, während er vor ihr stehen blieb. Fast ohne Bewegung verharrte die plumpe Gestalt so, nur die Haare strich sie sich ein paarmal mühsam zurück.

»Nun hat er wieder Furcht, der dumme Peter,« dachte die Lauscherin an der Tür. »Welch ein unbeholfener Mensch.«

Schon wollte sie ihren Beobachtungsposten aufgeben, da nahm Klara endlich das Wort: »Ich wollt mich wieder einmal nach dir umsehen, Hann.«

»Du, Klara?«

Er sah sie groß an, sein Herz war voll Dankbarkeit, denn er war es nicht gewohnt, daß man sich viel um ihn kümmere.

Wie zierlich kräuselten sich nicht ihre braunen Haare unter dem weißen Latz der Kappe hervor. Wie still und friedvoll sah sie aus.

»Ich dachte, Klara,« hob er mit einem schweren Entschluß an, »du würdest – gar nich mehr kommen,« wollte er sagen, aber es fiel ihm ein, daß es wohl besser wäre, alle Erinnerung an das Gewesene zu unterdrücken, und so gab er ihr denn ernsthaft die Hand und fragte nur: »Klara, ich wollt' fragen, wie geht es dir da bei all den Kranken? Is das nich zu schwer für dich?«

Da ging ein Lächeln über das Gesicht, von dem er fand, daß es die schönen, roten Farben verloren hätte, und die blauen Augen leuchteten, als sie zur Antwort gab: »Hann, ich weiß gar nicht, wie andere das eine Arbeit nennen können. Mir nämlich ist es so, als wenn mir nun erlaubt wäre, beständig in der Kirche zu wohnen.«

»In der Kirche, Klara? – Wird denn dort gebetet?« »Das auch, Hann. Viele beten da, und ganz anders, als die Gesunden beten. Wenn du das einmal hören könntest. Aber das ist es nicht allein. Aber wenn man so neben den Schwerkranken sitzt, die von den Ärzten bereits aufgegeben wurden, und bei denen nun alles von der Hilfe des lieben Gottes abhängt, und wenn man nun sieht, wie bei dem einen alles Sträuben nichts nützt und alles Hoffen, und wie plötzlich eine höhere Macht an dem Bett steht und den Kopf schüttelt, o Hann, das ist, als sollte einem das Herz erfrieren vor Hilflosigkeit und Ehrfurcht. Aber dann wieder das andere, sobald das Unmögliche geschieht, und es kommt in die halb gebrochenen Augen, die schon in den Himmel sahen, wieder Licht, und man merkt ordentlich, daß da etwas sein müsse, was durch die vertrockneten Lippen Leben eingießt, Hann, ich kann dir nicht beschreiben, welche Freude dann in solch kleines Zimmer dringt. Man meint förmlich, aus der Ferne Engelsgesang zu hören und horcht darauf, ob man nicht den Tritt des lieben Gottes spüren könnt'.«

Bei diesen Worten lächelte die Krankenschwester ganz glücklich, und ihre Augen strahlten, als ob sie in einen nahen, friedvollen, sonnenbeschienenen Garten sähen.

Bewundernd, halb neidisch, blickte Hann auf sie hin. Dann sagte er einfach: »Wie fromm du bist.«

»Das ist nicht fromm, Hann, das hab' ich doch alles erlebt.«

»Ja, aus dem Leben so die Frömmigkeit zu ziehen, das is woll das Wahre.«

Dabei nickte er versonnen in sich hinein.

Eine Zeitlang hörte Line draußen kein weiteres Wort. Und wieder mußte sie spöttisch darüber die Lippen verziehen, weil die beiden über nichts weiter zu verhandeln hätten, als über Kranke und über Beten.

»Pfui,« raunte sie vor sich hin, »es riecht ordentlich nach Klinik. Das ist mal eine langweilige Person.«

Aber gleich darauf preßte sie von neuem das Ohr an das Schlüsselloch, denn sie vernahm, wie Klara nach einigem Zögern ihren ehemaligen Verlobten nach seinem Leben, seinen Plänen, seinem Dasein fragte.

»Jetzt kommt's,« dachte Line, »sie ist gar nicht so dumm.«

»O Klara,« erwiderte Hann, »wie gut das von dir is, daß du dich danach erkundigst.«

»Wieso, Hann? – Mir ist es, als wenn ich mich immerfort um dich kümmern müßte.«

Er atmete auf, dann entgegnete er erfreut: »Ganz genau so geht es mir mit dir, Klara.«

»Das weiß ich, Hann, und ich kann auch nicht aufhören, dir herzlich gut zu sein.«

Er nahm ihre Hand und stammelte dabei: »Siehst du – gut sein – ja, das is es – gut sein, das bin ich dir auch, Klara, wie ich es mit gar keinem anderen sein könnte. Aber sieh – ich schäme mich so, wenn ich es aussprechen soll, is es nich schrecklich eingerichtet in den menschlichen Herzen, daß man der einen Frau so herzlich gut sein kann, und die andere hat den Zauber?«

»Welchen Zauber, Hann?«

Er fragte sie, ob sie sich der Geschichte oll Kusemanns nicht mehr erinnere, von der Liebeshexe. Die sollt' mal Venus geheißen haben oder auch Freiin. Genau wußte das der Lotse selber nicht. »Jedenfalls jetzt is sie ein altes Weib und sitzt irgendwo auf einem Kreidefelsen unter einer geborstenen Tanne. Und wenn sie ein rechtes Stück ausüben will, dann schneidet sie bei Vollmond aus dem Unterschuß des Triebholzes zwei saftige Stäbchen, schält sie ab und schreibt zwei Namen darauf. Immer solche, die gar nich zueinander passen. Wie Lines und meinen. Und dann bindet sie sie zusammen und schleudert sie ins Meer und murmelt etwas dabei in ihren Bart, damit ein Hecht kommt und die Stäbchen verschluckt. Und solange der Hecht nich gefangen und aufgeschnitten wird, auf daß das liebe Tageslicht wieder auf die Hölzer scheint, so lange, Klara, kommen die beiden Menschen nich auseinander und wollen auch nich.«

Sie wandte ihren klaren Blick auf ihn.

»Und das ist alles so bei dir?« forschte sie. Ein tiefes Mitleid zitterte aus ihrer Stimme.

Er holte tief Atem und rang die Hände.

»Ja, Klara,« gab er dumpf zurück. »Das is so bei mir. Das Tageslicht will nich auf mich fallen.«

»Und die Hölzer passen nicht zusammen?«

»Nein, Klara, sie passen nich.«

»Und das weißt du?«

»Das weiß ich ganz genau.«

»Armer Hann.«

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ja, Klara, was hilft das? – Da hilft kein Beten. Ich will dir was Geheimnisvolles sagen, hör' zu. Was sie mir auch antut, so viel Schlimmes und Herzwehes, es is, als ob ich ihr deswegen nur noch mehr dienen müßt. Und das hat kein Ende. – Gar kein Ende.«

»Kein Ende, Hann?«

In dem Auge der Krankenschwester begann eine Träne aufzuperlen. Die sah aus wie ein Tautropfen, der auf einem dunklen Veilchen liegt. Dann nahm das Mädchen die Hand des Freundes und streichelte sie sanft.

»Hann, ich will wünschen, daß es ein glückliches Ende wird.«

Da schüttelte er düster das struwelige Haupt.

»Klara, das siehst du ja selbst. Es kann gar kein rechtes Ende nehmen. Ich will auch nur, es bleibt alles so, wie es jetzt is.«

Sie stand auf.

Beide reichten sich die Hände zum Abschied.

»Kommst du bald wieder?« forschte er scheu.

Sie nickte verhalten.

»Ja, Hann, wenn es dir recht ist. Ich fühle so, als wärst du auch einer von meinen Kranken.«

Da legte er beide Fäuste auf ihre Schultern, daß es ihr weh tat, und gequält drang es endlich hervor: »Ich wollt', du säßest an meinem Bett. Und das Heilige, von dem du vorhin erzähltest, schüttelte den Kopf, und du drücktest mir mit deinen lieben Fingern die Augen zu. – Adschö, Klara.«

Damit schob er sie gewaltsam von sich.

Als die Türglocke über ihrem Haupte läutete, schluchzte die Enteilende leise auf.

An der Küchentür aber lehnte ein anderes Weib. Das streckte wie abwehrend ihre Hand gegen den anstoßenden Raum, aus dem etwas gegen sie anzog, wie eine zwingende Macht, und ein paar blutlose Lippen murmelten: »Nicht – nicht –«

Am Abend saß Line auf einem Strandstein. Der ragte massig und einsam über die Wiesen hinaus. Am Himmel zitterten die Sterne, zu ihren Füßen plätscherten kleine Wellen. Die liefen geschwätzig zu ihr hin, und wenn sie von ihrem Fuß zurückgestoßen wurden, dann drängten sie sich doch wieder heran, immer lispelnd, flüsternd, immer dasselbe eintönige Wort: »Armer Hann.«

Das junge Weib seufzte und strich sich die Haare zurück, die der Seewind löste, und sah in die runde, matte Scheibe hinauf.

Der Mond stand voll.

Jetzt war's also die Zeit, wo die Hexe ihre Stäbchen zusammenband.

Das junge Weib schüttelte sich und stieß wiederum einen lauten Seufzer aus.

Eine Stimme rief aus der dunklen Katenhütte: »Lining – Lining – wo bist du? – Die Abendluft tut dir nich wohl.«

Da sprang die Versteckte auf, führte den Finger empor und schleuderte unmutig einen Tropfen von sich, der sachte durch die Wimpern geronnen war.

Dann lief sie auf Umwegen, und zwar so, daß die herantappende dunkle Gestalt sie nicht halten konnte, in das Haus.


Von dem Strandstein rinnt langsam der Tropfen herab. Er glitzert im Mondlicht.

»Eine Träne?« fragt irgendwas im Wind.

»Eine Träne!« wispern die Wellen und nehmen sie mit sich ins Meer.

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