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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
projectid61d1d230
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II

Der Erwartete war gekommen.

Hann hatte ihn mit der roten Jolle von der Landzunge herübergeholt.

Es war der Schäfer von Ludwigsburg. Ein Heilkünstler, gegen den alle Professoren drin von der kleinen Universität zu lächerlichen Pfuschern herabsanken.

Ein Mann im Besitz wunderbarer Naturkräfte und dabei von wirklich frommer Gesinnung.

Menschen- und Tierarzt zugleich, der durch ein getragenes, feierliches Schweigen überall, wo er erschien, eine direkt priesterliche Stimmung erzeugte.

Dieser war oben.

Unten zu ebener Erde, dicht neben der Treppe, die zu dem Schlafzimmer hinaufführte, in einem kahlen Raum, der wie mit Waschblau gefärbt schien, warteten inzwischen die beiden ältesten Söhne des Lotsen, während Line auf der untersten Stufe der Treppe saß und gedankenvoll auf das leise Murmeln lauschte, das seit einiger Zeit aus der Krankenstube herunterquoll.

Sie stützte den Kopf auf und schüttelte sich leicht wie im frostigen Winde.

Dort oben trieb der Zauberer nun sein Wesen, denn hexen konnte er, daran zweifelte Line nicht einen Augenblick. Der Lügenlotse, oll Kusemann, hatte ihr ja auch erst neulich in seinem Wetterhäuschen an der See erzählt, wie Schäfer Sturm vor einiger Zeit kurz vor Mitternacht auf dem Moorluker Kirchhof aufgetaucht und dort zwischen allerlei Kreuzen suchend auf- und abgeschritten sei. Vor dem Grabe eines längst verstorbenen Fischers wäre er dann stehen geblieben und hätte einen Zettel auf dessen Hügel gelegt. – Einen Zettel. – »Denk' bloß, Lineken, einen Zettel mit wunderbaren Buchstaben beschrieben.« Der Tote aber sei der alte Glückspeter gewesen, der, solange er lebte, den unheimlichen Fischzug besessen und stets sein Netz mit Hunderten von Heringen ans Tageslicht gefördert habe. – Und richtig – Line zuckte in der Erinnerung förmlich in die Höhe und starrte mit weitgeöffneten Augen vor sich hin – als die Kirchhofsuhr Mitternacht schlug, da habe sich das Grab mit einem Schlag geöffnet und –

Oben ächzte die Tür und fiel schallend wieder ins Schloß.

»Tu mir nichts,« rief Line halblaut in ihrem Traum und streckte die Hände aus.

Aber es war kein Gespenst, das da die Treppe herunterwehte, sondern Hann polterte herab und stieß mit seinem schweren Stiefel gegen ihren Rücken.

»Au – dummer Junge – nimm dich doch in acht!«

»O Lining, ich wollt ja nich – ich soll bloß – – –« damit fiel der fünfzehnjährige, gedrungene Bursche bereits in den lichtblauen Raum hinein und hob vor seinem ältesten Bruder ordentlich bittend die Hände in die Höhe.

»Was willst du, Hann?«

»O Paul – Pauling – nich wieder böse sein.«

»Nein, aber ich soll doch nicht etwa hinaufkommen, solange der da oben ist?« »Das nich, aber du sollst– –«

»Was?« unterbrach der junge Theologe ungeduldig.

»Du sollst mir das Buch geben.«

»Welches Buch?«

»Oh, die Bibel, Pauling.«

»Die Bibel?«

Für Schäfer Sturm!

»Was will der mit ihr?«

»Das darf ich dir nich sagen.« Der Student streckte die Hand aus. Wie er so dastand mit seiner mageren Gestalt und dem abgezehrten, verarbeiteten Kopf, hatte er etwas Hartes und Eckiges.

»Hann –« Rasch und stoßend redete er, gleich einem, der die Sprache nicht recht meistert, und deshalb hatten seine Worte etwas Unbeholfenes, Stammelndes, das zum Herzen drang. »Hann – ich hab' dir nie was getan.«

»Ne – ne,« schluckte der Junge.

»Mir kannst du alles sagen.« In seiner Aufregung überfiel ihn wieder jenes verwünschte Stammeln. Und diesem hilflosen und doch fanatischen Klang gegenüber unterlag Hann widerstandslos.

Der Junge zitterte: »Pauling, nich böse sein.«

»Nein.«

»Der Schäfer – will einen Spruch aus der Bibel reißen, und den soll Vating verschlucken.«

»Verschlucken?«

»Ja, verschlucken,« sagte Hann ernsthaft.

»Und dazu soll ich ihm das heilige Buch überliefern?« entgegnete der Student entrüstet. Schon war er auf einen kleinen Schrank zugeeilt, auf dem oben ein paar Bücher standen, und nun riß er das umfangreichste an sich. Etwas Eckiges, Bäuerisches, Überzeugtes steckte in all seinen Bewegungen.

»Das Tiefste, das uns geschenkt ward, soll ich so mißbrauchen lassen? So – so – Zu solch abergläubischem Betrug?« stammelte er von neuem. Er drückte das Buch an sich, daß ihm die Arme bebten. Dann machte er einen hastigen Schritt nach der Treppe zu und redete voller Zorn und Eifer weiter.

Er sei kein Frömmler, aber das dürften die Eltern eines Gottesgelehrten nicht begehen. Solche Sünde. Solch heidnisches Hexenwerk. Gleich – gleich wolle er selbst in die Krankenstube hinauf und Schäfer Sturm vertreiben. Mit Gewalt, wenn es sein müßte.

Dabei betrat er schon die erste Stufe. Allein, unbeweglich, mit aufgestütztem Haupt, aus dem nur die Augen wie glimmende Punkte herauffunkelten, so saß Line zu seinen Füßen und sperrte ihm den Weg.

Er hätte über sie forttreten müssen.

» Line, so geh doch zur Seite,« herrschte er sie an.

»Nein – erst gib Hann das Buch.«

»Was?« stotterte der Student.

»Gib her,« flüsterte das Kind noch einmal mit seiner heißen Stimme und schlang trotzig die Arme um seine Beine, um ihn am Steigen zu hindern. »Du verstehst das nicht – der Schäfer kann hexen.«

»Oh, das kommt davon, das kommt davon, daß du so gar nichts lernst,« kam es heiser von den Lippen des Studenten. – »Aber das muß anders werden. Und jetzt gleich laß los – ich muß – ich muß hinauf.«

Er drängte sie mit seinem Fuß beiseite.

Line fiel, im nächsten Moment wäre der Gereizte an ihr vorüber gestürmt.

Da mischte sich eine neue Stimme in den Streit.

Am Tisch in der kahlen blauen Stube saß der mittelste der drei Brüder, Bruno.

Sekundaner war er drinnen auf dem Gymnasium in der Stadt. Ein hübscher, dunkelhaariger, siebzehnjähriger Bursche. Der Liebling der Eltern, der Liebling der Lehrer. Einer von denen, auf die alle Hoffnungen gesetzt werden, die dann die Zeit erfüllen soll!

Die Zeit!

»Paul,« sagte der Sekundaner mit seiner hellen, frischen Stimme, »gib doch das Buch. Wenn es nichts nützt, so schadet es doch auch nichts.«

Der Theologe beugte sich über das Geländer, um Bruno besser sehen zu können. »Ja, ja, so bist du,« grollte er. »In jedem Wort sprichst du dich selbst aus. Immer nur auf den augenblicklichen Vorteil hin leben. Was man damit anrichtet und aufgibt, ganz gleich. Nein – aber es soll doch wenigstens einer hier in dem Hause existieren, der einen Willen und eine Meinung besitzt. Der Vater wird zu Gott berufen, die Mutter hat in ihrer Sanftmut nie gewußt, was Selbstbestimmung heißt. Du und dieses kleine Ding, die Line, ihr lebt wie in einem heidnischen Traum befangen, und Hann – Gott« – er zuckte die Achseln – »Hann ist es nicht so gegeben. Deshalb soll Vater noch beim Scheiden die Beruhigung empfinden, daß wenigstens eine Hand da ist, die alles zusammenhalten will.«

In seinem Eifer hatte er auf das so fest an sich gepreßte Buch nicht mehr acht gegeben. Jetzt vermißte er es.

Einen halblauten Ausruf der Überraschung stieß er aus.

»Bruno – Hann – wo ist die Bibel? – Wo?«

Ja, wo war sie?

Wie ein Schatten, katzenhaft, leichtfüßig, in all ihrem Schrecken vor dem Tode da oben leicht kichernd, flog Line die Treppe in die Höhe.

In ihren Händen etwas Schwarzes, Umfangreiches.

»Line – Line,« rief der Student totenbleich hinter ihr her.

Da zögerte sie an der Tür noch einen Moment. Als sie aber Schritte, Sprünge vernahm, duckte sie sich, und – – durch die entstehende Türspalte steckte sie etwas hindurch.

»Da –«

Ihr Atem pfiff.

»Ich dank dich, mein Döchting,« tönte es von drinnen.

Es war geschehen.

Im gleichen Moment fühlte sie sich an den Schultern gepackt. Oh, wie heftig dieser große, schmale Mensch immer zugriff mit seinen Händen, die nichts als Sehnen und Knochen waren. Und doch empfand das wilde, kleine Wesen eine Art Ehrfurcht vor ihm.

»Du – du Geschöpf,« keuchte er, »du bist wie solch' kleine, böse Hexe – aber warte, das muß anders werden. Und wenn ich mich dabei an dir vergreifen sollte. Diese schreckliche Unbildung muß aus dem Hause. Warte nur.« Wie wenn er gar nicht wüßte, was er tat, schüttelte er sie zornig hin und her.

Das Kind gab keinen Laut von sich. Nur als Bruno, erschreckt über das dumpfe Geräusch dieses stummen Ringens, mit einem Lichtstümpfchen an die Treppe trat, da sah der Student, wie ihre Augen ununterbrochen und fest in die seinen blickten.

Eine große, merkwürdige Ruhe wohnte in ihnen.

Da ließ er von ihr ab, als habe er sich an einem Dorn gestochen.

Tief seufzte er auf und wollte eben wieder hinuntersteigen, als die Tür des Krankenzimmers sich in ihren Angeln drehte. Und in dem breiten Lichtschein stand die kleine Frau Klüth und sagte mit ihrer ebenen Stimme: »Vating will euch alle noch eins sehen. Kommt!«

Hierbei verlor ihre Stimme den ruhigen Klang. Aber den halbfertigen Strumpf hatte sie noch immer in den Händen.


»Ja, nun seid ihr alle da,« flüsterte der Lotse und hob sich weit aus den Kissen heraus, um die Anwesenden zu überzählen.

Seine Hand schwankte dabei hin und her – –

»Und Paul – und Bruno – und Line – und Hann – un Mudding – un der oll Schäfer – un mein Bootsmann Dietrich Siebenbrod – ihr seid alle da – ja, ja, das is mein Bootsmann. Mit dem zusammen hab' ich damals die kleine Line gerettet. Prösting Dietrich – – wann werden wir wieder eins von dem feinen Kognak trinken? – von dem feinen Kognak. – Ja, ja, Dietrich Siebenbrod – das mußt du nich tun, ümmer so viel trinken, sonst bist du 'n guter Kerl – und verstehst deine Sach! – Komm Mudding – komm her – gib mich deine Hand. Und Dietrich Siebenbrod gib mich auch deine. – Ich muß nu rauf – das nützt allens nichts – Schäfer Sturm, der doch sonst seine Sach versteht, nützt da auch nichts. – Hör', Dietrich Siebenbrod, da sollst du auf mein Haus aufpassen, denn du büst 'n anständiger Kerl und verstehst deine Sach'. Ja, Mudding, das is Dietrich Siebenbrod. – Du, Mudding und Siebenbrod, ihr bleibt zusammen. – Und wenn's mit der Lotsenanstellung nichts is, denn is es mit der Fischerei was. Ja, ja – da hat man dann auch weniger Zeit, dann trinkt man auch nich soviel. – Der verfluchtige Kognak, – Mudding, nu spür ich's. – Und du und Dietrich Siebenbrod, ihr bleibt zusammen. Und dann paßt ihr auf die Kinder auf, damit da was draus wird. – Und – und – Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken, mir ist's, wie wenn ich in der See läg. Weißt noch, wie wir das kleine Jöhr, die Line, von der schwedischen Bark gerettet haben, und keiner wußt, wie das Ding hieß? – – Lining, komm her – steh nich so in der Ecke – sterben muß jeder mal. – Du bist ümmer 'n drolliges Ding gewesen und hast mir viel Spaß gemacht. Ja, und Mudding, unser Ältester wird Paster – Paster – ja – denn er is 'n feiner Kopf. Und wenn's auch viel Geld gekostet hat – ja, Siebenbrob, gar zuviel Geld – 's freut mich doch, 'n Paster, – 'n wirklichen Herrn Paster, hab ich doch zustand' gebracht. Und was unser zweiter is, Bruno – der is klug, der is sehr, sehr anschlägig – hat auch was gelernt. – Da hat mich Konsul Hollander versprochen, er kommt zu ihm ins Kontor – Schiffsreeder – Bruno wird eins 'n reicher Mann werden – Hollander hat ja auch man so klein angefangen, na, man kann nie – nie wissen. – Und ja, paß auf – ich sag weiter nichts.

»Und was soll nu aus Line werden? Line?–Line? Ja, das weiß ich nich, darauf versteh ich mich nich. Da wird schon einer kommen. – Aber nu – nu mit Hann. – Hann, wein' nich, du kannst da auch nichts für. Lernt nichts – und hat nichts gelernt – oh, Siebenbrod, den mußt du hier anbändigen. Is 'n guter Jung, un 'n Boot regiert er auch ganz gut. Den müßt ihr hier so nebenher mit auffüttern. – O je, Hann, wein' nich, du kannst da auch nich für. – Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken. – Und nu, nu ruf mir die Lotsen mal her – du sagst doch, sie stehen hier an der Tür, die Kollegen. Na, denn soll'n sie raufkommen. Ja, 's is gut, Siebenbrod, ruf 'runter!

»Je, da seid ihr ja, ihr zwei, oll Kusemann un Friedrich Pagels. – ? – Je, nu nehmt man an, vor vier Wochen nu noch Dienst getan – und nu jetzt soll's losgehn. – Na, oll Kusemann – ich dank dir auch, daß du das mit Hann so gut meinst, dem armen Jung. Aber tu mich den Gefallen, mußt ihm auch nich mehr so viel dumm Zeug erzählen. Und du, Pagels – na, hast du auch wieder das verschnürte Bein? – Ja, ja, auf die Art geht das mal mit uns allen zu Ende. – Ich wollt dich fragen, ob du wohl mein zweites Boot kaufen willst. 's kann ein Zesner draus gemacht werden. Ganz bequem. Und du hast doch die Erbschaft getan und kannst gleich bezahlen. Und bei mir is das man – mit dem Begräbnis – verstehst du – es muß doch gleich Geld da sein. Und wir haben nu so viel eingebrockt durch die Krankheit und das alles. Und wenn du zweihundert Taler so geben würd'st – – Weniger? – Na, einhundertachtzig. Aber dafür is 's halb umsonst, nich war, Siebenbrod? Also, 's is zwischen uns abgemacht, Friedrich Pagels – ihr habt's gehört. –

»Und – und – Paul, komm her, du büst mein Paster, sing was Geistliches, ein schönes Gebet, du kannst ja – – Und, und Mudding, ich dank dich auch für alles – und – und der Kauf mit Friedrich Pagels ist abgemacht – – – und Lining – un – un Hann – un – abgemacht – is – allens!«

»Nu 's vorbei,« murmelte der aufgeschwemmte Lotse mit dem verschnürten Bein, dem die Wassersucht deutlich anzumerken war.

»Das is es,« flüsterte oll Kusemann und schlich zu Hann. Und nach einer Weile sagte er ganz leise: »Mich war's, als wenn ich so was Graues an den Fenstern hätt' entlangflattern sehn.«

»Wollen ihm die Augen zudrücken,« sagte der riesige Siebenbrod und näherte sich vorsichtig dem Bett. Und als er seine Pflicht erfüllt hatte, brachte er noch stockend heraus: »Schlaf woll, Herr Klüth.«

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