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Handbüchlein für Wühler

Heinrich Hoffmann: Handbüchlein für Wühler - Kapitel 3
Quellenangabe
typesatire
booktitleHumoristische Studien und Satiren
authorHeinrich Hoffmann
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14520-6
titleHandbüchlein für Wühler
pages193-197
created20020727
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1848
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Zweites Kapitel

Diät und Lebensweise

Bei den alten Römern und Griechen (und in mancher Hinsicht heute noch bei den Engländern) wurden die Knaben schon von früher Jugend an für das Volks- und Staatsleben erzogen. Bei uns ist dies leider nicht so gewesen, und da nun der verehrte Leser zu alt sein dürfte, um sich noch einmal aufs neue von vorn erziehen zu lassen, so muß er es nachholen, und zwar recht geschwind.

Besser werden unsere Kinder daran sein, wenn wir anders die Forderungen der Gegenwart systematisch aufzufassen imstande sein werden. Hierzu ist es aber noch nicht an der Zeit. In aller Eile mag hier nur dreierlei empfohlen werden.

  1. Die Freiheit muß anerzogen, angewöhnt sein. Laß deinem Kinde schon früh allen Willen.
  2. Ein Volksfreund muß körperlich abgehärtet und auf Enttäuschungen gefaßt sein. Gieße deinem Kinde zuweilen einen Kübel kalten Brunnenwassers über den Kopf.
  3. Ein Volksfreund muß eine gute Lunge haben. Laß dein Kind schreien, so viel es will; ja, tut es dies nicht von selbst, so kneife es zuweilen.

Es sind dies wenigstens drei einfache Grundprinzipien, die für liebende Eltern einstweilen genügen werden. Hoffentlich wird die Kunst der Volksschmeichelei baldigst in die höheren Schulen als ordentlicher Lehrgegenstand aufgenommen. Dieselbe in allen Schulen zu lehren, ist deshalb wohl ganz untunlich, weil alsdann ja jeder Mann ein Volksfreund werden würde, und weil es alsdann in Deutschland vor gegenseitiger Beleckung und Bewedelung gar nicht mehr auszuhalten wäre. Unvernünftig und ekelhaft wäre das. Die Kunstpatrioten bilden eine privilegierte Kaste, eine aristokratische Volksschranzengilde.

Was nun die Diät eines echten Volksfreundes angeht, so gilt allgemein der Satz: Essen kann er mancherlei; trinken aber mag er so viel, als er vertragen kann und noch mehr, notabene: wenn er alsdann nicht aus der Rolle fällt. Er soll einige Lieblingsgerichte haben, z. B. Wildbret, weil dessen Vertilgung eine Wohltat für den Landmann ist. Um seinen terroristischen Republikanismus, seine Sehnsucht nach der Republique rouge, um seinen Mut zu bewahrheiten, soll er sein Beefsteak »recht blutig« verlangen, rote Rüben, Blutwurst und Rotkraut verzehren und Rotwein trinken. Auch Trüffeln sind sehr gut, weil sie herausgewühlt werden. Er mag ferner bei Tische kleine Männchen aus Brot kneten, denselben kleine papierne Krönchen aufsetzen und alsdann die Unglücklichen mit dem Tischmesser enthaupten; notabene: Ein solches Figürchen kann öfters zu der Exekution benutzt werden, und braucht er nicht jedes Mal ein neues zu kneten. Auf ähnliche Weise, vorläufig zu bemerken, hantiert er im Felde und in Gärten mit dem Spazierstocke gegen die Mohnköpfe und namentlich gegen die Kaiserkronen, als ein umgedrehter Tarquinius Superbus.

Wein- und Bierhäuser sind nun überhaupt die wahren Freiheitsbörsen; da werden die besten Spekulationen in Volksgunst gemacht; da werden wie bei dem Papierschacher falsche Depeschen erfunden, telegraphische Nachrichten erlogen, abschläglich im voraus Revolutionen gemacht, Throne zertrümmert und Republiken gezaubert, da fallen und steigen die demokratischen Aktien trotz Metalliques und Konsorten; Differenzen werden nie, das Bier und der Wein öfters auch nicht bezahlt. Das Leben z. B. eines Frankfurter Demokraten ist ein sehr angestrengtes: nach Tisch im Weinhaus bei Jacobi, von da in das Essighaus, wo aber kein Essig, sondern Bier hinabgespült wird, von da auf den Felsenkeller, von da wieder in das Essighaus, und zum Schluß in später Nacht in das Bierhaus Zum Taunus. Dies sind die Stationen der frommen Pilgerschar, die Seehäfen, wo frischer Proviant an Bord genommen wird.

Dulce est pro patria bibere!

Und wie wird dort gearbeitet und gestritten und verhandelt! Sind doch ohnlängst an einem jener Orte an einem einzigen Abende 60 zinnerne Gläserdeckel rein wegdiskutiert worden. (Es wird jedoch behauptet, der Bundestag sel. habe die Deckel stehlen lassen, um die Leute um ihren Kredit zu bringen. Warte, du Leiche!) Nahrungslos ist die Zeit, aber tranklos wahrhaftig nicht. Da soll mir einer kommen und sagen, an unsern Volkssouveränen sei Hopfen und Malz verloren. Nein! Für une pièce de cinq francs erhält man gerade 56 Schoppen, und dem Herrn Ledru-Rollin kam es auf ein paar Maß nicht an. Geht einmal hin, ihr Aristokraten, und fragt bei den Schenkwirten nach, ob bei dieser politischen Bierkannengießerei, bei diesem unlöschbaren Freiheitsdurst etwa nichts herauskommt. Da kommt das Bier aus dem Fasse und das Geld aus dem Beutel heraus, nur der Gast kommt nicht aus der Wirtsstube und der Schenkjunge nicht aus dem Laufen heraus. Du nahrungslose Zeit!

Noch endlich hier ein kurzes Wort über das Verhältnis der Turnerei zur Demagogie. Früher hat man die verkehrte Ansicht gehabt, das Turnen bestehe in Leibesübung behufs der Kräftigung des Muskelfleisches und der Schmeidigung der Gelenkbänder; das ist aber ein veralteter philisterhafter Irrtum. Turnerei ist Staatskunst. Das Reck ist eine Maschine, um Staatsökonomie zu studieren, die Barren eine bequeme Anstalt, um das Internationalrecht einzupauken; auf dem Schwingel mag sich der Historiker erlustigen. Es ist dies alles der erste Anfang, die Maschinen-Industrie auch in das Gebiet der Geistesfabrik einzuführen. Wer den besten Purzelbaum schlägt, kann Anspruch erheben, einmal in das Reichsministerium zu kommen. Wenn umstürzen und verbessern gleiche Begriffe sind, dann muß der vorangehen, der sich selbst auf den Kopf stellen kann, ein lebendes Beispiel, wie man die Dinge gehörig unterst zu oberst wende. Ultraradikale Freiheitsbäume und Purzelbäume! Wie süß mag dereinst das Volk in eurem Schatten ruhen, süß wie in einem Hain der Glückseligen!

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