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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 97
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Pocken. Echte Pocken oder Blattern. Variola

Dieses akute, ansteckende Exanthem, dessen wirklichen Erreger man noch nicht kennt, kann auf den verschiedenen Stufen seiner Entwicklung (in Papel-, Bläschen- oder Pustelform) nicht bloß die äußere Haut, sondern auch die Schleimhaut des Mundes, Rachens, Darmkanales, der Nase, Ohren und die Conjunctiva (Bindehaut) befallen. Bei dem regelmäßigen Verlaufe der Pocken beobachten wir als Vorboten einige Tage lang abwechselndes Frösteln mit Hitze, Rücken- und Gliederschmerzen, Kopf- und Halsweh, Verdauungsstörungen, Übelkeit, Brustbeengung und verschiedene Nervenzufälle; oft sind die Erscheinungen denen eines Wechselfiebers sehr ähnlich. Dann tritt gewöhnlich am 3. Tage, womit das zweite oder das Ausbruchsstadium (Stadium eruptionis) beginnt, der Ausschlag auf roter Hautfläche mit brennender Empfindung, von oben nach unten, zuerst im Gesicht, auf der Brust usf., ein; anfangs in Form von Stippen, die sehr bald zu größeren Knötchen werden und während der nächsten 3 bis 4 Tage zu umfangreichen Bläschen sich gestalten, worauf dann das Fieber nachläßt. Am 6. Krankheitstage beginnt das dritte oder Blütestadium (Stadium florescentiae), indem von nun an die Variolaefflorescenzen jene charakteristischen Eigenschaften erlangen, die sie zur Variola stempeln. Der in den Bläschen sich befindende wässerige Inhalt wird in der Pustel etwas trüber. Ungefähr am 9.  Tage beginnt, unter heftigem Eiterfieber, die Eiterbildung in den Pusteln. Der vorher wasserhelle Inhalt trübt sich und wird zu gelbem Eiter; die Pocken werden größer und verwandeln sich in halbkugelförmige Pusteln. Am 12. Tage hat das Fieber gewöhnlich seinen Höhepunkt erreicht. Mit dem Eiterigwerden bildet sich ein roter Hof um jede Pustel; die sie umgebende Haut wird dunkel gerötet und schwillt beträchtlich an, wodurch die Kranken bis zur Unkenntlichkeit entstellt aussehen, da die Augenlider, die Nase und Lippen aufschwellen und letztere sich rüsselartig erheben. Je größer die Menge der Blatternefflorescenzen, desto heftiger sind das Fieber und die anderen Erscheinungen. Ungefähr am 13. Tage (Stadium exsiccationis) läßt die Entzündung nach, die Pusteln vertrocknen, es bilden sich Pockenschorfe, die sich etwa am 15. Tage abschuppen, und rötliche Flecke, die später erblassen oder vertiefte Narben, Blattergruben, zurücklassen. Unter riechenden, starken Schweißen, reichlichem Bodensatze im Urin, Durchfällen schwindet die Krankheit, die nicht selten 6 Wochen dauern kann. Augen- und Augenlidentzündungen, Husten, Heiserkeit, Nasenbluten, Ohren- und Gehörleiden begleiten die Krankheit und sind oft schlimme Nachbleibsel. – Im unregelmäßigen Verlaufe bilden sich leicht typhusähnliche Zustände, Blutzersetzungen und tödlich endende Blutungen. – Bisweilen finden sich als Komplikationen: Milzanschwellung, Hämorrhagien, Lungen- oder Kehlkopfödem und Pyämie. Bei den zusammenfließenden Pocken, die nur bei einem heftigen entzündlichen Charakter der Krankheit vorkommen, wird bisweilen der Darmkanal ergriffen, und es stellt sich eine heftige Diarrhöe mit Neigung zu Brand und Zersetzung ein; die Krankheit läßt bösartige Geschwüre zurück.

Bei Fieber mit beschleunigtem Pulse wird man gleich zu Anfang Aconitum in Anwendung bringen. Bei nervösen Erscheinungen: Bryonia oder Rhus Toxicodendron, erstere besonders auch bei Brust- und Atmungsbeschwerden, Stechen in der Brust beim Tiefatmen, Nasenbluten, auch im Wechsel mit Aconitum; bei großer Nervenerregung: Coffea; bei Gehirnaffektionen: Belladonna, im höheren Grade Camphora; sobald kleine Flecken mit roten Punkten bemerkt werden, die sich innerhalb 24 Stunden zu einer roten Papel erheben, gebe man ungesäumt Hepar sulfuris in 1 stündlichem Wechsel mit Mercurius. Auch Tartarus emeticus haben wir oft mit recht gutem Erfolge angewandt, besonders wenn die Bronchien ergriffen, viel Schleimrasseln vorhanden sind und der Patient sehr viel schläft. Meist hören nach dem Ausbruche der Pocken alle Nebenbeschwerden auf. – Entstehen im Stadium suppurationis, wo das mit hellem Inhalte gefüllte Bläschen sich mit Eiter füllt und die Pockenpustel bildet, von neuem Fieber und Anschwellung der Haut, so gebe man Aconitum mit China im Wechsel.

Bei den fauligen, septischen oder schwarzen Pocken, die vor der Zeit der Eiterung sich mit Blut füllen und leicht brandig werden, sind Arsenicum oder China die Hauptmittel. Bei den zusammenfließenden Pocken Mercurius oder Apis. Bei den warzen- oder nabelförmigen Pocken verdient Thuja besondere Berücksichtigung. (Außerdem verweisen wir noch auf Hydrastis.)

Der Kranke muß in einem kühlen oder doch nur mäßig warmen, mit Fenstervorhängen versehenen, etwas verdunkelten Zimmer bis zu seiner Genesung verharren. Fleißiges Lüften des Krankenzimmers ist Haupterfordernis, doch muß der Patient sorgfältig vor Zugluft geschützt werden. Zum Getränk dienen schleimige Abkochungen von Reis oder Hafergrütze. Das Anlegen reiner Wäsche ist sehr empfehlenswert, doch muß diese vorher, etwa ½ Tag, von einem vollkommen Gesunden getragen worden sein. – Das Bestreichen der Pusteln mit Collodium ist neuerlich zur Verhütung der Narben, besonders im Gesicht, anempfohlen worden. Die damit gemachten Versuche haben uns jedoch nicht von der Zweckmäßigkeit dieses Verfahrens überzeugt.

Nachkrankheiten nach den Pocken erfordern: Mercurius, Sulfur oder Thuja.

Die Mittelpocken, Varioloiden ( Varioloides) nehmen einen milden Verlauf. Sie sind eine der Variola ähnliche, mit gelindem Fieber verlaufende Blatternkrankheit, bei der das starke Eiterfieber und die Hautanschwellung entweder ganz fehlen oder nur sehr gering vorhanden sind. Der Ausbruch des Exanthems erfolgt am ganzen Körper ziemlich gleichzeitig, aber nicht so regelmäßig von oben nach unten fortschreitend. Die Stippen sind platt und flach und dringen nicht so tief in die Lederhaut ein wie die echten Menschenpocken. Die Bläschen bilden sich sehr schnell hervor, sind am 4. oder 5. Tage eiterhaltig, trocknen bald, indem sie kleine Schorfe bilden, ein und hinterlassen keine oder sehr flache Narben. Die Gesamtkrankheit dauert etwa 14 Tage. So gefahrlos auch im ganzen die Krankheit ist, so kann sie doch bei Unvorsichtigkeit sehr gefährliche und langwierige Nachkrankheiten hinterlassen. Bei der Behandlung wird man hauptsächlich Aconitum, Bryonia, Hydrastis oder eins der vorher genannten Mittel in Anwendung bringen.

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Die falschen Pocken, Wind-, Spitz-, Wasser-, Scheinpocken oder Varicellen ( Varicellae), erscheinen mit geringem Fieber und ohne besonders erhebliche Vorboten. Der Verlauf ist leicht und gefahrlos, nur müssen die Kranken vor Erkältung und Zugluft geschützt werden.

Übrigens bezeichnen die Namen Variola, Variolois und Varicella nur verschiedene Stufen ein und derselben Krankheit, die in der Praxis gar nicht zu unterscheiden sind, und das Contagium (Ansteckungsstoff) jeder Form kann jede andere Form hervorbringen. Geimpfte und Nichtgeimpfte können ganz gleich von allen drei Formen befallen werden, und die verschiedenen Formen erscheinen nur als Modifikationen der Individualität der Kranken.

Was die Prognose anlangt, so ist fast immer heftige Variola (vera) zu befürchten, wenn die Pockeneruption zuerst am Kopfe stattfindet und dann weiterschreitet; wogegen fast immer schwache Variola (Variolois und Varicella) zu erwarten ist, wenn sich die Pocken zuerst am Körper zeigen.

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