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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 89
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Nervenfieber, Febris nervosa, Typhus abdominalis

Der Typhus ist eine epidemisch auftretende Infektionskrankheit, die von sehr virulenten Bazillen hervorgerufen wird. Die ersten Anzeichen der Erkrankung (Prodromi) dauern bis zu 7 Tagen und äußern sich in Mattigkeit, Kopfschmerzen und sonstigen Allgemeinsymptomen. Hierauf folgt das Stadium des typisch staffelartigen Fiebers bis zu 41°, dem 1 bis 2 Wochen lang das Febris continua mit geringen Morgentemperaturen, aber hohen Abendtemperaturen folgt (steile Fieberkurve). Die Rückkehr zur Normaltemperatur erfolgt gewöhnlich in der 4. Woche.

Der Typhus ergreift, wie die akuten Exantheme, ein und dasselbe Individuum gewöhnlich nur einmal. Die Krankheit, die in allen Weltteilen auftritt und in allen Lebensaltern die Individuen befällt, erscheint am häufigsten bei robusten Personen in den Jünglings- und Mannesjahren und ist, unter gewissen Umständen, auf andere Personen übertragbar. Sehr selten werden vom eigentlichen Typhus Schwangere, Stillende und Wöchnerinnen befallen, oder Tuberkulöse, Personen mit organischen Herz- und chronischen Magenleiden, ebensowenig cyanotische.

In den meisten Fällen lokalisiert sich der Typhus, geht mit einem Exsudationsprozesse einher und setzt sein Produkt entweder im Gehirn (als Gehirntyphus) oder in den Lungen (als Lungentyphus), am häufigsten aber im Unterleibe, in den Drüsen des Ileum und Mesenterium, ab (deshalb auch Abdominal- und Ileotyphus genannt). Petechialtyphus (auch exanthematischer Typhus genannt) oder Flecktyphus (Typhus exanthematicus) ist eine besondere Form dieser Krankheit, die sich durch das Ausbrechen einer Art Ausschlages, hellrötlicher oder rosafarbener Flecke (Roseola) die etwas über die umgebende Haut erhaben sind, kennzeichnet. Dieser Typhus schließt sich den akuten Exanthemen an und tritt rasch und stürmisch auf; er unterscheidet sich vom Abdominaltyphus durch die Abwesenheit der Darm- und Gekrösdrüsenaffektionen, während die übrigen typhösen Zeichen vorhanden sind. Seltenere, den Typhus begleitende Erscheinungen sind: Blutergüsse in die Hirnhäute und ins Gehirn; kruppöse und diphtherische Entzündungen, Peritonitis; Thrombosen (besonders bei großem Marasmus); Gangrän; Pyämie und Septikämie; Darmperforation und Milzzerreißung.

Die Krankheit kündigt sich gewöhnlich schon lange vorher durch Müdigkeit, Frostgefühl, Gemütsverstimmung, gastrische Störungen, Diarrhöe usw. an. Im Beginne tritt der Typhus unter den verschiedensten Gestalten auf, meist wie ein katarrhalisches, rheumatisches oder gastrisches Fieber. Bisweilen schleicht die Krankheit so unmerklich heran, daß sie nicht selten schon bedenkliche Fortschritte gemacht hat, ehe der Patient an ärztliche Hilfe denkt; in anderen Fällen bricht sie mit überraschender Schnelligkeit aus. Ungefähr um den 10. Tag nimmt die Schwäche bedeutend zu. Die nervösen Symptome sind anfangs mehr erethischer Art: Kopfweh, herumziehende Gliederschmerzen, Schlaflosigkeit, mürrische Stimmung, Schwindel, Ohrensausen, Sinnestäuschungen, Aufschrecken, Irrereden (Scherzen, Faseln, Toben oder Murren, oft untermischt mit klaren Anschauungen und verständigen Antworten), dumm-erstaunter Gesichtsausdruck, Schlaftaumel bei offenen Augen; ferner Krämpfe der verschiedensten Art, Zähneknirschen, Flockenlesen, Zittern verschiedener Körperteile, z. B. der Lippen, der Zunge, der Hände. Später treten mehr die lähmungsartigen Nervensymptome, der stupid-nervöse Zustand, hervor: Verminderte Sinneswahrnehmungen, besonders Schwerhörigkeit, Schlafsucht, Unempfindlichkeit; die Kranken sagen, wenn sie befragt werden, sie befänden sich ganz wohl, rutschen zuletzt im Bett herab (ein Zeichen von schlimmer Bedeutung), lallen nur, können die Zunge nicht mehr zeigen, pflücken mit den Händen an den Bettbezügen oder greifen in die Luft, sog. Flockenlesen. Der Harn- und Kotabgang erfolgt gewöhnlich unwillkürlich, daher für große Reinlichkeit, frische Unterlagen usw. gesorgt werden muß, zumal sich die Kranken leicht durchliegen. Die Schleimhäute werden oft in großer Ausdehnung affiziert; es bilden sich Katarrhe der Nase, der Lunge, des Darmes (Diarrhöen), oft tritt auch Verstopfung ein. Beim Abdominaltyphus (Unterleibstyphus) findet sich ein zersetzter und höchst übelriechender, flockiger Darminhalt mit eiweißreichen Ausschwitzungsprodukten vor. Vielleicht tragen die in den Därmen vorkommenden Geschwüre mit ihren Absonderungsprodukten ihrerseits wesentlich zur Weitervergiftung des Blutes bei. Die Durchfälle dauern dann meist so lange, bis diese Geschwüre verheilt sind. Die Typhusmasse lagert sich ferner ab in der Milz, die durch Blutanhäufung und Exsudate zu einem 2- bis 6fachen Volumen anschwillt; in den Lungen (als Entzündung), in den Nieren usw. Das durch freiwillige Blutungen, gewöhnlich aus der Nase, abgesonderte Blut zeigt sich in der Mehrzahl der Fälle venös, d. h. reich an Eiweiß und Blutkörperchen, dunkler von Farbe, braun-rot und klebrig.

Wenn der Patient den 21. Tag überlebt, tritt gewöhnlich Genesung ein, indem die Zunge wieder feucht wird, die Haut sich mit einem warmen, natürlichen Schweiße bedeckt, die Augenlider sich mehr öffnen; die dunkle, leimige Substanz, die an Gaumen und Lippen haftet, verliert an Zähigkeit und läßt sich leicht entfernen; der Stuhl gewinnt wieder eine natürliche Farbe; der Urin wird in größerer Menge gelassen und bildet beim Stehen einen wolkigen Bodensatz; der Puls wird gleichmäßiger und kräftiger, der Schlaf wohltätiger, und die Sinnesorgane erhalten wieder ihre natürliche Tätigkeit.

Von schlimmer Bedeutung sind: Hinabgleiten gegen das Fußende des Bettes, dumpfes Murmeln oder wildes Phantasieren; Zupfen an der Bettdecke (Flockenlesen); Liegen auf dem Rücken; Heraufziehen der Knie; Sehnenhüpfen; Schluchzen und Konvulsionen; unwillkürliche Urin- und Stuhlabgänge; Sinken des Pulses; Teilnahmlosigkeit; beständige Versuche, die Brust zu entblößen oder aus dem Bett zu springen. Endet der Typhus mit dem Tode, durch Herzlähmung, dann kommt der Patient in der letzten Zeit seiner Krankheit nicht wieder zum Bewußtsein, sondern verfällt in eine tiefe Betäubung. Temperaturen bis zu 42° sind äußerst gefährlich.

Der Verlauf des Typhus ist meist ein langsamer; seine Dauer ist 4 bis 6 Wochen. Die Genesung wird, meist durch die langsame Ausheilung der Darmgeschwüre oder durch die mannigfachen Nachkrankheiten, monatelang verzögert. Gewöhnlich hinterläßt der Typhus bedeutende Blutarmut und Marasmus, wahrscheinlich infolge des Schwundes der Gekrösdrüsen, der Milz und der Bauchganglien, wie auch durch großen Schleimhautverlust im Dünndarme. Auf die oft vorkommende, schleichende und unmerklich verlaufende Lungenentzündung, die bei dieser Krankheit nicht selten erscheint, ist sehr zu achten. – Bei der Genesung kommen manchmal an den verschiedenen Körperteilen Furunkel und Abszesse vor, die Rekonvaleszenten verlieren das Kopfhaar, was jedoch bald üppiger wieder nachwächst.

Wenngleich weder die Homöopathie, noch irgendeine andere Heilmethode den Typhusprozeß zu kupieren oder abzukürzen vermag, so sind wir doch imstande, einzelne exzessive Krankheitsäußerungen zu mäßigen, gefährliche Komplikationen zu bekämpfen und Folgekrankheiten ohne zurückbleibenden Nachteil zu beseitigen.

Man verhüte zunächst alles, was auf den Verlauf des Typhus störend einwirken kann. Vor allem sorge man für reine kühle Luft durch fleißige Ventilation, wobei jedoch der Patient vor Zugluft geschützt werden muß. Größte Reinlichkeit ist zu beobachten; die Nachtgeschirre müssen nach dem Gebrauche sofort entfernt werden, ebenso beschmutzte Wäsche. Zum Bedecken der Patienten dienen am besten leichte Steppdecken, nicht dicke Federbetten. – Die Diät muß während der ganzen Dauer der Krankheit leicht und kühlend sein. Als Getränke empfehlen sich frisches Wasser, Brotwasser oder sämige Abkochungen von Reis, Sago und Hafergrütze. Fleischbrühe ist nicht ratsam. Um das Durchliegen zu vermeiden, muß die Bettunterlage ganz glatt und ohne Falten sein; zu diesem Zwecke eignet sich am besten ein Rehfell. Wendet sich am 14., 21. oder 28. Tage die Krankheit zur Besserung, was gewöhnlich nach einem ruhigen, erquickenden Schlafe und durch warme, erleichternde Schweiße oder reichlichen, gesättigten Urin geschieht, dann lasse man den Kranken statt der kühlenden Getränke lauwarme genießen.

Bei der Behandlung Typhuskranker ist unsere Hauptaufgabe, zunächst das Fieber zu mäßigen Die hohen Temperaturen werden von der Natur nach dem Nützlichkeitsprinzipe fixiert, indem dadurch die Verdauungszellen im Blute (Phagocyten) in regere Tätigkeit versetzt werden, die den feindlichen Eindringlingen, den Mikroben (die ansteckende Krankheiten erzeugen) entgegenwirken. Das Verfahren der Allopathie, die hohen Temperaturen mit allen erdenklichen Mitteln, Antipyrin, Chinin usw., herabzudrücken, ist demnach für den Kranken nur verderblich. Die Hydropathen suchen die hohen Temperaturen durch feuchte Packungen und Schweiße herabzumindern; doch macht es der Schweiß allein nicht. Es sind vielmehr die der Krankheit eigentümlichen, spezifischen Schweiße zu fördern. Dazu bedarf es aber Mittel, die dem Krankheitsfalle genau angepaßt sein müssen. Nicht jeder durch irgendein beliebiges Mittel erzeugte Schweiß bessert den Zustand. – So erleichtern bekanntlich Tränen ein beklommenes Herz; aber niemand wird behaupten wollen, daß Tränen vom Zwiebelreiben ein beklommenes Herz erleichtern., das in der Regel nach einem unmittelbar vorangehenden heftigen Schüttelfroste eintritt und sich allmählich von Tag zu Tag steigert, sich abends verschlimmert und morgens nachläßt. Gewöhnlich gelingt es uns, mit Aconitum die brennende Trockenheit der Haut durch wohltuende, wenn auch oft sehr zögernd eintretende Transpiration zu beseitigen. Wir erzielen zwar dadurch keine Abkürzung der Krankheitsdauer, aber doch eine bedeutende Verminderung der Gefahr; denn gerade die übermäßige Fieberhitze reibt den Kranken auf und verhindert, daß er in und durch die Krise kommt. Zugleich wollen wir darauf aufmerksam machen, daß der Schweiß keineswegs durch festes Einhüllen erzielt werden darf. Tritt nach mehrtägigem Gebrauche von Aconitum keine Transpiration ein, wohl gar erhöhte Temperatur, große Prostration und zitterige Schwäche, dann empfiehlt sich ganz besonders Gelsemium. Klagen die Patienten über Schwere und Benommenheit des Kopfes, Schmerzen in den Gelenken, mühsames Atmen und Stechen in der Brust, frösteln sie, sind die Pulsfrequenz und die Temperatur nicht bedeutend gesteigert, ist dagegen der Durst stark, die Zunge schleimig belegt, Brechübelkeit, trockener Husten und Stuhlverhaltung vorhanden, dann bewährt sich Bryonia. Entwickeln sich die Temperaturverhältnisse in sehr stürmischer Weise, treten Überreiztheit des Nervensystems, große Schwäche, Kopfschmerz ohne heftiges Pulsieren der Carotiden, Gedankenlosigkeit und Irrereden ein, zupfen die Kranken mit zitternden Händen an der Bettdecke, ist der Durst bedeutend, sind Lippen und Zunge rissig, trocken und bräunlich belegt, fahren die Kranken häufig aus dem Schlafe auf, treten unwillkürliche Durchfälle ein, ist die Haut trocken oder mit klebrigen Schweißen bedeckt, die Roseola (rosenrote Flecke) auch auf die Extremitäten verbreitet, dann reichen wir Rhus Toxicodendron. Bei dem Vorhandensein ähnlicher Symptome, aber großer Empfindlichkeit der Ileocoecalgegend (rechte Hüftbeingegend), trockener, brauner Zunge, fauligen, dunklen Aphthen, stinkendem Atem und Schweiße, Delirien mit großer Unruhe, sehr übelriechenden Stühlen und großem Kräfteverfall ist Baptisia zu empfehlen. Die Temperatur des Patienten muß fleißig kontrolliert werden; sobald sie 39,5 °C überschreitet, empfehlen wir kalte Abreibungen der Haut mit Essig und Wasser.

Treten Zeichen der Gehirnhyperämie ein, bedeutende Pulsfrequenz, brennende Hitze des Kopfes, heftiges Pulsieren der Carotiden, gerötetes Gesicht, sehr bedeutender Durst und wilde Delirien mit Schlaflosigkeit, dann verabfolgen wir Belladonna und applizieren sofort kalte Umschläge auf den Kopf, die wir öfter erneuern lassen. Bei dem Vorhandensein ähnlicher Zustände verabfolgen wir auch Apis, und wenn die lauten Delirien mit starker Unbesinnlichkeit und Stupor abwechseln, Hyoscyamus. Bei hastigen, einen gewissen Rhythmus erkennen lassenden Muskelbewegungen mit sehr wechselvollen Delirien vom Lachen zum Weinen, von Munterkeit zur Furchtsamkeit und scheuen Schreckhaftigkeit: Stramonium. Mit diesen Mitteln gelingt es uns meist, die heftigen Cerebralerscheinungen erfolgreich zu bekämpfen. Bei etwa eintretender Meningitis legen wir, statt der kalten Umschläge, Eisblase auf den Kopf und leiten die bei Gehirnhautentzündung erörterte Behandlung ein.

Kommt es, gewöhnlich im Verlaufe der zweiten Krankheitswoche, zu häufigen, stinkenden, dünnflüssigen, unwillkürlichen Stühlen und übelriechendem Aufstoßen, ist die Haut mit kalten, klebrigen Schweißen bedeckt, bei außerordentlicher Mattigkeit, lallender Sprache, Brennen und Trockenheit im Schlünde und quälendem Durste, ist die Temperatur nicht bedeutend gesteigert, der Puls aber häufig und klein, dann reichen wir Secale, besonders wenn der Patient über Kältegefühl im Bauche, Schmerzen in den Muskeln oder krampfhaftes Ziehen darin, vor allem in den Waden, klagt. Fehlen die letzteren Symptome, liegen die Kranken bewußtlos da, ist pergamentartige Trockenheit der Lippen, der Zunge und der ganzen Mundschleimhaut und meteoristische Aufgetriebenheit des Unterleibes vorhanden, sind die sehr stinkenden Durchfälle von gelblich-flockigem Aussehen, dann reichen wir sofort Arsenicum in ½stündlichen Gaben. Da die Patienten in ihrem teilnahmlosen Zustande weder Speise noch Trank verlangen, so muß man ihnen recht oft Flüssigkeiten einflößen, damit die Schleimhaut feucht erhalten wird. Die Temperatur beträgt in diesem Zustande am Abend 40 bis 41°, in bösen Fällen 42 °C, der Puls steigt auf 100 bis 120. In solchen Fällen lassen wir gut ausgewrungene, kalte Tücher von nicht unter 24 °C auf den Leib legen und diese fleißig erneuern. Die kalten Umschläge unterlassen wir jedoch bei Darmblutungen, die sich dadurch verschlimmern, daß durch die Kälte das Blut aus den äußeren Capillargefäßen nach innen getrieben wird. Man verabfolge sofort Echinacea Θ bis D3 (je 12 Tropfen in 6 Eßlöffel voll Wasser, ¼stündlich 1 Eßlöffel voll). Diese verdient als antiseptisches Mittel die größte Beachtung, also auch bei Blutungen des Darms und des Zahnfleisches, stinkender Ausdünstung, Bauchauftreibung, Kräfteverfall und Teilnahmlosigkeit. Verwandelt sich die Teilnahmlosigkeit in vollständige Betäubung (Sopor), deliriert der Kranke, ruhig auf dem Rücken liegend, leise vor sich hin, läßt Stuhl und Urin unter sich, zupft mit den Händen an der Bettdecke (Flockenlesen), hat er einen schweren, röchelnden Atem, leisen, fast unmerklichen und wohl auch unregelmäßigen Herzschlag, dann reichen wir Phosphorus. Es ist dies auch ein sehr hilfreiches Mittel sowohl bei eintretenden Pneumonien, als auch bei Bronchitis capillaris. Nur bei starker Schleimanhäufung und schwer lösendem Husten reichen wir noch Tartarus emeticus. Außerdem verabfolgen wir auch Phosphorus bei drohender Herzlähmung, die am häufigsten infolge hohen Fiebers eintritt. Bei normalem Herzschlage, freier Atmung, aber völliger Unempfindlichkeit, blassem Gesichte und unüberwindlicher Schlummersucht bewährt sich oft Acidum phosphoricum und in ähnlichen, sehr hartnäckigen Fällen Acidum carbolicum.

Wir haben durch Arsenicum und Phosphorus oft in sehr bösen und vorgeschrittenen Fällen, wo die Kranken bereits von allopathischen Ärzten aufgegeben waren, noch günstige Resultate erzielt und die Krankheit zu einem glücklichen Abschlüsse gebracht. In manchen Fällen war die Wendung zum Besseren so auffällig, daß sie schon nach Darreichung der ersten Gaben eintrat.

Eine sehr bedenkliche, oft zu tödlichem Ausgange führende Komplikation sind Darmblutungen. Sie können, falls sie Folge von Berstung eines größeren Gefäßes sind, wo dann große Quantitäten braunroten Blutes, meist ohne Stuhl, durch den Mastdarm entleert werden, zu schnellem Collaps und Herzlähmung führen. Wir verabfolgen gegen derartige Blutungen Acidum nitricum oder Acidum sulfuricum. In einem Falle brachten wir durch ein Safranklistier die Blutung rasch zum Stehen. Wir ließen auf 0,06 g (nicht pulverisierter) Safranstengel 4 Eßlöffel kochendes Wasser gießen, dies erkalten und davon ein Klistier geben. Die Blutung ließ mit einem Schlage nach, und der schon sehr erschöpfte Kranke erholte sich, nachdem wir ihm mehrere Gaben Acidum nitricum und China verabfolgt hatten. Auch bei Blutungen aus der Nase, den oberen Luftwegen usw. hat Acidum nitricum sehr gute Dienste geleistet. In neuester Zeit hat sich als sehr wirksam bei typhösen Darmblutungen Hamamelis D1, auf 6 Eßlöffel Wasser je 12 Tropfen, ¼stündlich 1 Eßlöffel voll, bewährt; auch im Wechsel mit Ipecacuanha.

Bei mit Blutstreifen durchzogenen Stühlen, die mitunter zur Zeit der Ablösung der Schorfe im Darme von der Mitte der 3. Woche ab erscheinen, geben wir Mercurius solubilis. Bei sehr argem Pressen und Drängen mit blutigem Schleimabgange verabfolgen wir auch Mercurius sublimatus. In manchen Fällen greifen die typhösen Geschwüre in die Tiefe, perforieren die Muscularis und selbst die Serosa und erzeugen eine Peritonitis. Man untersuche täglich und ganz genau die Bauchdecke; ist diese sehr gespannt und meteoristisch aufgetrieben, dann applizieren wir kalte Umschläge auf den Leib und reichen Arsenicum oder Carbo vegetabilis. Findet sich aber bei leisem Drucke eine schmerzhafte Stelle, was auch der soporös daliegende Patient durch schmerzhaftes Verziehen des Gesichtes kundgibt, dann verabfolgen wir sofort Mercurius solubilis. Findet sich Stuhlverstopfung, so dürfen, auch selbst wenn Meteorismus (Trommelsucht) zugegen ist, weder innerliche Abführmittel, die auf die Darmgeschwüre leicht gefährlich einwirken können, noch Klistiere in Anwendung kommen, da wir durch einen derartigen Darmreiz die Typhusprodukte leicht auf weitere Darmpartien verbreiten können.

Bei der Untersuchung der Bauchdecke wende man nicht zu starken Druck an, weil dadurch leicht Perforation des Darmes herbeigeführt werden kann, wie (noch häufiger) durch Zunahme von Geschwüren nach der Tiefe zu, durch Darmgase usw. Sobald Perforation eingetreten ist, entstehen sofort heftige Schmerzen über der Perforationsstelle, die sich schnell über den Unterleib verbreiten und selbst den in Betäubung daliegenden Patienten erwecken. Meist erfolgt der Tod binnen wenigen Stunden unter Eintritt des Collapsus (plötzlichem Sinken der Temperatur, kalten Schweißen, kleinem, fadenförmigem Puls).

Eine im Typhus nicht selten vorkommende Erscheinung ist Harnverhaltung durch Lähmung des Detrusor urinae (Harnaustreibemuskel). In solchen Fällen findet man bei der Untersuchung nicht selten die Blase unterhalb der Nabelgegend kugelförmig aufgetrieben, was die sofortige Anwendung des Katheters erfordert, um die sonst leicht eintretenden urämischen Erscheinungen zu verhüten. Nicht selten erzielen wir in solchen Fällen mittelst Hyoscyamus oder Stramonium die baldige Wiederherstellung der Tätigkeit des Detrusor urinae.

Durchgelegene Hautstellen lassen wir mit weißer Vaseline verbinden und befestigen den Verband mit Heftpflasterstreifen. Auch Waschen mit verdünnter Arnica- oder Calendula-Tinktur ist zu empfehlen. Bei brandigem Dekubitus lassen wir mit Kreosotwasser (1:100) befeuchtete Läppchen auflegen und diese mit Heftpflaster befestigen; auch kann man die brandigen Schorfe mit einer Enzymsalbe bestreichen (Ungt. enzymi compos.), wodurch am sichersten der Brand geheilt wird. Man lasse überhaupt den Kranken nicht immer auf dem Rücken liegen und wasche die dem Drucke am meisten ausgesetzten Körperteile mit reinem Wasser. – Das Stellen einer Schüssel mit Flußwasser, d. h. Wasser, das von der Sonne beschienen worden ist und täglich erneut werden muß, unter das Bett des Kranken wird als Volksmittel zur Verhütung des Durchliegens gerühmt. Auch nützt sehr das Einreiben der dem Druck am meisten ausgesetzten Körperstellen (Kreuzbein, Hüften usw.) mit Lanolin, einem aus tierischer Wolle gewonnenen Fette.

Seltenere Komplikationen, wie Krupp der Rachenschleimhaut, Bronchitis, katarrhalische Pneumonie, behandeln wir nach den in den betreffenden Kapiteln dieses Werkes erörterten Grundsätzen. Bei Kehlkopfsgeschwüren, wenn bloße Heiserkeit und Reizhusten vorhanden sind, verabfolgen wir Hepar sulfuris calcareum oder Arsenicum. Gewißheit vom Vorhandensein geschwüriger Stellen gewährt die Laryngoskopie. Man verabfolge warme, schleimige Getränke.

In der Rekonvaleszenzperiode tritt gewöhnlich eine bedeutende Eßbegier ein. Man stille diesen heftigen Appetit mit äußerster Vorsicht und gewähre ja nicht zu frühzeitig feste Speisen; denn solange die Darmgeschwüre nicht geheilt sind, können leicht gefährliche Rückfälle mit oft tödlichem Verlaufe eintreten.

Wegen der Gefahr der Ansteckung müssen Typhuskranke sowohl von anderen Kranken als auch von Gesunden abgesondert werden. Da die Ausleerungsstoffe, die Exkremente, die gefährlichsten Träger der Krankheit sind, so müssen diese sofort entfernt und, ehe sie in die Aborte gegossen, mit Karbolsäurelösung desinfiziert werden. Desgleichen muß die Wäsche durch kochendes Wasser oder Chlorkalk unschädlich gemacht werden. Die modernen Desinfizientien (Persil, Chloramin) erleichtern wesentlich den wirksamen Schutz der Umgebung des Kranken vor Ansteckung.

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