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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
projectid61d1d230
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Erstes Buch

Moorluke

I

»Mudding,« sagte der Kranke, »ich seh sie ganz deutlich. Es sind zwölf schwarze Käfer, die da auf dem Zifferblatt von der alten Uhr im Kreis laufen.«

»Ne, ne,« entgegnete die kleine Frau, und in ihre Stimme kam ein Stocken und Zittern, während sie nichtsdestoweniger unablässig an dem großen, grauen Strumpf, der schon fast bis auf die Erde herabhing, weiterstrickte. »Das is man dein Fieber. Und wenn das Fieber wiederkommt, sagte heut der Doktor, dann steht es schlimm.«

»Das kann sein,« meinte der Lotse Krischan Klüth, und das Reißen krümmte ihn in den rot und weiß gewürfelten Kissen noch etwas mehr zusammen. »Aber ich hab' die Käfers gezählt – hör', und nu brummt einer.«

An der schmalen Kastenuhr in der Ecke sank ein Gewicht. Es rollte dumpf.

»Sechs,« zählte die kleine Frau Klüth. Dann seufzte sie tief auf. »Ich soll wohl nun Licht anmachen?«

»Ja, ja, Mudding, es muß doch hell sein, wenn er kommt.«

»Ja, wenn er es tut,« meinte Frau Klüth bedenklich. »Denn sobald man ihn nich höflich einladet, dann kommt er nich.«

Von der roten Birkenkommode flackerte ein Talglicht auf. Der Kranke rückte sich in dem trüben Schein etwas höher im Bett zurecht und warf zuvörderst einen mißtrauischen Blick auf das Zifferblatt. Dann strich er beruhigter über die Decke. »Ja, ja – nu kriechen die verfluchtigen Biester nich mehr. Es is doch gut, wenn es hell is. – Mudding, halt mir das Licht dicht an die Finger. Mir is kalt. – So – sieh eins, wie dünn sie geworden sünd.« Er wurde wieder ungeduldig und schlug auf den Bettrand.

»Siehst du das Boot noch immer nicht?«

Die Frau trat an das kleine quadratförmige Fenster, das auf den Bodden hinausging, und schüttelte den Kopf.

Da draußen war nichts als leere, graue Fläche. Hinter ihr schrie der Lotse plötzlich auf. Die tollen Schmerzen würgten ihn bereits im Halse.

»Mudding,« gellte der Kranke.

»Lieber Gott – lieber Gott,« murmelte die hilflose Frau, ohne sich umzuwenden, und faltete die Hände. »Was soll man da tun?«

Dann wurde es wieder still. Die Uhr knarrte laut und deutlich ihren Schlag.

Inzwischen hatte der alte Klüth nach dem Stuhl gelangt, auf dem ein Stück gedrehten schwarzen Priems und ein Taschenmesser lagen. Rasch und heimlich schnitt er ein großes Stück ab und schob es in den Mund.

Doch die Frau, obwohl sie noch immer abgekehrt über die See spähte, hatte es gemerkt, als wenn sie auch im Rücken Augen besäße. »Das darfst du nicht,« verwies sie matt.

Doch ohne darauf zu achten, kaute der Lotse eine Zeitlang begierig weiter, dann spie er den Tabak wieder aus und schüttelte so mutlos das Haupt, daß die schweißnassen grauweißen Locken ihm struwlig über die Stirn fielen. – »Ne, Mudding,« stöhnte er und sank zusammen – »es wird nichts mehr. Fünfzig Jahre hab ich ihm nu gekaut. Und seit vier Tagen will's nich mehr – kuck' – das is ein Zeichen vom lieben Gott.«

»Ja, ja, was wollt's nich?« nickte die kleine, ältliche Frau und faltete wieder zerknirscht die Hände. Darauf strickte sie, wie erschreckt, an dem grauen Strumpf weiter.


Dicht unter den Fenstern des Lotsenhäuschens lag zur selben Zeit eine kleine Jacht am Bollwerk angeschlossen. Sie war von oben bis unten mit Kartoffeln beladen und gehörte Johann Christian Petersen. Wenigstens stand sein Name in goldenen Buchstaben vorne an der Schiffswand. Aber der eigentliche Kapitän des Fahrzeuges war Frau Dörthe Petersen, die eben in ihrer Küchenkajüte einen Eierkuchen gebacken hatte und nun von der Steuerbordseite aus der kleinen Line, die am Bollwerk stand, ein großes Stück heraufreichte.

In der bloßen Hand. Aber das schadete nichts.

»Nu iß, mein Döchting,« sagte die starkknochige Frau, die mit nackten Füßen und hochaufgeschürzt herumging, denn aus dem kleinen Schiff wurden von zwei halberwachsenen, strohblonden Söhnen der Frau Dörthe ununterbrochen Kartoffeln über das Landungsbrett gekarrt und draußen in Säcke gefüllt. Wenn es zu langsam ging, dann sprang Frau Dörthe selbst entschlossen hinzu, um ihren beiden Sprossen je einen freundlich-aufmunternden Puff unter die Rippen zu versetzen.

»Au, Mudding, das tut jo weh!«

»Das soll es ja auch. – Man immer zu.«

Und das Karren ging weiter.

So hielt sie alles im Gang. Nur ihr Mann hockte in einem braunen, fellartigen Anzug auf dem Kajütendach und spielte, ohne sich um etwas zu kümmern, die Handharmonika.

Eine andere Beschäftigung hatte nie einer bei ihm wahrgenommen, und man verlangte sie auch nicht. Denn bei der großen Flut war ihm bei einer Rettungsarbeit ein Balken auf den Kopf gestürzt und hatte ihm den klaren Verstand eingeschlagen. Frau Dörthe aber, obwohl sie ihn erst nach dieser Zeit geheiratet hatte, war dennoch felsenfest überzeugt, daß Malljohann, wie er in Moorluke genannt wurde, ein tiefsinniges und nachdenkliches Haupt und auf dem Gebiete der Handharmonika ganz einzigartig dastehe.

Malljohann saß und spielte –

»Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön.
Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.«

Der Walzer, von der Harmonika mit Glockenspiel vorgetragen, klang laut und scharf über den stillen Fluß und mußte auch in die Krankenstube hinaufdringen. Von oben antwortete auch sogleich ein schriller, ächzender Wehlaut.

»Hörst du?« begann Frau Dörthe zu Line, während sie vielsagend die Achseln zuckte: »Da stirbt nu dein Vater. – Ja, so is es in der Welt.– Willst du noch'n Stück Eierkuchen, min Döchting?«

Line empfand noch Appetit. Sie hatte sich auf das wurmstichige braune Bollwerk gesetzt und schaukelte mit den nackten, weißen Beinchen zwischen Schiff und Holzwand nachlässig hin und her.

Für ein vierzehnjähriges Kind war sie auffällig zierlich und biegsam gewachsen.

Plötzlich hob sie das schwarze Haupt mit den merkwürdig blitzenden Augen und sagte bestimmt, auf das kleine Fenster des Lotsenhauses deutend: »Das is nich mein Vater.«

»Wer denn?« fragte Frau Dörthe gespannt, obwohl sie ganz gut wußte, daß die Kleine recht hatte.

»Das is man bloß mein Pflegevater,« antwortete Line kauend, »mein richtiger ist der Klabautermann.«

»Huch,« schrie die Schifferfrau entsetzt auf und schielte zu Malljohann empor, ob er das Kind auch ordentlich verstanden hätte. – »Huching – Jochen, hast gehört? – Lütting, oh, wer ist denn der Klabautermann?«

Der tapfere weibliche Kapitän war ordentlich scheu zurückgewichen.

»Der Klabautermann?«

»Je.« –Die Kleine schaukelte wieder ein bißchen mit den nackten Beinen, dann gab sie so fest zurück, wie sie etwa in der Schule eine Antwort deklamierte: »Je, der Klabautermann is ein Wasserzwerg.«

»Und von so einem bist du die Tochter?«

»Ja, so is es,« beharrte Line ernsthaft, und wischte sich die Kuchenhände an ihrer Schürze ab. »O jeh – o jeh,« schrie Frau Dörthe und schlug entsetzt ihre Fäuste zusammen. Und die Söhne hielten mit ihren Karren still. Und Malljohann endete das »Judenmädel« mit einem schrillen Wehlaut – und zog sein glattrasiertes Gesicht in hundert Falten – und alle starrten sie auf Line hin.

»Aber du liebe Güte, wer hat dir denn so was eingeredet?« stotterte endlich Frau Dörthe.

Allein, Line befand sich zu sehr in ihrem Recht.

»Das hat mich oll Kusemann erzählt,« brachte sie rasch hervor und stand beleidigt auf, »und Hann hat es auch gesagt.«

»Oll Kusemann?« wiederholte Frau Dörthe nun ehrlich empört und dabei ein wenig triumphierend – »Jochen, hast's woll gehört? – Das is ja der oll Lügenlotse hier. – Und Hann? Hann is weiter nichts als ein Dummkopf.«

»Ja, dumm is er man,« pflichtete Line bei. Dann verzog sie das kirschrote Mündchen zu einem spitzbübischen Lächeln.

Da wurde das Idyll häßlich unterbrochen.

Im gleichen Moment vernahmen alle auf dem Schiff so namenloses, tobendes Geheul aus dem Krankenzimmer herabschrillen, daß alle zusammenschreckten und verlegen auf die Planken sahen.

Als sie wieder aufblickten, lag Line lang auf dem harten Uferboden ausgestreckt, die Stirn auf kleinen Kieselsteinen, und wühlte mit den Fingern in Gras und Erde herum.

»Was machst du da?«

»Er soll nich sterben! – soll nich sterben,« raste die Kleine in wütendem Trotz und schleuderte allerlei Steine von sich. – »Wozu muß denn gerade er sterben? – Kann es nich Hann sein?«

Die Kapitänin sah wieder zu ihrem Gatten empor. Der aber hatte das Kinn auf die Harmonika gelehnt und schien nachzudenken.

»Lütting, du mußt zu dem lieben Gott bitten,« entschied die Frau endlich überzeugt und nickte dreimal sehr stark mit dem Kopf. »Das ist das einzigste Mittel.«

Aber bei Line verfing es nicht. Immer erregter schlug sie auf das Bollwerk und schluckte vor Wut und Tränen: »Das hab ich alles schon versucht. Aber es hat mir nichts genützt. Vielleicht weil ich gar nich sein richtiges Kind bin,« setzte sie hinzu, »wie die andern. Ich heiß ja auch nich Line. Ich heiß ja Aline. Und draußen auf dem Bodden, da haben sie mich gefunden.«

Damit erhob sie sich auf den nackten Knien und zeigte auf die graue Wasserfläche der See hinaus, als ob sie dort draußen etwas Schreckliches und Merkwürdiges zugleich erspähe.

Seltsam, wie sich dabei die Augen des Kindes veränderten. Etwas Wildes, Dunkelleuchtendes flackerte darin auf. Es war jetzt bereits klar, daß in diesem kleinen Wesen die Phantasie mächtig schaffe und wirke.

Unvermittelt fuhr sie empor.

»Malljohann,« schrie sie zu dem Fellbraunen hinauf: »Spiel wieder – ich will eins tanzen.«

»Was? Jochen, untersteh dich,« – rief Frau Dörthe fassungslos dagegen, »pfui, was für ein Gör – ihr Vater stirbt da oben, und dann will sie so was!«

»Doch, doch, wenn der liebe Gott mir nicht hilft, dann tanz ich,« schrie Line noch einmal und wirbelte bereits, wie zum Hohn, auf einem Fuße herum.

Und dann geschah etwas Unvorhergesehenes!

Malljohann ließ plötzlich mit aller Macht den unterbrochenen Walzer aufklingen. Die Glöcklein klirrten, die Pfeifen brausten, und die Kleine begann sich graziös und sicher herumzudrehen, bis ihr rotes Röckchen um die nackten Beine flatterte und die beiden Schifferjungen begehrlich zu ihr hinüberglotzten. Und immer, wenn sie sich zur Kapitänin wandte, streckte sie drollig die Zunge heraus.

»Jochen, willst du woll?« tobte diese noch einmal kirschbraun vor Zorn.

Aber der Mann auf dem Kajütendach winkte mit dem Kopf zu Line herüber, und aus dem sonst so schweigsamen Munde brach ein merkwürdiges Knastern: »Gurr– gurr –Klabautermann.« Da erschrak Frau Dörthe und schwieg. Jetzt wußte sie es. Jochen hatte sich ebenfalls für den Seezwerg entschieden. Und Jochen war ein tiefer und gründlicher Geist.

Und mit heimlichem Schauder sah sie mit an, wie Line sich röter und immer röter tanzte, gerade unter dem Fenster des gequälten, hinsterbenden Lotsen, der von Zeit zu Zeit dazwischenheulte.

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