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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
projectid61d1d230
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XII

Es dämmerte sacht, als ein Unteroffizier in Hanns Zelle trat, um ihm mitzuteilen, daß sein Arrest abgelaufen sei. Hann wurde über den Hof geführt, der Posten am Tor wechselte mit seinem Begleiter ein paar heimliche Worte, dann ächzte das schwere Holz, und der Befreite befand sich auf der dunklen Straße. Ein tiefer Atemzug, dann faßte er sich an den Kopf. »Ja, ja, er hatte doch manches da drinnen erlebt. Was war noch das Letzte gewesen? – Ach richtig, die Frauensleut', und besonders Klara Toll; ja, ja die besonders.«

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter.

Als er sich überrascht umwandte, stand sein Bruder Paul vor ihm; und hinter jenem – ja, wer war denn das schlanke Mädchen mit dem Tuch über den Haaren und dem Körbchen am Arm? Das war doch nicht etwa? – Hann wollte das Herz klopfen, doch als die Gestalt näher trat, erkannte er, daß es die Schulmeisterstochter wäre.

Er senkte das Haupt.

Das waren also die beiden einzigen, die an seinem Schicksal Anteil genommen.

Der Kandidat sah ernst aus. Nichtsdestoweniger klopfte er Hann leicht auf den Rücken, während er davon anfing, daß der Gefangene es hinter den Mauern wohl nicht besonders gut gehabt hätte.

Es sollte ein Scherz sein, der dem Fischer über die Befangenheit forthelfen sollte, die der Theologe bei ihm voraussetzte; da Hann jedoch gutmütig lachend beistimmte, zog der Kandidat verletzt seine Hand zurück. So scherzhaft faßte er den Zwischenfall nicht auf: »Es ist für uns nicht besonders ehrenvoll,« sagte er, »daß die Sache mit dir so abgelaufen ist, aber, hm –« er sah seines Bruders unschuldiges, bekümmertes Antlitz und lenkte sofort wieder ein, »aber es ist eben jedem nicht so gegeben. Na, nun gib mir die Hand. Ich wollte mich nur davon überzeugen, daß du dir's nicht zu Herzen nimmst. Und nun adieu, Hann.«

Damit nickte er ihm mit seinem hageren Gesicht aufmunternd zu und verschwand um die nächste Ecke.

Hann befand sich mit dem Mädchen an der Kasernenmauer allein.

Drinnen übte auf seiner Kammer ein Hornist Signale: »Zum Ausschwärmen.«

Tarattata – tarattata.

Leise verschwommen klang es heraus, auf sie herab fielen wenige, müde Schneeflocken, die Luft war milder geworden, und es dunkelte stark.

Hann kratzte sich hinter dem Ohr: »Ja, ja, Klara,« begann er endlich, »daran hab' ich noch gar nicht gedacht, es is nich ehrenvoll für mich.«

Leichtfüßig trat sie ihm näher, ihre dunklen Augen standen voll Tränen. »Oh, Hann, laß das doch, bei uns draußen fragt da kein Mensch nach.«

»Das is wohl wahr. Das tun hier bloß die Gebildeten, Bruno und – Line.«

»Na, laß sie.«

Und nach einigem Nachsinnen fügte er hinzu: »Wollen wir fortgehen, Klara.«

Langsam ausschreitend ließen sie das Gemäuer hinter sich. Es sank in die Dunkelheit zurück, und damit wich auch etwas von der Bedrückung, die den Burschen gefangen hielt.

Die Schulmeisterstochter stieß ihn sanft mit dem Körbchen in die Seite. Sie hatte ihm mit Wurst belegte Semmeln mitgebracht, und ein kleines Fläschchen Kognak.

»Weil ich meinte, du müßtest sehr hungrig sein, Hann.«

»Oh, Klara, du bist doch gut.«

»Na, da nimm.«

Die Semmeln mundeten ausgezeichnet, und der Kognak machte ihn warm und mutig.

Langsam streichelte er während des Hinschreitens an ihrem Arm herunter: »Klara, du bist doch sehr gut,« wiederholte er.

Sie nickte ihm zu und sah zu Boden.

»Also, du machst dir nichts draus, daß sie mich eingespunnt haben?« fing er wieder an.

»Nicht das mindeste,« erwiderte sie, »besonders, seit ich von oll Kusemann weiß, daß du nun frei bist.«

»Ja, das bin ich,« bestätigte Hann und warf sich in die Brust. »Ein Fuß von mir is kürzer.«

» Und daß sie dich nicht nach Afrika schicken.«

»Bewahre, ich bleib' nun hier.«

»Ja, jetzt bleibst du,« sagte sie zufrieden.

Sie versuchten, sich anzublicken, doch sie konnten in der Dunkelheit nur wenig voneinander entdecken.

»Klara Toll!« murmelte er plötzlich.

Es war, wie wenn er sich an etwas erinnere.

»Was sagst du da?« forschte sie.

»O nichts – ich will hier bloß, eh' wir mit der Hafenbahn nach Haus fahren, was in Ordnung bringen. Gib mir deine Hand, Klara.«

»Hier, Hann.«

Sie standen vor dem kleinen, schmalen, trüb erleuchteten Schaufenster eines Goldarbeiters der Hafenstadt.

Der Philosoph besah sich die Hand angelegentlich und nickte dann mehrfach bekräftigend: »'s is recht – aber nun – –«

Er wühlte in seiner Tasche herum, schien nichts zu finden und wurde unsicher.

»Zu dumm, aber darauf war ich nich vorbereitet; aber sag mal, Klara, könntest du mir vielleicht ein paar Taler leihen?«

»Ja gern,« bejahte sie mit Hast, »hier ist ein Goldstück, das ich immer bei mir trag. Ist's auch genug?«

»Je, ich hab' keine Erfahrung in solche Sachen, aber der Mann wird ja nich unbescheiden sein. Und nun wart' hier eins einen Augenblick.«

Damit trat er unsicher in den Laden, und als er nach einiger Zeit wieder zurückkehrte, glühte Aufregung in seinem Gesicht, und Klara bemerkte, wie er eine kleine Schachtel zwischen den Fingern drehte.

»Du erhältst noch zwei Mark zurück,« stotterte er atemlos, »hier – und nun komm.«

»Ja, aber Hann, was – – –?«

»Ne, ne, nich hier; wenn wir allein sind.«

In Eile zog er sie fort; auch ihr begann das Herz zu hämmern, sie wußte nicht warum, bis sie an der offnen, vereisten Bahn des kleinen Flusses angelangt waren.

Ein kalter Wind wehte ihnen hier entgegen, aber Hann achtete nicht darauf, sondern drängte seine Gefährtin über die Geleise der Hafenbahn fort, hin nach der einzigen Pfahllaterne, die von einem hohen Rinnsteinbord aus eine kümmerliche, zuckende Helle verbreitete.

Hier mußte man warten.

»Die Hafenbahn ist noch nicht da,« sagte Klara Toll, der allmählich ängstlich zumute wurde.

»Ja, aber man hört sie schon läuten,« gab Hann verwirrt wieder, »– hörst sie?«

»Ja.«

»Nun is sie keine fünf Minuten mehr weit,« fuhr er fort.

Sie nickte.

Hann hielt sich an dem Laternenpfahl fest, seine Zähne klapperten gegeneinander, es war ihm, als ob er auf einem schaukelnden Boot stände. Mit einem Mal griff er nach Klaras Hand.

»Herr Gott,« schreckte sie auf, »was is?«

»Nichts – nichts – ich wollt' bloß sagen, jetzt sieht man schon die Lichter,« stammelte Hann.

»Ja, das sind sie.«

»Klara?«

»Ja?«

»Wer weiß, wie viel Menschen in dem Waggon sitzen? Und nachher – willst – willst dir nich mal ansehen, was hier in der Schachtel liegt?«

Er streckte ihr mit schwankender Hand die Hülle hin, und sie warf einen halben Blick darauf. In dem zuckenden Licht sprühte ihr ein rotgoldener Funke entgegen.

»Herr des Himmels:« rief sie und schlug die Hände zusammen.

Er klammerte sich fester an die Laterne und murmelte: »Ich würd' sehr froh sein, wenn du ihn von mir annähmst – und – und es is auch gleich Zeit zum Einsteigen.«

Jetzt griff auch das Mädchen nach dem Pfahl, und da standen sie nun, wie Kinder, die Ringelreihen spielen wollen.

»Hann,« flüsterte sie mit ihrer wohllautenden Stimme, »sag' die Wahrheit, hast du mich lieb?«

Der Bursche stockte, er setzte zweimal an, bevor er das Wort fand: »Ich bin dir sehr gut, sehr gut, Klara, weil, ja weil du selbst so gut und ruhig bist – Und du?«

»Ich?«–

Nun errötete sie und zupfte an ihrem Korb. »Ich hab' dich auch sehr lieb, weil du's so treu und ehrlich meinst, Hann.«

»Oh, – Klara, das is schön von dir – das – das hätt' ich wirklich nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will ich mir Mühe geben, so, und nun nimm auch den Ring – nein, nich umarmen, das is unpäßlich auf der Straße; und hier kommt auch schon der Zug.«

Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu ihr und sagte feierlich und ernst: »Nu küss' ich dich als dein Bräut'jam, Klara.«

Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor.

Beide schwiegen.

Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: »Und im ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.«

Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten, bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem philosophischen Gemüt sprach es nachdenklich heraus: »Es is mir doch heil komisch, daß du jetzt meine Braut bist, Klara.« »O Hann.«

Er fuhr auf.

»Ja – ja – willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hält auch unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich runter.«

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