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Hann Klüth

Georg Engel: Hann Klüth - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Engel
titleHann Klüth
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
illustratorO. H. Engel
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
projectid61d1d230
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Zweites Buch

»Frau Welt«

I

Ich zweifle, ob ihr wißt, daß es noch Götter auf der Welt gibt. Aber ihr könnt es glauben, es ist so.

Mein Vetter Walter, der Student in Leipzig, hat dort eine Schenkmamsell entdeckt, die ihm vertraulich gestanden, daß sie in Wahrheit die alte Venus sei. Und als er ihr allerlei Bedenklichkeiten ausdrückte, da hat sie ihm einfach ihren Knaben gezeigt, einen kleinen, dreijährigen Strolch, der richtig mit einem Flitzbogen den Passanten des Salzgäßchens die Hüte vom Kopfe schoß.

Daraufhin hat der Vetter Walter alles eingesehen und sich über die Bekanntschaft sehr gefreut.

Dieses steht fest, das hat er mir eigenhändig geschrieben. Einen anderen, sehr interessanten Gott hab' ich selbst gekannt. Ich weiß nicht, ob er noch lebt. Aber als ich noch nicht seßhaft war, da habe ich ihn zwischen Greifswald und Moorluke getroffen, darauf will ich einen Eid leisten.

Ein Jahr war gerade im Abtröpfeln, ein Jahr, das ich wieder damit hingebracht, gesunde Glieder und eine warme Brust an den Dornen und Hecken wund zu reißen, hinter denen im Schlosse Phantasia das deutsche Dornröschen schlummert. Aber als des Jahres letzte Henkerstündlein schlugen, da hatte ich genug, da machte ich den Berliner Herren und Damen meine Verbeugung, packte mich in einen Eilzug und stand ein paar Stunden später auf einem dick verschneiten, abenddämmerigen Felde, über das ein Weg nach Moorluke führen sollte. Doch der Pfad mußte eine Frühlingssage bilden. Jetzt war er längst versunken. Inzwischen brach die Nacht ein – es war Silvester 1896 – ringsherum wirbelte dicker Schnee, über die toten Felder heulte der Wind, und das Eis unter meinen Tritten stöhnte und ächzte, als ob die Erde in ihrem Winterschlaf schwer träume, – da – täuschte ich mich? Nein, es knarrte aus der Schwärze ein langer ungefüger Wagen heran, ein Pferd wieherte, ein merkwürdiges rotes Licht zuckte auf, und gleich darauf wollten zwei mächtige Schimmel ihr Fuhrwerk an mir vorüberziehen. Da rief ich sie an: »Heda!«

Vorn auf dem hohen Bock regte sich etwas. Eine vermummte Gestalt im weißen Schafpelz, die eine Tüte mit einem Licht darin in der Hand hielt, leuchtete mir ins Gesicht.

»Fährst du schon lange, Alter?« fragte ich hinauf.

»Lange,« antwortete eine trockene, hüstelnde Stimme.

»Wohin?«

»Gradeaus.«

Das klang merkwürdig, und halb ohne Überlegung fragte ich, ob ich mit nach Moorluke fahren könne?

Der Schafpelz rückte wortlos zur Seite, und nachdem ich neben ihm Platz genommen, warf ich einen Blick hinter mich, um mich zu erkundigen, was der Alte für Ladung führe.

»Dung.«

Wieder beschlich mich ein seltsames Gefühl, aber wie ward mir erst, als jetzt beim Schein des Tütenlichtes der Mistkutscher mir sein Antlitz zukehrte. Aus tausend eingekerbten Furchen tränten zwei müde, schwarze Augen heraus, und bis unter die dürre ragende Hakennase über den zahnlosen Mund hinweg buschte sich ein verworrener, zottelweißer Bart, der sich erst unter dem Schnee, welcher den Schafpelz bedeckte, verlor. Der Mann war unbestimmbar alt. Und plötzlich überkam mich die schreckhafte Erinnerung, wie mein Freund, der Professor Asmus in Greifswald, welcher über seinem eigenen Werk »Die immanente Philosophie der Menschheit« verrückt geworden sein sollte, in einer geistreichen Spekulation nachgewiesen, daß sich zwischen Moorluke und der Stadt ein alter Mistkutscher herumtriebe, der jedoch in Wahrheit ein verschollener Gott wäre und eigentlich Chronos hieße.

»Chronos!« rief ich unwillkürlich laut heraus.

»Wat?« keuchte mein Gefährte und bewegte sein Licht.

Es war kein Zweifel, »oll Chronos«, der wiedergefundene Gott meines armen Freundes Asmus, saß neben mir. Eine Zeitlang blieb es still zwischen uns beiden. Geräuschvoll knirschte der Wagen durch den tiefen Schnee; der Alte hockte vor sich hin und hielt nur zuweilen in dürrer Hand seine Tüte in die Höhe, als ob er den Weg beleuchten wolle. Dann faßte ich mir ein Herz und fragte, ob er meine Freunde in Moorluke kenne, Hann und Line, oll Kusemann und die andern.

»Flocken,« murrte der Alte in sich hinein.

»Wie, oll Chronos?« forschte ich immer verwirrter.

»Was ist das für ein Nam'?« lachte der Mistkutscher so halb verächtlich und schlug mit der welken Hand in das Schneegewimmel, in das die leuchtende Tüte einen roten Lichtkreis warf. Und nachdem ihm ein neuer Hustenanfall beinah alle Glieder verkrümmt, keuchte er etwa folgendes hervor:

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