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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
projectid61d1d230
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III

Die erste, die es erfuhr, war Line.

Fräulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des Konsuls zurück, schloß die Tür hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt wähne, und sank im Hut und Mantel schreckensblaß auf dem Sofa zusammen.

»Wer hätte das gedacht,« vermochte sie nur geistesabwesend vor sich hinzumurmeln; »wer hätte das gedacht?«

Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, daß Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht unterdrücken konnte, während ihr doch bereits das Herz still stand.

»Lach' nicht,« flüsterte die Handarbeitslehrerin, in Tränen ausbrechend, und winkte mit der Hand, »es ist zu schrecklich. Ich hätt' auf ihn geschworen.«

Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr.

»Auf wen? – sag' doch – auf wen, Tante?« klang es plötzlich so schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr. Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger Drehung umeinander.

»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin – –«

Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben erfahren. Unzusammenhängende Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief erhalten – »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch nicht einmal rasiert,« aber das Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen, auch der Koffer verschwunden. – Und gerade als das alte Fräulein eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr Pastor – ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. – Und der erste, der es merkte, wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. – Gott verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie, seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist nicht gut, wenn Republiken so groß werden. – Ich sagte es ja.«

So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte.

Wie war's doch? Ein cavalaier d'ancien régime. Ach, du lieber Gott, und jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden? Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht geäußert hätte.

Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.

Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die Brust, als ob sie nur mit großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke.

»Lieber Gott!«

Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte.

»Herrgott, Lining,« stotterte sie.

Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zügen fuhr es hin und wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: »Weiß man nicht,« stieß sie atemlos hervor, »wohin er gegangen ist?«

»Wohin?«

Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen? »Nach Amerika natürlich, nach Amerika war er geflüchtet, jenseits des Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren haben, und – –«

Die Hast der Erzählerin hatte sie bereits wieder zu weit geführt. Von neuem mußte sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf.

»Mein Gott, mein Gott,« dachte das alte Fräulein, »wie wenn ihr die Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck muß sie wohl versteinert haben.«

»Lining,« stammelte sie ängstlich. »Was ist dir?« Da stieß das Mädchen endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rücksichtslos, durchdringend, und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie niemals auf Zehen durch diese Räume gehuscht wäre.

Sie stürzte auf die alte Dame zu und rüttelte diese am Arm, als hätte das gute Fräulein ein Verbrechen gegen sie begangen.

»Hat er nichts für mich hinterlassen?« schrie sie und ballte die Fäuste. »Ich will wissen, ob er für mich nichts hinterlassen hat?«

»Für dich?« wiederholte Fräulein Dewitz vor Schreck starr und gänzlich verständnislos.

»Hat er nichts für mich hinterlassen?« tobte die Verzweiflung noch einmal aus dem Mädchen. Und als die Handarbeitslehrerin gänzlich erschüttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an Line – über sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches über die Beschränktheit höhnt, die das Natürliche nicht sehen will, und warf sich vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszuräumen.

Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren Augen nicht traute, gerade vor die Füße.

»Da – und da – und da.«

»Herrgott, was soll das?«

Dem armen alten Fräulein begannen die Hände zu zittern, vor ihren Augen flimmerte es, sie mußte sich an der Klinke festhalten, sonst wäre sie gefallen.

»Lining – barmherziger Himmel – woher hast du das alles?«

»Das? – das?«

Das wußte die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen? Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und Ringen herum und schlug mit den Fäusten darauf, und dann – dann brachte sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stücke zu reißen, und die Fetzen im nächsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder wie entsetzt von sich zu schleudern.

Ach, und die gute, alte Dame!

In ihrem Altjungferngemüt dämmerte durch all ihr Entsetzen die einzige Erklärung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschränktheit möglich erschien: »Lining,« stotterte sie vor Furcht und Überraschung beinahe gelähmt. »Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?«

»Ja – nein – ja.«

»Lining, willst du mir denn nichts davon erzählen?«

»Nein.« – Das Mädchen erhob sich plötzlich von den Knien, sah sich wirr um und raffte ihren Schmuck zusammen: »Ich will hier fort.«

»Fort? Fort? – Doch nicht von mir? – Warum denn?«

»Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt werden will – weil ich hier nichts mehr hören und sehen mag!« rief sie wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes, nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung glühte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief Line von dannen, barhäuptig, mit flatterndem Kleide, ähnlich, wie sie einstmals gekommen.

Die Handarbeitslehrerin aber saß auf ihrem Sofa und knöpfte die Handschuhe auf und zu und faßte sich an die Stirn und wollte ihrer Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende zu verknüpfen und sann und sann und rang die Hände: Wie war denn das? Und die gute Erziehung nützte gegen die Sünde nichts mehr? Und Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? –Kein Wort des Dankes? Und all die guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus hütete nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen ließen noch etwas anderes zu? – Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr? Wie ist denn das? – Junge Welt – alte Welt – wie ist denn das?


Unterdessen lief Line durch die Straßen, mit dem kleinen Bündel in der Hand und barhäuptig, denn dieser übergewaltige Stoß hatte sie die junge Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die Fischerdirne, die da meinte, daß die Welt sich an ihr versündigt habe, daß sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham schoß es ihr zuweilen unklar durch den Sinn, sie müsse sich rächen.

An wem?

Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die ihr vorläufig noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon triumphieren, sie würde – – –

Und stürmisch eilte sie weiter, dem pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.

Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.

Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie, schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.

Ja, ja, dort drüben war es gewesen.

Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! – Erst sie in Schande gestürzt – in Schande – Schande, und dann fortgelaufen und sie unter den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und – –

Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich, und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem schwarzen, unheimlichen Wasser, neigten. Wie das gurgelte, und wie weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits des Flusses nichts Lebendiges ringsum.

Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie. Brennende Angst wuchs in ihr groß.

So – ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran, wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad und Unterkommen. Gewiß – sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu richten: »Jämmerlicher Mensch!«

Aber was war das?

Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes, Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle Ebene.

Wie lautete doch ihr letztes Wort? – Jämmerlicher Mensch? – Nein, nein, das war ja nicht die Wahrheit. Sie – sie allein trug ja alle Schuld. Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken.

Ihre Sinne mußten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie über das moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser über ihren Fuß kroch.

Hu, das war eisig.

Ruckartig zuckte sie zurück und stürzte wieder auf den Weg.

Dort drüben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker Turm, ganz dicht ihr zur Seite starrten die Brückenreste aus dem Fluß, und da – da bei den Stümpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die Fähre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von Hann zu erkennen.

Und jetzt? – Rief da nicht etwas »Lining«?

Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen, davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: »Lining!«

Mehr hörte sie nicht. Mit wirbelnden Röcken lief sie den Landweg zurück, immer vor sich hinsagend: »Nicht Hann – nicht Hann.«

Vor ihr türmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf.

In einer halben Stunde würde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu schluchzen. Ob sie nicht doch zu Fräulein Dewitz gehen und alles bekennen sollte? – Nein, nein, lieber zurück in das schwarze Wasser. Aber plötzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul.

Der neue Pastor. Warum gerade der, darüber vermochte sie sich in ihrer Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fühlte nur, er sei der Rechte, auf seinem Namen läge Ruhe.

Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die Wirtin meinte, Paul müsse bald zurückkehren, er sei nur von einem Diener des Konsuls abgerufen worden, so beschloß Line zu warten.

Todmüde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bündel, das sie bis jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde.

Sie wunderte sich zwar über den Klang, aber sie rührte sich nicht mehr. Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz, traumhaft umflossen von dem Gehanken »wie ruhig – wie ruhig.«

Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben, nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmäßig auf eine kleine, weiße Christusstatuette, die mit den gastlich geöffneten Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien.

Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die weiße Gestalt vor ihrem Blick, und plötzlich mußte sie daran denken, daß dies die Stellung wäre, in der Er gesprochen: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«

Wie merkwürdig das Wort: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«

Und wie seltsam, daß sich ihr im gleichen Moment die Vorstellung aufdrängte, wie garstig es gewesen, als das schwarze Moor unter ihren Füßen nachgegeben. Und war es nicht wieder, als ob sie sinke, tiefer und tiefer in diese weiche, schwarze Masse? Alle Erdengeräusche verschwanden, und allmählich nahm die Ruhe des Zimmers die Erschöpfte völlig hinüber.


Durch ihren Traum schritt eine schwarze Gestalt, vor der sie Furcht empfand, weil der Fremde sie mit so starren Blicken maß, und als sie seine knochige Hand am Arm spürte, schrie sie laut auf.

Sie taumelte in die Höhe. In der Stube war es beinahe finster geworden, vor ihr stand Paul.

»Du?« stammelte sie, ohne sich recht besinnen zu können, und stieß mit ihrem Fuß an das Bündel, so daß es klirrte, »bist du endlich da?«

Er sah verwundert auf sie herab, schien sich jedoch ihre Anwesenheit erklären zu können, denn er äußerte nur rasch, ob Fräulein Dewitz ebenfalls bereits von allem unterrichtet wäre, und als Line wortlos genickt hatte, setzte er sich an den Tisch und bedeckte beide Augen mit der Hand. Jedoch einen Augenblick nur, dann sprang er wieder in die Höhe und durchmaß mit langen, schweren Schritten das dunkle Stübchen, immer gefolgt von den Blicken des Mädchens, das in seiner Erschöpfung noch immer ohne klare Gedanken dasaß.

Und wieder blieb der neue Pastor vor ihr stehen. Ihre Gegenwart und dieses gänzliche Zerschlagensein, als ob sie nun für immer auf seinem Stuhl hocken bleiben wolle, begannen ihm allmählich aufzufallen.

»Line, sag' mir, weshalb bist du zu mir gekommen?« fragte er, und seine Stimme klang dabei so rauh und gepreßt, daß Line merkte, wie sehr er sich zusammennehmen müsse, um so zu sprechen, wie er jetzt redete.

Allein ihre Gedanken flogen nicht mehr so rasch.

»Zu dir,« entgegnete sie müde, »ja – zu dir.«

Sie nickte wieder und sank von neuem auf dem Stuhl zusammen.

Paul verzog die Stirn, seine Augen suchten die Dunkelheit zu durchdringen, jedoch die Ermattete bewegte sich nicht weiter.

Der Theologe wurde unsicher.

Was bedeutete dieses schwächliche Gebaren, noch dazu von Line, deren Lebensmut nie zu unterdrücken gewesen? War dieses Gebrochensein allein durch das Unglück der Familie bedingt? Prüfend blickte er wieder auf die Erschöpfte. Und ohne daß er es selbst ahnte, begann sich bei ihm gegen das Mädchen dasselbe Mißtrauen zu regen, das seit dem ungeahnten Vertrauensbruch Brunos alle seine Empfindungen beschlich.

»Weshalb bist du in einem solchen Moment nicht zu den Unseren nach Moorluke hinausgefahren?« drängte er von neuem.

»Zu den Unseren?« wiederholte sie verwundert, und wie wenn die Dunkelheit sowie die Stille nur noch den einen Wunsch nach Ruhe in ihr übrig gelassen hätte, fügte sie schläfrig hinzu: »Laß mich.«

»Laß mich?« Langsam stieg der Zorn in dem Geistlichen auf: »Weißt du denn nicht, was geschehen ist?« fragte er heftiger, allein seine Worte mußten wohl an ihr vorüberhallen, denn sie streckte sich aus, ihr Kopf sank hintenüber, und wenn ihr Fuß nicht wiederum das Bündel berührt hätte, so hätte der Schlaf die Todmüde von neuem entführt, so aber schreckte das klirrende Geräusch sie auf. Hastig zuckte sie zusammen, dieser Goldton brachte sie endlich zur Besinnung.

Und nun flogen Rede und Gegenrede scharf zwischen den Geschwistern hin und her.

»Was hast du da?« fragte Paul, der ebenfalls das Klingen gehört hatte.

»Das? – o – –nichts.«

»Ich rate dir gut. Fahre zur Mutter hinaus. Du wirst unser Haus nicht mehr oft betreten!«

»Ich?«

Der Schreck lähmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: »Warum gerade ich nicht?«

»Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine Bücher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts übrig.«

Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte sich die verschränkten Hände gegen das Haupt. Wieder klang ein leises Stöhnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf.

»Wird er verfolgt?« forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die Frage durchfuhr.

»Das weiß ich nicht,« gab er widerwillig zurück, und dann ging er abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzählung drang an ihr Ohr von Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie Mudding endlich draußen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line hörte teilnahmlos zu, denn seit Paul während einer Pause die kleine Stehlampe entzündet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube durchdämmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? –Wo ein Kissen für die Nacht? Wo ein Versteck vor der Schande?

»Weißt du, wo er sich aufhält?« stieß sie endlich hervor und fingerte in Hast mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.

Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: »Der Dieb?« schrie er dunkelrot und voller Abscheu, »der Halunke, der seine Mutter aus dem Hause treibt, während er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit Armbändern und goldenen Ketten behängt? Oh, wenn ich nur wüßte, wo er zu treffen wäre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir hätte!«

Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn in ohnmächtigem Zorn auf den Boden, daß die Füße zitterten. Line starrte ihn an.

Ganz weiß war sie geworden, langsam bückte sie sich und hob ihr Bündel auf, denn jetzt wußte sie, hier war ihres Bleibens nicht länger, und als sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weiße Statue.

»Lasset die Kindlein zu mir kommen,« sprach sie, wie geistesverloren vor sich hin. Aber sie war so matt, daß sie keinen Schritt machte, sondern mit hängenden Armen stehen blieb.

Gleich darauf fühlte sie sich hart am Arm ergriffen, umkrallt, so daß sie hätte schreien mögen; ganz nahe blitzten die finsteren, mißtrauischen Männeraugen in die ihren.

»Wozu sagst du das?« hörte sie seine vor Aufregung heisere Stimme, »überhaupt du warst stets so viel mit ihm zusammen; ohne Umschweife, ich traue dir nicht. Und was trägst du da im Bündel? Ich will es jetzt wissen.«

Er streckte die Hand danach aus, aber sie hob ihre Schätze hoch in die Höhe.

Dann begann sie plötzlich aufzulachen, höhnisch und verzweiflungsvoll, und als sie sich zur Seite wandte, gewahrte sie, daß zum Fenster bereits schwarze Nacht hereinsah.

Unterdessen drang der Strandpastor zum zweitenmal auf sie ein. Noch drohender als vorhin.

Ja, sie merkte es, es war alles verloren, alles stürzte zusammen, hier war ihre Ruhestätte nicht.

Aber draußen lugte die Nacht herein und rief und rief.

Da streckte sie ihm mit einer wilden Bewegung ihr Tuch entgegen.

»Was in dem Bündel steckt?« schrie sie und wühlte alles hastig auf, daß der Inhalt hervorquoll: »Hier, sieh, Ketten und Armbänder und Ringe – ganz teure, die sind was wert – und alle für mich – alle für mich – die verkauf – hörst du – hier – hier.«

Damit raffte die Rasende einzelne Stücke heraus, schleuderte sie ihrem Bedränger mit aller Kraft vor die Füße, warf das ganze Bündel hinterher, und nachdem sie ihn noch einmal verächtlich angelacht hatte, wie sich weidend an seiner Betäubung, lief sie, gleich einem Hunde, der Schläge fürchtet, zur Türe hinaus. Paul hörte sie die Treppe hinunterspringen, vernahm einen heulenden Ruf, er hörte die Haustür klingeln, aber er regte sich nicht, er stand und starrte mit kaltem Entsetzen auf die Schmucksachen, die sich wie Ringe einer goldenen Schlange zu seinen Füßen wanden; in großen gleißenden Ringeln – die ewige Versucherin der Menschheit.

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