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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
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Drittes Buch

Philosophie und Liebe

I

Der Bodden lag in fauler Ruhe, wie ein träger Junge, der hinter der Schule eingeschlafen. Wenn das Boot, das an der Hafenmauer angeschlossen lag, ein wenig knarrte, dann war es, als ob die See in der prallen Sonnenhitze schnarche.

Der Lügenlotse und Hann saßen an der Molenspitze und angelten. Und alle Augenblicke zog oll Kusemann unter schlauem Augenblinzeln ein zappelndes Barschlein aus der Flut und barg es sorglich in einem Wassereimer, der hinter ihm stand.

»Föfteihn,« schmunzelte er.

Nun wußte Hann zwar ganz gut, daß es nur zehn wären, doch er ließ seinen alten Kumpan gewähren.

»Wie machst du das?« fragte er nur nach einiger Zeit, während der er nachdenklich auf die funkelnde Scheibe gestarrt hatte.

»Hörst nicht?« erwiderte oll Kusemann stolz, »ich pfeif'.«

Er gab einen zischenden Laut durch die Zähne, so daß Hann lächeln mußte.

»Und darauf beißen sie an?« fragte er langsam.

»I woll, darauf sind sie dich ganz versessen. Aber 's gehört Kunst dazu. Pass' eins auf.«

Er befestigte einen frischen Wurm an dem Haken, spuckte darauf, und nachdem er von neuem ausgeworfen, harrte er, bis der Kork ein wenig zu zittern begann.

Jetzt pfiff er und zog im selben Augenblick einen stattlichen Dreipfünder aus der See.

»Wat sagst nu, Flesch?« fragte er triumphierend und klopfte seinen Gefährten herablassend auf die Achsel.

Und wieder mußte Hann über die harmlose Tücke des Alten den Mund verziehen.

»Schön,« lobte er.

»Na, siehst,« brummte oll Kusemann sehr befriedigt.

Aber das Gespräch wollte nicht weitergehen.

War es die Glut, die ordentlich summend über das Wasser schlich, oder hing Hann anderen Gedanken nach, jedenfalls gewahrte der Lügenlotse mit Mißbehagen, wie sein Freund allmählich die Angel unter das Knie schob, um dann seine Augen unverwandt auf eine volle weiße Wolke zu richten, die zackig und blendend an dem blauen Horizont emporstieg. Aber diese Gleichgültigkeit verletzte oll Kusemann im Innersten, denn Nichtangeln erschien ihm direkt als ein Charakterfehler. So hustete er denn ein paarmal, spuckte ins Wasser, rückte hin und her und brummte endlich, als alle Versuche mißlangen, in sich hinein: »'s is nichts mehr los mit Hann. So macht er es all öfter. Na wart eins, mein Jünging.« Plötzlich schwenkte er aus Leibeskräften seine Mütze: »Line,« schrie er, wie besessen.

»Wer? – ja – wo?« fuhr der Träumer erschreckt herum.

»Je, ich meinte man,« sagte der Lotse stillglücklich über die gelungene List, »sie war' ein hübsch' Mäten.«

Hann sah ihn an, wurde blutrot, senkte den Kopf und kehrte sich wieder seiner Wolke zu.

»Da soll doch ein Donner reinschlagen,« dachte oll Kusemann, als das Schweigen wieder anhob, »aberst ich weiß ja, er is ein Phi – und so weiter, ich muß ihm woll näher aufs Fell rückend

»Hanning,« fing er bedächtig an, während er sich ein Stück Priemtabak schnitt, »ich kenn einen, den du auch kennst, der das Pfeifen noch viel feiner versteht, als ich. Weißt, wer das is?«

»Nein,« warf der Gefragte achtlos hin.

»Dein Bruder Bruno.«

Und der Lotse, der unter seinen gesenkten Lidern nach dem Burschen hinschielte, hatte die Genugtuung, daß sein Genosse unmerklich zusammenzuckte.

»Wieso?« fragte er plump.

»Ja, mein Jünging, ich wundre mich, daß du das nich weißt,« fuhr der Alte mit großer Behaglichkeit fort, »ich dacht mich nämlich, du müßtest das wissen, wie fein der angeln kann, solche hübschen, schlanken zappligen Dinger. Na, aber, wenn du dich nich mehr erinnern kannst, dann will ich dich gern draufbringen. – Hm, ja, siehst du, – es mag ja jetzt wohl so ein Stückener acht Wochen her sein, so ein paar Tag' nach Pfingsten, da war ich gegen Abend in der Stadt bei meinem Swager Bönhase, der die Kneipe am Rick hat. Na, und du weißt, ich bin ein Gutmütiger und kann Zureden, noch dazu von Verwandte, man swach widerstehen. Da hab ich denn en paar Glas mehr getrunken, – aus purer Gutmütigkeit – und weil mich mein Alwining das später immer anriechen tut, so bin ich nachher ein bischen auf den Wall spazieren gegangen, um mich die Geschichte auszulaufen.«

»Mach rasch,« murmelte Hann dazwischen, dessen Augen immer größer und ängstlicher auf dem andern ruhten.

»Kommt allens,« beruhigte oll Kusemann und rückte erst sorglich an seiner Angel. »Ümmer eins nach dem andern, sagte der Boß, als er die Küken auffraß – na also, als ich da so in der Dunkelheit unter den Bäumen geh, denn die Kastanien machen da hellisch duster, potztausend, da seh' ich auf einmal auf einer Bank – –«

»Bruno und Line,« stammelte Hann, dessen Gesicht kupferbraun geworden war.

»Sieh, wie fein du das raten kannst,« gab der Lotse schmunzelnd zu, spitzte den Mund und schmatzte in der Luft umher, als ob er unsichtbare Küßchen austeile, »aber sie hatten es damit gar zu eilig, denn sonst müßten sie mir und noch jemanden andern bemerkt haben, der da in dem Gestrüpp an der alten Mauer stand und mit langem Hals nach den beiden rüberkuckte. – Weißt, wer das war?«

Die Angel von Hann fiel hinunter und oll Kusemann mußte zugreifen, um sie noch im letzten Augenblick zu fangen.

»Das weißt du auch?« quoll es erschreckt aus dem Burschen heraus, während er die Mütze abnahm, um sich den Schweiß zu wischen.

»Ja,« entgegnete der andere und zerriß umständlich einen allzulangen Wurm, »wenn du wieder eins an solche Stellen gehst, Hanning, dann mußt du dich nich die Mütze mit den goldnen Tressen aufsetzen. Ich hab' Erfahrungen, die Dingers sünd zu verräterisch.«

Hann glotzte den Erzähler an, dann blickte er wieder verdüstert in die Flut hinunter, durch welche die feinen Furchen des gelben Sandes deutlich hinaufschimmerten, und versuchte endlich vor dem Aufhorchenden eine Erklärung zu stottern.

Er wäre an jenem Abend in der Räucherei in der Stadt gewesen, Heringe abzuliefern, und da habe er das Paar plötzlich in größerer Entfernung vor sich gesehen. Nur um sie einzuholen, wäre er ihnen nachgegangen, und als sie sich später auf dem Wall befunden, da wäre alles so gekommen, wie es oll Kusemann eben vorgebracht. Er selbst – Hann – sei dann unbemerkt wieder die Böschung des Walles hinuntergestiegen.

»Je, dann sind sie woll verlobt?« fragte der Lotse lauernd.

Aber Hann wagte nichts zu entgegnen, sondern starrte verlegen in das Wasser, in dem die kleinen Stichlinge in Scharen hin und her huschten.

Jedoch oll Kusemann ließ nicht so leicht locker.

»Jünging, ich mein', er hat doch deine Eltern von seine Absichten in Kenntnis gesetzt? Was?«

»Ja,« murmelte Hann beinah unverständlich und wischte sich wieder Schweiß. Aber die Lüge stand ihm auf dem Gesicht geschrieben.

»So –so,« meinte oll Kusemann gedehnt, wobei er seine schiefgestellten Augen nachdenklich zukniff, um sich dann langsam den spitzen Kinnbart zu streichen. – Und blinzelnd fuhr er fort: »Ja, ja, bei diesen ollen, lütten, nüblichen Liebschaften hat jeder seine eignen Moden. Da hält der eine so'n Dings gern auf'n Schoß und der andere versteckt sich vor ihr hinter Fischnetze. – Aber laß – da beißt gerade wieder solch ein Biest.«

Er wollte den zappelnden Barsch in den Eimer werfen, doch ohne Übergang fühlte er sich von Hanns starker Hand fest am Arm gepackt.

»Oll Kusemann?«

»Was?«

»Das letzte.«

»Hanning – laß mich los.«

»Nein – erst sag'.«

»Herr Gott, was is denn? – Du drückst mich ja. – Ich habe eben Augen, die sehen, wenn eine Mücke ins Wasser spuckt; und wenn ein paar Tag' nach der vorigen Geschicht' Klara Toll hier vorübergeht und du auf der Wiese sitzt, dich aber vor ihr hinter den Stellnetzen versteckst, so daß sie ruhig wieder nach Hause gehn muß, dann soll ich das nich sehen?«

In der dicken, sengenden Glut fühlte Hann, wie ihm etwas Kaltes über den Rücken rann. Dann stöhnte er plötzlich qualvoll auf und nahm den Kopf in beide Hände: »Ja, ja, das hab' ich getan.«

»Na, was denn?«

»Daß ich ihr aus'm Wege geh'. Es is sehr unrecht – aber ich muß in dieser Zeit in meinem Sinn immer an die beiden andern denken. Ich kann nicht dafür. Oll Kusemann, weißt du, woran das liegt?«

»J, ja, Hanning, du büst eben ein Phi– – und so weiter.«

Eine Weile blieb es still zwischen den beiden.

Leise summend platzten die Wasserblasen in der glasigen Hitze, der Seetang strömte einen immer strengeren Geruch aus, und immer zackiger türmte sich hinten am Horizont das Wolkengebirge empor. Und da, begann nicht ganz fern und verschwommen schon etwas zu rollen?

»Gewitter,« meinte der Lotse und roch nach dem Regenduft in der Luft aus. Jedoch in demselben Augenblick griff Hann krampfhaft von neuem mit beiden Händen nach dem Arm des Alten.

»Mußt mich was versprechen.«

»J, gern.«

»Nich drüber reden, was wir heut hier erzählt haben.«

»J, wo werd' ich? – Aber sieh, Hann« – und der Lügenlotse streichelte halb zärtlich, halb verschämt über das Knie des Burschen – »da hat eure kleine Spitzhündin neulich geworfen, – und sieh, wenn du mich so einen von die lütten Spitze geben würdest, ja, dann würd' ich noch einmal so gut dran denken, denn ich bin sehr vergeßlich.«

Hinter den Wassern murrte es deutlicher.

»Das wird tüchtig,« meinte oll Kusemann, als die beiden Angler sich erhoben, um die Schnuren aufzuwickeln. »Na, kann ich mich den lütten Spitz holen?« – Und als Hann wortlos genickt hatte, da faßte der Lügenlotse den jüngeren zufrieden unter den Arm und knurrte: »Ich tu' es eigentlich bloß zu deinem Vorteil, Hann, denn sieh, es is gut, wenn der Mensch ein Erinnerungszeichen hat. Aber nu komm, es wird tüchtig.«


Und es wurde tüchtig.

Über der Stadt, ganz dicht auf den Dächern hatten sich die Wetterschlangen ihr schwarz-blaues Nest gebaut. Und nun fuhren die roten Nattern herab, lustig, tänzelnd, schlängelnd, und wenn sie an den Fenstern der Städter vorbeizuckten, dann wisperten sie ihnen mit tückisch-glühenden Augen etwas zu: »Kuck, Dirning,« zischelte eine, während sie vor dem Fenster tanzte, hinter dem Fräulein Dewitz und Line saßen, »da unten geht er, an den du denkst. – Aber mußt es ihm sagen – sagen – sagen –. Wissen werden es doch bald alle, wissen – wissen. – Mach schnell – zisch!«

Da schlug es ein.

Ein lang anhaltendes Knattern lief durch die Straße, die Häuser bebten.

Line wurde schneebleich, doch ihre Augen behielten den trotzigen Glanz, als sie jetzt ihr dunkles Köpfchen wandte, um dem jungen Manne unmerklich zuzuwinken, der auf der andern Seite der Straße trotz des prasselnden Regens im Vorbeieilen zweimal den Hut schwang. – Bedeutungsvoll fast, wie ein Zeichen.

»Sieh,« sprach Fräulein Dewitz mit zitternder Stimme, wobei sie um alles in der Welt nicht die ängstlich gefalteten Hände gerührt hätte, »er ist und bleibt doch ein wohlerzogener junger Mann. Selbst in diesem Wetter hat er jede von uns besonders begrüßt. Das ist Anstand, Kind. Mein Gott, wenn es doch nur bald vorüber wäre.«

Es war ein wildes, fast unmutiges Lächeln, das bei diesen Worten der Handarbeitslehrerin um Lines Lippen ging. Sie hätte sich ja über dieses verabredete Zeichen des Vorübereilenden freuen müssen, denn es bedeutete, daß irgend einer der Pläne Brunos zum glücklichen Ziele gelangt sei.

Aber – aber – – –

Was er wohl treiben mochte?

Sie konnte es nicht ergründen. So oft sie auch fragte. Aber er hielt fest an ihr. Er hatte es ihr ja damals geschworen, und sie fühlte auch selbst, wie groß ihre Macht über ihn war. Das blieb doch die Hauptsache.

Zudem gab er sich auch sonst fast immer so froh und hoffnungsvoll, und so waren es wohl nur die vielen Pläne, welche die Zukunft von ihnen beiden sicherstellen sollten, die ihn manchmal zerstreut und unrastig erscheinen ließen.

Aber gottlob, er hatte ihr ja geschworen, und bald, bald hatte sich wohl alles gefügt; und was sich jetzt mit solcher Schwere auf sie senkte, das war wohl nur diese dumpfe Schwüle, denn Fräulein Dewitz litt nicht, daß das Fenster geöffnet würde.

Es prasselte und zischte um die Scheiben.

Und da zuckte auch schon wieder solch rote Schlange und äugelte unter dem Regen nach ihr hin: »Mußt es ihm sagen – sagen, eh' sie es alle wissen – wissen! – Zisch!« »Was ist dir, Lining?« erkundigte sich die alte Dame.

»Mir? nichts – Es ist nur die Schwüle.«

»Ja, ja, wenn das Wetter nur erst vorüber wäre.«


Aber das Wetter wollte nicht.

Es war, als ob es wüßte, daß es heute etwas Entscheidendes zu erfüllen gäbe.

Die Wetterhexe in ihrem Wolkenrock, mit Regenruten in der knochigen Faust, lief über den Bodden und peitschte auf die kleinen Hafenwellen ein, die herausgekommen waren, um auf dem Plan mit weißen Kränzen im Haar Ringelkranz – Rosentanz zu spielen.

»Töwt ji Marjellen, willt ji woll to Hus

Da stürzten die Kleinen schreiend nach Hause, aber am Hafeneingang da stand der Donner-Alte, der schrie, daß es fürchterlich über das Land hallte: »Hier vörbie – hier vörbie, ick fret juch up

Da gab's kein Halten mehr.

Schreiend, heulend, halb ohnmächtig vor Angst, drängten und stießen sich die kleinen Wellen vorbei, ballten sich zusammen, traten sich gegenseitig unter die Füße, rissen ihre weißen Kleidchen in Fetzen und kreischten in Todesfurcht: »Mudding, Mudding, to Hülp

»Töwt, ick ward juch helpen,« dröhnte der Alte, und schleuderte mit voller Wucht einen Blitz gegen die Brücke, unter der sich die Kleinen gerade verbargen.

»To Hülp – to Hülp

»Krach,« ächzte das morsche Holz und stürzte bis auf ein paar Balken kopfüber in den gischtigen Strom.

Die Wetterhexe kreischte laut auf vor Vergnügen.

»Dat's recht – dat's recht.«

»Kiek,« sagte der Donner-Alte, »wat ick oll Mann noch bi Kräften bünn– aberst nu kumm, Ollsching, nu willen wie mal 'n recht schönen Schottischen danzen.«»Kuck,« sagte der Donner-Alte, wie gut ich alter Mann noch bei Kräften bin. Aber nun komm, Alte, nun wollen wir einmal einen recht schönen Schottischen tanzen.«

Und damit hopsten die beiden Alten wieder auf dem Bodden herum.


Am Bollwerk standen die Moorluker und redeten darüber, daß es nach dem Einsturz der alten Brücke keine Verbindung mehr zwischen Moorluke und dem gegenüberliegenden Dorfe gäbe.

In Strömen prasselte der Regen dabei hernieder, und über Fluß und Land leuchtete es an diesem Nachmittag blau und schwefelgelb.

»Dat's slimm,« meinte der wassersüchtige Lotse Pagels mit dem verschnürten Bein.

»Wieso?« fragte Siebenbrod und stellte in seinem Kopf bereits eine Rechnung an. »Da kann jetzt einer mit einer Fähre ein schönes Geschäft machen.«

»Schön – schön, das kommt alles davon her,« fuhr der spindeldürre, lange Lehrer Toll dazwischen, »daß das olle Ding nicht versichert war, denn bei Versicherten schlägt's nie ein. – Noch kein Fall dagewesen, Herrschaften. – Na, also.«

Aber ehe diese Anspielung noch recht verstanden wurde, quiekten plötzlich durch den aufklatschenden Regen und das Heulen des Windes Harmonikamelodien hindurch. Es war, wie wenn die Weise aus dem Fluß dränge.

Was war das?

Alles schwieg.

»Herr Gott, Kinder, es wird doch nicht etwa Malljohann sein?« fragte oll Kusemann. »Sein Schiff liegt hier.«

Und durch den Haufen drängte sich ein großes, starkknochiges Weib. – Frau Dörthe Petersen, der weibliche Kapitän.

»Herrgott, was wollt's nich – was wollt's nich,« jammerte sie und rang die Hände. »Bei Gewitter schleicht er sich immer auf die Brücke und sagt, er müsse gegen den Donner aufspielen. – Was kann da einer für?«

»Malljohann – Malljohann!« riefen drei, vier Stimmen, um ihn anzulocken.

»Der Mann hatt' doch nu mal solche Gedanken in seinen Kopf,« klagte das Weib weiter und beugte sich über das Bollwerk verzweifelt gegen die zerrissene Brücke vor: »Huch,« kreischte sie plötzlich, »kiekt – oh, kiekt da – da sitzt was, wie sein Gespenst – o Gott, o Gott, wie ich mich fürcht'.«

Alle drängten sich um sie, alle starrten mit den seegeübten Augen durch Dünste, Gewitterwolken und den Regen hindurch, der wie ein graues Fischernetz alles umwob.

Richtig, da – mitten im Fluß – auf den drei einzelnen, stehengebliebenen Balken, da regte sich etwas Braunes – und jetzt, wo der Donner wieder über die vernebelten Wiesen knatterte, da unterschieden sie von neuem ein schwaches Getön.

»O je – o je,« heulte Frau Dörthe, »hört bloß – hört bloß, jetzt spielt er: Wer nur den lieben Gott läßt walten – Und wie spielt er.«

Nun drängte und schrie alles durcheinander.

Man müsse Bretter bis zu den Balken legen. Aber die würden nicht anhaften. Vielleicht einen Strick hinüberwerfen, allein der Verrückte rührte sich ja gar nicht. Oder ob man es trotz des weißen Strudels mit einem Boot versuchte? –

»Ich würd's tun,« erbot sich oll Kusemann. »Ich hab' all vier Menschen gerettet.«

»Ja woll, oll Kusemann – oll Kusemann,« stimmte alles zu.

»Aberst ich hab' heut grad meinen lahmen Tag,« kam der Lotse hinterher.

»Den wird er wunderbar erhalten,« quiekte die Harmonika durch den Regen.

»Hört bloß – hört bloß,« heulte wieder die Frau.

»Hanning?« rief der Lügenlotse durch den Lärm, »wo is Hann Klüth?«

»Hier – was soll er? – da steht er neben der Frau,« antworteten einige.

Oll Kufemann legte dem Burschen, der tiefsinnig auf das zertrümmerte Brückenwerk hinübersah, salbungsvoll die Hand auf die Schulter.

»Hanning, der Mensch soll für seine Mitmenschen was tun. Nich so?«

Aber der lange Lehrer Toll, der für seinen künftigen Eidam fürchtete, drängte sich aufgeregt und gestikulierend dazwischen; »Schön, Herrschaften, aber das ist ja der reine Unsinn. Es ist doch man einer, der seinen Verstand nicht voll hat.«

»Seinen Verstand nich? Wieso?« sprach Hann Klüth, indem er immer noch nachdenklich zu Boden sah. »Ich frag man, hat er sich nich auf den einzigen Balken gesetzt, der noch steht? Und spielt er nich mitten in den Tod ein geistliches Lied? Wenn er das mit einem kranken Verstand tut, was würd' er erst mit einem gesunden tun? Ne, ich hab' mich all ümmer gedacht, wir verstehen ihn bloß nich. – Um den wär's schad'.«

Mit einer schnellen Bewegung ließ er sich über das Bollwerk gleiten, in ein Boot hinab, das bereits halb voll Regenwasser stand. Ihm nach kletterte noch eine zweite herkulische Gestalt, der taubstumme Riese Muchow, dem die Sache großen Spaß zu bereiten schien: »Hü – hü,« schrie er erregt und zeigte auf das Pfahlwerk.

Und kaum war das Boot losgebunden, so ward es von der Wucht des Stromes in einer Sekunde gegen den aufragenden Balken geworfen, so daß alle Rippen krachten. Im nächsten Augenblick jedoch umklammerte Hann bereits den Pfahl, zog den Musikanten, der gleichgültig alle Vorbereitungen mitangesehen, an den Beinen in das Fahrzeug und stieß darauf mit so gewaltiger Kraft von dem Balken wieder ab, daß der Nachen knirschend auf den Ufersand schoß.

»Hurra!« schrien die Moorluker entzückt.

Der Taubstumme umklammerte den Harmonikaspieler, hob ihn in die Höhe und warf seine Ladung gleichmütig wie einen Sack ans Land.

Dann sprang er selbst unter allen Anzeichen der Freude heraus. »Hü – hü,« gurgelte er, »Eierkauken.«

»Hurra,« schrien die Moorluker von neuem. »Nun Hann noch.«

Aber was war das? Ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens.

Eine einzige, wütende Woge war es, die das erleichterte Schifflein hoch in die Höhe hob, um es dann mit der Breitseite krachend gegen das Ufer zu schleudern. Hann flog kopfüber hinaus, hieb mit der Stirn gegen den Zacken eines eisernen Ankers, und in seinem letzten Augenblick war es ihm, als ob die Sonne glühend und blutrot vor ihm unterginge.

»Line,« stöhnte er.

»Hann – Hanning – Hann Klüth.«

»Das kommt davon,« sagte Siebenbrod, »der Bengel is immer solch ein Dämlack gewesen. Nu muß ich auch noch die Doktorkosten bezahlen.«


Es war gegen Abend.

In seiner Bodenkammer hatten sie ihn auf den engen Wandschrägen gebettet.

Zwei Frauen saßen bei ihm.

Mudding, die von Siebenbrod mit ihrem Stuhl hinaufgetragen war, und die nun hilflos zusehen mußte, wie Klara Toll neben dem Hingestreckten saß, um ihm unausgesetzt kühlende Umschläge auf den Kopf zu legen.

Sie konnte so gar nichts helfen, das arme, alte Mudding mit ihren geschwollenen Füßen, aber stets wenn das schweigsame Mädchen dort in die Schüssel langte, dann streichelte die Alte langsam über ihre nasse Hand und murmelte: »Lieb's Döchting.«

Es war beängstigend still in dem schmalen, dämmrigen Raum. Nur zuweilen hörte man das Plätschern des Wassers und Klaras tiefe, zurückgepreßte Atemzüge.

Das Fenster stand offen.

Draußen hatte das Gewitter ausgetobt, ein ganz feiner rieselnder Regen fiel noch, aber hinten über den dampfenden Wiesen sah man die Sonne glühendrot hinter blaugrauen Schleiern untergehen. Ein leichter Wind schüttelte die nassen Pappeln vor dem Häuschen, und von überall her erhoben sich die erquickenden See- und Heudüfte.

So mochte wohl eine Stunde vergangen sein.

Hann lag mit starren, offenen Augen, ohne sich zu bewegen, er rührte sich auch nicht, als Klara Toll sich leise über ihn beugte, um ohne Furcht und Scheu vor der alten Frau ihren Mund auf seine Stirn zu pressen.

»Lieb's Döchting,« murmelte die Alte wieder und langte nach der Hand des Mädchens. »Lieb's Döchting.«

Klara Toll wandte sich und sah Hanns Mutter an. Dann streichelte sie behutsam über das schlichte Haar der Matrone. Die Alte schlang ihren zitternden Arm um die Hüfte der vor ihr Stehenden und drückte sie an sich.

»Du bist die Rechte,« sagte sie dann nach einiger Zeit.

Dunkler und dunkler war es inzwischen geworden. In einem weiten Dunstkreis erschien der Mond am Himmel und leuchtete verschwommen durch die nassen Pappelzweige.

Aus dem Garten rief stark und kräftig eine Schwarzdrossel.

»Mudding?« flüsterte Klara.

»Was?«

»Sieh.«

Hann hatte sich aufgerichtet, sah auf die flirrenden Mondlichter, die auf der Wand tanzten, und langte dann nach den beiden dunklen Gestalten.

Hoffnungsvoll gab ihm Klara die Hand.

Erstaunt und lange musterte der Kranke das Mädchen. Dann begann er: »Bist du nun da, Lining?«

»Hann,« rief Mudding erschreckt.

»Still,« verwies Klara, setzte sich zu dem Kranken auf den Bettrand und strich ihm die nassen Haare von der Stirn. Die Berührung schien dem Kranken wohl zu tun. Wenigstens hielt er die Finger des Mädchens fest umspannt.

»So,« äußerte er endlich nach einiger Zeit, »so ist's gut.«

Dann wurde er wieder unruhig.

»Lining,« hob er von neuem, an, »ich krieg das nich aus'm Kopf, ich muß immerzu daran denken. Immerzu. Das mit Bruno, Lining« – seine Stimme nahm einen flehenden Klang an: »Es ist doch allens recht und in Ordnung mit ihm? – Ich kann gar nicht mehr schlafen – denk', ich geh Klara Toll immer aus'm Weg – oll Kusemann weiß es auch all – – Ach Lining, wenn du doch immer hier im Haus geblieben wärst.«

»Klara,« rief Mudding erschrocken und beschämt, »er is nich bei Verstand.«

»Ja, er fiebert,« sprach das Mädchen, ohne sich zu rühren und ohne aufzuhören, die Finger auf des Leidenden Stirn zu legen.

»Und wie du getanzt hast, Lining – weißt noch?

Und die Molle voll Goldstücke aus der untergesunkenen Stadt – Und im Gefängnis, da hab' ich auch immer an dich gedacht – ich krieg dich nicht aus'm Kopf. – Aber die Angst – die Angst –«

Die kleine Frau wand sich in der Dunkelheit in ihrem Stuhle hin und her und rief endlich nach Licht. Man solle Licht anstecken. Es müßte hell werden.

Klara folgte. Nach kurzer Zeit brannte auf dem Stuhl neben dem Lager ein Talglicht. Dessen Flämmchen zuckte vor der einströmenden Luft hin und her. – Wie die Seele des Kranken.

Er sah sich in der unsicheren Helle ungewiß um.

»Klara,« murmelte er endlich.

»Ja, Hann – kennst du mich?«

»Ja, ja – was wollt ich nicht? – Aber – aber war noch jemand hier?«

»Nur Mudding.«

»Mudding – ich dacht' man,« flüsterte Hann und sank zurück, und noch einmal kam es ganz leise: »Ich dacht' man – –«

Dann ward es still.


Es war beinah gegen Mitternacht, da saß auf der Bank vor dem Lehrerhaus, vor dem die blühenden Fliederbäume ihre Düfte in die Nacht hauchten, ein Mädchen und hatte das Haupt in beiden Händen verborgen, als sollte es noch dunkler um sie werden, und dachte nach und sann und sann.

Von fernher strich ein Windzug über das einsame Meer, der stieß an die Kirchturmglocke.

Es war, als ob die Nacht über ihre Verlassenheit seufzte. Und das Mädchen stand auf und tastete umher, wie wenn sie etwas suche, was sie nicht finden könnte, und schüttelte den Kopf und sann und sann.

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