Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Engel >

Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
projectid61d1d230
Schließen

Navigation:

IV

Unterdessen saß Dietrich Siebenbrod gerade unter der breitschirmigen Petroleumhängelampe des Moorluker Kruges, den er seit seiner Hochzeit nicht mehr betreten hatte, und vor ihm stand ein großes Glas Branntwein, was ebenfalls ganz gegen seinen Pakt verstieß.

Aber sein Pakt war aufgehoben, war »intzwei« gegangen, wie er schon mehrfach vor sich hingestöhnt hatte, »es war allens intzwei gegangen, die lange Arbeit, und de fiv Küh, und das Haus und die Sparkassenbüchers, ja, ja und die fiv Küh.«

Aberst warum? – Warum?

Mit dumpfem Grollen schob der Fischer die langen Beine weit von sich unter den Tisch, und nachdem er seinen Branntwein hinuntergestürzt, strich er sich über das erhitzte Gesicht, denn er konnte die Spirituosen nicht mehr vertragen.

»Smeckt nich mehr, der lütte Kirsch,« seufzte er und steckt, beide Daumen in den Mund und biß darauf und schüttelte sich und fuhr sich durch die Haare und warf sich auf seinem Stuhl herum, als ob er die richtige Lage nicht finden könnte. Und so war es auch, denn wie er sich drehte, immer sah er durch die Tür, die der Schwüle wegen weit offen geblieben war und durch den Garten, in welchem die Blätter herumwirbelten, auf sein eigenes Haus, »up sin Hüsing«, das nun ein fremder Barbier kriegen sollte.

Ja, ja, wie er sich um dies Haus Müh gegeben hatte, auch damals, als der selige Herr Klüth noch lebte, denn, weiß der Deuwel, es war ihm immer so vorgekommen, als ob er der nächste Erbe des alten Lotsen sein würde.

Und nu? Intzwei – ganz intzwei. Ja, ja, das kommt davon, wenn man in 'ne vornehme Familie heiratet.

Und dieser Pastor, der gar keine Ahnung von das praktische Leben hatte, der gar nicht wußte, was eigentlich ein Klüwer bedeutete oder gar Ballast und der keinen Hering von einer Rotauge unterscheiden konnte, wodurch doch erst all das schöne liebe Geld in die Sparkassenbücher reingekommen war; der konnte nu ganz einfach kommen und alles fortschenken, das Haus und die Sparkassenbücher und die Küh? – I, das stritt doch gegen jede Menschlichkeit. Ne, ne, bloß nichts mehr hören und sehen, hol alles der Deuwel, bloß alles der Deuwel. Denn, wenn man da dran dachte – »Möller noch ein Glas, sehr schön dein Kirsch – kannst mir gleich die ganze Flasche bringen, ich bleib heut lange, aus Schabernack, aus purem Schabernack, prost.«

Ja, das war heut morgen gewesen, in aller Früh, er hatte gerade nach der langen Nachtfahrt sich auf den Schemel hinter dem Herd gesetzt, um noch ein paar Augen voll zu nehmen, und Mudding, die neben ihm saß, hatte ihm eben den Kaffeetopf aus der Hand gewunden, damit der nicht auf die roten Ziegelsteine stürze, da war der Hafenmeister in die Küche getreten, mit der Meldung, der Herr Konsul Hollander hätte eben selbst heraustelephoniert, Siebenbrod möchte eiligst in das Kontor kommen. –

»Möller, Möller, noch ein Glas – – «

Darauf das verwunderte Reden von Mudding. »Siebenbrod, sollst sehn, da stimmt was nicht.«

»Ja, Mudding, das hab' ich mir all lang gedacht.«

»Du auch? – Du meinst doch nicht etwa gar wegen Brunos«

»Ja, kuck, Mudding, wenn man bunte Oberhemden trägt und enge Hosen, dann – –«

»Was? –ach du lieber Gott – was meinst du, Siebenbrod?«

»Je, ich mein, dazu muß man geboren sein, Mudding. Und dann – –«

»So sag' doch –«

»Hat mich auch gestern so viel über unsere paar Groschen ausgefragt, und über unsere Küh, sieh Mudding, dabei hab' ich immer ein ungemütliches Gefühl. Von so verschwiegenen Dingen spricht man doch nich.«

»Geh rasch!« rief die kleine Frau und rang aus ihrem Stuhl die Hände. »Geh bloß.«

»Ja, ja, Mudding, ich geh ja all – aber das sag' ich man, was Gutes wird das nich.«

In dem Kontor war er dann mit dem neuen Pastor zusammengetroffen. Es war das kleine Privatkabinett des Konsuls, und ehe Stiefvater und Sohn noch ihre Verwunderung über das Zusammentreffen hatten austauschen können, da war der Konsul bereits eingetreten, hatte sich auf das Ledersofa geworfen, um mit niedergeschlagenen Augen, und als wenn er von sich die größte Dummheit erzähle, seinen Besuchern das Vergehen und das Verschwinden Brunos auseinanderzusetzen. Dabei war es für den Fischer, den das Ereignis nicht gerade sonderlich umzuwerfen schien, obwohl er es dennoch für familiär und passend hielt, eine bedenkliche Miene aufzusetzen, dabei war es für ihn doch »heil komisch« gewesen, zu betrachten, wie sich Hollander bei seiner Erzählung zwar entrüstet das Knie rieb, anderseits aber schmerzlich- behaglich schmunzelte, wie jemand, der zuletzt doch recht behält.

»Na ja, war 'ne riesige Dummheit von mir, hatte mich zum Schluß wahrhaftig ebenfalls sicher machen lassen, kostet mich viel Geld die Erfahrung – aber schließlich, – was habe ich gleich gesagt? Unsicherer Kantonist, das Kerlchen! – Na also, Herr Pastor, nun möchte ich mit Ihnen noch eine Kleinigkeit besprechen, eine ganze Kleinigkeit. Kommen Sie.«

Damit waren die beiden in das leere Kassenzimmer getreten und hatten den Fischer ruhig draußen sitzen lassen, als wenn er an der Angelegenheit nicht weiter beteiligt wäre.

Als der Zechende bei diesem Teil seiner Erinnerungen angelangt war, schien ihn die Wut von neuem zu übermannen. Er stieß mit den Füßen gegen die Tischbeine, daß es krachte, und rief beinahe schmerzlich: »Einen Seidel und einen Schnaps zugleich, Möller – und mach' die Tür zu, die verfluchte Tür, damit ich nich mehr mein Haus sehen kann, – mein Hüsing. – Mak de Dör tau, Kirl. Prächtig – gut der Schnaps – gut das Bier.«

Da waren der Pastor und Hollander eine lange Weile in dem kleinen Verschlag geblieben, und als sie endlich heraustraten, da hatte Paul verweinte Augen gehabt, und dann war der Strandpastor schweigend mit dem Fischer an den Hafen geschritten, von wo sie mit einem der kleinen Flußdampfer nach Moorluke zurückfuhren.

Aber diese Begleitung und das brütende Schweigen des stillen, wortkargen Menschen, dem noch jetzt von Zeit zu Zeit ein Tropfen über die Wange lief, waren Siebenbrod allmählich drückend geworden: »Willst du – – wollen Sie denn zu meiner Frau?« hatte er gefragt, während sie beide neben dem Schornstein des Dampfers standen und in das aufwogende Hafenwasser sahen.

»Was wollen Sie da?«

»Da will ich uns wieder ehrlich machen.«

»Was?«

Der Fischer steckte beide Hände in die Taschen und schlug ein grobes Gelächter auf: »Was! – Ich will Ihnen eins was sagen, Herr Pastor, ich hab' keinem was gestohlen, und deshalb bin ich auch keinem was schuldig, verstehen Sie mich, Herr Pastor?«

Der Hagere sah ihn an, verständnislos, als habe er gar nicht auf die Worte des anderen geachtet, nickte und beugte sich wieder über Bord, um die ganze Fahrt in das schwarze, strudelnde Wasser zu starren.

Den Fischer beachtete er nicht mehr, sprach kein Wort mit ihm, erkannte ihn wohl auch nicht einmal, wenn sein Auge zufällig auf ihn fiel.

Ja, ja, wenn man bloß ein Fischer mit Transtiefeln an den Füßen war.

»Möller – Möller – bring' mich noch mehr. – Nun seh ich mein Hüsing nich mehr. – Hurra, nun seh ich wenigstens nichts mehr – das Haus nich und den Pastor nich, und die alte Frau nich – hol alle der Deuwel.«

Und dann zu Hause.

Wie die alte Frau in Ohnmacht lag, und wie Hann ihre Hände in kaltes Wasser tauchen mußte, und wie sie immer nach dem Spitzbuben rief. Und dann wollte sie auch mit ihrem Ältesten allein bleiben, und ebenso, wie beim Konsul, saß der Mann auf der Bank am Fluß und hielt die Hände in den Taschen und besah sich seine Pantoffeln, und dachte gemütlich: »Wie das woll wird?«

Aber dann kam's.

Dann kam's.

»Halunken, studierte Menschen, verrückte Weibsbilder, wollt ihr mich woll vom Leibe bleiben! Möller, Möller, zu trinken. – Was? – Nu sieh doch. Ihr wollt dem alten, lungrigen Fuchs, dem Hollander, sein Verlorenes wiedergeben? Hör ich auch noch richtig? – Möller, Möller, hast's auch gehört? Sie wollen fünfundzwanzigtausend Mark bezahlen? Ha – ha. Spaß, Spaß, das is ja bloß zum Lachen. Nein? Ihr habt keine ruhige Minute mehr? Und ihr meint das alles im Ernst? – Da soll ja der Satan – aber was schert mich das alles? Meinetwegen. Wenn ihr soviel Geld übrig habt. Immer zu. Mir ist allens recht. Mudding hat vielleicht soviel im Strumpf versteckt. Das nich? – Sondern meine Spar – kassen – bücher? Und – ah – das Haus?«

Die Luft blieb dem Manne aus, der mit kupferrotem Angesicht in dem einsamen Krugzimmer saß. In toller Wut schmetterte er ein Seidel auf das andere, daß die Scherben herumspritzten, und schleuderte das nächste gegen die Wand.

»Was? – was? – Mein Haus, mein Hüsing, – meine Bücher? Ihr seid woll mall? Ich hab' nichts – und ich geb' nichts. – Acht Jahr gearbeitet – im Wasser gelegen – und nu? – Und nu? – Bleibt mir vom Leibe, weg – weg.«

– – Wieder schrie er nach Bier.

Aber was geschah nun?

Er stierte vor sich hin. Er sah es noch einmal, ganz deutlich. Aus dem Stuhl, in dem sie so viele Jahre gesessen, richtete sich die gelähmte Frau auf, langsam, ganz langsam. Und sachte, ganz sachte, streckte sie die weiße Hand gegen ihn aus.

»Siebenbrod, ich hab' dir das Haus und das Geld so lange gelassen, – aber nu will ich es wieder haben.«

»Mudding – du willst – mich – mein Geld nehmen?«

»Siebenbrod, ich muß.«

»Mudding, überleg dich, wem gehört das alles?«

»Mir gehört es. Ich habe alles zugebracht, und das Haus und die Sparkassenbücher sind auf meinen Namen geschrieben.«

»Das wohl – das wohl, aber Mudding, das mit den Sparkassenbüchern hab' ich doch nur aus Vorsicht getan. Ich bitt' dich, um Gottes seiner Barmherzigkeit, du willst mir doch nich meine paar Groschen nehmen? Das einzige, was ich hab'?«

Ihr stürzten die Tränen aus den Augen. Sie sah aus, als ob sie sterben wolle: »Ich muß!«

»Nun dann – dann hol' euch alle zusammen der Deuwel« – heulte er auf, »dann weiß ich ja, mit wem ich's so lang zu tun gehabt hab' – hier – hier –«

Er war auf einen Schub zugewankt, und nun flogen ein paar Bücher auf die Erde, daß die Fetzen herumflattern – »hier, Pastor, hier hast du's – is 'ne ganze Masse – und das Haus auch, das wollte ja immer schon der Barbier haben. – Und die Küh – Herrgott, Herrgott, die Küh auch. Aber was geht mich das an? Ich sag' weiter nichts, als hol' euch alle zusammen der Deuwel, alle in einem Wagen. Ich hab' hier nichts mehr zu suchen.«

Und jetzt saß er in dem einsamen Krugzimmer, und draußen wirbelten die Blätter, und es wurde dunkler und nächtiger.

»Prost, Möller – prost. Wie dunkel das draußen geworden is. Schmeckt wunderschön, dein Bier. Aber wer kommt da? Is das nich oll Kusemann, der da reinkommt? Richtig, setz' dich hierher, oll Kusemann. Hab' dich früher nich leiden mögen, aberst heut bezahl ich alles. Hm, was sagst du?«

»Je, ich bin nich neugierig, Siebenbrod, aberst is es wahr, was mich Hann erzählt hat, daß du dein Haus – –?«

»Ja, ja, wird verkauft.«

»Huch – und das Vieh und die Boote auch?«

»Allens.«

»Herrje, man erschrickt sich ja förmlich, aber was machst du denn später?«

»Ich? – Ich? Oll Kusemann, warum hast du auf einmal vier Augen und zwei Nasen? Ich schlag dir eins ins Genick, wenn du das noch mal machst. Oder ich häng dich hier an den Türpfosten auf. Aber sag' eins, du bist ja ein kluger Kopf, wie is das eigentlich mit dem Aufhängen? –«

»Das? – das? Ne feine Sache soll das sein. Da hört man Musik, wie auf einem Tanzboden, aber du wirst doch nich –«

»Schnack. Oh, das Leben is mal recht dämlich. Als ich klein war, da hab' ich mich immer ne Spieldos gewünscht, und nu – aber wollen trinken. – Die Geschicht mit der Musik gefällt mir – das lügst du doch auch nich? – Wollen trinken – immer mehr – immer mehr. Pfui, das Leben riecht wie ein fauler Hering.– Pfui, pfui!«


In das kleine Lotsenhaus war gegen Abend neue Verwirrung eingedrungen, als Paul zum zweitenmal erschienen war, um, wie er vorgab, sich nochmals nach der Mutter zu erkundigen, in Wahrheit aber, um Hann beiseite zu ziehen und ihm allerlei wirre Andeutungen über Line zu geben. Der junge Geistliche war ganz gebrochen. Und als die beiden Brüder in der Dunkelheit auf dem Flur standen, dort miteinander flüsternd, damit in der Stube die Mutter, die ohnehin leise vor sich hinweinte, nichts bemerke, da mußte der Pastor sich an dem Holz der Haustür festhalten.

»Daß sie so sinken konnte,« murmelte er vor sich hin und rüttelte beinahe an der Klinke, »daß sie so schlecht werden konnte.«

Hann stand neben ihm, in seinen blauen Drillichhosen und mit der offenen Schifferjacke, das plumpe Haupt, auf dem die strohblonden Haare bereits spärlicher herunterfielen, war ihm tief auf die Brust gesunken. Er mußte sich mehrfach räuspern, ehe er antworten konnte. Auch so klangen seine Worte noch gepreßt genug.

»Ja,« entgegnete er mühsam, »sie wird ihn wohl sehr lieb gehabt haben.«

Der Strandgeistliche atmete hörbar: »Aber sie hat ihn zu Schlechtigkeiten verführt, sie hat gehandelt wie eine – – –«

Hier stöhnte er laut auf.

»Ja,« sagte Hann vor sich hin, »mich dünkt, die eine Liebe is heiß und die andere kalt – die eine will in Seide gehn und die andere in Pantoffeln. Es kommt allens so, als es kommt.«

»Aber wir müssen unsere Natur bezwingen.«

»Ja,« schüttelte Hann traurig das Haupt, »das sagt ihr so. Ich hab' immer gedacht, um viele Naturen wär' es dabei doch schad. Kuck, Line zum Beispiel war mich immer gerade so recht.«

Der Pastor sah den Schiffer zweifelhaft an, dann lenkte er rasch ab, und indem er die Flurtür öffnete, durch die bereits die Dunkelheit hereinsah, klagte er: »Nacht. Wie sollen wir sie jetzt finden?«

»Müssen sie eben suchen,« versetzte Hann halblaut, obwohl seine Stimme stark zitterte. Dabei bückte er sich und hob von der Diele eine große Stallaterne empor, die er ansteckte.

Ein wunderliches, verschwommenes Licht fiel nun über den rotgepflasterten, langen Gang.

»Wenn sie sich ein Leid angetan hätte,« fuhr der Pastor fort, und wieder zitterte die Tür, als ob er an ihr gerüttelt hätte.

Hann fuhr zusammen. Die Laterne baumelte in seiner Hand hin und her. Dann dachte er nach.

»Nein,« schloß er endlich und strich sich die Haare aus der Stirn. »Line hat das Leben lieb; daher kommt woll auch alles.«

Wieder traf ihn ein verwunderter Blick des Bruders, dann aber trat Paul auf ihn zu und drückte krampfhaft die Hand des Fischers. Alle geistige Überlegenheit schien weggewischt.

»Wie soll es hier nur werden?« fragte er und drängte sich immer mehr an die Seite des Bruders. »Sieh, ich – ich trete am ersten Juli meine Stelle auf dem Walsin an, und die Hälfte von meinem Gehalt, die gehört euch natürlich. Aber die Pfründen eines Strandgeistlichen sind knapp, mehr würde ich bei allem guten Willen nicht erübrigen können. Aber du, Hann, du armer Junge, wie wirst du hier alles zusammenhalten können? Und noch dazu bei diesen Vorwürfen von Siebenbrod, wenn das Haus erst verkauft wird und das Vieh? Er ist ja auch tief zu bedauern, der arme Mann. Aber dann – was wird dann?«

»Oh,« sagte Hann und suchte in seinem Geiste nach etwas, was den schwer Bedrängten trösten könnte, wobei er schief in seine Laterne hinunterblinzelte: »Sieh, Paul, eins von den drei Booten bleibt uns ja, und wenn Siebenbrod auch nicht mehr mithalten will, mit dem Boot werd' ich schon wieder von vorn anfangen. Es wird schon gehen. Und dann, ich weiß hier eine Stube und eine Küche, wo auch ein Fenster auf die See zugeht, damit Mudding dran sitzen kann. Die mieten wir uns. Weißt du, bei Klaus Muchow, bei dem Taubstummen, du kennst ihn ja. Und da richten wir uns ein, so gut es eben gehn will.«

Es klang soviel Gutherzigkeit aus den einfachen Worten, daß Paul sein Gefühl nicht länger unterdrücken konnte, sondern mit einer krampfhaften Bewegung die Wange des plumpen Burschen zu streicheln begann.

»Aber hast du auch bedacht, lieber Bruder,« stammelte er, »daß du mit diesem Vorsatz dein ganzes Leben unserer Familie zum Opfer bringst? Hast du das auch bedacht?«

»Ja, wenn es aber nun nich anders einzurichten geht?«

»Lieber Junge –« und er legte ihm schwer die Hand auf die Schulter, »aber deine Braut? – Denkst du auch daran? – Klara Toll? Was wirst du der sagen?«

Hier senkte Hann tiefer und tiefer sein Haupt und ließ die Laterne schaukeln, als wenn der Wind sie triebe. »Ja,« kam es endlich schwer aus ihm heraus, »das arme Mädchen – hätt' ihr auch was Besseres gewünscht. Aber,« seufzte er hinterher, »sie verliert woll nich viel an mir.«

Als sie so sprachen, fuhr durch die Tür ein Windzug, der heulte durch das Haus und ließ die Bodenklappen zittern und löschte Hanns Laterne aus.

»Line,« rief der unwillkürlich, denn ihm fiel ein, daß die Unglückliche noch immer unterwegs sein könnte, und während er seine Leuchte mit tappender Hand von neuem entzündete, warf er hastig die Frage hin: »Und Lining? – Was wird aus der?«

Der Pastor murmelte etwas. Dann schlug er den Mantelkragen in die Höhe, und nachdem er auf die Straße hinausgetreten war, hörte Hann, der an seiner Seite geblieben war, wie der Geistliche in Aufregung hervorstieß: »Wenn ich sie doch nicht von mir gelassen hätte. Wenn ich sie doch gehalten hätte, wie es meine Pflicht war. Aber sobald wir sie wieder haben, und es kann mit Ehren geschehen, dann nehme ich sie mit mir – – bei mir – –«

Das übrige verwehte der Wind.

Dann gingen sie weiter, sie zu suchen.


Durch die sternenlose Nacht heulte ununterbrochen der Wind. Der Fluß wälzte rastlos schwarze Wellen zur Mündung, rascher, immer rascher; aber draußen, dem großen Wasser, dem nimmersatten, konnte es nicht genug werden, und es erhob sich wie ein Geizhals, wie ein Gläubiger, der eintreiben will, und schrie: »Mehr –mehr!«

Hei, wie zauste und wühlte jetzt der Wind in den Binsengebüschen, wie trieb er den Fluß stoßend gegen sie an, und wie murmelte und gurgelte es dann zwischen den Gräsern.

Nun wurde wieder ein Stück festen Landes mürbe, nun bullerten kleine Blasen in die Höhe, und der Fuß, der dort stand, sank ins Feuchte.

Und dort stand wirklich jemand, ein junges Weib, dem die Haare um das Haupt wehten, dem die Röcke vor dem brausenden Sturm um den Leib wirbelten, es stand und hielt sich an den hochgewachsenen Stauden fest und lugte bald zu den kleinen Lichtern hinüber, die aus den Moorluker Häuschen herausdämmerten, bald kehrte es sich zu dem Kreuzweg zurück, wo die Fänge der alten Windmühle in rasender Eile im Kreise schwirrten.

Es sah aus, als ob dort über dem Kreuzweg eine dicke, zerzauste Fledermaus in der Nacht hocke, die mit den Flügeln schlug, und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr: »Rah-rah« schrie, dann ging ein halb wildes, halb irres Lächeln über das Gesicht des Weibes, und es wand sich hin und her, als wüßte es keinen Entschluß zu fassen.

Ja, dort drüben hinter dem struppigen Garten, da schimmerte Licht aus dem Lotsenhäuschen. Da saß gewiß noch Mudding und strickte an dem ewigen Strumpf. Sie saß sicher ganz allein; denn Siebenbrod war wohl trotz des Sturmes auf See gefahren, und Hann hatte sie ja soeben mit einer Laterne den Landweg entlang wandern sehen. Oh, wie gespenstisch hatte es sich gemacht, als der rote Lichtstrahl langsam zwischen den Binsen durchgekrochen kam, um dann zuckend über das Wasser zu spiegeln. Aber als das Mädchen der oben vorübertappenden Gestalt mit den Blicken gefolgt war, da hatte die Einsame trotz aller Verlassenheit ein kurzes, hämisches Gelächter ausstoßen müssen.

Freilich, leise – leise, damit der oben es ja nicht höre, denn sie wollte sich nicht aufstöbern lassen.

Ha, ha, wie plump der Bauer doch dort oben dahintappte, die Laterne in dem steifen Arm weit vorgereckt, damit er den Weg nicht fehle. Und – da – jetzt stolpert er. – Sie lachte boshaft.

Und dort drüben in das verräucherte Häuschen wollte sie wirklich wieder einkehren, wollte alles beichten und sich dann anstarren lassen von den vorwurfsvollen, dummen Augen dieses Hann? Und dann die anderen Dörfler? Oll Kusemann, wie der wohl ihre Schande erzählen würde von Tür zu Tür? – Und die rohen Scherze von Siebenbrod –?

»Rah-rah,« schrie die Fledermaus dazwischen.

»Nein.«

Das junge Weib schlug mit der Hand auf die Binsen und zog die Röcke enger um sich zusammen. Jetzt stand es bei ihr fest. Zu diesen dummen, beschränkten Tröpfen ließ sie sich nicht herab. Zu Fräulein Dewitz auch nicht. Alles kleinliche, spießbürgerliche Menschen. Und dann – und dann – sie bog die Binsen auseinander und lugte wieder forschend über die vorüberwallende Flut –, sie wollte überhaupt nichts abbitten, nichts beichten. Was sie getan hatte, was ging es die anderen an? – Namentlich jetzt, wo sie es zu Ende bringen wollte? – Ihr schien, sie hätte nichts zu bereuen, und sie wollte auch nicht bereuen. Nein, nein, immer trotziger leuchtete es durch ihren Sinn, daß es doch eine wilde, freudige Stunde gewesen, damals, als in dem engen Stübchen die Schuld über sie gekommen war, und im Grunde ihres Herzens konnte sie auch dem Fernen, den die anderen Verbrecher nannten, nicht zürnen; sie hatte ja alles so gewollt – und jetzt, jetzt sollten die anderen, die Dummen, sie in Frieden lassen, sie war einmal so gewesen und wollte jetzt Ruhe haben, Ruhe und Stille. Sie machte einen raschen Schritt vorwärts, der moorige Boden gab nach, eiskalt schoß es an ihr vorüber.

Noch einen Schritt; sie taumelte, über die Knie bereits stieg diese furchtbare, bezwingende Lähmung.

»Rah – rah,« schrie die Fledermaus auf dem Kreuzweg und schlug wie toll mit den Flügeln durch die Nacht.

Aber warum klammerte sich Line in Todesangst an die schwanken Binsen, warum griff sie immer nach neuen hinter sich, sobald sie einen Büschel abgerissen hatte, warum arbeitete sie sich zurück und lief, wie gehetzt, fast bis unter die Windmühle zurück?

Dort stand sie mit rasend klopfendem Herzen still. So war sie am Vormittag schon einmal geflohen, aber jetzt, warum jetzt wieder? In einen verzweifelten Schrei brach sie aus und preßte die Hände gegen die Schläfen. Noch suchte sie sich in ihrer Umnachtung zu überreden, es wäre nur der Ort, der ihrem Vorhaben nicht günstig wirke. Ja, ja, weiter oben, wo das Ufer schroffer, wo die Steinmauern sich dehnten – – –

Wieder trieb sie es, nach der bezeichneten Stelle zu rennen, aber ihre Füße wurzelten gegen ihren Willen fest, und während sie wie ein furchtgeschüttelter, schwacher Mensch aufheulte, klammerte sie sich halb besinnungslos an die Unterbalken der Mühle an, als wollte sie sich selbst verhindern, noch einen einzigen Schritt weiter nach der Mündung hin zu richten.

Nein, sie wollte nicht, sie wollte nicht, sie war noch so jung, es mußte noch einen Weg geben, sie war ja stark und trotzig, und sie hatte das Leben so lieb, so lieb – – –

»Ich will nicht,« stammelte sie in ohnmächtiger Auflehnung, »ich will nicht.«

Über den Landweg irrlichterierte schwankend hin und her – ein großer, leuchtender Funke. Manchmal verglimmte er, dann sprang er wieder empor, wackelte langsam näher und begann eine Lichtbahn vor sich her zu werfen.

Die traf auf das Fachwerk der Windmühlenflügel, dann kletterten die Strahlen über die Unterbalken, und nun huschten sie über das Haupt und die zerzausten Haare des jungen Weibes.

Als sie das Licht merkte, richtete sie sich gierig auf, auch der Leuchtkäfer hielt inne, in beträchtlicher Entfernung, wie erschreckt, In der unwegsamen Nacht, bei dem heulenden Winde, der Stoß auf Stoß gegen die Mühle fegte, starrten die beiden Menschen zueinander herüber, beide das Licht segnend, das tröstliche, göttliche, ohne das sie sich nicht gefunden hätten. Aber es war nur der erste Augenblick, der in dem gejagten, jungen Geschöpf friedlichere Gefühle wecken konnte, dann stemmte sie sich mit beiden Armen über den Balken, auf dem sie lehnte, und ohne auf ihre triefenden Röcke zu achten, rief sie zu ihrem Retter hinüber, in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß sie jedes Einmischen in ihr Leben mit Feindseligkeit zurückweisen würde: »Hann, was willst du hier?«

»Lining, bist du's?«

»Du siehst ja.«

Ein Atemzug der Erleichterung kam von Hann.

Der Leuchtkäfer kroch wieder einen Schritt näher, seine Strahlen trafen die Füße des jungen Weibes und ihre Röcke, von denen das Wasser herableckte.

Hann zuckte zusammen, als ob ihm etwas wehe täte, und seinem natürlichen Sinn leuchtete sofort ein, was er hier etwa verhindert haben könnte.

Schwerfällig hob er die Laterne und gedachte auch das Gesicht der früheren Hausgenossin, die er bewußt oder unbewußt so lange entbehrt hatte, zu erhellen, da rief sie wieder, nur schärfer, erbitterter und ganz in dem Gefühl, daß sie sich gegen das Mitleid dieses Bauern zu wehren hätte: »Hann, wie kommst du um diese Zeit auf die Landstraße? – Was machst du hier?«

»Ich? –O Lining – –«

Und der Fischer, der nie log, empfand sofort, daß er ihr jetzt um keinen Preis gestehen dürfe, wie sehr er nach ihr gespäht habe.

»Oh – Lining,« brachte er hervor, indem er trotz alledem die Wahrheit sagte, »ich hatt' hier was verloren.«

»Du?« Sie bog sich weiter über ihren Balken vor, der sich wie zum Schutz zwischen ihnen reckte, und schüttelte wild das Haupt, »Das war wohl was sehr Kostbares?« höhnte sie rauh. Oh, und dabei tat es ihr heimlich doch wohl, mit einem Wesen von Fleisch und Bein reden zu können, wenn es auch nur Hann war.

»War es etwas sehr Kostbares?« rief sie nochmals und stampfte mit dem Fuß, denn es quälte sie, daß man drüben in dem Häuschen ihre Schande wahrscheinlich schon kannte, und daß dieser Tölpel sie mit einer Laterne gesucht haben sollte.

»Was Kostbares?« fragte Hann schwerfällig dagegen und starrte wieder durch die Nacht auf ihren wasserschweren Rock, von dem die Feuchtigkeit unaufhaltsam herabrieselte. »Lining, es will keiner gern was verlieren. – Aber du – –« in seiner Einfalt beschloß er, sie von ihrem Verdacht abzubringen, und das stellte er so an: »Aber es is gut, daß ich dich grad hier treff', denn du wolltest doch gewiß zu uns rüber.«

Die ehrliche Haut vergaß, daß es eben vom Moorluker Kirchturm elf geschlagen hatte, und daß man in dieser Sturmnacht nicht die Hand vor Augen sehen konnte.

Aber Line wurde durch die plumpe Gutmütigkeit, die sie so deutlich zu schonen suchte, nur noch mehr erbittert: »Was geht es dich an, wo ich hin will?« schrie sie heftig zu ihm hinüber, während sie in Wut auf den Balken schlug. Oh, sie wollte so gern diese Leute beschimpfen, die sich in ihre Selbstbestimmung drängten, und auf der anderen Seite wünschte sie so sehr, gerettet zu werden. – Das ist das Leben.

Und Hann hörte in seiner Angst um die Irrende die Beschimpfung gar nicht einmal heraus. Langsam, vorsichtig, als könnte sie durch jeden Schritt verletzt werden, tappte er näher, bis er endlich die Laterne zwischen sich und das Mädchen auf den Balken stellen konnte. Und sofort hielt die Frierende beide Hände über das Licht.

Jedes Geschenk des Lebens nahm sie gierig an.

Es war ein wunderliches Bild, das die beiden jetzt boten: das junge frierende Weib mit den zerzausten Haaren und dem wilden, unsteten Blick, und ihr gegenüber der ungelenke Mann in der flatternden Schifferjoppe und dem geduckten Haupt, beide unter der Mühle und bestrahlt von der Laterne.

»Lining,« hob Hann wieder an, denn er fürchtete nichts so, als seinen kostbaren Fang aus dem Netz zu verlieren. »Is doch gut, daß ich dich hier treff', denn du wolltest gewiß zu uns herüber, und da die Brücke gebrochen ist, so muß ich dich in der Fähre rüberschaffen.«

»So? Ist sie gebrochen?« wiederholte sie verächtlich. Aber Hann hielt fest, ganz dicht stand er jetzt vor dem Balken, so daß das zuckende Licht von unten sein Gesicht überhuschte.

»Natürlich, Lining, is sie gebrochen. Hast du das vergessen? Aber du, – du hast gewiß von dem Unglück bei uns gehört. Und da wolltest du kommen, um Mudding zu trösten. Is nich so?«

So hell war der Lichtkreis um die beiden geworden, daß die argwöhnische Line sofort an seinen scheu auf sie gerichteten Augen erkannte, wie sehr der Tölpel alles wußte.

Oh, sie hätte ihn dafür mit der geballten Faust ins Gesicht schlagen mögen.

»Wozu verstellst du dich?« fuhr sie ihn an und riß an seinem Arm. »Du weißt ganz gut, daß ich alles früher wußte, wie ihr. Wozu soll das?«

Hann hielt still.

»Lining, ich sagte man so. Aber dann weißt du gewiß auch, daß unser Vieh verkauft wird, und die Boote, und das Haus.«

»Das Haus auch?« schreckte Line zusammen, während sie unwillkürlich nach der Richtung der leuchtenden Fensterchen herumfuhr.

»Ja, das Haus auch, und wir mieten uns nun ein Stübing und 'ne Küche bei Klaus Muchow.«

Als er von diesem Zusammenbruch sprach, da begann das Herz der Verstörten wieder zu hämmern, in rasendem Schlag, sie hob ihre Finger zum Munde und biß darauf herum. Wilde Verzweiflung durchstürmte sie wieder.

Warum, warum war sie vorhin nicht unter den Binsen verschwunden? Nur einen Schritt galt es doch noch, und das Bett war so weich gewesen. Nein, nein, jetzt wollte sie nichts weiter hören. Mit einer Bewegung, unter der sich ihr ganzer Körper zusammenkrümmte, schnellte sie von dem Balken fort, und im nächsten Augenblicke wäre sie in der Nacht verschwunden gewesen, wenn nicht Hann in seiner Angst bereits den Querbaum übersprungen und sie nun an beiden Armen festgehalten hätte.

Feste, klammernde Fischergriffe, unter denen sie sich in aufsteigender Wut hin und her wand.

»Was heißt das? – Laß los!« »Hier sind viel Maulwurfslöcher. Ich dachte, du könntest fallen.«

»Das is nich wahr. Du weißt was. Du willst etwas anderes von mir!«

»Lining, komm hier an die Laterne.«

»Weg!«

»Lining, ich kann dich nich so fortlassen. Sieh, es is Nacht. Ich – ich glaub' auch, du hast dich mit Fräulein Dewitz erzürnt.«

»So? Glaubst du?«

Sie lachte, sie schrie auf.

»Und da Mudding jetzt so im Unglück sitzt, so – oder wenn du nich zu uns willst, so hat Paul davon gesprochen, daß er dich mitnehmen möchte auf den Walsin. – Willst du das?«

Da hatte sie sich losgeschüttelt und stieß ihn zurück.

»Zu Paul? – In das Pastorhaus?«

Mit einem Sprunge war sie an der Laterne, und unter einem schrillen Ruf, aus dem die Verzweiflung alles Weibliche genommen hatte, hielt sie die Leuchte hoch vor Hanns Antlitz in die Höhe, ob er etwa in dieser grausigen Umgebung Spaß mit ihr zu treiben wage.

Aber des Burschen blaue Augen blickten sie in dem Lichtschein so bekümmert an, daß ihr die Laterne plötzlich klirrend auf die Erde sank.

Ihr schwindelte, die Mühle wankte einen Augenblick vor ihr auf und ab, die Nacht tanzte vor ihr, so daß sie sich auf den Balken setzen mußte. Zorn, Todesangst und Erschöpfung hatten ihr alle Sehnen durchschnitten, kraftlos sanken ihre Hände gefaltet in den Schoß und ihr Haupt neigte sich zur Seite, so daß Hann erschreckt es mit beiden Händen stützen mußte.

»Zu Mudding?« murmelte sie traumverloren.

»Ja, Lining, oder zu Paul.«

»Komm her, Hann, ich will dir was sagen.«

Und als er sich zu ihr hinabbeugte, näherte sie den Mund seinem Ohr, um ihm etwas zuzuflüstern. Doch unvermittelt hielt sie inne.

»Stell' die Laterne erst hinter uns.«

Still folgte er ihr.

So hockten nun beide zitternd da, vor ihnen Nacht und hinter ihnen das Licht. Dann näherte sie ihre Lippen von neuem seinem Ohr und flüsterte etwas. Erst stockend, dann heftiger, zum Schluß zornig, wie eine Anklage. Es war der Grund, warum sie für immer von einem Pastorenhause getrennt war – es war ihr Schicksal.

Hann saß da, still und geduckt, und sank immer tiefer in sich zusammen. Er nickte und nickte, und so oft sie, ihn beobachtend, eine Pause machte, nickte er stärker, wie jemand, der etwas Freudiges oder Natürliches hört. Über dem armen Burschen war jetzt die Stunde, wo das menschliche Herz langsam anfängt zu bluten, um nie mehr ganz zu verharschen.

Aber er nickte immer ernsthaft und beistimmend.

»Kann ich zurück?« fragte sie am Schluß.

»Lining,« erwiderte er mit halber Stimme, »über die Frage muß ich mich wundern. Wozu is ein Elternhaus da, als daß es Gutes und Schlechtes aufnimmt? Wär' es anders, könnt' es mich gestohlen werden. Komm, Lining.«

Eine Viertelstunde später hörte man die Ruder auf dem Fluß klatschen. Hann führte seine Pflegeschwester heim. Als ihr Fuß die Schwelle berührte, zuckte sie zurück, und noch einmal schien ihr die Nacht lieblicher als die fischdurchduftete Engnis, aber Hann schob sie sanft auf den Flur.

Rabenschwärze lagerte hier.

Furchtsam drängte sich die Heimgekehrte an ihn. – Und als er leise – leise die Tür schloß, damit Mudding nicht gestört würde, da fühlte er plötzlich unter Herzklopfen, wie eine weiche Hand über seine Wange fuhr, und wie neben ihm etwas leise aufschluchzte.

»O Lining,« murmelte er zerschmettert.

Allein ihre Zerknirschung dauerte nur einen Moment, dann vernahm der Fischer, wie das Mädchen, das er in der Finsternis nicht sehen konnte, rasch aufatmete und mit Bestimmtheit fragte: »Hann, was du mir versprochen hast, das bleibt so?«

»Natürlich, Lining.«

»Gut, dann gehe ich jetzt nach oben, in meine alte Kammer. Und morgen spreche ich mit Mudding. – Gut' Nacht.«

»Gute Nacht, Lining, schlaf wohl, es is die erste Nacht, die du wieder bei uns schläfst, hörst du?«

»Ja, geh du jetzt auch zu Bett, Hann.«

Dann huschten leichte Tritte die Stiege hinauf.

Hann horchte hinter ihnen her, dann griff er sich nach dem Herzen, als ob dort etwas nicht in Ordnung wäre. Schwer, schwer seufzte er auf.

Seine Laterne hatte er bereits vor dem Hause ausgelöscht, damit ihr Schein, nicht zu Mudding dränge, die jetzt in der großen Stube neben dem Flur schlief.

Die Kranke aber mußte dennoch das Geräusch des Eintretens bemerkt haben, denn durch die Tür drang eine feine, zitternde Stimme: »Hann – bist du's?«

»Ja, Mudding.«

Ein Seufzer folgte in der Stube.

»Mudding, fehlt dir was?«

»Ach nein, mein Jung' – aber Siebenbrod – er is noch immer nich da.«

»Laß gut sein, Mudding, ich schließ' die Tür nich zu. Ich werd' hier warten.«

Drinnen die Kranke äußerte sich zu diesem Vorschlag nicht weiter – sie warf sich noch ein paarmal hin und her, dann wurde es still.

Draußen auf dem Flur stand ein ungefüger, blau angestrichener Holzkoffer, das einzige Gut, das Siebenbrod mit in die Ehe gebracht hatte. Auf diesen Schrein setzte sich Hann, stützte die Ellbogen auf die Knie und hielt seine Nachtwache.

Draußen summte der Wind, pfiff manchmal und heulte. Die Dorfuhr schlug. Viertel auf Viertel, der Fluß rauschte, und die Pappeln ächzten und schüttelten sich, Hann spann an seinen Gedanken fort.

Schwere Gedanken, die nur ungern ein Gewebe werden wollten.

Da oben schlief sie nun.

Und er, er war ein Bräutigam und hatte sich doch täglich danach gesehnt, daß die Kammer wieder von ihrer Bewohnerin besetzt werden möge.

Hier war eine Lücke, ein Bruch in seinen Gedanken, an dessen spitzen Trümmern er sich die Stirn zerstieß, genau so wie damals, als er auf den Anker gestürzt war, und Klara Toll ihn gepflegt hatte.

»O Klara!«

Er hielt sich den Kopf, damit er nicht wirklich springe, dann lauschte er wieder nach der Stiege, ob da nicht ein leichter Schritt laut würde. Denn er mißtraute Line. Ihr konnte es einfallen, trotz aller seiner Versprechungen zu entwischen.

Lange starrte er hinauf und lauschte.

Aber nichts regte sich mehr, nur die Hauskatze hörte er auf samtnen Pfoten vorüberschleichen.

Schmerzlich wandte der Beobachter das struppige Haupt zurück, und seine Gedanken verknüpften sich wieder.

Mein Gott, wie war die Jugendfreundin, die er so lieb gehabt hatte, »so liebing,« wie war sie zurückgekehrt? In Schande, ins Elend gestoßen. Und von wem? – Von seinem Bruder, der sie hätte hochhalten müssen.

Er dachte weiter und fragte sich: »War sie nun wirklich schlecht? – Schlechter als früher?«

Je, wer konnte das wissen? – Ich weiß es nich. Denn ich hab' solch eine Stunde, nach der sich doch alle Menschen und selbst das Vieh heimlich sehnen, noch nich erlebt. Aber mich dünkt, wer ein Richter über was sein soll, der müßt' das auch alles erlebt haben.

Und is das nich eigentlich komisch, daß das »schlecht« sein soll, woran die Menschen doch so viel denken, und was sie sich wünschen? Und schließlich, solch einen neuen Menschen in die Welt gesetzt zu haben, is doch auch ein kleines Verdienst. Und wenn ich mir so überleg', was herrscht nich für Freude, sogar bei Siebenbrod, wenn eine Kuh kalbt, und da wollen sich nun viele Leute wirklich so vergehen, daß sie ein neugeborenes Menschenkind, was doch viel mehr is, nich gern in die Welt reinlassen wollen? »Oh, pfui – ne, dafür will ich woll sorgen.«

Aber bei dem Wort »sorgen« fiel ihm schwer aufs Herz, was er ohnehin schon alles gegen Line auf sich genommen hätte. Ach, was war sie doch anders, als er sich es vorgestellt hatte. Wie wild, wie trotzig, wie gar nicht ein bißchen demütig war sie. Und was hatte sie sich alles ausbedungen, bevor sie sich, noch immer ungern und sich sträubend, von ihm hatte in den Kahn ziehen lassen.

Er seufzte.

Sie war doch ganz anders, als er immer gedacht hatte, eigentlich so, wie ein rechter Mensch nicht sein sollte, denn sie dachte stets an sich. – Und wie würden nun die nächsten Tage werden? – Morgen schon, wenn Siebenbrod die neue Hausgenossin vorfinden würde.

Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr; draußen schlug die Dorfuhr einen mächtigen Schlag.

Eins.

Schon so spät, und Siebenbrod immer noch nicht da? Der Wartende kroch von dem Koffer herunter, machte ein paar Schritte, um sich die Glieder auszurecken, und zog sich wieder auf den blauen Schrein zurück.

Es hatte eben zwei geschlagen, als er von neuem auftaumelte: Herr Gott, es dämmerte schon. Ein neuer Sommermorgen guckte bereits durch das kleine Stückchen Glas, das oben an der Haustüre eingesetzt war. Draußen zirpten die Schwalben, und der Frühwind strich über den Fluß. Doch in dem Flur woben noch graue Schleier hin und her, aus denen sich undeutlich nur die roten Fliesen heraushoben.

War Siebenbrod schon da?

Ganz zerschlagen kletterte der Wächter von seinem Sitz herunter und wollte eben leise das Haupt an die Tür des großen Zimmers legen, als in der Ecke hinter der Haustüre etwas seinen Blick fesselte.

Zögernd richtete er sich auf, sah sich um, rieb sich die Augen und starrte wieder in die Ecke, die die Spinnen ganz mit grauen Geweben angefüllt hatten.

»Herr Gott!«

Er rief leise: »Siebenbrod.«

Nichts regte sich.

Aber das war er doch? Dort stand er doch in der Ecke, den breiten Rücken dem Beobachter zugekehrt und so sonderbar groß?

Noch einmal rief Hann mit halber, heiserer Stimme, die ihm nicht recht aus der Kehle wollte, jedoch der riesige Fischer regte sich nicht. Er stand, um zwei Haupteslängen höher als Hann, den struppigen Kopf mit den schwarzen Haaren, von denen die Mütze heruntergeglitten war, eng der Ecke zugekehrt, wie wenn er sich schäme.

»Jesus – Christus,« sprach Hann ganz langsam, und mit vorgestreckten Armen, als ob er sich gegen Spuk schützen wolle, schlich er näher, bis er mit dem Finger scheu den Rücken des Riesen berühren konnte.

»Siebenbrod.«

»Siebenbrod, warum bist du heut so groß?«

»Gott erbarm sich, Siebenbrod, du stehst ja in der Luft?«

Aber als keine Antwort kam, sondern die Gestalt unter dem Druck von Hanns Finger unmerklich hin und her schaukelte, da versuchte der Bursche in seinem Entsetzen das letzte Mittel, das, wie er sich erinnerte, oll Kusemann als untrüglich gepriesen hatte.

Mit raschem Griff riß er dem Hängenden drei Haare aus und legte sie ihm in Kreuzform auf die Füße. Allein Siebenbrod hatte bereits die Klänge seiner Musikdose vernommen, nach denen er sich schon als Kind so leidenschaftlich gesehnt hatte, und schaukelte deshalb unempfindlich gegen Hanns Zauber weiter, ja, er begann sich jetzt sogar um sich selber zu drehen. Da schnitt ihn Hann kurz entschlossen herunter.

Als der Morgen graute, da lag vor dem blauen Koffer, den der Bootsmann einst als einziges Gut in die Ehe mitgebracht hatte, ein braunes Stück Segeltuch, unter welchem sich undeutlich die Umrisse eines hingestreckten Körpers abhoben, und auf dem Koffer saß Hann und hielt lautlos die Leichenwacht. Und immer wieder guckte er hinunter und fragte sich: »Da liegt er nun so still, so mucksenstilling, und soll doch mal auferstehen? – Und wenn Mudding man in den Himmel kommt, dann findet sie nun zwei Männer vor. – Wie das wohl is? – Und ob der liebe Gott wohl kleiner würd', wenn das Wiederfinden man solch ein Trostmärchen von die Pastoren wäre? – Ich weiß es nich. – Aber hör', da draußen kräht all der Hahn – und da noch einer und wieder einer.

O Siebenbrod, jetzt takeln die anderen Fischer ihre Boote ab und gehen zur Ruhe. Und du hast dich all so viel früher hingelegt. Darin liegt wohl das, was unrecht is, und was die Menschen nich verzeihen mögen. Denn ich denk mich man, durch das Leben kriegen wir doch erst all die anderen Gottesgeschenke. Und sieh, jetzt kommt es mich auch so vor, als ob das Leben selbst doch wohl mit das höchste Glück sei. Denn die Sonne und die Sterne und das Wasser nie gesehen und niemals eine menschliche Stimme gehört zu haben, wie zum Beispiel Line ihre, das is wohl das Aller- – Allerschlimmste. Kuck, Siebenbrod, und all das wegwerfen, nein, ich muß dich sagen, darin liegt mehr als Sünde, darin liegt Dummheit.«

Und als er das sagte, da schmetterte laut und lebensvoll der Hahn, und immer heller fiel das Morgenlicht auf das braune Segeltuch.

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.