Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Engel >

Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
projectid61d1d230
Schließen

Navigation:

XIII

Rastlos knarrten die Räder.

Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren; und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren gebunden.

»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein; »kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache bleiben die Jahren.«

Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem Bureau erschien.

»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? – Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«

Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich an.

Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle, die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.

Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender, wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«

»Sieh – sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären, »sieh – sieh – ja, es stimmt – nein, dieser Herr Bruno ist wirklich – Gott, wie sag' ich – wie solch ein Kavalier aus dem ancien régime. Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken. Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: ›Der Himmel und Ferdinand reißen an meiner Seele‹ – sieh, da hast du mich wirklich direkt gerührt.«

Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen spielte ein vieldeutiges Lächeln.– –

Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb. – Der Kuß – dieser eine brennende Kuß – und sie lächelte hinterlistig – den sie geleugnet hatte, würde man sie daran erinnert haben, denn er war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line – und niemals Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. – Nur sachte, sachte, sie wußte schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine Fischertochter– und die andre, was war sie weiter als eine kalte, dummstolze Geldprinzessin –? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb im Besitz?

Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise – leise –still, daß ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war, verstohlen durch die Hand laufen ließ. Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich, glatt wie eine huschende Schlange.

Ja, ihr Hexenmittel würde schon wirken – bald – bald. – –


Auch in Moorluke wollte man trotz Frühlingsanfang in Liebesdingen sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung – man fuhr bereits wieder fleißig zum Fischfang – hatte Siebenbrod eines Sonntags vormittags, während er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam eintrante, in der Küche folgendes Gespräch mit seiner Frau, die ihr Gesangbuch auf dem Schoß liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Füße wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: »Mudding, weißt was? – Mit Hann stimmt was nich.«

Die kleine Frau ließ ihr Buch sinken.

»Wieso, Siebenbrod?«

»Es is was mit Liebe,« fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine große Portion Tran auf das Leder goß – »er singt«.

»Hann? – Was singt er denn?«

»Trauriges–solche Lieder, wie: Ich weiß nich, was soll es bedeuten! und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.«

»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?«

»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich. Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig geschickt hat; ganz umsonst – und daß ich der einzigste bin, den er noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. – Na, Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.«

»Du?«

Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel weiterbürstete.

»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da werd' ich eine von meine Dirns fein los! – Aber Essig! – Wenn er Hann nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir auch nich gelebt. Nich so?«

Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder drückte ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er, ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe, daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer eingesungen fanden.

Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.

Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit, weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm Leben.«

Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte.

Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen, lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.

Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos.

Aber dunkler nur und schützender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter.

Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern ganz zaghaft über die Haare des Mädchens zu streicheln.

In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog sich zu einem stillen Lächeln.

»Klara,« begann Hann während des Streichelns und wälzte sich etwas von der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfüllt hatte, »nun sag' ich endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is für dich nich gut.«

Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schüttelte sie langsam das Haupt.

»Nein, tu's nicht,« entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die Wange. »Noch nicht.«

»Aber warum nich?«

Wieder zögerte sie und strich ein paarmal über seine Hand.

»Weil – weil es noch nicht gut ist – nur noch eine kurze Zeit. Hörst du?«

Diese Weigerung, die Klara schon öfter vorgebracht, vermochte er nicht zu begreifen: »Ja, aber,« stammelte er, »willst du mir denn nie erklären, warum – –?«

Er unterbrach sich, denn das Mädchen hatte wiederum ihren Kopf an seine Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht weiterforschen sollte.

»Ich erklär's dir schon mal,« beschwichtigte sie ihn, »vielleicht bald – – vielleicht sehr bald.«

Das war ihm nun unfaßlich und nicht im entferntesten ahnte er, welch seiner Regung der Entschluß seiner Verlobten entsprang. Sie war überhaupt ein nachdenkliches Wesen.

Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben.

Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind führte Heideduft über das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende, tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf hervorlugen.

Den kannte er. Er hielt inne.

Sie saß ihm abgekehrt, plätscherte mit nackten Füßen in dem anspielenden Wasser, und während ihre Hände ruhig auf dem Schoß ruhten, summte sie, halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen:

»In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad;
Mein Liebchen ist verschwunden.
Das dort gewohnet hat.«

Die Binsen hinter ihr neigten sich und sangen in ihrer Weise mit.

»Merkwürdig,« dachte Hann. Dicht bei dieser Stelle hatte er auch oftmals mit Line gesessen; aber ein herabrollender Kiesel verriet ihn.

Die Sängerin erhob sich und schritt langsam auf ihn zu. Sie schien gar nicht daran zu denken, daß sie auf nackten Füßen ginge.

Beide streckten sich still die Hände entgegen.

Als sie sich so grüßten, erhob sich vom Kirchturm ein Klingen. Die Pfingstglocken begannen zu läuten. Und so feierlich zog es durch die sonnige Morgenluft und über die stille See, daß jedes Wort eine Störung gewesen wäre.

Das fühlten auch die beiden Naturkinder. Wortlos hielten sie sich an den Händen. Eine lange Zeit. Als aber die Glockentöne immer heller und klingender wurden, da geschah etwas Wunderbares.

Mit einer schweren Bewegung schlang Klara ihre Arme um den Hals des Burschen, er sah ihre roten Lippen immer näher den seinen, und dann fühlte er einen langen, langen Kuß.

Seltsam träumerisch war ihm zumute, so ganz anders als sonst. Das Glück, dem er so lange nachgesonnen, schien über ihm zu sein.

So merkte er erst geraume Zeit später, wie ernst das Mädchen ihn dabei anblickte. So tief, so – –

»Klara,« sagte er rasch, »du siehst mich so an?«

»Ja, Hann, ich möchte einmal was wissen.«

Er nickte.

»Hast du mit einem andern Mädchen auch schon so schön getan?«

Der Gefragte duckte sich und mußte auf die Stelle sehen, wo er schon einmal mit Line gelegen.

Er beugte nur kurz das Haupt.

»Line?«

Wieder nickte er plump.

Sie sah ihn noch immer an, dann hob sie sich auf den Zehen und bot ihm von neuem den Mund.

Das war alles so weich und sanft.

»Klara,« stammelte er wie beschämt.

»Nun muß ich in die Kirche,« verabschiedete sie sich, und sie nickte noch immer, während sie langsam von dannen schritt.

Er sah ihr nach.

Erst als die weißen, glänzenden Füße längst in dem Grase verschwunden waren, legte er sich an ihren verlassenen Platz, stützte nachdenklich den Kopf und horchte auf das Surren und Säuseln des Windes. Die Seeschwalben, die an ihm vorbeistrichen, zirpten laut; und er mußte unwillkürlich das Lied seiner Braut wieder aufnehmen: Wie war's doch?

»Hör' ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht' am liebsten sterben.
Da war's auf einmal still.«

»Hör' ich das Mühlrad gehen – – –«

Sonderbar. Er ließ den Kopf in beide Hände sinken.

»Was is woll das Glück?«

Und über ihm klangen die Pfingstglocken fort.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.