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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 71
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Luftröhrenkatarrh, akuter Bronchialkatarrh. Bronchitis acuta. (Tracheitis)

Diese Krankheit, die primär durch Erkältung in rauher Jahreszeit, durch Einatmung naßkalter Luft verursacht wird, erheischt die größte Sorgfalt und Vorsicht in der Behandlung. – Sekundär erscheint sie bei Typhus, Masern, Scharlach, Pocken, bei der Lungenentzündung (Pneumonie), bei der Lungentuberkulose. Bei Erwachsenen sind meist die größeren Bronchien oder die Trachea von der Entzündung ergriffen. Erstreckt sich aber die Krankheit auf die feineren Verzweigungen der Bronchien – die kapillären Endungen –, wie bei kleinen Kindern und Greisen, dann ist Lebensgefahr vorhanden. Da diese Kranken zu schwach sind, den zähen Schleim hinreichend auszuwerfen, so ist der Gasaustausch in den Lungenalveolen behindert, und es stellen sich oft sehr schnell die Erscheinungen der Kohlensäurevergiftung und infolge dieser der Tod ein. Bei Kindern gehen nicht selten Luftröhren- und Lungenentzündung ineinander über (Bronchopneumonie). Hier muß der Arzt die physikalischen Zeichen und ebenso auch das Fieber beachten, da die ersteren im Anfange öfter nicht recht ausgeprägt sind. Vermehrte Atemnot, Cyanose und größere Hinfälligkeit, verbunden mit hohem Fieber, sind hinreichende Anzeichen, um die Diagnose auf Lungenentzündung stellen zu können.

Der akute Bronchialkatarrh tritt, wie gesagt, nicht selten als Begleiter der Masern, Variolen und des Typhus auf, kommt auch bei allen jenen Krankheitszuständen vor, die eine Blutanhäufung im kleinen Kreislaufe hervorrufen: bei Herzkrankheiten und Emphysem. Gesellt sich die akute Bronchitis zu diesen oder zur Tuberkulose und zum Marasmus, so erscheint das Leben in hohem Grade bedroht.

Leichte Fälle von Katarrh der Luftröhre und der großen Luftröhrenäste verlaufen meist fieberlos; der Husten ist mehr oder weniger heftig und nicht heiser, meist trocken; später ist der Auswurf reichlich. Dyspnöe oder Schweratmigkeit ist nicht vorhanden.

Der akute Bronchialkatarrh höheren Grades tritt meist mit Fieber auf. Der Husten ist anstrengender, oft krampfhaft und schlafraubend. Die Dyspnoe ist bedeutend; das tiefe Atmen erregt fast immer einen heftigen Hustenanfall, der oft so intensiv ist, daß schwächlichen Kindern unwillkürlich der Urin abgeht. Das Rasseln und Pfeifen in der Brust ist sehr bedeutend, wird von den Nebenstehenden gehört und stört den Schlaf des Kranken, der die Nacht meist sitzend zubringt. Der Husten ist trocken, schmerzhaft; der Auswurf zähe, glasig oder eiweißartig, blutstreifig, später eiterig, mit Häuten oder Lappen vermischt. In noch höheren Graden stellt sich cyanotische Färbung des Gesichts und der Zunge ein, und die Dyspnoe erreicht eine schreckenerregende Höhe. Zunge weiß belegt, Appetit gering, der anfangs rote Urin wird brennend und sparsam, der Puls schwach und klein. In kurzer Zeit geht entweder dieser Zustand in einen gewöhnlichen Bronchialkatarrh mit Nachlaß aller Erscheinungen über, oder es entwickeln sich kapilläre Bronchitis, Pneumonie oder Lungenödem, die den Tod herbeiführen können. Der Atem wird immer mühsamer und beschleunigter, es droht Erstickungsgefahr, der Kranke findet nur in aufrechter Lage Erleichterung; das Gesicht ist fast immer blaß, die Kräfte sinken zusehends. Der anfangs noch harte, beschleunigte Puls wird weich und nimmt an Schnelligkeit zu. Die Haut ist kühl und mit Schweißen bedeckt; der Kranke ist gänzlich erschöpft, der Blick ist stier und drückt Schmerz und Angst aus. Die Krankheit endet nicht selten innerhalb weniger Tage unmittelbar durch Erstickung tödlich, oder es treten schwere Komplikationen hinzu, z. B. Pneumonie, Intestinalkatarrh, auch kommt es zu Verschwärungen und Tuberkulose.

Bei mäßiger Ausbreitung des lokalen Prozesses erreicht gewöhnlich diese Krankheit, nachdem der Husten immer lockerer geworden, in 7 oder auch erst in 21 Tagen ihr Ende; doch ist eine große Neigung zu Rezidiven vorhanden, die größtenteils durch fehlerhaftes Verhalten des Kranken herbeigeführt werden.

Im Beginne der Krankheit, bei bedeutendem Fieber mit schnellem Pulse, heiserem, trockenem Husten und erschwertem Atmen, wird Aconitum in ½stündlichen Gaben oder auch mit Hepar sulfuris oder Bryonia im Wechsel gute Dienste leisten. Wird die Dyspnöe heftiger, ist das kleinblasige, pfeifende Röcheln über beide Lungenflügel ausgebreitet, ist bereits ein geringer Grad von Cyanose bemerkbar, wird das Atmen mühsamer, so säume man nicht, sofort Ipecacuanha in Anwendung zu bringen. Die erste Wirkung des Mittels besteht im Nachlaß der Dyspnöe, dann verliert sich die Cyanose, die Respiration wird leichter, der Husten feuchter usw. Ist Fieber dabei vorhanden, dann verabfolgen wir noch Aconitum und bei bedeutenden Kopfkongestionen Belladonna. Bei drohender oder schon vorhandener Lungenentzündung und bei auf die feineren Verästelungen der Bronchien fortschreitendem Bronchialkatarrh geben wir ungesäumt Tartarus emeticus, das Hauptmittel bei Bronchopneumonie. Wir verrühren 2 dg in 4 Eßlöffel voll Wasser und verabreichen davon ¼- bis ½stündlich 2 Teelöffel voll. Auch im Wechsel mit einem der oben genannten Mittel. Schreitet die Krankheit dennoch vorwärts, dann gebe man ungesäumt Phosphorus, und zwar besonders dann, wenn Trockenheit und Druck im Halse und blutstreifiger Schleimauswurf beim Husten vorhanden ist. Bei drohender oder bereits eingetretener Pneumonie. – Tartarus emeticus ist dann zu verabfolgen, wenn die Dyspnöe heftiger wird und auch die Cyanose mehr hervortritt. Die Züge des Patienten drücken einen hohen Grad von Beängstigung aus, kalter Schweiß tritt auf die Stirn. Kinder werfen den Schleim nicht aus, sie verschlucken ihn, er wird durch den Magen, häufig durch Erbrechen, wieder herausbefördert. Mögen die Symptome noch so stark auftreten, Schläfrigkeit und Hinfälligkeit oder Cyanose noch so bedeutend sein, so wird sich Tartarus emeticus doch von allen anderen Mitteln am besten bewähren.

Phosphorus ist das Hauptmittel bei lobärer Pneumonie. Die Luftwege sind trocken, der Husten ist fest und schmerzhaft, besonders in den Abend- und Nachtstunden. Der Atem ist kurz, schnell und oberflächlich, der Puls beschleunigt und voll, bei längerer Dauer des Zustandes jedoch klein und frequent. Treten bei solchen Lungenentzündungen Gehirnsymptome hervor, Verengerung der Pupille, Stupor und Delirium mit Flockenlesen, dann ist Phosphorus immer noch zweckmäßiger als Belladonna.

Außer den hier aufgeführten Mitteln verdienen noch Erwähnung: Arsenicum, Carbo vegetabilis, Hepar sulfuris, Hyoscyamus, Scilla.

Arsenicum: Bei zunehmendem Sinken der Kräfte, Verschlimmerung des Fiebers und der Schweratmigkeit in den Vormitternachtsstunden. Der sehr zähe Schleim wird nur mit Mühe, unter häufigen Hustenanfällen, expektoriert. – Carbo vegetabilis: Im vorgeschrittenen Stadium der kapillären Bronchitis; bei großem Kräfteverfall, kühler oder mit kalten Schweißen bedeckter Haut. Bei schweren Bronchialkatarrhen alter Leute. – Hepar sulfuris: Vor allem bei skrofulösen Kindern, wenn der Katarrh besonders in der Trachea und dem Kehlkopfe sitzt, mit Anhäufung von vielem Schleim, der durch Husten ausgeworfen wird. Drang zum Tiefatmen und Kurzatmigkeit mit Stichen in der Brust. – Hyoscyamus: Großer Blutandrang nach dem Gehirn, nächtlicher Kitzelhusten, zum Aufrichten nötigend. Hitze, Durst, allgemeiner starker Schweiß. – Scilla: Luftröhrenkatarrh mit starkem Fließschnupfen. Husten mit Seitenstechen und Schleimauswurf. Fieber mäßig mit häufigen Frostschauern.

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