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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
projectid61d1d230
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V

Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die Teeeinladung an Fräulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand in der schönen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: »Fräulein Line kommt natürlich mit.«

»Hörst du, wie nett sie schreibt?« fragte Fräulein Dewitz wohlgefällig, als sie sich in der Küche die Brille abputzte. »Sie ist wirklich ein sehr wohlerzogenes Mädchen. Du mußt ein bißchen auf ihre Manieren aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das feinste. – Und nun bind' dir die Schürze um, mein Kinding, damit das schöne, blaue Kleid nicht fleckig wird.«

Und während sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah, die »Küche« benannt wurde, weil auf einem sehr weißgescheuerten Tische ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen und äußerte endlich halb fragend: »Sollen wir nicht die schönen Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu essen. – Und man sollte sich vorher den Magen nicht überladen. Was meinst du? – Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn an?«

»Oh,« entgegnete Line wegwerfend, »für wen sollte ich mich da wohl besonders fein machen?«

Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht. Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefühl, die guten Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen.


Zwischen drei und vier hielt das alte Fräulein im Alkoven ihr Mittagsschläfchen.

Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Räumen. Das Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strömte beruhigende Dämmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen umher, und man hörte nichts, als höchstens einmal das feine Läuten eines Schlittens, der vom Lande durch die Straße klingelte, dazwischen das ruhige Atmen der alten Dame.

Aber, weiß der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer Viertelstunde und öffnete die Tür zum Nebenzimmer.

Verdutzt blieb sie an der Schwelle.

Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem sie ein Licht entzündet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schloß, besser betrachten zu können. Langsam strichen ihre Hände an der Taille herunter, dann ließ sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mußte ein wohliger Traum sein, der das junge Geschöpf entführte.

Fräulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollführte Line wirklich dort solch merkwürdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame begann vor Erstaunen leicht zu zittern. »Mein Gott, Lining,« brachte sie endlich hervor, »was machst du denn da?«

Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des Mädchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr kindliches, halb verlegenes Lächeln.

»O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu eng geworden. Du meintest doch selbst, daß es bei Hollanders heute so fein zugehn würde.«

»Ja, ja, das wohl.« Fräulein Dewitz schüttelte das Haupt und mußte wieder an die üppigen Bewegungen denken. »Ja, aber ein junges Mädchen sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.«

Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: »Tanting, ich wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weißt du das nicht?«

»Mir?« Fräulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale, lebhafte Gesichtchen und wurde versöhnt. Freilich, das war etwas anderes. »Na, denn geh hinaus, mein Kind,« entschied sie endlich, »und mach den Kaffee für uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier das Licht aus. Das wäre doch wirklich eine Verschwendung.«


In einem kleinen Stübchen in der Rakowerstraße bei der Drechslermeisterswitwe Wilhelmi wurde gleichfalls über die Einladung zum Konsul Hollander nachgedacht. Da stand der älteste Sohn der Klüths, der Predigtamtskandidat Paul, an dem Fenster und blickte auf die enge, krumme Gasse hinaus.

Draußen schwarzgraue Dämmerung, Schneegewimmel, kein Fußtritt hörbar, nur manchmal tickten härtere Flocken gegen die Scheiben, und vom Fluß stöhnte einmal ein Windzug herauf.

Hinter dem hageren Manne mit den verarbeiteten Zügen saß bei einer einfachen Stehlampe ein elfjähriger Junge am Tisch und schrieb mit kritzelnder Feder emsig aus einem Buch etwas ab. Das war einer der vielen Schüler des Theologen, deren Beaufsichtigung ihm das kärgliche Brot für seine Existenz gewährt hatte.

Jahraus, jahrein immer dasselbe. Es war kein Wunder, daß Paul nicht fröhlicher und umgänglicher bei dieser Lebensweise geworden.

An der Wand raschelte etwas an der Kuckucksuhr. Der hölzerne Vogel sprang heraus und rief seinen fröhlichen Ruf: Sechs Uhr.

Um neun war der junge Geistliche zum Konsul gebeten.

Paul verzog die Stirn.

War es nicht seltsam, daß er erst dort mit seinem zurückgekehrten Bruder zusammentreffen sollte? Daß es nicht Bruno, den einzigen, der ihm aus seiner Familie an Bildung nahestand, vorher allein, vertraulich und brüderlich zu ihm gezogen?

Immer schwärzer sank die Dunkelheit in das enge Gäßchen. Und tiefer und bohrender grübelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das Merkwürdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden, dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen Unbeholfenheit er nur ein heißes Mitleid fühlte, und dennoch – ja, das war es – etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geißelte ihn dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhörlich an dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu fördern, und immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu machen.

So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den grobkörnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der Mutter zugebracht, so war er während Brunos Lehrzeit fast täglich mit dem Jüngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten Stube von Fräulein Dewitz hatte er sich – ein von der Lehrerin besonders geschätzter Gast – häufig eingestellt.

Seine Gedanken irrten weiter.

Warum Bruno wohl nicht kam? – Ob er in der reichen Handelsstadt sich nun völlig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit Mißbehagen an dem Jüngeren bekämpft hatte? Vielleicht war es dem Heimgekehrten überhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines ernsteren Bruders auszusetzen?

Oh, wenn das möglich wäre? – Paul biß sich auf die Lippen, während er immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte – nein, es war vielleicht doch unrecht von ihm, daß er sich nicht gleich aufmachte, um zu ergründen, was aus dem Jüngeren geworden. Er wollte – – –

Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder.

Der kleine Quartaner, der bis dahin öfter sehnsüchtige Blicke auf die Wanduhr geworfen, stützte schwermütig den Kopf auf, dann bezeichnete er mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: »Herr Klüth, ist Semiramis masculinum oder femininum

Paul fuhr auf.

»Was? – Was? – Ob die Königin Semiramis –?«

»Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte völlig als ein Mann, und da dachte ich – – – «

»Semiramis ist eine Frau,« schnitt der Lehrer, dem der Sinn für Humor abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stäubte der Schnee durch die Straße, deutlicher stöhnte der Wind um die Ecke, und mißtönend kreischte die Feder, die der Quartaner nun – beruhigt über das Geschlecht der Semiramis – wieder emsig über das Papier führte.

Da wurde kurz an die Tür geklopft.

»Herein!«

Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und Zylinder.

Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug.

»Na, Jünging, wie geht's?«

»Bruno? Du?«

»Ich, Herr Pastor.«

Das klang so jugendlich, so frisch, daß in Pauls sorgendes Herz für einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit, ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, stürmte er auf den Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schließen. Doch unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mußte ihn sein starrer Sinn anders belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestüm, beinahe sehnsüchtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere sie mit voller Lebhaftigkeit schüttelte.

»Bruno,« brachte er stammelnd hervor, »lieber Bruder!«

»Ja, ja, altes Haus,« lachte der andere, »jetzt freu' dich mal.«

»Ja, ich freue mich, – ich freue mich.«

Er sah im Moment nicht mehr die elegante Hülle des Jüngeren, die ihn anfangs befremdet hatte, er erkannte nur die gesunden, ihm so lieben Züge des Bruders und zog ihn weiter ins Zimmer.

Der Ankömmling blickte sich verwundert um. Die Kahlheit des Raumes, der Tabaksgeruch und die derben Möbel schienen ihm wenig zu gefallen.

»Wohnst du noch immer so häßlich?« fragte er ein wenig mitleidig, während er dem Theologen gutmütig die Wange streichelte.

Der andere entzog sich der Liebkosung. Dergleichen schien ihm vor seinem Schüler unpassend.

»Häßlich?« fragte er. – »Es ist doch hier alles recht bequem?«

»Na ja, dagegen will ich nichts einwenden,« lenkte Bruno ein und setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Ohne den Zylinder abzunehmen, zeichnete er mit seinem Ebenholzstock ungeduldig auf dem Estrich herum. Es sah ganz aus, als wolle er nur wenige Minuten bleiben.

Paul blickte ihn bekümmert an: »Willst du denn nicht ablegen?«

»Natürlich – gewiß – bloß ich dachte –« er deutete auf den Quartaner, der die Ohren spitzte.

»Oh, ich kann ja auch gehen,« stimmte der Pennäler sehr vergnügt zu und begann seine Hefte zusammenzuraffen. Jedoch eine solche Versäumnis widersprach Pauls Pflichtgefühl. Mit ernster Miene bedeutete er seinen Bruder, daß der Schüler unmittelbar vor der Versetzung stehe und daß das tägliche Pensum nicht unterbrochen werden dürfte. Bruno möchte eine kurze Weile entschuldigen. Dann beugten sich Lehrer und Knabe gemeinsam über den Ostermann, und lächelnd vernahm der junge Kaufmann ihr erregtes Murmeln; längst entwöhnte lateinische Brocken schlugen an sein Ohr, und erst als die Thronstreitigkeiten der Semiramis gänzlich entschieden waren und der Kuckuck »sieben« schrie, da durfte Walter Müller nach Hause eilen.

Er verbeugte sich feierlich vor Pauls Bruder, bevor er sich rückwärts aus der Tür zurückzog.

»Gottlob!« atmete Bruno auf, der sich inzwischen seines Pelzes entledigt hatte und sich nun leicht in eine Ecke des Sofas warf. »Gottlob, daß wir diese Pennälerjahre hinter uns haben.«

»Du bist also jetzt zufriedener?« forschte der Theologe, der sich dem Heimgekehrten gegenüber auf einem Stuhl niedergelassen und jetzt die Lampe beiseite schob, um den Anblick des lange Entbehrten voll zu genießen.

»Zufriedener? Gewiß. Was waren das aber auch für magere Jahre, Paul. Denk' bloß mal nach – wenn wir einen Braten zu Hause rochen, das war ja schon ein Festtag.«

»Hm – daran erinnere ich mich kaum.«

»Ja du – und dann bei dem alten Hollander das Gedrücktsein, diese schreckliche Abhängigkeit, nein, gottlob, etwas weiter haben wir es doch gebracht.« –

Dabei streichelte er beinahe liebkosend das Fell des Pelzes, der neben ihm auf der Sofalehne ruhte. Dann strich er sich das Haar zurück und fuhr lebhaft fort: »Paß mal auf – jetzt kommen wir auch einmal an die Reihe.«

»Wieso? Was heißt das, Bruno?«

»Menschenskind, mach' doch nicht solch erstauntes Gesicht – rauchst du?«

Dabei bot er ihm ein feines, schmales Silberetui.

Aber der Kandidat verneinte. Er rauche nur Pfeife.

»Fi!« Bruno verzog die Nase. – »Sieh, das hier sind russische Zigaretten. Die haben das feinste Aroma. So! – Riech' mal bloß. Kerlchen – diese blauen Wolken! Fein! – Was? Ja, und was ich sagen wollte – – weshalb sollen wir jetzt nicht mal in die Höhe kommen? Das ist doch ein bekannter Prozeß, die Oberen sterben ab, und die Unteren drängen sich an ihre Stelle.«

Als er das sagte, breitete er die Arme aus, so daß sich seine Brust hob, und die ganze Gestalt reckte sich.

Der Theologe stützte den Kopf in beide Hände und sah den Jüngeren immer forschender an. Noch konnte er sich durchaus nicht in das Wesen des andern hineindenken.

»Erzähl' mir, wie du in Hamburg gelebt hast,« bat er.

Das tat der junge Kaufmann.

Und während er sich immer eine Zigarette nach der anderen entzündete, und während er große Wolken blies, die er dann mit der flachen Hand zerteilte, begann er sich an der eigenen Schilderung zu erwärmen.

Da zog es an dem ängstlich aufhorchenden Bruder in bunten, schillernden Bildern vorüber, das Leben und Walten der großen Stadt, das Getriebe der Börse, die Schiffahrt, die nervenspannende Tätigkeit bei Spekulationen und überseeischen Geschäften, und alles, alles klang aus in den einen Jubelruf, daß der Erzähler jetzt selbst bereits ein Einkommen habe, daß es aber größer werden müßte, und immer größer, und wie er dann seine Familie heben wolle, alle, alle – und daß Geld eine Macht sei, ein Zauberstab, der beleben und töten könne.

»Oh, du sollst mal sehn – du sollst mal sehn.«

Da saß er wieder – ja, es war derselbe, der mit dem fieberhaft erregten Kinde auf der Ruinenmauer gehockt und ihm all seine tollen Worte ins Ohr geflüstert, die wie klirrende Goldstücke geklungen.

Und der Ältere blickte auf ihn hin, schweigend, erschrocken, seine Augen vergrößerten sich immer mehr, und er wußte selbst nicht, warum ihm das Herz so drohend und schmerzlich gegen die Brust zu hämmern begann.

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