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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XI

Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.

Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes. Hann fand, daß er noch niemals so ungestört hätte nachdenken können wie hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns unzeitige Späße.

Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Draußen auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder, damit nur alles hübsch still bliebe, und nichts ihn störe.

Ja, ja, für die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhübscher Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pünktlich dabei noch für einen gesorgt wurde.

Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues halbes Kommißbrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren Blick.

Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen, allein dafür blieb ihm schließlich die wollene Schlafdecke. Und er schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehüllt, auf der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte.

Langsam, langsam, wie Wanderer, die mühsam über ungepflasterte Landstraße dahertappen, kamen und gingen die Gedanken.

Was da allmählich für schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne.

Und Hann saß da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und während von unten wieder die Kommandorufe: »Das Gewehrrr über – Gewehrrr ab – das Gewehrrr über!« herauftönten, da merkte der Einsame gar nicht, wie er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden, nämlich das Hauptbuch des Lebens umblättern und addieren und subtrahieren und schließlich zu einem Resultate gelangen. Zu einem wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird.

Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar unumgängliche Posten dabei, nämlich Wahrheit und Bescheidenheit.

Aber der eingesperrte »Sozialdemokrat« Hann Klüth, der hatte das Glück, diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr begünstigte.

Und so vermochte er's.


Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch später noch vorgenommen und vorgeträumt hat.

Erst hat man sich's im Elternhaus so recht mollig sein lassen wollen, ja, prost Mahlzeit, da is Dietrich Siebenbrod dazwischen gestiegen – nachher hat man doch für sich selbst so'n bißchen was ins Trockne bringen mögen – aber, allens Dummheiten, wie kann ein abhängiger Bootsmann was aufs Trockene bringen? – Zuletzt hat dann das dumme Herz noch was abkriegen wollen, da hat es sich aber zu hoch verstiegen und muß zusehen, wie ein anderer die »sie« im Schlitten abküßt, wenn auch man im Schlaf. – Nee, das muß nun alles hinter einen liegen, einmal muß man doch Schluß machen und vernünftig werden, und jedes Ende hat auch was, so recht was Beruhigendes. Da kann einen nichts mehr irrig machen, denn das Ende is eben – das Ende.

Na ... aber was soll man dann hinterher?

J, Jünging, das is doch ganz einfach – der Mensch muß ebend nach seinem Glück aussehn.

Ja, aber – hum – was is denn nu eigentlich das Glück?

J, das muß doch rauszukriegen sein, was soll es denn groß vorstellen?

Kuck – ich hab's all, dagegen wird keiner was anreden: das Glück is ein großer Haufe Talerstücke.

Jawoll, das is sicher, wer auf so'n mächtigen Haufen sitzt, der sitzt auf einem verdeuwelt hohen Berg, von dem aus er über die ganze Welt fortgucken kann, wenn's ihm Spaß macht. Und wer weiß, ob der Berg, auf den der Deuwel einst unsern lieben Heiland geführt hat, nich auch so ein Haufe Geld war, denn wer das hat, das is doch klar, der hat das Glück einfach so in Wispelsäcke stehen und –

Halt, Jünging – stopp, nich so fix – alles kann man sich schließlich auch nich kaufen. Zum Beispiel die Gesundheit und dann einen anschlägigen Kopf und dann – Liebe. Nein, das is wahr. Die sackermentsche Liebe besonders nich. Wenn ich auch auf einem Wispelsack mit Talerstücken säß, so hoch wie Hollandern sein Speicher, Line würd mich deswegen doch nich lieber haben. – Und dann, was sagen woll die alten, weisen Sprichwörter dazu? »Reichtum macht nich glücklich.« – Kuck, da haben wir's ja. Ich werd' doch nich so dumm sein, gegen ein Sprichwort anlaufen zu wollen. Ne!

Aber, was nu weiter?

Das Glück muß also doch wo anders stecken. Na, wollen eins sehen. – – –

Da fällt mich so ein, wo kommt überhaupt der Reichtum her? Sieh, das is doch 'ne schnurrige Frag'. Der Reichtum is doch nich von Anfang an dagewesen, bei den sechs Tagewerken kommt er nich vor. Er muß also doch erst so allmählich in die Welt gekommen sein, als der liebe Gott die Menschens zur Arbeit verflucht hat, was ja eigentlich gar nich väterlich von ihm war

– – – Holl eins an – – – die Arbeit, stopp, Kinding, stopp, das is mir denn doch ganz einleuchtend, daß aus der Arbeit sich eigentlich erst all der Reichtum herschreibt. Und wenn Konsul Hollander so viel Säck' mit Talerstücken stehn hat, wie er hat, dann hat er eigentlich lauter Säcke mit Arbeit dastehen, mit unsre Arbeit, mit fremde Arbeit. Ja, überleg dich mal, darf denn das der Mensch? Darf einer, und wenn er dreist Konsul is, die Arbeit vom andern wegnehmen und auf seinen Speicher stellen? – Pfui, ich würd's nich tun. Ne, mit dem Reichtum bleib mir einer vom Leibe.

Aber nun vielleicht mit der Arbeit?

Vielleicht steckt's darin.

Denn, daß der liebe Gott mit ihr eine Strafe gegen das menschliche Geschlecht hat ausüben wollen, i, das mag ja auch woll bloß so ein Läuschen vorstellen; ich frag man, wozu hätt' der liebe Gott sonst am Anfang von alle Geschicht selbst so hart geschuftet, daß er ja eigentlich richtig als der erste Wochenarbeiter gelten kann. Ne, die Sache muß ihm doch höllischen Spaß gemacht haben, und deshalb wollte er den Menschens vielleicht auch von der Art Spaß was zukommen lassen.

Na, und is es nun nich möglich, daß in der Freud' an dem Spaß das Glück stecken tut?– –

Hier sah Hann, wie in der grauen Ecke das Spinngewebe erzitterte, und daß die Bewohnerin, einen langen Faden ziehend, hin und her lief. Er schüttelte das Haupt.

Ne, Hanning, was redst und redst du auch heute. Kuck doch erst eins hin. Was arbeitet da das Biest? Eine Bettstell' baut es sich und frißt's dann wieder auf, wenn Not an'n Mann is. Und was arbeit't der Mensch? – Nun, er baut ein Haus, damit er drin wohnt, und er zimmert einen Tisch, damit er dran ißt, und er haut Holz, damit er sein Essen daran kocht, und er fängt Fisch', wie ich, damit auch was zum Kochen da is. Also der Mensch arbeitet bloß um das gewöhnliche, gemeine Leben. Um weiter nichts. Aber daß den Maurer das Hausbauen und den Fischer das Fischfangen so besonders glücklich macht, das hätt' ich auch noch nich erlebt. Wenigstens bei uns in Moorluke is das nich so.

Zwar die Pasters sagen, daß Arbeit besser machen soll. Spaß. – Ich frag man: bünn ich denn so'n Musterspiegel, weil ich alle Tag' ein paar Wall von arme Heringen aus'm Wasser zieh' und sie um mich herum krepieren seh'? – Und für wen is denn schließlich all die Rackerei? Doch bloß für den Schwamm und den Wurm. Denn was nich verfault, das zermürbt. Ne, das seh ich woll, das Glück von die Arbeit is auch bloß solch ein Trostmittel vor die Menschheit. Wollen uns doch lieber nach was anderem umkucken!

Aber zuerst will ich nu schlafen! –


Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

Als Hann seiner Spinne freundschaftlich »Guten Morgen« geboten und nun feierlich auf seiner Pritsche thronte, da wurde auf dem Hof ein helles Signal geblasen. Fröhlich schmetterte es ringsum, die starken Luftschwingungen stießen sich förmlich an den Mauern.

»Was is?« fragte Hann unwillig über die Störung.

»Rataplan – Ratatata –«, wirbelten ein paar Trommeln zur Antwort. »Ratatata.«

»Was nu? – Nu kommt woll der Kaiser?«

Aber bald hörte der Eingesperrte an den dröhnenden, klappernden Tritten, daß nur eine Truppenabteilung zum Tor hinausmarschieren müßte.

»Man gut, daß sie fort sind,« dachte Hann, der dies Trommeln und Blasen für einen Eingriff in seine Rechte betrachtete. »Man gut.«

Alles war wieder still, Hanns Gedanken jedoch waren ehrfürchtig neben dem Kaiser stehengeblieben. In seinem Geist nahm er den Hut ab. »Ja, das is noch was,« sagte er. »Das nenn' ich noch 'ne Stellung.«

Er bedeckte sich wieder.

Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der die Macht hat, da is woll's Glück zu Hause. – Ich kann mir man denken, so einer pfeift – hüh – und dann gleich zehn Dieners schmieren ein Butterbrot, – und pfeift wieder, und – hast du nich gesehn – zehn andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das laß ich mir noch gefallen – Aber – hm – ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll es so 'ne Sorte geben, die es für ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rücken? Ich trink 'ne Tasse Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drück' jemandem freundschaftlich die Hand, und die Karnallge stößt mir zur Antwort ein Brotmesser ins Genick. Pfui Deibel, mir könnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst aushalten muß – Ne, das war ja rein zum Verzagen.

Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen rund um sich herum sehen können, da bin ich nu durch. Is aber überall das Glück nich dabei gewesen. Na aber – daß mir das zuletzt noch einfallen muß– vielleicht verhält sich das mit dem Glücke nich anders wie mit dem lieben Gott; – es is unsichtbar. –

Hier schlug er vor Freude über den Einfall schallend auf die Pritsche, daß das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim »lieben Gott« angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frömmigkeit. Wer fromm is, dem sind ja alle Seligkeiten versprochen.

›Selig ist – – –‹, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber das is wahr, wer so recht fest an oben hängt, der kommt sich wohl zum Schluß vor, als ob ihm an Händen und Beinen ein langer Faden angebunden wär', wie bei die Hampelmänner auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird nun bei jedem Schritt gezogen, so daß man am Ende gar nich fehl gehen kann. Wahrhaftig, das war doch recht sicher! – Und is das nicht auch beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heißt's: ›Laßt ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phönix zahlt nachher doch. Sieh,‹ dies Stück könnt' mir eigentlich gefallen.

Na ja, wenn bloß der lahme Krischan nicht hinterher hinkte.

Wer nämlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix auf die faule Seite legen? – Und dann – gegen die Bettelei haben sie Vereine gegründet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschämt. – Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was für Dinge belästigen sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere um eine Nacht bei einer hübschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf Poggenpfuhl hat den lieben Gott ganz andächtig gebeten, ob er seine Frau nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet, was soll der Herr da anfangen? – Da is gar keine Menschenmöglichkeit.

Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen müßten sie was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wär', zum Beispiel einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und nich immer bloß die off'nen Bettlerhänd' hinhalten. Denn was muß das auf den lieben Gott woll auf die Dauer für einen Eindruck machen? – Ne, wenn ich Er war', ich hätt' all längst das Schild ›gegen Bettelei‹ an der Kirch' anschlagen lassen.

Ja, aber nun überhaupt mit dem lieben Gott –

Diesen Satz beendete Hann Klüth jedoch nicht, sondern erschrak und zog scheu die wollene Decke enger um sich, denn die Abenddämmerung war bereits niedergesunken.

Er fröstelte zusammen.

Oll Kusemann meint ja, man könne gar nich wissen, ob – – hm– – – ne, ne, oll Kusemann, den lieben Gott laß ich mir nich ausreden, man braucht ja bloß die Augen zuzumachen oder in eine recht wüste Gegend zu gehen, dann fühlt man ja ordentlich, wie nah er is.

Aber – aber ich sagte doch von Wissen.

Ob das ganz genaue Wissen von allen Dingen, wie es hier die Professors in der Stadt haben, ob das die Leut' nu wohl sehr glücklich macht?

Darüber muß ich nu direkt lachen. Denn die Studentens, die ich auf dem Bodden spazieren fahr', die sagen doch immer, was der eine von die Professors weiß, davon weiß der andere just immer das Gegenteil. Und wenn der eine rausklüstert, alles Leben käm' aus der Luft, dann find't der andere, es käm' aus dem Wasser – und Professor Römer sagt, es käm' aus dem alten Testament. Und wie düsig muß wohl den Studentens zumute werden, wenn die drei ihnen das so hintereinander einremsen.

Ne, vor so'n Elend bewahr' mich der liebe Himmel –

»Maul halten!« schrie auf dem Gange der Wachthabende und klopfte an die Tür. Und Hann mußte sich auf seinem Lager ausstrecken, während sein Atem regelmäßig in der Kälte ausdampfte.


Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.– – »Nun wird mich das aber mit der Zeit recht ungemütlich,« sprach Hann Klüth. »Ich frier hier ja, wie ein Schneider, und all' meine Glieder werden mir lahm. Soll ich denn nu fürs Vaterland auf immer hier eingesperrt bleiben? Das halt' ich wohl gar nicht mehr lange aus. Und das Kommißbrot liegt mir auch schon wie Steine in'n Magen. Dazu das kalte Wasser, das schuddert mich durch den ganzen Leib.

Ich hab' ja eigentlich gar nichts getan? Weshalb ist man bloß so streng zu mir?«

Er erhob sich schwerfällig und schlurfte mit steifen Beinen in die Ecke zu seiner Freundin im Spinnenhaus. Aber wie erschrak er, als er das Tierchen mit eingezogenen Füßen, erstarrt, eine Art Krümel, vorfand.

»Herr im hohen Himmel,« stotterte er. »Die is also auch bereits so weit? Erfroren? Und bei mir kann's auch jeden Moment kommen, denn mir is all recht elend.« Ganz zerschlagen wankte er wieder auf seine Pritsche, dort sank ihm sein Kopf schwer auf die Brust, und die Kälte senkte immer größere Müdigkeit und Erstarrung auf ihn.

»Merkwürdig, ganz merkwürdig,« murmelte er, »weshalb eigentlich die Menschen so schlecht zueinander sind? Und dabei gibt es doch nichts Besseres, als wenn man jemanden recht lieb haben kann.

Aber was geht mich das an? – Ich werd' keine mehr lieb haben, und mich wird auch keiner mehr lieb haben, denn ich leg' mich nu hin, wie die Spinne, und steh nich wieder auf.«

Damit bettete er die graue Decke über sich, richtete die blauen Augen nichtssagend auf das Traillengitter, durch das der frostige Tag gleichgültig hereinsah, und lag regungslos.

Da erhob sich ein Gepolter an der Tür. Das bärtige Gesicht erschien wieder in der Klappenöffnung und schrie, Hann möchte ihm den Topf abnehmen, er sei sehr heiß. »Extraration,« setzte er erklärend hinzu, »vierter Tag. Um ein Uhr Ausgang.«

Da saß nun Hann, lachte über das ganze Gesicht und atmete neubelebt den Dampf ein, der ihm aus dem heißen Napf entgegenquoll.

I, das waren ja Bohnen und Schweinefleisch, na, nu sieh bloß mal, und wie warm, wie schön warm.

Und nachdem er heißhungrig sein Mahl längst beendet, saß er noch immer und streichelte dankbar den Napf.

»Kuck,« sprach er zu dem Topf, »zu Haus, bei Mudding, eß ich so was aus verschiedenen Gründen, die ich hier aus Anstand nich anführen will, gar nich gern. Aber hier? – hm! Wenn ich mir überleg', wie leicht, wie kindsleicht hat es nich ein Mensch, gegen andere Menschen gut zu sein. Mitunter tut's sogar, wie hier, ein Topf mit heiße Bohnen.

Pfui Deibel, – aber gut war's doch.

Ja, aber nun hab' ich solang über das menschliche Glück nachgedacht, und dieser Topp mit Bohnen belehrt mir nu, daß ein bißchen Liebe doch eigentlich das Hauptstück bleibt. Und wenn einem so'n Bohnentopp nun noch von eine liebe Hand gereicht wird und nich bloß von so'n Schweinigel, dessen Geschäft das is, ja, ich glaub', das hätt' solche Wirkung, daß man sich beinah einbilden könnt', es war eigentlich Kartoffelsupp' mit Wurscht, was ich so sehr gern ess'.

Ja aber, wen soll man nun lieb haben?

Den lieben Gott?

I, das war ja so selbstverständlich, als wie die eignen Eltern, und wär woll trotz alledem nich das eigentliche. Denn zu einer richtigen Liebe, mit Aussprache und Umarmung kommt's da doch nich. Dazu ist zuviel Respekt.

Und alle andern lieben, wie's unser Herr Jesus Christ von uns verlangt hat? sieh, das würd' ich nun für mein Leben gern tun, aber sie meinen ja jetzt, wie ich man neulich von oll Kusemann gehört hab', dann war man ein verfluchter Sozialdemokrat, und man vernachlässigte auch sein Eigens zu sehr dabei, wenn man allen anderen in die Töpfe kucken wollt'. – Ne!

Was bleibt also übrig?

Na, Hanning, du schämst dich ja bloß, nu sag's doch, es bleibt eben das übrig, wovon Line das Allerschönste is – die Frauensleut.«

Hier seufzte er tief auf.

»Ja, ja, die müssen wohl zuletzt doch das Glück sein, denn man sieht ja allerwegen, wie man zuletzt doch nach ihnen greifen tut. Und aus welchem andern Grund hätte sonst wohl Müller Pökel in Moorluke bereits die fünfte, als deshalb, weil man ohne so was nun mal nich leben kann. Nu is aber die Frage: besteht mit die Frauensleute das Glück einfach in dem Kinderkriegen, wie oll Kusemann meint? Oh, das war' woll zu wenig. Oder in dem Immerzusammensein mit ihnen? Ne, dagegen sagt wieder das Sprichwort: ›Allzuviel is ungesund‹.

Das kann es also auch nich sein.

Ich glaub' man, es geht wohl den meisten damit so, wie es mir geht; es is die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht nach einer; das is wohl das Schönste, das is wohl das Glück.«

Hier seufzte er wieder zum Erbarmen tief und schwer in sich hinein. Denn wohin seine Sehnsucht bereits in der Kindheit gezogen, das wußte er wohl. Und ebenso fest stand es, daß dieses Gefühl überwunden werden müßte, wollte er nicht dulden, daß man ihn verspottet? oder gar verlache.

»Ne, ne,« ermannte er sich bekümmert, »Klara Toll – Klara Toll, ich sag's noch mal, damit ich mich den Namen recht fest ins Herz schreib', Klara Toll, die is für mich, und ich bin für sie! Die is still und ruhig, und mit der wird meine Sehnsucht woll allmählich auch still und ruhig werden. Ja – ja, und in der Meinung hab' ich schon ordentliche Sehnsucht nach Klara Toll.«

Und er murmelte noch mehrmals wie einer, der etwas auswendig lernt: »Klara Toll – Klara Toll.«

Und damit glaubte er am Ende seiner Einsicht zu stehen.

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