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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
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XIV

Es war dieselbe Gedankenreihe, an der Bruno an diesem Pfingstmorgen herumrechnete, nur erregter, mit glühenden Wangen und kühneren Plänen, während er in einem der heute leeren Bureaus des Konsuls saß, um die eingegangenen Briefe zu revidieren.

Solch ein weites, verlassenes Zimmer hat für den Einsamen stets etwas Fremdes, Ablenkendes, und bei dem jungen Prokuristen bedurfte es nicht einmal solch starken Anlasses, um seine Phantasie zu verlocken.

Da hatte er eben den Bericht eines amerikanischen Agenten des Hauses gelesen, eines Mannes, der nicht viel älter war, als er selber, der ebenfalls aus Hollanders Geschäft hervorgegangen, später in Neuyork reich geheiratet und jetzt auf seine Weise dort drüben selbständig arbeitete. Aber welch enorme Summen dieser Amerikaner nun für sich selbst berechnen konnte. Dem Prokuristen wirbelten die Zahlen wirr durch den Kopf, mit glänzenden Augen starrte er ins Weite, um plötzlich laut aufzuseufzen.

Er erschrak, als er das Echo in dem verlassenen Raume hörte, aber seine Gedanken drangen vorwärts.

Und er?

Der Konsul hatte ihm, trotz seiner Rangerhöhung nicht viel zugelegt, und mit der Summe, über die er verfügte – nein, nein, er mußte sich die Wahrheit, vor der er immer floh, in dieser einsamen Stunde eingestehen, – er kam nicht aus, seine Ausgaben überschritten bereits seine Einkünfte. Das Bild des Lebens, das ihm vorschwebte, stimmte sicher nicht mit der Wirklichkeit überein. Wenn der Konsul das geahnt hätte!

Oder wenn er den Grund je erfahren würde, diesen wahnsinnigen, tollen Grund, der seinen Vertrauensmann zu knabenhaften Streichen hinriß. Aber waren es denn nur Streiche, solche, die man verübt und wieder vergißt?

Bruno sprang auf, stellte sich ans Fenster, sah auf die Vorübergehenden und versuchte, eine Coupletmelodie vor sich hinzuträllern, allein das Bild, das ihm vor die Seele getreten war, dieses schwarzbraune Hexenbild, das ihn mit dunklen, spöttischen Augen und kirschroten Lippen maß, es ließ sich nicht so leicht wieder verscheuchen.

Sein Herz begann heftig zu hämmern, gerade so wild, wie stets, wenn er ihr gegenübertrat. Gerechter Gott, was wollte er denn von ihr? Er zuckte zusammen, wenn er daran dachte, es war ja wie Wahnsinn über ihn gekommen, ein einziger, schlimmer Wunsch beherrschte ihn, trieb ihn vor sich her und machte ihn elend.

»Solche Schlechtigkeit – solche Schlechtigkeit,« murmelte er vor sich hin und griff sich an die Schläfen. Oh, es war ja so namenloses Glück, daß ihm dieses Ding wie eine Schlange unter den Händen entwischte, daß sie klug war, und daß er niemals sein böses Ziel erreichen würde. Denn schlimm war es, er war ja trotz allem so fest, so felsenfest entschlossen, seine Zukunft nicht zu verspielen, vielmehr groß zu werden und immer größer, ein Industrieller, wie ihn diese nordische Provinz nur einmal in den glorreichen Gründerjahren gesehen. Und wenn erst einmal der goldne Boden da war, wer weiß, was ihm dann für blütenschwere Zauberbäume entsprießen könnten, vielleicht auch das Weib, jene schlanke, lockende Katze, deren Schnurren ihm die Gedanken erhitzte, deren bloßer Name ihn wie ein aufreizender Schlag durchfuhr, und für deren schwarze begehrliche Augen er all die heimlichen Aufwendungen gemacht, die seine Existenz jetzt schon ins Schwanken brachten.

Nein, nein, er mußte sich diese aufreibende Leidenschaft aus dem Kopf schlagen, die zu nichts führte, die nur namenloses Unglück heraufbeschwören konnte, und mit der plötzlichen Energie phantastischer Naturen setzte er sich rasch in dem Armstuhl vor seinen Schreibtisch zurecht und war fest entschlossen, die engen Treppen und die lackierte gute Stube von Fräulein Dewitz vor Monaten nicht wiederzusehen.

Wie kam er wohl am schnellsten aus den Verpflichtungen heraus, die er bereits bei einigen Juwelieren der Stadt eingegangen war, um Lines Freude an goldglänzendem Tand zu frönen?

Welch kindlich-gieriges Lächeln dabei über ihr Gesicht ging, wenn sie dergleichen erhielt!

Da schmeichelten seine Gedanken schon wieder um sie herum.

In heller Verzweiflung entfaltete er ein großes Handelsblatt und begann mit Hast die Kurse zu überfliegen. Spekulationen?

Er stutzte.

Wie mancher war nicht in wenigen Tagen an der Hamburger Börse ein steinreicher Mann geworden, manchmal skrupellose Burschen, die am Tage vorher noch keinen Heller besessen.

Wieder schlug ihm das Herz. Seine Einbildungskraft war gefangen. Aber leider – leider, der Weg war für ihn nicht gangbar. Erstens seine eigene Mittellosigkeit und dann das ehrbare Haus Hollander. Freilich, nur die Kühnen gewannen, und hatten nicht seine scharfsinnigen Schlüsse bereits die Hamburger Freunde, die seine Einfälle befolgt hatten, in Erstaunen gesetzt?

Aber nein, nein, die spießbürgerliche Ehrbarkeit des Hauses drückte auf ihn; von diesem Gedanken mußte er Abschied nehmen.

Während er sich hoffnungslos an den Zahlenreihen festsaugte, hörte er unten einen Wagen vorfahren. Drin saß Dina, die seit einigen Tagen um diese Zeit ihre Spazierfahrt unternahm.

Sie warf keinen Blick nach seinem Fenster.

Ja, ja, es war töricht, daß er diesen ganzen Winter über die stolze Erbin so vernachlässigt hatte, rein behext von seinem ungestillten Verlangen. – Aber das ließ sich nachholen. Wie gern hatte sich Dina mit ihm nicht über literarische Neuerscheinungen unterhalten? Ja, ja, er wollte sich Bücher besorgen, er wollte – –

Nebenan in dem Privatkontor des Konsuls tönten Schritte, der Einsame unterschied die Stimmen seines Chefs und diejenige von dessen Jugendfreund, des Steuerrats Knabe.

Das war doch seltsam. Heute, am Feiertage? Und welch fröhliche Unterhaltung die beiden dort drinnen zu führen schienen? Bruno hörte deutlich das grobkörnige Lachen Hollanders und das feine Kichern des alten Junggesellen. Dann wurde geklingelt, ein Diener erschien, ging, kam wieder, und der näherrückende Prokurist hörte jetzt, wie die Freunde drinnen wisperten, dann – ein Knall, wie er nur von einer entkorkten Champagnerflasche herrühren konnte; und nun entdeckte der Horcher, daß hinter dem Milchglase der Nebentür der dicke Kopf des Werftbesitzers sich abdunkelte, als wollte Hollander nach seinem Untergebenen ausspähen.

Was sollte das?

Eine heftig bohrende Unruhe befiel Bruno, er schalt sich töricht, aber ihm war es, als ob das Lachen dort drinnen und das Gläserklingen und das Wispern ganz allein ihm gelte, als ob es ihm direkt zum Hohn veranstaltet wäre.

Fahrende Röte stieg ihm ins Gesicht, halb mechanisch beugte er sich über seinen Schreibtisch und warf allerlei wirre Zahlen auf ein Blatt Papier.

»Klüthchen,« sagte der Konsul, der plötzlich mit seinem Champagnerkelche hinter ihm stand, »sind doch ein fleißiger Kerl, alle Achtung, – aber hier – nun nehmen Sie mal –« und damit reichte er ihm das volle Glas – »sind doch ein Liebhaber von so was – Röderer carte blanche – sagt Ihnen zu? was? So, nu passen Sie aber auf, ich frage Sie hier ausdrücklich vor unserm Herrn Steuerrat: Was halten Sie von Harder u. Co. in Hamburg?«

Bruno sah zu Boden und suchte seine Gedanken zu sammeln, aber er vermochte durchaus nicht zu begreifen, worauf der hinterhältige alte Mann lossteuerte. Er stammelte also nur etwas davon, daß dieses Haus gewiß eine der ersten Reederfirmen Deutschlands wäre und im Moment des Konsuls gefährlichster Konkurrent.

»Siehst du, Julius,« wandte sich Hollander sehr befriedigt zu seinem Jugendfreund zurück, während er seinem Prokuristen wohlwollend auf die Achsel klopfte, »Klüth und ich, wir sind immer derselben Ansicht.« Und plötzlich stürzte er ein Glas Champagner hinunter, puffte seinen Untergebenen kordial in die Seite und flüsterte ihm augenzwinkernd zu: »Halten's noch geheim, Klüth. Seit acht Tagen befindet sich der junge Harder bereits in unsrer Stadt, im deutschen Haus, verstehen Sie, und gestern abend hat sich meine Tochter Dina mit ihm verlobt. Na, was sagen Sie, Herzenskinding? Gut geschoben, wie?«

Und laut rief er zu dem Steuerrat hinein: »Nu kuck bloß unsern Klüth an. Is er nich ganz blaß geworden über diese Fusion? – Ja, ja, is ein großer Bewunderer von mir. Nu trinken Sie aber, Klüthchen, nu trinken Sie auch!«


Wie und wann er die Bureaus verlassen, dessen entsann er sich nicht mehr. Erst, als ihm laute Militärmusik entgegenschallte, entdeckte er zu seiner Verwunderung, daß er in seinem Hingrübeln auf den großen Markt gelangt wäre, wo um die Mittagsstunde die Bataillonskapelle konzertierte. Und um ihn herum – auf allen vier Seiten des Platzes, flanierten Scharen hellgekleideter, junger Mädchen, gefolgt von langen Zügen buntmütziger Korpsstudenten, Offizieren, junger Kaufleute; kurz, diese eine, flüchtige Sonntagsstunde war es, wo die ehrbare, alte Schwedenstadt eine leichtsinnige Laune zeigte. Aber dem hübschen, jungen Menschen, den mancher Mädchenblick streifte, schien der fröhliche Trompetenschall, schien all das bunte Fluten weh zu tun.

Immer wieder stach es ihm durch den Sinn, der noch nicht ganz freigeworden von dörflichem Aberglauben, daß irgend eine feindliche Macht ihn augenscheinlich am Emporstreben hindern wolle, daß er zu dem goldnen Glück nicht bestimmt wäre.

Was konnte das aber sein? Das durfte ja nicht wahr werden.

Dicht neben sich vernahm er unwillkürlich ein sonderbares Raunen und Wispern.

Als er aufmerksam wurde, bemerkte er, wie eine Gruppe junger Rotmützen wie bezaubert auf zwei vorübergehende Damen sahen, in denen Bruno sofort Fräulein Dewitz und Line erkannte.

Einen vorüberhuschenden Moment fühlte er, wie Lines Augen aufblitzten, dann hatte er sich, einer starken Eingebung folgend, zum nächsten Schaufenster abgewandt, und schattenhaft, nur in den blanken Scheiben abgespiegelt, wandelte nun ihre Gestalt im Bilde vorüber, auch da noch allerliebst in dem einfachen, roten Kattunkleid, das sie wieder ganz fremdartig unter all diesen Bürgermädchen erscheinen ließ.

Bruno blickte ihnen nach.

Da wandte sie nochmals den Kopf nach ihm. Sie schien ihn zu verspotten und die Achsel zu zucken.

War das sein Schicksal?

Lauter und lauter schmetterte die Musik ihren Walzer, und jetzt erst entdeckte Bruno, daß er gerade vor den Auslagen desjenigen Juweliers halt gemacht hatte, dem er schon so sehr verpflichtet war. Er wollte rasch weiter eilen, da sprach ihn der Besitzer, der dem Konzert von der offenen Ladentür aus folgte, höflich an und forderte ihn auf, näher zu treten.

»Ja –aber – –«

Er solle ja auch nichts kaufen, aber es wären da ein paar russische Muster fertig geworden, und da Herr Klüth sich ja so sehr für dergleichen interessiere – –

Den jungen Kaufmann beschlich die häßliche Empfindung, der Ladenbesitzer sei vielleicht bereits mißtrauisch geworden, und in dem Wahn aller schwankenden Existenzen, sein Ansehen zu erhalten, trat er mit möglichst gleichgültiger, sicherer Miene in den Laden.

Noch während ihm in seiner halben Betäubung allerlei goldene Schmucksachen durch die Hände glitten, beherrschte ihn der Entschluß, daß ihm all die funkelnden Spielereien nicht gefallen dürften, ja, daß jeder fernere Einkauf bereits einen halben Betrug bedeute.

»Was ist das?«

»Eine Fächerkette,« erklärte die Verkäuferin, »sie wird um die Hüfte geschlungen – so.«

Bruno lächelte: Wie auf Zauberschlag stand Line in seinem Geiste da, wie sie sich oft seltsam in den Hüften wiegte. Wie mochte erst dieses goldene Geriesel über ihre jungen Glieder fließen? Und wenn er ihr das nun selbst umlegen dürfte!? –

Plötzlich war's, als wenn ein Sturmwind alle Angst, alle Bedenklichkeiten über den Haufen gefegt hätte.

Er blickte sich um, mit klaren Augen, wie wenn er jetzt erst begriffe, wo er sei und was um ihn geschehe.

Lächerlich – ganz lächerlich; weil diese eine Brücke vor ihm zusammengebrochen war, die über den Strom leitete, hinter welchem seine Zukunft sich dehnte, deshalb die Betäubung, die Verzweiflung? –

Lächerlich, war er nicht der Mann, drei neue Brücken zu bauen? Ja, jetzt wollte er erst wagen, jetzt sollten sein Chef und die andern schon sehen; und nicht das geringste Vergnügen wollte er sich rauben lassen, auch Line nicht. – Man lebt nur einmal.

Mit einer Hast, als ob er stehlen wolle, steckte er das feine Etui zu sich, und besann sich erst auf der Straße, daß er tatsächlich vergessen habe, nach dem Preis zu fragen.

Ein andermal.

Ins Weinhaus!

Bis in den späten Nachmittag saß er nun im halbdunklen Gastzimmer bei Kroll, wo nur eine einzige Gasflamme auf die braunen Eichentische herableuchtete, blies den Rauch einer feinen Importe von sich und sah gespannt zu, wie mehrere Gutsbesitzer aus der Umgebung ein kleines Spielchen machten.

Einer von ihnen, ein hochgewachsener, blonder Hüne, den die andern Rittmeister titulierten, dieser war sein Mann. Auf dessen Karte setzte er heimlich, und als der Rittmeister nach einigen Verlusten endlich ein paar blaue Scheine in die Westentasche stecken konnte, da begannen die Augen des Prokuristen zu glänzen, und er atmete, tief und befreit auf.

Ah, natürlich – natürlich – die Ängstlichen erjagen's eben nicht.

Zwischen den Bildern der beiden Kaiser schlug die kleine Uhr sieben.

Wenn er nun noch zu Fräulein Dewitz hinaufwollte, so war es die höchste Zeit. Um acht – das wußte er – speiste die alte Dame, und mit Einladungen ging sie sparsam um.

Also eilen!

Das ganze war ja doch nur ein Spaß, ein unschuldiger Zeitvertreib, und da Fräulein Dewitz ja stets anwesend blieb, eigentlich doch auch ein entsagungsvolles Vergnügen.

Also ohne Bedenken.

Nachdem er dem Kellner ein reichliches Trinkgeld geschenkt, wandte er sich in der Tür noch einmal zurück. Er sah, wie sein Rittmeister wiederum einen neuen Blauen zwischen den Fingern knitterte.

»Gottlob,« dachte er und schlug auf der Straße mit seinem dünnen Spazierstock sausend durch die Luft, als hätte er einen Feind niedergestreckt.

»Ich sagte es ja, das sind alles Bedenklichkeiten der kleinen Stadt.«


Die Klingel läutete.

Hinter den roten Gardinen der Glastüre zuckte es, der Besucher sah, wie Lines dunkles Köpfchen herauslugte.

Vorsichtig öffnete sie einen Spalt.

»Wer ist da?« fragte sie, denn bei der schlechten Treppenbeleuchtung vermochte sie nichts zu erkennen. Sonst war sie nicht so zaghaft.

»Ich,« antwortete Bruno.

»Ach, du bloß,« meinte sie, trat zurück und nahm eine kleine Küchenlampe von der Wand, um ihm zu leuchten, »komm.«

Als er dicht vor ihr stand in seinem modischen, dunklen Mantel und dem Zylinder auf dem Haupt, lachte sie hell auf.

Bruno stutzte.

In den lackierten Altjungferräumen der Handarbeitslehrerin, in denen Line sonst nur auf Zehen umherzuhuschen wagte, war solch heller Ton ungewohnt. Das mußte Fräulein Dewitz bald rügen. Und befremdet spähte Bruno in die halboffene gute Stube, ob die alte Dame noch nicht würdevoll herausschritte. Doch Line schien ihm den Gedanken von der Stirn zu lesen: »Nein,« sagte sie, »sie ist nicht da.«

»Nicht da?«

»Nein, beim Konsul eingeladen. Da sind nur die Nächsten. Zur Verlobung.«

Bruno erschrak. Das Blut stieg ihm ins Gesicht.

Er schämte sich, als ob das Wort absichtlich gegen ihn gerichtet wäre.

Unterdessen war ihm Line in die Stube vorangetreten. Auf dem Tische brannte eine hohe Porzellanstehlampe, in deren Glanz Fußboden, Spiegel und die lackierten Stühle förmlich widerstrahlten.

»Komm,« forderte Line den Zögernden auf. Er zauderte noch und fragte, ob er trotz der Abwesenheit des alten Fräuleins wirklich nähertreten dürfe, aber Line warf ihm nur einen verwunderten Blick zu: »Natürlich –es ist doch hübsch, daß sie endlich mal weg ist – ach, dieses Beobachtetwerden.«

Dabei stand sie in ihrem roten Kleide vor dem Spiegel, wandte sich ein wenig hin und her und blickte sein Spiegelbild in dem Glase an.

Ihre Art war bereits wieder so sonderlich, daß Bruno mit geheimem Bangen fühlte, wie heiß ihm das Blut durch alle Adern zu rinnen begann. Rasch legte er den Überzieher ab; der war vielleicht daran schuld. »Recht,« nickte Line immer in den Spiegel hinein und lächelte seinem Bilde zu. »Jetzt sollst du auch bald mit mir zusammen essen.«

»Mit dir? –« er wagte weder sich zu setzen, noch sie weiter in dem matt schimmernden Glase zu betrachten, »wird nicht Fräulein Dewitz – –?« warf er ein.

»Die erfährt natürlich nichts davon. Das wäre noch schöner. Ich wasche nachher die Teller wieder ab und stelle alles hin. Überhaupt, es ist so hübsch, solch eine Heimlichkeit zu haben. – Nicht?«

Damit sah sie ihn von der Seite an, lächelte verschmitzt und huschte an die Glasservante, unter der sie, wie aus einem Versteck, ein Buch hervorholte. Dann hielt sie es ihm verstohlen hin: »Da sieh – da stehen auch lauter solche Geschichten drin. Andre Leute sind eben klüger.«

Als Bruno in dem Hefte blätterte, da war es eine Übersetzung Maupassantscher Novellen.

»Dergleichen liest du?« fragte er an sich haltend.

»Warum nicht?«

»Und Fräulein Dewitz erlaubt dir das?«

Line zupfte an ihrem Kleide und strich es an den Hüften glatt: »Die,« sagte sie mit einer wegwerfenden Bewegung, »was wird die groß lesen? Lauter Forschungsreisen. Aber wenn ich für sie tauschen geh', dann bring' ich mir heimlich immer so was mit und versteck' es hier. Das Buch kostet nur zehn Pfennige, und ich hab' ja Geld. Du weißt ja auch, woher. – Ach, es ist so schön, soviel Geld zu haben.«

Und sie preßte die Fäuste zusammen und straffte die Arme aus, und Brunos starrer Blick verfing sich wieder in der Bewegung, wie ihre junge Brust stieg und fiel.

»Gehen – gehen!« flog es ihm durch den Kopf, und seine Hand strich über den Überzieher, der neben ihm auf der Lehne des Sofas lag.

Line wandte sich zu ihm hin und pochte auf den Tisch.

»Du bist so still,« wunderte sie sich.

Er schwieg und verfolgte, wie sie mit dem Finger über die Platte strich.

»Was ist dir denn? – Sag doch was! – Ach so – ich weiß schon, wegen Dina.«

Sie trat wieder mitten in das Zimmer zurück, spreizte die Finger aus, als ob sie kratzen wolle, und aus ihren dunklen Augen blitzte es auf, wie Siegesfeuer. Ihre ganze Gestalt schien einen wilden Triumph zu feiern.

»Ja,« sagte sie und lächelte ihren Besuch trotzig an, »die hat es nicht dumm gemacht.«

Er hob den Kopf, als wollte er fragen, was sie damit meine, aber über die fest zusammengepreßten Lippen wollte kein Wort dringen. Immer mehr fühlte er, daß wieder jener Betäubungszustand über ihn käme, in welchem er jede Gewalt über sich verlor.

»Gehen – gehen,« klang's von neuem in ihm auf. Line stand wieder vor dem Spiegel: »Kennst du ihn?« forschte sie nun, ihn halb über die Achsel messend.

»Ich?–wen?«

»Den Bräutigam.«

»Ja.«

»Reich?«

»Ein Millionär.«

»Ah« – hier führte sie die flachen Hände vor die Augen, als könnte sie sich so besser, wohliger in die Pracht der Bilder versenken, die vor ihrem Geiste vorüberhuschten.

»Hat er auch eine Equipage?« fragte sie rasch, ohne sich zu regen.

»Ja.«

»Und – und Bediente?«

»Gewiß.«

»Und – sag' mir – auch ein Schloß?«

»Allerdings – eine Villa in Uhlenhorst, dicht neben der Alster.« Sie stockte; dann klang es beinahe, als ob sie leise stöhne: »Daß das alles für solch dumme Gans sein soll!« – drang es über ihre Lippen. Und wild sich zu ihm wendend, fügte sie hinzu: »Führt von dem Haus auch eine Marmortreppe ins Wasser? – Lach' nicht, ich will es wissen.«

»Ich lache nicht,« herrschte er auffahrend, denn er ärgerte sich über ihre Gier nach jenem Reichtum, den er ihr nicht bieten konnte. »Aber wozu soll das?«

Verlangend blickten ihre schwarzen Augen auf das matte Glas der Lampenglocke; und halb willenlos sprach sie vor sich hin: »Wenn sie da so des Nachts hinuntersteigt, ah – –«

»Line,« flüsterte er und stand langsam auf.

Das Geräusch ließ sie emporfahren, verwundert, als müsse sie sich auf ihn besinnen, sah sie ihn an, und vor diesem fremden Blick entschwand ihm wieder aller Mut.

»Was willst du?« fragte sie abweisend.

»Ich?«

In seiner Verwirrung fand er nichts Gleichgültiges, das er anführen konnte.

»Du möchtest wohl auch all das haben,« brachte er endlich mit Mühe hervor. »Die Equipage und die Diener und das Schloß und – und das alles? – Wie?«

Da brach aus ihren schwarzen Augen ein beinah feindlicher Strahl, als sie den Kopf in den Nacken warf und trotzig erwiderte, man könne ja nicht wissen, vielleicht bekäme sie das alles einmal. Es wären ja im Maupassant ebenfalls Mädchen geschildert, die nichts als ihre Schönheit besessen, und schließlich wären sie doch in eigenen Equipagen gefahren. »Du, nicht so, das ist doch möglich?«

Sie drehte sich ein wenig vor dem Spiegel und legte erwartend den Finger an die Lippen.

Ach, es war ja diese Abenteuerlust, die so stark in ihm widerhallte, dieses Vagantenblut, das in beiden jungen Menschen summte, das war es, was sie nicht auseinanderkommen ließ.

Ihre Gier, ihre Sucht nach Gold und Wohlleben hatten ihn im Moment angesteckt, mit einem raschen Schritt trat er auf sie zu und preßte ihre Hand: »Du hast recht, Line, wenn man nur Mut hat, nur Mut, dann erreicht man das alles – alles.«

»Ja, ja, nicht wahr?« sagte sie erfreut und blickte ihn beinahe zärtlich an.

Beide schwiegen nun eine Weile, beide spähten sich forschend in die Augen, als warteten sie, der andre solle zuerst das Wort sprechen, das diesen drückenden Bann zu lösen vermöge.

Doch die Furcht war stärker, als der glimmende Brand. Langsam, mit einer feinen Falte des Unmuts zwischen den Brauen, wandte sich Line endlich ab, zuckte ein paarmal die Achseln nach ihm, schnippte mit den Fingern, summte etwas und lief endlich in die Küche.

Der Zurückgebliebene fand sich allein.

Als er sich umblickte, da drängte alles lähmend auf ihn ein.

Diese spießbürgerliche Sauberkeit der Stube, das Bild der Handarbeitslehrerin, das verblaßt über dem Sofa hing, und plötzlich fühlte er in seiner Tasche das Etui mit der goldenen Kette. Eine überwältigende Scham befiel ihn, er mußte ganz unvermittelt an seinen Bruder Paul denken, wie der gewiß jetzt in seiner kahlen Stube säße, um zu studieren, und wie er sich heimlich um ihn und das Mädchen sorgen mochte.

Wenn der wüßte!?

Wenn der wüßte, wie der Jüngere auf die törichten Wünsche dieses unreifen Geschöpfes eingegangen, wie er ihr die Kommode mit allerlei Schmucksachen gefüllt, wie er jetzt wieder eine neue bereit hielte, über die er nachsann, wie er sie ihr in der einsamen Stube umlegen wolle.

Nein, nein – bei Gott.

Der Schweiß brach ihm aus.

»Gehen – gehen.«

Draußen in der Küche tönte Tellerklappern.

Mit einem schnellen Griff wollte er seinen Überzieher aufraffen, da hörte er ihren leichten Tritt, und ehe er noch das Kleidungsstück in den Alkoven, aus dem, halb im Schatten liegend, die weiß eingedeckten Betten schimmerten, werfen konnte, stand sie vor ihm.

»Was tust du da mit dem Mantel?« fragte sie scharf.

Verlegen zuckte er die Achseln und starrte Line ungewiß an, wie sie, ein Präsentierbrett mit allerlei Tellern haltend, hinter ihm stand.

Und doch nahm er wahr, wie scharf sich das schwarze Seidenschürzchen, das sie wohl inzwischen umgelegt, von dem roten Kleide abhob.

Dann raffte er sich auf und erzwang ein Lächeln, die Leichtigkeit seiner Lebensauffassung kam plötzlich über ihn, er wollte ihr beim Decken helfen.

»Nein,« lehnte sie herb ab und schob ihn mit dem Ellbogen zurück. »Erst das.«

Und nachdem sie ihr Geschirr abgesetzt, schritt sie rasch zum Alkoven und warf heftig die Tür zu. Der Schlag dröhnte durch die Wohnung.

»Was tust du?« schrak er zusammen. »Man hört es im ganzen Hause.«

»Laß,« gab sie hochmütig zurück, »wir brauchen uns ja nicht zu fürchten.«

Wieder mußte er die Augen niederschlagen und verbarg seine Verlegenheit, indem er mit einem Scherz die Teller zurecht rückte. Aber die Lust Lines an dieser heimlichen Gasterei verscheuchte ihre schlechte Laune bald wieder und machte sie ganz glücklich.

»Oh, es ist doch zu reizend,« rief sie einmal über das andere, »wenn man so was Eigenes hat, so was Heimliches – und das« – sie streichelte plötzlich katzenhaft zärtlich seine Hand, »hab' ich von dir. Sieh eins.«

Mit einem Sprung war sie an ihrer Kommode, kniete nieder, warf allerlei Wäschestücke um sich herum, und dann kamen sie zum Vorschein, all die verborgenen Kostbarkeiten.

»Line,« rief er mit aufsteigender Scham, denn der Anblick dieser Geschenke war ihm unangenehm, »wollen wir uns jetzt nicht setzen? – Es ist halb neun, und ich bleibe nur noch ganz kurze Zeit.«

Aber sie war zu sehr in ihrem Element. Nein, erst wollte sie sich ihm zu Ehren mit all seinen Geschenken schmücken. »Kuck eins, diese Opalohrringe« – sie rutschte auf Knien zu ihm hin, »die mußt du mir zuknipsen – so – und hier das Armband, und das Herz mit dem Brillanten, schade, dazu muß man ausgeschnitten gehen.«

Alles hatte sie angelegt, schüttelte die Arme, bog den Hals und setzte sich dann rasch neben ihn auf dem Sofa nieder. In geschäftiger Eile begann sie ihm danach die Brötchen zu streichen, immer bemüht, die Finger so zu drehen, daß die Ringe im Lampenlicht funkeln könnten.

»Gefällt's dir so?« fragte sie mit einem raschen Seitenblick.

Er sah sie bewundernd an.

Immer mehr verlor er die klare Beherrschung der Stunde.

Nun tranken sie von dem heißen Tee und ergingen sich dann in ihrer beiderseitigen Lieblingsbeschäftigung, über die Zukunft zu phantasieren.

Hier war er ihr überlegen, war er ihr Meister. Andächtig saß sie neben ihm, die Hände gefaltet, den Mund vor Bewunderung leicht geöffnet, und das Hervorblitzen der weißen Zähne riß ihn zu immer bunteren Träumen hin. Da sah sie all ihre Erwartungen sich formen; die Equipage wurde, und die Diener und das Schloß, und alles war seinem Willen untertänig – und bald wohl auch ihrem –bald wohl auch – – –

Plötzlich schrie sie auf. Er sprach nicht mehr von dem Schloß, wirre Worte fielen: »Du bist das Schönste– du bist das Schönste.«

Im ersten Schreck lief sie bis in die Mitte der Stube, doch vor dem Spiegel erreichte er sie. Sie kehrte ihm den Rücken, als grolle sie ihm, aber er sah, wie ihre Augen ihn in dem Glase halb erwartungsvoll, halb flehend beobachteten.

Da fiel ihm plötzlich wieder die Kette ein. Mit einem unterdrückten Ruf riß er das Schmuckstück hervor, und immerfort stammelnd: »Du bist das Schönste,« faltete er es blitzschnell auseinander, und mit hocherhobenen Armen führte er die goldene Schnur über ihr Haupt fort.

Mit großen erschrockenen Augen stand sie da. Das hatte er bis jetzt noch nie gewagt.

Unter seinen Händen begann sie zu zittern, als ob ein Fieber sie schüttelte.

Ein betäubender Sturmwind brauste über beiden.

Erwartend, still, ohne Bewegung, hatte sie geduldet, daß er wilde, besinnungslose Küsse auf ihren Nacken gepreßt, und es war, als ob sie die Schläge zähle, die dort die kleine Uhr an der Wand tickte.

Eins – zwei – drei – vier.

»Du bist das Schönste,« klang es vor ihr auf, verschüchtert vor ihrer Schönheit.

Aber dieser erste Menschenlaut schlug alles in Trümmer. Mit wilder Kraft schleuderte sie die Kette plötzlich von sich, daß sie zerrissen auf die Erde klirrte, und wie erschrak er, als er das schneebleiche Antlitz gewahrte, in dem nur die Lippen von blutvollem Leben redeten.

Ganz seltsam war es, wie sie jetzt langsam und voller Besinnung auf ihn zuschritt: »Hör',« sagte sie mit bebender Stimme, während ihre Augen in düsterer Glut seine Meinung zu durchdringen suchten, »ich bin nicht so eine, wie du vielleicht glaubst. Das mußt du nicht denken. Ich will es dir sagen, ich bin dir auch gut, schon seit langem, aber ich weiß, was ich will. Wenn du's nicht ganz ehrlich mit mir meinst, dann laß mich allein meiner Wege gehen. Ich komm' auch ohne dich in die Höhe – hörst du?«

Ihre Stimme nahm einen drohenden Klang an.

Die Uhr schlug wieder ihren Schlag.

Eins – zwei – drei – vier –

Und mit jedem Schlag wuchs die rechnende Besinnung in den beiden Menschen.

»Nun sag,« drängte sie schroff. Aber er stand wie gelähmt. Der Gedanke, der ihn sein ganzes Leben hindurch beherrscht hatte, daß er seine Zukunft im Auge behalten müsse, daß er alle Hilfsmittel wahrnehmen, eine reiche Frau heiraten, und weder links noch rechts abirren dürfe, der war plötzlich riesengroß in ihm aufgeschossen und hielt ihn fest. – Er wand sich, wie unter einem körperlichen Schmerz.

Doch sie besaß wohl wirklich die Hexenkraft, alles von seiner Stirn lesen zu können.

»Pfui!« schrie sie laut auf.

Wie einen blühenden Rotdorn, den der Sturm peitscht, so faßte der Zorn all die feinen Glieder in dem roten Gewande an. Der Betroffene sah sie sich förmlich zusammenkrümmen, dann riß sie ihr Kleid enger um sich zusammen, und vor Scham und Wut aufschluchzend stürzte sie auf den Alkoven zu.

Das war der Stoß, den der über den Abgrund Gebeugte noch erhalten mußte.

Als er diese prachtvollen wilden Bewegungen sah, diesen ganzen hinrasenden Zorn, da hatte die Hexe ihr Werk vollbracht. Wie es kam, wußte er später auch nicht mehr, er hielt sie mit seinen Armen umklammert, und mit hervorbrechender Angst flehte er, sie solle nicht weinen, alles, was sie nur wolle, würde er tun. Alles und jedes.

»Ja?« fragte sie unter ihren Tränen siegreich lächelnd und sich von ihm befreiend.

»Ja.«

»Dann gib mir den Ring, den du da trägst.«

Rasch steckte er den Reif an ihren Finger.

»Was noch?«

»Schwöre mir, daß du mich nie verlassen wirst.«

»Nein, niemals.«

»So nicht, bei unsrer Mutter. Draußen in Moorluke sollst du's tun.«

In schüttelnder Angst stammelte er ihre Worte nach.

Als der letzte Laut verklungen war, trat sie nochmals, wie prüfend, einen Schritt zurück, plötzlich aber stieß sie ein helles Jauchzen aus, und ihre Arme hoch über seinen Hals hebend warf sie sich stürmisch an seine Brust.


Das verblaßte Bild der Handarbeitslehrerin über dem Sofa errötete und schüttelte den Kopf, aber oll Chronos, der unten durch die einsame Straße fuhr, brummte hinauf: »Dummheiten, alte Schachtel, laß sie; es sind die Jahre.«

Ende des zweiten Buches

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